Abrahams | Hard rain | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 459 Seiten

Abrahams Hard rain

Thriller
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-524-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Thriller

E-Book, Deutsch, 459 Seiten

ISBN: 978-3-98952-524-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Während die Welt vom Frieden singt, sucht eine junge Frau verzweifelt nach ihrer Tochter ... Los Angeles, 1960er: In einer dunklen Nacht im November tritt für die alleinerziehende Mutter Jessi Shapiro der Albtraum ein: Ihre Tochter Kate kehrt nach einer Verabredung nicht nach Hause zurück. Sofort fällt ihr Verdacht auf Pat, ihren unzuverlässigen Ex-Mann, doch als sie zu seinem Haus in Venice Beach fährt, fehlt von den beiden jede Spur. Stattdessen bietet sich ihr ein seltsamer Anblick: kryptische Botschaften auf der Küchentafel und eine Wohnung, die hastig verlassen wirkt. Eine besorgniserregende Nachricht auf dem Anrufbeantworter bestätigt ihre schlimmste Befürchtung: Kate schwebt in Lebensgefahr. Panisch kontaktiert sie die Polizei, doch die Beamten erkennen den Ernst der Lage nicht. Jessi zieht die Konsequenz und macht sich allein auf die Suche, die sie quer durchs Land führt und Jahrzehnte zurück - nach Woodstock und in den tödlichen Dschungel Vietnams - bis hin zu einer schockierenden Wahrheit, die Jessi alles kosten könnte ... »Abrahams schmückt seinen komplexen Plot mit glaubhaften, sympathischen Protagonisten, platziert sie vor einen Hintergrund aus 60er-Jahre-Musik, Drogen und auf den Kopf gestellten Idealen und schafft damit ein Meisterwerk.« - Publishers WeeklyEine düstere Verschwörung, die ihren Anfang 1969 auf dem legendären Woodstock Festival nahm ... Ein rasanter Thriller für Fans von Lee Child!

Peter Abrahams ist ein renommierter amerikanischer Autor zu dessen weltweiter Leserschaft auch Stephen King gehört, der ihn als seinen »liebsten amerikanischen Spannungsromanautor« bezeichnet. Einige seiner Werke wurden mit hochkarätigen Stars wie Robert De Niro für die große Leinwand adaptiert. Die Website des Autors: www.peterabrahams.com/peter-abrahams/ Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Standalone-Thriller »Der Nachhilfelehrer«, »Der ideale Ehemann«, »Der Häftling«, »Das Wunschkind«, »Dear Wife«, »Blacked Out - Gefährliche Erinnerung«, »Missing Code - Verlorene Spur« und »Hard Rain - Schleier aus Angst«.
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Kapitel 3


Von dem Moment an, in dem Bao Dai Heimaterde betreten hatte, hatte er Schwierigkeiten mit dem gleißenden Licht. Alles was er ansah, blendete ihn. Er richtete seinen Blick zum Himmel, um herauszufinden, warum es in seiner Heimat so hell war. Nicht einmal die Sonne schien – es war ein bewölkter Tag. Er rieb sich die Augen so heftig, als wolle er die verzerrenden Linsen herausnehmen, die ihm ohne sein Wissen, vielleicht im Schlaf oder im Fieber, eingesetzt worden waren, aber als er aufhörte zu reiben, war das Gleißen immer noch da. Alle Gegenstände bekamen dadurch verzerrte Kanten: die Autos, die Häuser, die hohlwangigen Schaufensterpuppen der Boutique, vor der er nun stand.

Bao Dai ging hinein.

Eine große schwarze Frau, hohlwangig wie die Schaufensterpuppen, kam durch das grelle Licht auf ihn zu und fragte: »Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?« Sie sprach nicht wie eine Schwarze, nicht wie irgendeiner der Schwarzen oder Weißen, die er da drüben kennengelernt hatte; sie sprach sehr vornehm. Sie musterte ihn rasch vom Scheitel bis zur Sohle, nahm den Anzug, das Button-down-Hemd, ! die Krawatte, die Lederschuhe mit all den kleinen runden Löchern in der Kappe wahr.

»Jeans«, sagte Bao Dai.

»Bitte?«

Er war sich nicht sicher, ob er es richtig ausgesprochen hatte. Hatte er so etwas wie »Jinns« gesagt? Er wiederholte das Wort und gab sich Mühe, es in die Länge zu ziehen.

»Sie wünschen ein Paar Jeans, mein Herr? Am besten sehen Sie sich einmal in unserer Country Weekend Boutique um.« Sie führte ihn zum hinteren Teil des Ladens. »Bevorzugen Sie eine spezielle Marke oder einen Designer? Calvin Klein? Jordache? Ralph Lauren?«

»Bell-Bottoms«, sagte Bao Dai.

