Zillner | Spiegelfeld, Band 3 | Buch | 978-3-9502006-2-1 | www.sack.de

Buch, Deutsch, 110 Seiten, LEINEN

Zillner

Spiegelfeld, Band 3

Neun Minuten am 12. August 1099
1. Auflage 2006
ISBN: 978-3-9502006-2-1
Verlag: Dornröschen-Verlag

Neun Minuten am 12. August 1099

Buch, Deutsch, 110 Seiten, LEINEN

ISBN: 978-3-9502006-2-1
Verlag: Dornröschen-Verlag


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Dies ist die Geschichte des Hauses Spiegelfeld. Wenn man etwas lang genug behauptet, wird es möglicherweise wahr. Allerdings kann sich dabei auch etwas einstellen, was ich als Verschiebung der Wahrheit bezeichnen möchte. Davon handelt die Geschichte vom Ende des Ritters Mezza di Mazoll, eines Vorgängers des Hauses Matz von Spiegelfeld, vor der Stadt Askalon. Mezza erlebte im Hofstaat des Babenbergers Leopold II. die Bildung dessen, was als österreichisches Kernland gilt. Sein Vater Odo, ein Sindmann oder Bote des Herzogs von Kärnten, hatte bei Mailberg in der Schlacht zwischen dem österreichischen Markgrafen Leopold und dem Böhmenherzog Wratislaw gekämpft. Es ging dabei um die Herrschaft in Österreich, denn Leopold war von Kaiser Heinrich IV. abgefallen, worauf dieser den Böhmenherzog zum Markgrafen in Österreich bestimmt hatte. Mailberg sollte die Entscheidung bringen – und brachte sie, gewissermaßen. Wratislaw wurde König, Leopold blieb Markgraf, Odo war gefallen; sein Sohn kam in das Gefolge des Heinrich von Schwarzenberg. Dafür, dass ich Mezzas Schicksal erfunden habe, klingt es erstaunlich wahr. Die Episode nimmt motivisch auf, was dann in Mezzas weiterem Leben, besonders aber beim ersten Kreuzzug zwischen 1095und 1099 zur ganzen Wahrheit werden sollte: Die großen Herren, ob Bohemund von Taranto, Gottfried von Bouillon oder sein Bruder Balduin, gewannen im so genannten Heiligen Land große Reich- und eigene Fürstentümer, das Gros der einfachen Leute kam bei den Kämpfen um. Die großen Herren fochten für die Befreiung des Heiligen Grabes von den Muslimen, doch eine der ersten Anordnungen des neu gewählten lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Arnulf von Choques und Rohes, nach der Eroberung der Heiligen Stadt, betraf seine orthodoxen Glaubensbrüder: Er ließ sie, die Hüter des Heiligen Grabes, foltern, um zu erfahren, wo sie Reliquien und Schätze vor den Muslimen verbargen.
Die ganze Wahrheit, was für ein Wort. Die Geschichte zeigt, dass sie weniger einer festen Burg denn einem Flecken Treibsand in der Wüste gleicht: Wo der große Herr stolz vorbeireitet, versinkt der Knecht an seiner Seite jämmerlich. Keiner weiß vorher, wo ihr Verhängnis lauert, aber hinterher hat es immer den Anschein, als hätte der Herr schon gewusst, wo es lang geht. Die Wahrheit ist immer das Ende der anderen. Während ich diese Zeilen schreibe, versuche ich krampfhaft, die Erinnerung daran zu meiden, unter welchen zeitgeschichtlichen Umständen der dritte Band Spiegelfeld entstanden ist. Aber wie soll ich einen Patriarchen von schok und roh von der Taktik einer Großmacht in jener Weltgegend trennen, wo er vor tausend Jahren gekämpft, die sich shock and awe nennt? Wie soll ich die Absicht der ersten Kreuzfahrer von jener so genannter moderner Crusader unterscheiden, da beide von Befreiung im Nahen Osten sprechen und dabei die Menschen dort in Lebensgefahr bringen? Ist ein Krieg um Reliquien, wie ihn die ersten Kreuzfahrer führten, weniger gerechtfertigt als jener ihrer modernen Nachfahren gegen Massenvernichtungswaffen, sintemalen sich beide als Fälschungen erweisen? Über die Jahrhunderte hinweg beharren die Kriegsherren auf ihrer Wahrheit, und ihre ist die ganze, da nur sie die Zeitläufte überblicken.
Die Geschichte des Hauses Spiegelfeld, so wie ich sie erzähle, richtet sich gegen die ganze Wahrheit, da diese immer jene verschlingt, die, ohne aus ihr wirklich Nutzen zu ziehen, daran glauben müssen. Der Sieger hat Recht, damit muss man sich abfinden, und wenn er sich dann auch noch darauf beruft, im Besitz der Wahrheit zu sein, soll er daran ersticken. Jede spätere Generation bekundet einen Willen zur Wahrheit, der scheinbar stärker ist als jener ihrer Vorgänger, doch in Wirklichkeit ist es bloß Wille zur Macht, alle Ereignisse aus der eigenen Perspektive zu deuten. Jede Anstrengung von Menschen zur Wahrheitsfindung läuft letztlich darauf hinaus, zu einem bestimmten Zeitpunkt Macht über alle Ereignisse zu gewinnen, zumindest aber zu bekunden. Mit jeder neuen Generation scheitert dieser Versuch, aber in jeder Generation bringt er ein paar Sieger und jede Menge Verlierer hervor.
Mezza di Mazoll, ein echter Spiegelfeld, gehörte zu den Verlierern des ersten Kreuzzugs. Er hatte es für seine Zeit weit gebracht, geographisch und gesellschaftlich, immerhin bis nach Jerusalem und in den Ritterstand. Seine unmittelbaren Vorfahren, wie wir schon erfahren haben, Bauern und Novizen, waren nie so weit gekommen, für sie bedeutete die Wahrheit, deren Wesen zu ergründen sie in einem berühmten Kloster zu erlernen suchten, bloß das eigene Ende. Darin bleibt auch Mezza seinen Vorläufern treu, die Wahrheit bringt ihn um. Die Geschichte des Hauses Spiegelfeld ist ein Epos, das heißt, sie handelt von der Vorzeit. Es ist nicht die Vorzeit jenes Österreich, das 1919 aus der Geschichte verschwand, sondern die Vorzeit der Zweiten Republik Österreich als Nation im modernen Sinn. Aus ihrer Perspektiven erscheint alles mythisch, was unter demselben oder ähnlichem Namen seit mehr als tausend Jahren im Gang ist – selbst wenn Geschichtswissenschaft es ergründet. Das Epos fasst Mythen zusammen (kursive Stellen im Text sind Zitate aus der Bibel) und stellt sie in einen Erzählzusammenhang, der, Schicksal dieser literarischen Form, weder durchgängig noch frei von Widerholungen und Unvereinbarkeiten ist. Jenes mythische Material, das ein Epos bearbeitet, ist zu umfangreich, zu anekdotisch, zu sehr von Zufällen bestimmt, als dass es zu einem Ganzen zusammenwachsen könnte, wie wir es beim Roman gewohnt sind. So wird das Epos dank seiner inneren Widersprüche zum idealen Erzählmittel gegen die Macht der ganzen Wahrheit.


Christian Zillner, geboren 1959 in Dornbirn.
Maler, Schreiber, Magazineur
Lebt und arbeitet in Wien



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