E-Book, Deutsch, 505 Seiten
Abrahams Der Nachhilfelehrer
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-278-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 505 Seiten
ISBN: 978-3-98952-278-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Abrahams ist ein renommierter amerikanischer Autor zu dessen weltweiter Leserschaft auch Stephen King gehört, der ihn als seinen »liebsten amerikanischen Spannungsromanautor« bezeichnet. Einige seiner Werke wurden mit hochkarätigen Stars wie Robert De Niro für die große Leinwand adaptiert. Die Website des Autors: www.peterabrahams.com/peter-abrahams/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Standalone-Thriller »Der Nachhilfelehrer«, »Der ideale Ehemann«, »Der Häftling«, »Das Wunschkind«, »Dear Wife«, »Blacked Out - Gefährliche Erinnerung«, »Missing Code - Verlorene Spur« und »Hard Rain - Schleier aus Angst«.
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Kapitel 1
Linda Marx Gardner erwachte aus ihrem Traum und spürte die Erektion ihres Ehemanns an ihrer Hüfte – nicht drängend oder fordernd, sie war einfach nur da. Zu einem früheren Zeitpunkt ihrer Ehe, um genau zu sein, zu einem sehr frühen, hätte Linda im gedämpften Licht des Morgengrauens, das das Schlafzimmer in düstere Schatten hüllte, die Sache in die Hand genommen. Diese frühmorgendlichen Aktivitäten, wenn sie entspannt und noch schlaftrunken waren, hatten sich meist als ziemlich gut herausgestellt, wenn nicht sogar besser als das.
Linda stand auf. In ihrem Traum hatte sie hektisch irgendwelche Wörter auf rosafarbenen Papierbögen ausradiert, ohne sie sich jedoch zu merken. Als sie ins Badezimmer ging, gab Scott im Schlaf einen Laut von sich, ein leises Grunzen, das auf tiefe Zufriedenheit schließen ließ. Ein seltsamer Gedanke schoss ihr durch den Kopf, der eigentlich gar nicht zu ihr passte: Radierte er ebenfalls etwas aus?
Sie stellte sich unter die Dusche und ging im Geist ihren Terminkalender durch, dessen Seiten mit ihrer säuberlichen Handschrift gefüllt waren. Es würde einige Diskussionen über den Skyway-Etat geben, in erster Linie wegen der Fotos, aber nicht nur deshalb. Linda überlegte, was noch alles kommen mochte, und war so in ihre Gedanken an die Arbeit versunken, dass sie erschrocken zusammenfuhr, als sie plötzlich durch die beschlagene Scheibe der Duschkabine Scott erkannte, der mit dem Rücken zu ihr vor der Toilette stand.
»Könntest du bitte Brandon wecken?«, rief sie ihm zu.
Scott erwiderte etwas, das sie jedoch wegen des rauschenden Wassers nicht verstehen konnte. Der heiße Wasserstrahl, der auf sie niederprasselte, fühlte sich so gut an, dass sie am liebsten den Rest des Tages darunter verbracht hätte ... Abrupt drehte sie die Dusche ab; Scott war verschwunden.
Sie trat aus der Kabine und griff mit einer Hand nach einem Handtuch, während sie mit der anderen die Wasserspülung der Toilette betätigte. Scott vergaß das ständig, oder es kümmerte ihn nicht, was auch immer. Ein Blick auf ihre Armbanduhr auf dem Granitwaschbecken – schwarzer Granit mit mitternachtsblauen Sprenkeln und damit das hübscheste Stück im ganzen Haus – sagte ihr, dass sie zwei oder drei Minuten zu spät dran war, also nichts, worüber man sich Sorgen machen musste. Sie holte tief Luft.
»Bran? Bran? Bran? Bran?«
Dieses eine Wort, das immer wieder an seine Ohren drang, fräste sich durch Brandons Träume und ließ sie in sich zusammenfallen, bevor es ihn endgültig in den Wachzustand beförderte.
