Abid / Kneissl / Kraitt | Irak | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Abid / Kneissl / Kraitt Irak

Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-85371-827-8
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Staat zerfällt. Hintergründe, Analysen, Berichte

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-85371-827-8
Verlag: Promedia
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



100 Jahre nach der kolonialen Aufteilung des Osmanischen Reiches, aus der die irakische Staatlichkeit hervorging, existiert eine einheitliche Territorialität nicht mehr. Die AutorInnen gehen der Frage nach, wie es zum Zerfall des Irak kam. Dabei lässt die Herausgeberin den Bogen von der Neugestaltung des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg über die Entstehung einer panarabischen Bewegung, ihre Pervertierung durch die baathistische Militärdiktatur unter Saddam Hussein und das große Trauma des Krieges mit dem Iran bis zu den UN-Sanktionen gegen das Land in den 1990er-Jahren spannen.'Kein Krieg für Öl', lautete 2003 der weltweit verbreitete Slogan gegen die US-geführte Invasion. Treffender hätte er nicht sein können. Nirgendwo sonst hat der Reichtum am 'Schwarzen Gold' einen derart hohen Blutzoll gefordert. Der US-Intervention, die bereits 1991 begann und 2003 zur Invasion führte, folgte eine zehnjährige Besatzung, die das Land entlang konfessioneller und ethnischer Linien in drei Teile riss. Das politische Establishment versank in Korruption und interne Machtkämpfe. Die seit Juni 2014 im Vormarsch befindlichen Dschihadisten des IS stellen nicht nur aufgrund ihrer brutalen Herrschaftsform eine Herausforderung dar. Ihrem 'Kalifat' ist es nach 100 Jahren gelungen, die im Sykes-Picot-Abkommen von London und Paris gezogenen Kolonialgrenzen zu überwinden. Im Buch kommen ausgewählte Spezialisten zu Wort und bieten fundierte Einblicke in die Ursachen der aktuellen Krise. Dazu zählt unter anderem eine Auseinandersetzung mit der von den USA forcierten Konfessionalisierung. Neben der Kurdistan-Frage wird der geopolitischen Verflechtung des Irak, etwa als Austragungsort regionaler Rivalitäten zwischen Iran, Saudi-Arabien und der Türkei, breiter Raum gewidmet. Beiträge zur Bevölkerungsstruktur und zur Einführung eines die Frauen ins gesellschaftliche Abseits stellenden islamischen Personenstandsrechts ergänzen den Band.

Tyma Kraitt, geboren 1984 in Bagdad, lebt seit ihrer frühen Kindheit in Österreich. Sie studierte Philosophie an der Universität Wien und war ab 2009 freie Mitarbeiterin der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen sowie Redakteurin von 'International - Die Zeitschrift für internationale Politik'. 2013 erschien der von ihr (zusammen mit Fritz Edlinger) herausgegebene Band 'Syrien: Hintergründe, Analysen, Berichte' im Promedia-Verlag (2. Auflage in Planung, als E-Book erhältlich).
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Karin Kneissl


Von der Entstehung und Zerstörung des Irak im Namen des Erdöls


Der Erste Weltkrieg ist im Nahen Osten noch nicht zu Ende gegangen, denn die politische Landkarte ist die unmittelbare Folge jenes großen Krieges. Die Briten nannten ihn zwar wegen seiner abschreckenden Grausamkeiten den »war to end all wars«, doch tatsächlich wirkt er bis in unsere Zeit hinein. Dies gilt ganz besonders für jene Nationalstaaten, die aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches entstanden. Dass einige dieser gegenwärtig von Kriegen gebeutelten Staaten angesichts eines grenzüberschreitenden Kalifats oder anderer geopolitischer Umwälzungen zerfallen könnten, sorgt seit geraumer Zeit für große Unruhe. In welchem Umfang Energieinteressen hierbei stets eine Rolle spielen, will dieser Beitrag erläutern.

Die Entstehung des modernen Irak ist beispielhaft für europäische Kabinettspolitik, die Staaten ohne Rücksicht auf historische und geographische Gegebenheiten schuf. Über den Rohstoffreichtum Mesopotamiens, wie die Region des Zweistromlands seit der Antike aufgrund der beiden Flüsse Euphrat und Tigris traditionell genannt wurde, wusste man in London um 1900 gut Bescheid. Was manche den »Ölsegen« nennen, wurde im Fall des Irak zweifellos zum »Ölfluch«. Denn angesichts der Erdölbegierden der Großmächte konnten die Iraker zu keinem Zeitpunkt das Recht auf Selbstbestimmung ausüben, übrigens auch ein Resultat des Ersten Weltkriegs. Das Primat der Energieinteressen zieht sich wie ein roter Faden durch die jüngere Geschichte dieser ältesten Zivilisation, denn in Mesopotamien wurde die Landwirtschaft ebenso wie das Rechtswesen oder der Monotheismus erfunden. Dieses Land verfügt über so viel natürlichen Reichtum, wie fruchtbare Böden und archäologische Stätten, dass es in diese Rohstoffabhängigkeit nicht hätte gelangen müssen.54 Doch das als »Dutch Disease« bezeichnete Phänomen des schnell erworbenen Reichtums aus Rohstoffexport hat auch etablierte Industriestaaten, wie eben die Niederlande in den späten 1970er Jahren, oder 30 Jahre später Russland erfasst.

