Buch, Deutsch, 160 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 187 mm
Buch, Deutsch, 160 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 187 mm
ISBN: 978-3-96362-540-4
Verlag: Francke-Buch GmbH
Texas, 1890: Stella Barrington und der Harvard-Mathematiker Frank Stentz kennen einander nur aus Briefen – doch zwischen Tinte und Papier wächst eine tiefe Sehnsucht. Als Frank in der Vorweihnachtszeit den Mut fasst, mit zwei seiner Kollegen in den Westen zu reisen, um Stella persönlich zu begegnen, prallen Herz und Verstand aufeinander. Missverständnisse, Selbstzweifel und ein scheinbar unlösbares Dilemma stellen ihre Gefühle füreinander auf die Probe. Gibt es keine Formel für die Liebe?
Ein warmherziger, humorvoller Weihnachtsroman über Vertrauen, Opferbereitschaft und den Mut, Gott in allem zu vertrauen.
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Waco, Texas
1. Dezember 1890
ANKUNFT DER DREI WEISEN VON DER OSTKÜSTE FÜR MORGIGEN TAG ERWARTET
Stella Barrington tauchte gerade den Frühstücksteller ihres Vaters in das Abwaschwasser, als ihr Blick auf die Schlagzeile fiel. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie legte das Geschirr beiseite, griff nach der Zeitung, die, in der Mitte gefaltet, vor ihr auf dem Tisch lag, und vertiefte sich in den Artikel. Die Fakten waren Stella längst bekannt, schließlich leitete ihr Vater das Komitee, das die Gastredner für das große Symposium an der Baylor University ausgesucht und eingeladen hatte. Ein Kolumnist aber, der die Nicht-Akademiker unter seinen Lesern für das Thema gewinnen konnte, indem er die besondere Zeit des Jahres nutzte und einen Bogen zur Weihnachtsgeschichte schlug, verdiente ihre Aufmerksamkeit.
Professor Albert Boggess, Dekan der mathematischen Fakultät an der Baylor University, nutzt seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Astronomie, um – rechtzeitig zum Fest – drei weise Männer aus dem Osten unseres Landes in unser bescheidenes Städtchen zu führen. Drei Professoren aus Harvards heiligen Hallen werden am Dienstag eintreffen und ihre ganz besonderen Gaben darbringen: ein umfassendes Wissen, einen glänzenden Ruf und bahnbrechende Erfahrungen auf einem Gebiet der Mathematik, das noch in seinen Kinderschuhen steckt.
Professor Ignatius Barrington sieht in dem Ganzen ein »Bravourstück« und erwartet, dass seine Studenten von dem Besuch enorm profitieren werden. »Diese Männer gehören zu den besten Wissenschaftlern, die unser Land aufbieten kann«, so Barrington. »Sie haben bahnbrechende Entdeckungen auf dem Gebiet der Mathematik, Astronomie und Physik gemacht. Die Möglichkeit, unsere Studenten, ja, unsere ganze Fakultät mit derartig brillanten Forschern in Berührung zu bringen – das ist ein unbezahlbares Geschenk. Eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit diesen klugen Köpfen ist der starke Impuls, der unsere Arbeit ins nächste Jahrhundert katapultiert und zum führenden Forschungsprogramm des ganzen Westens macht.«
Oh Papa. Du neigst wirklich dazu, alles zu dramatisieren. Stella schüttelte grinsend den Kopf. Baylor war vielleicht die älteste Universität in Texas, doch mit den großen mathematischen Fakultäten des Landes konnte sie nicht mithalten. Agrarwissenschaften ja, aber Mathematik? Nun, so sehr sie ihren Vater für seinen Optimismus auch bewunderte, seine Zahlenspiele betrachtete sie skeptisch, wenn sie diese an der Realität maß.
Der Artikelschreiber fuhr fort und zählte einige Verdienste der ehrenwerten Besucher auf. Er erwähnte die vielbeachtete Abhandlung, die Professor Goldstein im »American Journal of Mathematics« veröffentlicht hatte. Er ging auf die grundlegenden Erkenntnisse ein, die Professor Muir bei der Erforschung elektromagnetischer Wellen gewonnen hatte. Und er wies darauf hin, dass der dritte Wissenschaftler von James Mills Peirce gefördert wurde, dem Sohn des verstorbenen Benjamin Peirce, welcher als Urgestein der amerikanischen Mathematik galt und einer der Helden ihres Vaters war.