»Brandon? Bist du wach, Kumpel? Es ist schon spät.«
Brandon war wach genug, um festzustellen, dass er die Decken nach oben gezerrt hatte und ganz erhitzt war, völlig durcheinander und absolut nicht in der Lage aufzustehen oder sich auch nur zu bewegen. Er öffnete ein Auge gerade so weit, dass er seinen Vater zwischen seinen vom Schlaf verklebten Wimpern erkennen konnte – der stand mit einem Handtuch um die Hüften, Rasierschaum im ganzen Gesicht und einem tropfenden Rasierer in der Hand direkt vor ihm.
»Ich kann wirklich nicht ...«
»Vergiss es, Brandon. Du wirst zur Schule gehen.«
»Ich fühle mich zum Kotzen.«
»Du wirst gehen. Und achte auf deine Ausdrucksweise, wenn’s recht ist.«
Brandon gab keine Antwort.
»Zeig ein bisschen Leben. Setz dich auf oder mach sonst irgendwas. Und sieh zu, dass ich nicht noch mal kommen muss.«
»Schon gut«, erwiderte Brandon, obwohl die einzige Bewegung, die er zustande brachte, das Schließen des einen Auges war.
»Außerdem sieht es in diesem Zimmer langsam aus ...«
Brandon hörte den Rest des Satzes kaum noch. Die Konturen begannen wieder zu verschwimmen, und watteweicher Schlaf umhüllte ihn erneut.
Im Fenster des Zimmers, das auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs lag, baumelte ein Glasprisma. Es war das Fenster, durch das morgens die Sonne als Erstes hereinfiel. Während Brandon wieder in Tiefschlaf versank, schien die Sonne durch die kahlen Baumwipfel und sandte einen Strahl durch das Prisma. Ein kleiner Regenbogen, der sich sofort darauf bildete, fiel auf den Kalender an der gegenüberliegenden Wand, und zwar auf ein ganz besonderes Quadrat – das, auf dem eine kleine Geburtstagstorte mit elf brennenden Kerzen prangte. Dieser kleine Regenbogen, der vibrierend auf ihren bevorstehenden Geburtstag hinwies, war das Erste, was Ruby sah, als sie die Augen öffnete.
Sie hielt einen Augenblick den Atem an. Das ist der Beweis, dass Gott existiert, war ihr erster Gedanke. Sie hatte kaum begonnen, sich mit dem Gedanken auseinander zu setzen und damit, was er mit sich im Gepäck trug – ja, genau, so waren manche Gedanken, sie hatten Gepäck bei sich –, dass Gott offenbar ein persönliches Interesse an ihr, Aruba Nicole Marx Gardner, hatte, als ihr Verstand die Fakten registrierte: Sonne, Ostfenster, das Prisma, der Regenbogen, der irgendwo enden musste, und Zufall. So würde es zumindest Sherlock Holmes sehen, und sie brachte Sherlock Holmes mehr Respekt entgegen als irgendjemandem sonst auf der Welt. Liebe war es nicht – Dr. Watson war derjenige, den man lieben konnte –, sondern Respekt.
Dennoch konnte ein Zufall trügerisch sein. Zum Beispiel damals – sie war etwa vier gewesen –, als sie ein Mortadella-Sandwich gegessen und ein Buch über einen Frosch gelesen hatte. Plötzlich hatte sie sich so heftig übergeben müssen, dass auch Brandon neben ihr auf dem Rücksitz etwas abbekommen hatte von dem Frosch und dem Mortadella-Sandwich, die irgendwie zusammengemixt worden waren; zumindest für sie war es so gewesen. Seit diesem Tag hatte sie nie wieder Mortadella angerührt. Aber sie konnte Sherlock Holmes sagen hören: »Eine lange Autofahrt und eine Straße mit zahlreichen Kurven? Mit einem Erdnussbutterbrot und einem Pinguin könnte man dasselbe Resultat erzielen.« Elementar, meine liebe Ruby.
Der Regenbogen schob sich vorwärts, glitt über ihren Geburtstag und den Kalender hinweg, bevor er sich in Richtung ihres offenen Kleiderschranks schlich. Dort wand er sich in einer Ecke, bis er schließlich im Schatten verschwand. Das war der Erde zu verdanken, die durch die Tatsache, dass sie sich drehte, den Regenbogen in ihrem Kleiderschrank einsperrte. Dieser Gedanke hatte einiges im Gepäck, aber Ruby kam nicht mehr dazu, sich damit zu beschäftigen.