Die Kriege der vergangenen 25 Jahre, die der Westen immer wieder in den Irak hineintrug, wurden stets im Namen des Erdöls geführt. Und die Ölinteressen standen auch am Anfang des modernen Irak. Zunächst wurden die Pipeline-Trassen verlegt, dann erst die Grenzen zwischen dem Irak und seinen Nachbarn in der »Anglo-French Convention 1923« festgelegt. Denn das Ölabkommen der Konferenz von San Remo im April 1920, an welchem vorrangig die Vertreter von Ölkonzernen und nicht Staatenvertreter die Details zur Aufteilung des Iraks aushandelten, steht am Beginn der territorialen Neuordnung.55

Als die USA und ihre Verbündeten die Irakinvasion vom 19. März 2003 vorbereiteten, ging es ebenso um den alten Wunsch, physischen Zugang zu den zweitwichtigsten Erdölreserven der Welt zu erlangen. Die Menschen, die gegen jenen Krieg von London bis New York protestierten, skandierten völlig zu Recht: »No blood for oil«. Wie sehr Rohstoffinteressen und nicht etwa andere Kriegsziele, wie die vermeintliche Vernichtung von Waffen, vorrangig waren, lässt sich in den Memoiren von Alan Greenspan, dem ehemaligen US-Notenbankchef, nachlesen. Demnach ging es bei jenem Kriegsgang ganz offensichtlich um das irakische Erdöl.56 Und jener Krieg von 2003 holt die restliche Welt mit dem Aufstieg des Islamischen Staats bzw. Daesh57, wie das arabische Akronym lautet, seit Sommer 2014 heftig ein. Doch blicken wir zunächst auf den Ersten Weltkrieg und die damalige Grenzziehung zurück.

Der erste Krieg im Namen der Mobilität


Zwar zog noch eine mächtige Kavallerie in den Krieg, der im Sommer 1914 von Wien ausgehend seinen Anfang nahm, doch im Kriegsverlauf zeigte sich rasch die Bedeutung der neuen Mobilität, die Treibstoff benötigte. Eben erst war das Flugzeug erfunden und schon tobten Luftschlachten. Gepanzerte Fahrzeuge und Unterseeboote läuteten eine neue Ära der Kriegsführung ein. Dass Winston Churchill als Lord der britischen Admiralität im Rüstungswettlauf mit dem Deutschen Kaiserreich noch vor Kriegsausbruch nach deutschem Vorbild die britische Flotte von Kohle auf Diesel umstellte, sollte den Kriegsausgang mitentscheiden. Churchill sah sich anfänglich heftiger Kritik ausgesetzt, denn seine Kabinettskollegen konnten angesichts des heimischen britischen Kohlereichtums den Erdölimporten nicht viel abgewinnen. Doch der spätere Premier hatte bereits ein Auge auf die legendären Erdölfelder im nördlichen Mesopotamien geworfen.58 Die Zoroastrier feierten bereits vor Jahrtausenden ihre Feuerkulte zu Ehren Zarathustras, indem sie einige der Öllagerstätten einfach anzündeten. Das Erdöl dieser Region, u. a. in der Region um Kirkuk und Mosul, ist so nahe der Erdoberfläche, dass man wahrlich nicht tief bohren muss. Zudem ist es aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung leicht und süß, was besonders hohe Qualität in der Treibstofferzeugung auszeichnet.