»Wie bitte?«

Er wiederholte es und gab sich wieder mit der Aussprache besondere Mühe.

Die Frau blinzelte, sehr schnell, fünf- oder sechsmal hintereinander. In dem hellen Licht wirkten ihre flatternden langen Wimpern wie Blinklichter. »Sie meinen Bell-Bottom-Jeans?« fragte die Frau.

Bao Dai brummte.

Die Frau musterte ihn noch einmal von oben bis unten und betrachtete diesmal auch sein Gesicht. »In der Nähe von Coolidge Corner gibt es einen 60er-Jahre-Laden. Dort könnten Sie es versuchen.«

Später saß er in einem Bus, der den Highway entlangrollte. Auf einem Schild über dem Kopf des Fahrers stand: TOILETTE HINTEN. Er ging nach hinten, zog den Reißverschluß seiner Anzughose auf und pinkelte in die Metallschüssel. Er dachte an die schwarze Frau in dem Geschäft. Dann sah er auf und vergaß sie sofort. Er erkannte ein Gesicht im Spiegel. Es war sein Gesicht, natürlich, das wußte er. Aber er hatte keine Ahnung gehabt, daß es so viel älter aussah als das der Schwarzen. Er hatte vermutet, sie seien ungefähr im selben Alter. Aber es stimmte nicht. Er ging zurück zu seinem Platz und betrachtete die anderen Fahrgäste, während er den Gang entlangging. Er versuchte das Alter der Passagiere zu schätzen. Er ging mehrere Male im Gang auf und ab, bis er merkte, daß er beobachtet wurde und der Blick des Fahrers auf den Rückspiegel gerichtet war. Er ging in die Toilette zurück, verschloß die Tür, zog alle seine Kleidungsstücke aus und starrte auf die Gestalt im Spiegel, bis er merkte, daß der Bus stehengeblieben war.

Bao Dai wanderte über eine Landstraße.

Wie hieß dieses Lied noch? fragte er sich beim Gehen. »Changes?« »Sit by my side, come as close as ... – Setz dich zu mir, komm so nah wie ...« So nah wie was? Er konnte sich nicht mehr erinnern.

An die Akkordfolge allerdings konnte er sich noch erinnern: C-Dur, D-Dur, G-Dur, e-Moll. Seine linke Hand bewegte sich in Barrégriffen durch die Luft.

Diese Landstraße kannte er gut, trotz des grellen Lichts. Es regnete jetzt, und er hielt seinen Kopf gesenkt, nicht weil er die Nässe und die Kälte spürte, sondern weil ihm das diesige Flimmern, das jeden einzelnen Regentropfen umgab, nicht ertragen konnte. Er brauchte nicht auf den Weg zu achten, er kannte die Straße wie seine Westentasche.

Bao Dai kam zu einem der Briefkasten, die in dieser ländlichen Gegend oft zu sehen waren – dieser war bemalt. Er konnte sich noch an den Geruch der frischen Farbe erinnern und daran, wie schwer es gewesen war, die blauen Blumen richtig zu bemalen. Er wußte auch noch, daß er das schwarze Symbol – einen Kreis mit einem stilisierten Flugzeug darin – von irgendjemandes Button abgemalt hatte. Es schien ihm, als wäre es erst gestern gewesen. Aber das stimmte nicht. Die Farbe war schon verblichen und fast völlig verschwunden. Er mußte sehr genau hinsehen, um die Umrisse von ein oder zwei Blumen auszumachen.

Bao Dai bog in einen schlammigen Feldweg ein. Er sah die Farm. Er hörte Stimmen, Gelächter, Gitarren. Sein Herz raste. Er begann zu laufen, seine Bewegungen wirkten schwerfällig auf dem morastigen Untergrund und in den zwei Nummern zu großen Golf schuhen. Er rannte, aber es war niemand da – niemand sprach, niemand lachte, niemand spielte Gitarre.

Da war nur eine Frau mittleren Alters, die auf dem Hof Vogelfutter ausstreute. Sie sah auf. Das Gleisen war sehr stark. Er brauchte lange, bis er wußte, wer sie war – sehr lange.

Sie erkannte ihn überhaupt nicht.

Er mußte ihr sagen, wer er war.

Und was hätte dann geschehen sollen? Was hatte er denn erwartet? Was hatte er sich erhofft? Er wußte es nicht. Seine Arme hoben sich, ganz von allein. Aber sie kam ihm keinen Schritt entgegen; sie starrte ihm nur ins Gesicht. Ihm gefiel die Art, wie sie ihn anstarrte, nicht, und er mochte die Falten in ihrem Gesicht nicht.

Er senkte die Arme und trat einen Schritt zurück.

In diesem Moment breitete sie scheu die Arme aus. Er trat noch einen Schritt zurück. Sie senkte die Arme und biß sich auf die Unterlippe.

