Abdi | Tränen im Sand | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

Abdi Tränen im Sand


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-4857-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

ISBN: 978-3-8387-4857-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Nura Abdi ist achtundzwanzig Jahre alt und lebt seit neun Jahren in Deutschland. Sie stammt aus Somalia, ist in Mogadischu aufgewachsen und musste wegen Bürgerkriegsunruhen in ihrem Land Hals über Kopf fliehen. Nura wollte in die USA, doch der gefälschte Pass ihrer Cousine mit dem sie reiste, wurde in Frankfurt entdeckt, was ihre Pläne jäh durchkreuzte. Doch sie gab nicht auf und versuchte, sich in Deutschland ein normales Leben aufzubauen. Aber der Traum eines unbeschwerten Lebens, wie es unzählig deutsche Frauen ihres Alters führen, ist nicht so einfach zu erfüllen, denn Nura ist anders: Im Alter von vier Jahren wurde sie pharaonisch beschnitten, ein grausames, jedoch für Afrikanerinnen übliches Ritual, dessen vollen Umfang Nura erst erkennt, als sie sieht, dass europäische Frauen ihr Schicksal nicht teilen ...

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GROSSMUTTER UND DIE DSCHINNS

Wenn ich aber so weit zurückdenke wie möglich, kommen mir ganz andere Bilder in den Sinn. Dann sehe ich grüne, wogende Plantagenbäume über mir und roten Lehmboden unter mir. Das ist nicht der heiße Sandboden Mogadischus, das ist die schwere Erde von Hargeysa, der größten Stadt im Norden Somalias. In meiner allerfrühsten Erinnerung bin ich ein kleines, braunes, fast nacktes Mädchen, das im Schatten hoher Bäume auf der roten Erde sitzt. Es hat geregnet, und das Mädchen formt Kügelchen aus feuchtem Lehm. Es rollt die schlammige Erde zwischen den kleinen Händen, steckt sich etwas davon in den Mund und lacht. Und weil es so gut schmeckt, steckt es sich noch mehr davon in den Mund. Da macht es zum ersten Mal Bekanntschaft mit Mutters Stock. Es wird mit einem Gartenschlauch abgespritzt, der rote Lehm läuft an ihm herunter, und im nächsten unbeaufsichtigten Moment wackelt es wieder hinaus, lässt sich wieder auf die Erde fallen und formt neue Kügelchen, die genauso gut schmecken wie die ersten. Es muss aber nicht immer auf Regen warten. Beim Toilettenhäuschen steht ein gut gefüllter Wasserkrug, weil gerade jemand drinsitzt, der mit dem Wasser gleich nachspülen will. Es nimmt den Krug, schüttet ihn aus und kann noch mehr Kügelchen drehen. Oder Injeras formen, somalische Pfannkuchen. Oder etwas, das beinahe so aussieht wie ein Auto.

Das Mädchen ist noch keine drei Jahre alt, da schnappt sich die Mutter das halb nackte, von der Sonne verbrannte Kind, und die gesamte Familie fährt in einem rüttelnden, schüttelnden Landrover nach Süden, zwei Tage lang. Von nun an wird das Mädchen keinen Lehm mehr zwischen den Zehen spüren, sondern Sand.

Ich war in Mogadischu angekommen.