Stellas Pulsschlag machte einen Satz, als sie den Schluss des Artikels las. Sicher handelte es sich um einen Zufall. Es gab doch mehr als nur einen jungen Mann, der von Mr Peirce gefördert wurde. Aufgeschreckt ließ sie ihre Augen über den Rest der Meldung fliegen, in der Hoffnung, einen Namen zu finden, der ihr nicht vertraut war, der ihr die Gewissheit gab, dass sie von der Katastrophe verschont blieb, die sich über ihr zusammenbraute.
Als einer der fähigsten jungen Wissenschaftler auf dem Gebiet der Mathematik kam Professor Stentz unlängst in den Genuss eines Stipendiums, das ihm einen Studienaufenthalt in Deutschland ermöglicht, und zwar bei dem renommierten Mathematiker Felix Klein an der Universität Göttingen.
Stella ließ die Hände sinken und die Zeitung glitt zu Boden.
Das durfte doch nicht wahr sein. Professor Stentz kam hierher? Ihr Magen krampfte sich zusammen. Warum hatte ihr Vater sie nicht darauf vorbereitet? Er war so begeistert vom Gedanken an das Symposium gewesen, dass er ganz vergessen hatte, die Namen der Harvard-Professoren zu nennen, deren Besuch nun bevorstand. Oder hatte er sie ihr bewusst verschwiegen?
Sie legte eine Hand auf ihre Brust, um ihr wild schlagendes Herz zu beruhigen. Niemals würde Papa so etwas absichtlich vor ihr geheim halten. Hinterlist war ihm völlig wesensfremd. Vielleicht verhielt es sich ja auch ganz anders – vielleicht hatte er es bei einem ihrer gemeinsamen Abendspaziergänge erwähnt und sie hatte einfach nicht richtig zugehört. So wie sie es immer tat, wenn sie nickte und gelegentlich ein »Mmmm« hören ließ, ohne ihm wirklich auf seinen Exkursionen durch allerlei Gedankengebäude zu folgen.
Seine Begeisterung für Wissenschaft und Forschung hatte sie zweifellos geerbt, wobei ihr Interesse an der Mathematik noch überflügelt wurde von ihrer Begeisterung für die Welt der Literatur. Keine Frage – Algebra war ihr vertraut, auch die Trigonometrie beherrschte sie und selbst die euklidische Geometrie bereitete ihr keine Probleme. Fing ihr Vater aber an, spezifische Aspekte der Zahlentheorie zu problematisieren, stieß ihr Fassungsvermögen bald an seine Grenzen und ihr Interesse löste sich schneller auf als eine mathematische Gleichung.
Und doch ging die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch den Namen Frank Stentz einfach so überhört haben sollte, gegen null. Angesichts der gesteigerten Aufmerksamkeit, die sie dieser besonderen Person seit Kurzem schenkte, war das unmöglich. Tag für Tag hatte sie die Post durchsucht in der Hoffnung, auf einem der Briefe seinen Namen als Absender zu finden. Selbst in den romantischen Tagträumen, die sie sich von Zeit zu Zeit erlaubte, hatte der fiktive Verehrer stets seinen Namen getragen. Nun aber blieb ihr kaum mehr als die Länge eines Tages und aus ihrer Fiktion würde Wirklichkeit werden. Er würde in ihre Stadt kommen, womöglich in ihr Haus. Ein Mann aus Fleisch und Blut.
Du lieber Himmel. Das war ein Desaster. Stella umklammerte die Tischkante und ließ sich auf dem nächstbesten Stuhl nieder.
Sie hätte gar nicht erst damit anfangen dürfen, ihm Briefe zu schreiben, hätte auf die leise Stimme der Vernunft hören sollen, die sie vor dieser Narretei gewarnt hatte, als ihr Vater im Herbst letzten Jahres von einem Treffen der neu gegründeten »New York Mathematical Society« zurückgekehrt war und ihr einen Haufen interessanter Geschichten erzählt hatte. Die meisten hatten sich um jenen jungen Mann gedreht, der einen engen Kontakt zu dem großen Benjamin Peirce pflegte. Dabei war es gar nicht in erster Linie die Liebe zur Mathematik, die Frank Stentz mit ihrem Vater verband, es war der gemeinsame Glaube. Mr Stentz hatte seinen Kollegen eingeladen, den Gottesdienst seiner Gemeinde zu besuchen – ein Vorhaben, das dieser ohnehin bereits geplant hatte. Rückblickend hatte sich ihr Papa fest überzeugt davon gezeigt, dass Gott in diese Sache involviert war, weil es in seiner Absicht lag, die beiden Männer zusammenzubringen.
