Buch, Deutsch, 94 Seiten, Format (B × H): 131 mm x 211 mm, Gewicht: 128 g
Kriminalroman
Buch, Deutsch, 94 Seiten, Format (B × H): 131 mm x 211 mm, Gewicht: 128 g
ISBN: 978-3-940435-53-8
Verlag: litradukt
Inspektor Azémar ist entschlossener denn je, die Täter in einem Mordfall zu fassen, denn das Opfer ist die Tochter seiner Freundin. Alles deutet auf ein satanistisches Ritual hin, dem noch mehrere weitere junge Menschen zum Opfer gefallen sind. Der Inspektor begibt sich auf eine atemlose Jagd durch ein Land voller Korruption und Gewalt und wird dabei selbst zum Gejagten, denn er hat sich unter Gangster und Politikern genug Feinde gemacht. Aber wie er selbst sagt: Wer schon mit einem Fuß im Sarg steht, fürchtet den Tod nicht mehr …
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Dieuswalwe Azémar, Inspektor der Police Nationale d’Haïti, fuhr sich mit dem Taschentuch über das Gesicht. Eine Mischung aus Schweiß und Staub blieb darin zurück. Der Inspektor riskierte es nicht, die dunkle Brille vor seinen schielenden Augen abzunehmen. Er wollte den Ort, an dem er sich befand, nicht deutlich sehen. Eine Straße voller Löcher und Risse, auf der Motorräder, Transporter und Lastwagen sich aneinander vorbeidrängten. Die Sonne versengte einem das Hirn, bereit, alles auf der Welt in Brand zu stecken.
Und überall Müll! Als wäre er das Einzige, was die Menschen im Land produzierten.
Der Inspektor holte zweimal Luft, bevor er auf die beiden Polizisten zuging, die vor dem größten Abfallhaufen auf ihn warteten. Er wusste bereits, welcher Anblick sich ihm bieten würde, aber er wollte es mit eigenen Augen sehen. Er hatte Mirlène nicht glauben können, als sie ihm am Telefon gesagt hatte, was passiert war. Mit kleinen Schritten trat er näher. Er befand sich in einem bösen Traum. Einem mörderischen kleren-Delirium. Er versetzte sich zwei Backpfeifen. Aber als er Mikayidas Leiche sah, gaben, obwohl er ein abgebrühter Polizist war, seine Knie beinah nach. Ein Mädchen von fünfzehn Jahren, das zu schnell groß geworden war! Ein Mädchen, das ihn Papa genannt hatte! Jedes Mal, wenn er zu Mirlène, Mikayidas Mutter, gekommen war, hatte er sich gefreut, sie zu sehen. Das Leben schien ihr zuzulächeln, sie mit offenen Armen zu erwarten. Wohin sie auch ging, hefteten sich die Blicke der Jungen auf sie. Dieuswalwe wusste, dass die alleinlebende Mirlène mit ihrer Tochter nur schwer zurechtkam. Wenn man in diesem Land arm war, war es nicht einfach, ein junges Mädchen so zu erziehen, dass es nicht auf die schiefe Bahn geriet. Vor allem war Mirlène gegenüber Mikayida zu nachgiebig. Dieuswalwe hatte versucht, Mirlène einige Ratschläge zu geben, aber oft war sie nicht erfreut darüber gewesen. Als wollte sie Dieuswalwe zu verstehen geben, er sollte in seiner Rolle als ihr Partner bleiben und sich nicht für Mikayidas Vater halten, der ohnehin nichts von seiner Tochter wissen wollte.
»Wie lange liegt die Leiche schon hier?«, fragte der Inspektor.
Einer der Polizisten antwortete: »Anscheinend seit vier Uhr morgens, Herr Inspektor. Zwei Zeugen haben gesehen, wie ein Jeep hier gehalten hat. Eine Tür ist aufgegangen, und sie haben die Leiche herausgeworfen. Sie haben geschossen, als sie gesehen
haben, dass ein paar Leute zuschauten, und dann ist der Jeep mit Vollgas weggefahren.«
»Hat niemand das Kennzeichen gesehen?«
»Es war dunkel, Herr Inspektor.«
Zahlreiche Menschen näherten sich. Dieuswalwe befahl den Polizisten, ohne Gewalt dafür zu sorgen, dass die Menge zurücktrat.
»Haben Sie den Friedensrichter benachrichtigt?«
»Wir haben gewartet, bis Sie kommen, Herr Inspektor.«
»Benachrichtigen Sie ihn. Haben Sie einen Krankenwagen gerufen, damit er die Leiche mitnimmt?«
»Ja. Aber sie wussten schon Bescheid.«
»Wer hatte mit ihnen gesprochen?«
»Das haben wir nicht gefragt, Herr Inspektor.«
Dieuswalwe schüttelte den Kopf. Bei manchen Polizisten fragte man sich, wie sie zu diesem Beruf gekommen waren. Was den
Friedensrichter betraf, so würde er ohnehin nichts regeln. Der Inspektor bedeckte seine Nase wieder mit seinem verschwitzten
und verstaubten Taschentuch. Der Müll stank so sehr, dass er fast in Ohnmacht fiel. Er streckte die Hand aus und berührte Mikayidas Handgelenk. Sie war noch nicht lange tot. Ihr Körper trug Spuren von Schlägen. An mehreren Stellen waren ihr mit
einer Rasierklinge kleine Sterne in Oberschenkel und Gesicht geritzt worden. Mikayida war nur mit einem Slip und einem Oberteil bekleidet. So war sie nicht aus dem Haus gegangen. Dieuswalwe rief Doktor Michel an, den Gerichtsmediziner, der
gewöhnlich mit ihm zusammenarbeitete.