Ihre Bewegungen verliefen asynchron.

Sie gingen hinein. Sie bereitete eine Mahlzeit für ihn zu: gebratenes Hähnchen, gelbe Wachsbohnen und Bananenbrot. Es war grauenvoll.

Es wurde dunkel, aber das Gleißen war noch immer da. Sie machte Feuer im Kamin, rollte eine Zigarette, zündete sie an, inhalierte den Rauch und hielt sie ihm hin.

»Nein«, sagte er.

»Nicht?« Sie war überrascht. »Kolumbianer.«

»Nein.« Der Rauch machte ihm Angst.

Sie schaltete das Radio an. Musik ertönte, Rockmusik, nahm er an, aber er verabscheute Rockmusik und fand sie langweilig. Sie klopfte den Takt mit dem Fuß. Er bemerkte, daß seine Hände zu Fäusten geballt waren, und lockerte sie.

Ein Mann kam im Rollstuhl hereingerollt. »Besuch?« fragte er. Der Mann im Rollstuhl war blind.

»Geschäftlich«, sagte die Frau. »Kennst du nicht.«

Der Mann rollte wieder davon. Irgendetwas an ihm erschien Bao Dai vertraut, und er wollte sie gerade danach fragen, als ihm eine andere Frage einfiel, eine wesentlich wichtigere Frage.

Sie antwortete nicht. Zuerst. Er mußte sie noch ein paarmal fragen, aufstehen und durch den Raum gehen und sich vor ihr aufbauen. In diesem Moment berührten sie sich endlich – als er ihre Hand nahm, sie auf die Füße zerrte und ihr den Arm auf den Rücken drehte.

Da sagte sie es ihm.

Bao Dai ging am nächsten Morgen fort. Er trug den Tropenanzug, das Hemd mit dem geknöpften Kragen, die Golfschuhe, aber die Krawatte hatte er in die Jackentasche gesteckt, zusammen mit dem Reisegeld, das sie ihm überlassen hatte – sie hatte nicht protestiert, als er es aus ihrer Tasche genommen hatte.

Als er im Flugzeug saß, fiel Bao Dai zum ersten Mal auf, daß er alles, was er besaß, an sich trug: ein Tropenanzug, eine Krawatte mit Segelbooten darauf, ein Hemd, Boxershorts, Strümpfe, die dringend gewaschen werden mußten, und Schuhe – mit kleinen Löchern in der Kappe und zwei Nummern zu groß. Er bekam Blasen von diesen Schuhen. Er hatte die Blasen gesehen, als er am Abend zuvor ins Bett gegangen war, aber er spürte sie nicht.

»Einen Cocktail, Sir, vor dem Essen?«

Bao Dai sah auf und blickte in die Schlitzaugen einer gelben Frau. »Cocktail?« fragte sie noch einmal.

Er schrumpfte in seinem Sitz zusammen.

»Oder vielleicht lieber etwas Alkoholfreies?«

Bao Dai brummte. Sie ging weg. Den Rest der Reise behielt er sie im Auge.

Er verließ das Flugzeug in einer Stadt, in der die Luft so schlecht war, daß ihm die Augen tränten. Er fand das Haus, das er suchte, in der Nähe des Strandes. Es war ein spanisches weißes Haus mit rotem Ziegeldach, und es erinnerte ihn an Zorro. Ihm fiel ein, wie Zorro die Seven-up-Flasche mit seinem Schwert gedreht hatte. Zipp-zipp-zipp – Zorros Zeichen. Jeden Samstagnachmittag. Um halb fünf.

Bao Dai ging drei- oder viermal vor dem Haus auf und ab, bevor er anklopfte. Niemand erschien. Er lief zur Garage und versuchte die Tür zu öffnen. Sie ging widerstandslos auf. Er schlich hinein, zog die Tür zu und stellte sich an das Fenster, von dem aus er die Straße überblicken konnte.

Ein Wagen bog in die Auffahrt ein und hielt. Ein schönes blaues Auto. Die Fenster waren heruntergedreht, und Bao Dai hörte, daß im Wagen Musik spielte. Gleich darauf wurde der Motor abgestellt. Die Musik war laut und klar, als hätte die Band ihre gesamte Anlage gleich auf dem Rücksitz.

Ein jugendlich aussehender blonder Mann stieg aus, schloß die Haustür auf und ging ins Haus.

Er sah so verdammt jung aus.

Bao Dais Hände ballten sich wieder zu Fäusten. Er lockerte seine Finger und faßte nach der Klinke der Garagentür. In dem Moment fuhr noch ein Wagen vor. Eine Frau stieg aus.

Eine schöne Frau.

Sie hatte eine gesunde, strahlende Haut und einen kräftigen Körper – das konnte er daran erkennen, wie sie sich bewegte. Ihm gefielen ihre Bewegungen. Der Anblick rief...



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