Mit der »Arabischen Revolte« 1916 bis 1918 unter Führung der Haschemiten gelang die Vertreibung der Osmanen. Doch London und Paris arrangierten zwischen 1915 und 1916 mittels Geheimkorrespondenz eine Vereinbarung, die unter dem Titel »Sykes-Picot-Abkommen« im Zuge der Oktoberrevolution 1917 durch Zufall publik wurde. Denn Mark Sykes und Georges Picot hatten im Namen ihrer Regierungen eine Nachkriegsordnung auf dem Gebiet des ehemaligen Osmanischen Reiches im Vorderen Orient angestrebt, die eine Aufteilung in britische und französische Einflusszonen unterschiedlichen Grades vorsah. Auf diplomatische Zusagen, wie jene an die arabischen Stämme in der Hussein-McMahon-Korrespondenz oder die Balfour-Deklaration an die Zionisten, nahmen die Siegermächte Großbritannien und Frankreich keine Rücksicht. Doch die Karte von Sykes und Picot sollte nicht umgesetzt werden, zumal Frankreichs anfänglich große territoriale Ambitionen im Sinne einer »Asie Française« den britischen Militärerfolgen – nicht zuletzt dank Londons arabischer Verbündeter – weichen mussten. Vielmehr erfolgte die politische Neuordnung auf Grundlage eines Ölabkommens in San Remo 1920. Bagdad sollte aufgrund der neuen Energiebedürfnisse in den Fokus internationaler Interessen geraten, nachdem das einstige Machtzentrum der Abassiden im Jahre 1258 durch die Mongolen zerstört wurde und im Machtkampf mit den Persern geschwächt war. Im Laufe der vier Jahrhunderte osmanischer Fremdherrschaft wurde es an die Peripherie gedrängt. Während sich die Hohe Pforte stark auf dem Balkan und in der gesamten Levante engagierte, eine türkische Immigration auch die demographischen Verhältnisse veränderte, blieb der Irak unter osmanischer Okkupation gleichsam eine kulturelle Fortsetzung der Arabischen Halbinsel. Wie weit weg diese Region von Istanbul betrachtet erschien, illustriert folgendes türkisches Sprichwort, das noch um 1900 im Umlauf war: »Ein falscher Bericht kommt selbst aus Bagdad zurück …«.

Die Grenzziehungen 1920 – ein Ergebnis britisch-französischer Erdölinteressen


Es war im April 1920, als an der italienischen Riviera in San Remo die Ölbarone jener Zeit im Hotel Londra zu ihren Beratungen eintrafen. Die USA waren nicht eingebunden, auch nicht die Außenministerien der Siegermächte. Vielmehr traten Ölkonzerne erstmals öffentlich als politische Akteure auf. Und wenn die Anekdote richtig überliefert wurde, so skizzierten die Herren auf einem Tischtuch die Linien für die Pipeline-Trassen und schufen damit die Eckpunkte für die späteren Grenzen, welche die »Anglo-French Convention« drei Jahre später, im Jahre 1923, berichtigte.59 Der Erste Weltkrieg war etwas über ein Jahr zuvor mit folgender Einsicht zu Ende gegangen: »Physischer Zugang zu den strategischen Erdölreserven wird die kommenden Kriege entscheiden«. Das wussten Verlierer und Sieger des großen Krieges gleichermaßen. Denn auch wenn 30 Millionen Pferde zwischen 1914 und 1918 neben all den menschlichen Opfern getötet wurden, so war es doch der erste Krieg im Zeichen von Erdöl. Der Krieg erwies sich wieder einmal als Innovationsmotor. Hatte ein französischer Premier namens Georges Clemenceau noch vor dem Krieg ironisch gemeint »Wenn ich Benzin brauche, so kaufe ich es bei meinem Apotheker«, stand nun die Kontrolle nahöstlicher Erdölfelder auf der Agenda. Und das nördliche Mesopotamien stand bereits im Zentrum westlicher Begierden.

Eine britische Pipeline von Mosul nach Haifa und französische Wegerechte


Winston Churchill hat die richtige Nase für gewisse Entwicklungen bewiesen, indem er sich zusehends für das mesopotamische Erdöl interessierte. Einer seiner Berater war der Gründer der britisch-holländischen Shell Company, Marcus Samuel, der ursprünglich im Muschelhandel tätig war, was das Logo und den Namen von Shell erklärt. Samuel überzeugte Churchill davon, dass Erdöl mit seiner Energiedichte, der leichten Transportierbarkeit und seines flexiblen Einsatzes der Rohstoff der Zukunft sei.60 Seit 1912 verfügte Shell über Konzessionen in der Region. Im nördlichen Mesopotamien war zeitgleich die von dem armenischen Ölhändler Calouste Gulbenkian gegründete Turkish Petroleum Company tätig. An ihr beteiligte sich in wachsendem Umfang die APOC, Anglo-Persian Oil Company, die später zu BP werden sollte. Letztere versuchte separat im nördlichen Mesopotamien Fuß zu fassen, was trotz intensiver britischer Bemühungen letztlich nicht gelang. Auch Churchill war zu diesem Zweck als Konsulent und Lobbyist engagiert worden. Mit erfolgreichen Explorationen im Raum Kirkuk wurde die Turkish Petroleum Company immer einflussreicher und nannte sich ab 1927 Iraq Petroleum Company. Die Briten hatten die Hand auf die irakischen Ölfelder...


Tyma Kraitt, geboren 1984 in Bagdad, lebt seit ihrer frühen Kindheit in Österreich. Sie studierte Philosophie an der Universität Wien und war ab 2009 freie Mitarbeiterin der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen sowie Redakteurin von "International - Die Zeitschrift für internationale Politik". 2013 erschien der von ihr (zusammen mit Fritz Edlinger) herausgegebene Band "Syrien: Hintergründe, Analysen, Berichte" im Promedia-Verlag (2. Auflage in Planung, als E-Book erhältlich).



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