»Du würdest ihn mögen, Stella. Er ist höflich. Gottesfürchtig. Absolut brillant und doch bescheiden. Es käme ihm nie in den Sinn, mit seinen Qualitäten hausieren zu gehen, er scheut sich aber auch nicht, seine Diskussionspartner mit schlagkräftigen Argumenten niederzuringen. Wobei er nie den gebotenen Respekt vor seinem Gegenüber verliert.« Ihr Vater hatte bei diesen Worten geschmunzelt. »Er muss ungefähr in deinem Alter sein. Ich glaube, er erwähnte einmal, dass er um die dreißig sei. Jedenfalls gehört er nicht in die Riege alternder Elfenbeinturmbewohner, die man häufig in diesen Positionen antrifft.«
Eine Woche später war ein Brief von Mr Stentz eingetroffen. Ignatius Barrington hatte ihn seiner Tochter vorgelesen und dabei die Passage besonders betont, in der sich der Absender nach der werten Frau Tochter erkundigte.
»Wie wäre es, wenn du ihm ein paar nette Zeilen schreibst?«, hatte Papa vorgeschlagen. »Ich könnte sie meinem Brief beifügen. Es wird dem Burschen guttun, jemanden zu haben, mit dem er sich über Themen austauschen kann, die ausnahmsweise mal nichts mit Zahlen zu tun haben.«
Was hatte sie nur geritten, als sie auf diesen Vorschlag eingegangen war? Hatte sie wirklich geglaubt, es handle sich bestenfalls um einen harmlosen kleinen Flirt? Nun – einem Mann zu schreiben, von dem sie fast dreitausend Kilometer trennten, war ihr vollkommen ungefährlich erschienen. Nie und nimmer würden sie sich jemals treffen. Wie auch – der Mann forschte an der Harvard University in Boston! Es stand also nicht zu befürchten, dass sich aus dem Ganzen etwas Ernsteres entwickelte. Und als die Briefe von Mal zu Mal vertraulicher wurden? Nun ja, sie hatte plötzlich das Gefühl gehabt, ihren ganz persönlichen Liebesroman zu leben. In eine Sphäre zu wechseln, in der sie den Anschein erwecken durfte, wunderschön und bestechend klug zu sein, genau der Typ Frau, der die Aufmerksamkeit eines gelehrten Gentlemans verdiente. Eines Mannes, den sie mittlerweile sehr schätzte. Möglicherweise sogar liebte.
Gut, dieses Buch war jetzt mit einem lauten Knall zugeklappt worden und die Realität hatte sie eingeholt wie eine schallende Ohrfeige. Frank – ihr Frank – war auf dem Weg nach Texas und ihre unverbindlichen Tagträume von einer romantischen Beziehung zu ihm waren jäh zerplatzt. Denn in dem Augenblick, in dem er ihr gegenübertrat, würde er das Gleiche sehen wie jeder andere heiratswillige Mann im County McLennan: eine unscheinbare Frau von achtundzwanzig Jahren, die nur wenige der weiblichen Vorzüge aufwies, die die Aufmerksamkeit eines Mannes fesseln. Sie war ausgesprochen großgewachsen, eher flachbrüstig, hatte eine lange Nase und Füße, die so groß waren, dass sie die Dienste eines Schusters in Anspruch nehmen musste.
Mit dem Schicksal eines Mauerblümchens hatte sie sich längst abgefunden – sie war einfach nicht gemacht für die Ehe. Mit ihr hatte Gott einen anderen Weg eingeschlagen. Und der führte sie keineswegs hinaus in die weite Welt, im Gegenteil, er bestand in der Aufgabe, den Haushalt ihres Vaters zu führen, nachdem ihre Mutter vor zehn Jahren völlig unerwartet verstorben war. Er ließ ihr die Freiheit, die sie brauchte, um das Amt einer Mentorin gewissenhaft auszufüllen. Als solche kümmerte sie sich im Auftrag der »Rufus Columbus Burleson Literary Society« um die weiblichen Erstsemester an der Baylor University. Er erlaubte ihr sogar die Leitung eines Komitees, das für die Weihnachtsdekoration in ihrer Kirchengemeinde zuständig war.
Stella führte ein ausgefülltes Leben, tat Sinnvolles. Sie brauchte keinen Mann, um ihrer Existenz einen höheren Wert zu verleihen.
Aber wenn dem so war – warum durchbohrte dann die Sorge, Mr Frank Stentz könnte jede Achtung vor ihr verlieren, wie ein messerscharfer Brieföffner ihr Herz?




