Buch, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 128 mm x 214 mm
Erzählungen
Buch, Deutsch, 208 Seiten, Format (B × H): 128 mm x 214 mm
ISBN: 978-3-96054-504-0
Verlag: Edition Nautilus
Jochen Schimmang hat natu¨rlich nicht wirklich »Abschied von den Diskursteilnehmern« genommen, wie der Titel seines Buchs von 2024 behauptet. Denn als etablierter und fast schon offizieller Chronist der bundesrepublikanischen – und der eigenen – Geschichte hat er noch »etwas von der Zeit (zu) retten, in der man nie mehr sein wird«, wie Annie Ernaux so schön sagte, und dafu¨r muss ihm die deutsche Literatur dankbar sein.
Ob er einen Sonntag im Freibad 1955 aufleben lässt, wo Jugendliche zwischen Horst-Buchholz-Verschnitten und Kriegsversehrten im Radio das Fußballländerspiel in Moskau zwischen den »Soff-jetz« und der BRD mitverfolgen, ohne wirklich zu verstehen, was vor sich geht; ob er in einer Hommage an seinen Schriftstellerkollegen Ju¨rgen Becker feststellen muss, dass die Nachkriegszeit niemals aufhört; ob er schildert, wie einen gänzlich unverhofft eine Sehnsucht nach Bochum u¨berfallen kann; ob er das Leben und die Versehrungen seines eigenen Vaters (1909–1987) anhand von Bewerbungen und Arbeitszeugnissen nachzeichnet; ob er sich auf die Spuren des solitären Essayisten Christian Linder begibt oder einem Badegast bei der Heimkehr in die See folgt – immer sind seine Erzählungen feine Reminiszenzen, Reverenzen voller Referenzen. Die geu¨bte und geneigte Schimmang-Leserschaft weiß, dass und warum sie das Wort »Lesevergnu¨gen« nicht benutzen sollte, daher also: »ein Genuss«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Am Rande des großen Schwimmbeckens gibt es jetzt eine kleinere Menschenansammlung. Im Becken selbst dagegen ist kaum Betrieb. Der Bademeister schreitet den Bereich des Sprungturms mit langsamen Schritten ab. Jetzt hat ein junger Mann den Zehnmeterturm erstiegen und geht zögernd voran. Der Bademeister fordert einen einzelnen Schwimmer in diesem Bereich auf, das Wasser zu verlassen. Alle Blicke richten sich jetzt nach oben, auch dein eigener. Der junge Mann – fu¨r dich ist er einfach nur ein Erwachsener, Lichtjahre entfernt von deiner eigenen Welt, wie alle ab achtzehn, ab sechzehn sogar – in seiner schwarz-weiß gestreiften Dreiecksbadehose hat nun die Absprungkante erreicht und wartet, dass ihm der Bademeister die Freigabe zum Sprung erteilt. Du stellst dir vor, dass er fu¨r einen Moment die Augen schließt. Der junge Mann, das ist fu¨r dich selbstverständlich, gehört nicht zu den Versehrten. Die Versehrten springen nicht vom Zehner, vielleicht du¨rfen sie gar nicht erst hoch.




