Buch, Deutsch, 192 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 200 mm
Roman | Eine kraftvolle, bezaubernde Sprachreise in die animalische Natur des Menschen, der Weiblichkeit und der Sehnsucht
Buch, Deutsch, 192 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 200 mm
ISBN: 978-3-7374-1274-2
Verlag: Marix Verlag
Die zwölfjährige Mie lebt mit ihrer Familie in einem Leuchtturm an der nordöstlichen Küste Sitjaqs, einer Landschaft aus Felsen, Eis und Wasser. Der nächste Ort ist acht Stunden Fußmarsch entfernt, Mies Vater verdient sein Geld mit Fischerei und Fellhandel. Ihre Mutter Noé hat er einst aus dem Wald mitgebracht, sie ist Nomadin, eine wilde Frau. Doch sie spricht nur selten, manchmal durchdringt ihr Gesang das Rauschen der Wellen, und das Kind umschwirrt Noé voll Ehrfurcht. Die junge Mie hat ein Talent: Sie schlüpft in den Körper von Tieren, die an der Küste leben, mal in einen Bären, dann in einen Kranich oder einen Otter. Spontan und absolut, manchmal sogar unfreiwillig wechselt sie in das andere Geschöpf. Es ist eine Freiheit, die sich erstreckt bis in das Gefühl der Nacktheit und des Ausgesetztseins. Dann will Mie mehr über ihrem eigenen Körper wissen und versucht, Verlangen in ihrem Onkel Osip zu wecken, damit er ihr zeigt, wie Sex bei den Menschen funktioniert. Für diesen allerdings existiert Mie nicht, er begehrt nämlich Noé, rücksichtslos und eifersüchtig. Audrée Wilhelmy entführt uns in eine fremde Welt voll wilder Fantasie. Mit ihrer kraftvollen, bezaubernden Sprache erkundet sie Regionen der Begierde und der animalischen Natur des Menschen, der Weiblichkeit und der Sehnsucht.
Zielgruppe
allgemein belletristisch interessiert | Lesemotiv Eintauchen | Lesemotiv Auseinandersetzen
Weitere Infos & Material
Es kommt zum Beispiel vor, dass ein Pottwal an den Strand gespült wird und aus Wassermangel stirbt. Er bleibt stundenlang da liegen und nichts passiert; am Ende des Tages holt Noé Klingen, Heizkessel und Arme voll Haken und Stangen aus der Hütte. Die Kinder haben aufgehört, sich für den Wal zu interessieren: Anfangs sind sie auf ihn geklettert und haben ihn viel berührt, jetzt riecht ihre Wäsche nach Kadaver und muss gewaschen werden; Abel wollte ins Innere des Auges fassen, seine Beschaffenheit verstehen; mit Seth zusammen sind sie in das riesige Maul gestiegen, das sie mit einem Boot offengehalten haben, haben ihre Hände auf die Zähne gelegt und in den Hals hineingerufen, in der Hoffnung, dass ihr Echo aus dem Bauch wiederkäme. Danach sind sie zurückgelaufen in ihr Versteck. Noé spricht nicht, es sei denn, sie will. Manchmal drücken sich Worte gegen ihre Lippen, dann spricht sie sie aus, sie sind an niemanden gerichtet, höchstens an sich selbst, doch nicht einmal das mit Gewissheit; Mie hält sich immer in ihrer Nähe auf, um keinen dieser Momente zu verpassen. Sie ist an dem Tag, als ihre Mutter sich bereitmacht, den Pottwal zu häuten, mit dem Geist in den Kopf einer Krabbe getaucht – wenn sie sich fortbewegt, berühren ihre kleinen Beinchen kaum den Boden –, aber trotzdem nimmt sie die klare, tiefe Stimme wahr, den charakteristischen Akzent von Noé. »Der Unhold in seinem Schloss liebte die Königin von Saba.« Augenblicklich überlässt Mie das Tier seinen Sandnestern, sie verlässt es so schnell, dass sie einen Moment taumelt, und rudert mit den Armen im Kreis, um nicht zu fallen. Sie findet ihr Gleichgewicht wieder und nähert sich ihrer Mutter, die beim Feuer sitzt. Noé beugt sich über ein Messer, das so lang ist wie ein Kinderschenkel. Sie scheuert das Metall an den rauen Felsen, säubert es, feuchtet es an, schleift es weiter; sie kneift die Schneide zwischen Daumen und Zeigefinger, misst den Schliff. Als die Schneide sie zufriedenstellt, befestigt sie sie in einem Schaft, umwickelt den Griff mit Baumwollfetzen, zieht die Stoffe fest und prüft die Stabilität der Schäftung. An ihre Tochter denkt sie nicht, sie sieht sie nicht, ist völlig eingenommen von den vermengten Düften nach Tierkadaver und Eisen.