Da sah ich zum ersten Mal das Meer, den Indischen Ozean. Es war ein brühwarmer Tag, wie alle Tage in Mogadischu, und ich klammerte mich an den Sattel eines Kamels. Von dort oben, bedenklich hoch oben, hatte ich das tiefblaue Meer im Blick, das Menschengewimmel auf dem endlosen Strand und andere Kamele mit Kindern auf dem Buckel – aber vor allem Wasser, viel Wasser. Ich hatte vom Meer schon gehört, aber so viel Wasser hatte ich mir nicht vorstellen können. Die Gischt der brechenden Wellen kam mir wie Seifenschaum vor. Alles wunderte mich, aber besonders, dass Menschen ins Meer hineingingen und untertauchten und lebend wieder herauskamen. Sicher, bei den Frauen bestand keine Gefahr. Die saßen vorne an, ganz in bunte Kleider gehüllt, und ließen sich nur von den Ausläufern der Wellen befeuchten. Aber die Männer, fast nackt, tauchten kopfüber ins kristallklare Wasser ein und tauchten auch wieder auf. Wie sie das machten, das musste ich meine Mutter fragen, sobald ich von diesem Tier herunter war – meine Mutter, die da hinten unter einer Palme mit dem Rest der Familie saß, Tee ausschenkte, meinem Vater Khat zum Kauen reichte und Obst unter meine Geschwister verteilte. Eine von tausend Familien am Strand von Mogadischu – alle im Schatten der Palmen zusammengedrängt und alle peinlichst darauf bedacht, sich der Sonnenglut so wenig wie möglich auszusetzen. Am Meer wird man schnell dunkel. Die Einzigen, die sich in die Sonne trauten, waren die Kinder, die überall Fußball spielten oder um die Wette liefen, und die Trinkwasserverkäufer, die man schon von weitem hörte, weil sie die müden Esel vor ihren Karren mit Schreien und Schlägen anfeuerten.

»Wie kommt es, dass Menschen unter Wasser leben können?« Alle lachten, und mein Vater fand meine Frage für eine Dreijährige ziemlich klug. Man hält eben die Luft an, sagte er. Ich musste das glauben, und ich muss es bis heute glauben, denn Frauen in Somalia lernen nicht schwimmen. Die Frauen machen es wie meine Großmutter. Sie schritt in ihrem knöchellangen, rot geblümten Gewand, das Haar unter einem Kopftuch derselben Farbe versteckt, den Strand hinunter, ließ sich in den schäumenden Ausläufern der Wellen nieder, ein roter Fleck vor dem strahlenden Blau des Meeres, und wenn sie sich abgekühlt hatte, kam sie in ihren nassen Kleidern genauso majestätisch schreitend wieder zu uns zurück in den Schatten der Palme. Dieses Ritual vollzog sie mehrmals im Verlauf dieser großartigen Nachmittage am Strand. Kaum waren ihre Kleider halbwegs trocken, ging sie wieder los. Sie war nämlich davon überzeugt, dass für ihre Haut nichts besser sei als Salzwasser – von dem wir in Mogadischu gottlob mehr als genug hatten.

Natürlich sah es später dann bei uns genauso aus, wenn meine Freundinnen und ich baden gingen – alle standen wir in unseren nassen Dirrahs im flachen Wasser. In Somalia ist es völlig undenkbar, dass eine Frau ihren Körper zeigt, sie riskiert, gesteinigt zu werden. Ich kannte es nicht anders, und ich erinnere mich genau an meinen allerersten Bikini – wie habe ich mich geschämt! Es war mein erster Sommer in Deutschland, und überall nackte Frauenkörper. Entsetzlich, ich war wirklich schockiert. Aber es war Hochsommer, und eine Freundin aus Rumänien lud mich ins Schwimmbad ein. Weil ich in einem deutschen Freibad nicht mit meiner Dirrah auftreten wollte, habe ich mir damals also einen Bikini gekauft, den ersten meines Lebens. Was ist schon dabei?, versuchte ich mir einzureden. In Deutschland laufen alle so herum. Alle zeigen sich hier mehr oder weniger nackt, die Alten, die Fetten, die Hübschen – warum nicht auch du?

Im »Kaufhof« fand ich einen Bikini mit Leopardenfellmuster. Etwas Afrikanisches, dachte ich, das erleichtert dir die Sache vielleicht. Ich probierte ihn auf der Stelle an, aus Neugier und weil ich gar nicht wusste, welche Größe ich hatte. Er passte. Und kaum war ich zu Hause, probierte ich ihn noch einmal an, vor dem Spiegel. Der war nicht übel. Ich gefiel mir gut. Aber dann, im Freibad: Ich trat aus der Umkleidekabine und schämte mich. Nein, auf gar keinen Fall, dachte ich, die starren dich alle an. Ich blickte mich vorsichtig um, aber niemand starrte mich an. Kein Mensch. Und trotzdem, ich wäre vor Scham fast gestorben. In meiner Not wickelte ich mir mein Handtuch so um den Leib, dass möglichst wenig Haut zu sehen war, und hüpfte über die Liegewiese zu meiner Freundin hinüber. Und jetzt, als ich so in meinem Handtuch vorbeisprang, drehten sich alle nach mir um. Da wusste ich, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Warum dachten sie nicht: Dem Mädchen ist eben kalt? Ich hätte doch auch frieren können, oder? Aber wahrscheinlich dachten sie das nicht, weil es in Wirklichkeit ein ziemlich warmer Tag war.

