Taller | ICH HABE GESEHEN | Buch | 978-3-903190-21-4 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 176 Seiten, Format (B × H): 154 mm x 215 mm

Taller

ICH HABE GESEHEN

Erzählungen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-903190-21-4
Verlag: Verlag am Rande

Erzählungen

Buch, Deutsch, 176 Seiten, Format (B × H): 154 mm x 215 mm

ISBN: 978-3-903190-21-4
Verlag: Verlag am Rande


Schönheit und Gewalt, Verlust und Schmerz – pointierte Erzählungen zu großen Themen. Jeder Text ein Schicksal.
Lesen heißt hier Nach- und Mitempfinden im wahrsten Wortsinne. Verblüfft, entsetzt, mitgenommen und/oder gefangen zu sein auch von dem, was uns allen zumindest hätte passiert sein können, und vielen, viel zu vielen, passiert ist und weiterhin passiert.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Ich habe gesehen 7
Such mich nicht – ich bin in deinem Kopf 43
So habe ich es nicht gewollt 97
Warum hast du es nicht gleich gesagt? 123
Scham 147
Heuer kommt der Sommer nicht 155
Sag nicht, wohin du gehst 163


ICH HABE GESEHEN
Ich habe sie erst nach ihrem Zusammenbruch kennengelernt. Ich habe sie nie spielen gehört, im Konzert. Ich weiß nicht, warum sie sie zu mir gebracht haben, auf meine Abteilung, sie dachten wohl, sie hätte einen Nervenzusammenbruch, was ja auch stimmte, in gewisser Weise. Das Instrument lag auf ihr, ich dachte, es sei eine Geige. Ich dachte, warum legen sie ihr das Instrument auf die Brust? Dann sah ich es. Ihre linke Hand umklammerte den Steg des Instrumentes. Ich hätte die Finger brechen müssen, um die Hand aus dem Instrument zu lösen. Das musste ihr letzter Griff gewesen sein, im Moment dieses Griffes muss sie das Bewusstsein verloren haben. Der Bogen zur Geige – damals dachte ich noch, es sei eine Geige – war nicht da. Ich würde sagen, sie war halb bei Bewusstsein, als sie sie einlieferten. Die Sanitäter wirkten eher hilflos, sie waren froh, dass sie sie loswurden. Ich ersuchte sie, sich um den Geigenbogen zu kümmern. Ich verstand nichts von Geigen oder geigenähnlichen Instrumenten – ich erfuhr erst später, dass es sich um eine Bratsche handelte –, aber mir schien das Instrument auf dem Körper der Patientin ein wertvolles zu sein. Und ich hatte das Gefühl, dass der Bogen wichtig sein könnte für meine Patientin, ja, ich dachte bereits ‚meine Patientin’. Ich konnte damals nicht ahnen, dass sie nie wieder würde spielen können. Die Sanitäter weigerten sich, nochmals in die Royal Albert Hall zurückzufahren und nach einem Geigenbogen zu suchen, das sei nun wirklich nicht ihre Aufgabe, ich möge mich doch bitte selbst mit dem Konzerthaus in Verbindung setzen. Über die Website der Albert Hall fand ich heraus, wer meine Patientin war, die Schweizer Starbratschistin Eleonore Evereste. Ich nahm an, dass es sich um einen Künstlernamen handelte.
Die Patientin blieb etliche Tage in dem halbbewussten Zustand, in dem sie eingeliefert worden war. Die einzig zu beobachtende Veränderung zeigte sich an der linken Hand, es schien, als wollte die Patientin sie bewegen, aber es gelang nicht. Die Hand wirkte eingefroren, es lag eine extrem starke Verkrampfung vor. Von der Albert Hall erhielt ich den Bogen für die Bratsche und das Programmheft des Konzertabends. Eleonore Evereste hatte das Konzert für Bratsche und Orchester eines georgischen Komponisten gespielt. Der Name war mir unbekannt. Das Konzert war für sie geschrieben worden und endete mit einem Solo für die Bratsche. Es war die Uraufführung gewesen. Ich kaufte mir eine CD mit Eleonore Evereste an der Bratsche, Suiten von Bach, Sonaten von Brahms. Meiner – nicht professionellen – Meinung nach spielte sie sehr gut, aber die Lobeshymnen im Programmheft schienen mir übertrieben zu sein.
Eines Morgens, es waren nicht ganz zwei Wochen seit ihrer Einlieferung vergangen, berichtete mir eine der Krankenschwestern hocherfreut, dass sie der Patientin Evereste endlich die Geige habe wegnehmen können. Sie habe die Patientin endlich ordentlich waschen und umkleiden können. Ich erschrak. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass es für die Patientin nicht gut war, ihr das Instrument wegzunehmen. Und so war es auch. Ich fand Eleonore aufrecht im Bett sitzend. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht bewegte sie ihre linke Hand, wie wenn sie auf ihrem Instrument spielte. Es war mir nicht möglich, sie zur Aufgabe ihrer offensichtlich extrem schmerzhaften Fingerübungen zu bewegen. Wir mussten die Hand ruhigstellen. Die Patientin wehrte sich vehement, anschließend fiel sie in ihren halbbewussten Zustand zurück. Ich überlegte. Ich hatte ihr die linke Hand genommen, ich würde ihr für die rechte Hand den Bogen zurückgeben. Es funktionierte. Mit dem Bratschenbogen holte ich sie aus ihrem Dämmerzustand hervor. Sie erkannte den Bogen sofort als den ihren, fragen Sie mich nicht, woran, ich weiß es nicht. Ihre Augen leuchteten. Sie leuchteten ab diesem Zeitpunkt auch für mich, sobald ich das Zimmer betrat. Der Bogen und ich – wir waren fest verknüpft.
Die anschließenden Tage verbrachte Eleonore aufrecht im Bett sitzend. Den Bogen in der rechten Hand ‚spielte’ sie quasi auf ihrem einbandagierten Arm, auf dem Gips, genauer, über dem Gips. Sie berührte ihn nämlich nicht, sie strich wenige Millimeter oberhalb darüber hinweg. Es war faszinierend zu sehen. Noch sprach sie nicht.
Ich habe niemanden zu ihr vorgelassen. Ihr Manager war bereits am Morgen nach der Einlieferung da gestanden. Er hatte tatsächlich gemeint, Eleonore könne die für die nächsten Wochen geplanten Auftritte wahrnehmen. Wütend verließ er mein Sprechzimmer. Die Tage darauf versuchte er es bei den Schwestern. Er versuchte, sie zu bestechen, ihn zu Eleonore vorzulassen. Es gelang ihm nicht.
...


Taller, Claudia
Geboren in Linz, aufgewachsen in Deutschland und Oberösterreich; Studien am Mozarteum und an der Universität Wien, Psychologie.
1978–2011 Psychologin beim Land OÖ, Jugendwohlfahrt, sowie Kinder- und Jugendanwältin; Entsendungen nach Straßburg, Europarat, und nach Wien, Außenministerium.
Seit 2012 freie Schriftstellerin & Radiomacherin, Radio FRO (Literarische Matinée).
Neben den angeführten Romanen zahlreiche Publikationen in Anthologien und Literaturzeitschriften;
zahlreiche Lesungen in Österreich, Textausstellungen in St. Pölten & Berlin.
Mitglied beim Linzer AutorInnenkreis, beim P.E.N.-Club Ö, dessen Frauenkomitee sowie beim P.E.N. OÖ, bei der I.G. AutorInnen und beim Öst. SchriftstellerInnenverband.



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