Durch den Korridor bahnte sich irgendein Geräusch seinen Weg, von dem sie jedoch nur einen Teil wahrnehmen konnte, so als würde plötzlich der Kopfhörer auf einer Seite streiken.
»Scott? Habe ich dich nicht gebeten, Brandon zu wecken?« Murmel, murmel, murmel.
»Nun, er ist aber nicht aufgestanden, und es ist schon fünf nach sieben.«
Murmel, murmel.
»Scheiße, hör sofort mit dieser Scheiße auf«, schrie Brandon plötzlich mit seiner neuerdings tiefen Stimme, die ab und zu noch ein wenig kippte und die Wände beben ließ. In diesem Augenblick wusste Ruby, dass Mom ihm die Decke weggerissen hatte – eine Maßnahme, die immer funktionierte.
Die nachfolgenden Geräusche – Brandon, der aufstand, in seinem Zimmer herumpolterte, durch den Flur in das gemeinsame Badezimmer ging und die Dusche aufdrehte – verblassten langsam, als Ruby nach ihrem Buch mit den Gesammelten Werken von Sherlock Holmes griff und an der Stelle aufschlug, wo sie stehen geblieben war. Das getupfte Band. Allein der Titel ließ Ruby ahnen, dass ihr die Geschichte gefallen würde.
Getupft. Ein Wort, das sie noch nie benutzt hatte. »Getupft, getupft.« Zum ersten Mal in ihrem Leben sprach sie es laut aus, während ihre Plüschtiere sie stumm von ihren Plätzen auf dem Regal aus beobachteten. Ein seltsames Wort, das eine gewisse Kraft zu haben schien, sofern das überhaupt möglich war, und wenn ja, dann stand diese Kraft vielleicht nicht nur fur das Gute. Gefleckt war gut, gesprenkelt schon ein wenig hässlicher, aber getupft war irgendwie anders, obwohl sie nicht sagen konnte, warum. Unter ihrem Zimmer ging das Garagentor auf, und sie hörte, wie der alte Triumph ihres Vaters herausholperte.
Es gab kein größeres Vergnügen für mich, als Holmes in seinen Ermittlungen zu folgen und die messerscharfen, raschen Rückschlüsse zu bewundern, die, obgleich sie so unerwartet wie Gedankenblitze kamen, doch immer eine fundierte logische Basis hatten, mit der er die Probleme, die an ihn herangetragen wurden, zu lösen pflegte.
Ja, das war es, was so besonders an ihm war. Als Ruby zu lesen begann, wurde es still im Zimmer, der Raum begann seine physischen Eigenschaften zu verändern, und es schien, als verlöre er seine Substanz. In der Junggesellenwohnung in der Baker Street 221-B hingegen geschah genau das Gegenteil. Ruby konnte beinahe das Knacken des Feuers hören, das Mrs. Hudson in weiser Voraussicht entzündet hatte. Ruby konnte beinahe ...
»Ruby! Ruby! Ruby, verflixt noch mal!«
»Was ist?«
»Ich habe dich schon sechsmal gerufen.« Mom, wahrscheinlich schon für die Arbeit angezogen. Bestimmt stand sie oben an der Treppe mit diesem ungeduldigen Gesichtsausdruck, der sich immer in der senkrechten Linie zwischen ihren Augenbrauen manifestierte. »Bist du auf?«
»Ja.«
»Vergiss nicht, dass du nach der Schule Tennis hast, Liebes.« Aus dem veränderten Tonfall konnte Ruby schließen, dass die senkrechte Linie wieder verschwunden war. »Bis heute Abend.« Moms Stimme verklang, als sie die Treppe hinunterging.
»Bis dann, Mom.«
Vielleicht war ihre Stimme nicht laut genug gewesen, denn sie erhielt keine Antwort. Dann fuhr Mom rückwärts aus der Garage, wie immer ein wenig schlingernd, während die Reifen auf dem Zementboden quietschten. Mit einem langen Jaulen, das mit einem...