Irgendwann wollte meine Freundin ins Wasser, und ich konnte mich von meinem Handtuch nicht trennen. Am liebsten wäre ich mit dem Handtuch ins Wasser gegangen. Das tat ich dann doch nicht. Meine somalische Erziehung zur Furchtlosigkeit bewährte sich endlich, ich sprang fast nackt ins Wasser, Nichtschwimmer, paddelte herum, spielte Ball, schlitterte die Rutsche hinunter – und keine Viertelstunde später wusste ich schon nicht mehr, warum mir eben noch alles dermaßen peinlich gewesen war.

Solche Sorgen hatte ich damals nicht, am Strand des Indischen Ozeans. Ich brauchte keinen Bikini, ich brauchte auch keine Dirrah und kein Kopftuch. Wie alle Kinder planschte ich in meiner Unterhose im flachen Wasser.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit allerdings war damit Schluss, denn jetzt würden bald die Dschinns kommen. Gegen Abend türmten sich immer höhere Wellen auf, dann setzte der Wind ein, und die Gluthitze ließ langsam nach. Und gegen sieben, wenn die untergehende Sonne den Strand rosa färbte, packten alle ihre Sachen und gingen nach Hause. Ich wäre gern geblieben, es war zu schön, im Wasser zu sitzen und zu spielen, doch das kam gar nicht infrage, das war gefährlich, die Dschinns hatten schon manches Kind davongetragen, über die Wellen, übers Meer, und niemand hatte es mehr gesehen. Bevor diese bösen Geister den Strand zu einem unsicheren Ort machen konnten, mussten wir zu Hause sein. Und kaum war die Sonne versunken, hatte sich die fröhliche, lärmende Picknickgesellschaft aufgelöst.

Ich habe nie einen Dschinn gesehen. Aber meine Großmutter kannte sich damit aus. Sie wusste vieles, das ich schon nicht mehr lernen sollte. Aus mir wurde ein Kind der Großstadt. Aber meine Großmutter lebte in ihrer Erinnerung noch in der Welt der Nomaden, der Tiere, der Lagerfeuer, der Einsamkeit von Steppen, die bis zum Horizont reichen. Es sei schon gefährlich, des Nachts vor die Tür zu gehen, sagte sie, aber in der Nähe des Wassers sei die Gefahr am größten. Dort trieben sich in der Dunkelheit besonders viele Dschinns herum – die Seelen von Ertrunkenen möglicherweise. Und einmal, nach dem Abendessen, erzählte sie uns von ihrer ersten Begegnung mit einem Dschinn.    

Es war einer dieser Abende, an denen ein leichter Wind vom Meer durch die Bäume in unserem Innenhof wehte und wir noch lange draußen beisammensaßen – nur meine Mutter nicht, die war zu beschäftigt. Wir anderen aber hatten unter einem der Bäume Feuer gemacht und ringsumher niedrige Hocker aufgestellt, kleine Holzgestelle mit einer Sitzfläche aus Lederstreifen. Meine Mutter war noch im Laden und ging mit meinem Vater Rechnungen durch, als wir schon alle im weiten Kreis ums Feuer saßen – Kinder, Nachbarn, unsere Hausangestellten und, als unangefochtene Herrscherin über unseren Kleinstaat, ihren Stock wie ein Zepter fest in der Hand, unsere Großmutter. Mogadischu ist eine moderne Stadt, aber alle sitzen gerne draußen, unter freiem Himmel, vor allem in mondlosen Nächten, wenn man aufblickt und Tausende von Sternen über sich sieht. Und Großmutter erzählte. Es war oben in Hargeysa gewesen, als sie noch jung war. Da ruhte...



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