Achebe Heimkehr in ein fremdes Land
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-403462-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-403462-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chinua Achebe wurde 1930 in Ogidi im Osten Nigerias als Sohn eines Katechisten aus dem Stamm der Igbo geboren. Er studierte am University College von Ibadan und lehrte seitdem als Professor an nigerianischen, englischen und amerikanischen Universitäten. 1958 erschien sein erster Roman »Alles zerfällt«, eines der wichtigsten Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts. 2002 wurde Achebe für sein politisches Engagement mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt, 2007 erhielt er den Man Booker International Prize. Chinua Achebe starb 2013 in Boston.
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Erstes Kapitel
Vor drei oder vier Wochen schon hatte Obi Okonkwo begonnen, sich für diesen Augenblick zu wappnen. Als er dann an jenem Morgen auf der Anklagebank Platz nahm, war er der Meinung, auf alles vorbereitet zu sein. Er trug einen eleganten hellen Anzug und gab sich gelassen und gleichgültig. Der Verhandlung schien er wenig Interesse entgegenzubringen, abgesehen von einem kurzen Moment gleich zu Beginn der Sitzung, als einer der Anwälte eine Auseinandersetzung mit dem Richter hatte.
»Diese Gerichtsverhandlung beginnt um neun Uhr. Warum kommen Sie zu spät?« Jedes Mal, wenn Richter William Galloway, Richter am Obersten Gerichtshof von Lagos und Südkamerun, eines seiner Opfer anschaute, schien er es mit seinem Blick zu durchbohren, wie ein Sammler sein Insekt. Gleich einem angriffslustigen Hammel senkte er den Kopf und betrachtete über seine goldgeränderte Brille hinweg den Anwalt.
»Es tut mir leid, Euer Ehren«, stammelte der Mann. »Ich hatte eine Panne.«
Der Richter schaute ihn lange an und sagte dann unvermittelt: »Gut, Mr Adeyemi, ich akzeptiere Ihre Entschuldigung. Aber diese ständigen Entschuldigungen wegen angeblicher Fortbewegungsprobleme gehen mir langsam auf die Nerven.«
Unterdrücktes Lachen war von den Anwälten zu hören; ein mattes und graues Lächeln ging über Obi Okonkwos Gesicht, dann verlor er von neuem jegliches Interesse.
Der Gerichtssaal war berstend voll; überall saßen oder standen Leute. Der Prozess war seit Wochen das Stadtgespräch von Lagos, und an diesem letzten Verhandlungstag war jeder, der irgendwie seinen Arbeitsplatz verlassen konnte, hergekommen, um bei der Urteilsverkündung dabei zu sein. Einige Beamte hatten bis zu zehneinhalb Shilling für ein ärztliches Attest bezahlt, das sie für den Tag krankschrieb.
Selbst als der Richter seine Zusammenfassung des Falles vorzutragen begann, deutete nichts darauf hin, dass Obis Teilnahmslosigkeit geringer wurde. Erst als der Richter sagte: »Es ist mir unverständlich, warum ein junger Mann mit Ihrer Bildung und vielversprechenden Begabung so handeln konnte«, ging eine plötzliche und auffallende Veränderung mit Obi vor. Verräterische Tränen traten ihm in die Augen. Er holte ein weißes Taschentuch hervor und fuhr sich damit übers Gesicht, tat jedoch so, als wischte er sich den Schweiß ab. Er versuchte sogar, zu lächeln und die Tränen Lügen zu strafen. Ein Lächeln wäre ziemlich logisch gewesen, denn all das Gerede über Bildung und vielversprechende Begabung und Verrat kam für ihn nicht unerwartet. Er hatte es kommen sehen und genau diese Szene Hunderte Male durchgespielt, bis sie ihm so vertraut wie ein Freund geworden war.
Tatsächlich hatte Mr Green, sein Chef, als einer der Kronzeugen schon vor einigen Wochen, kurz nach Beginn des Prozesses, etwas über einen jungen Mann mit vielversprechender Begabung gesagt. Damals hatte es Obi völlig unberührt gelassen. Erst vor kurzem hatte er wie durch ein gnädiges Geschick seine Mutter verloren, und Clara war aus seinem Leben verschwunden. Diese beiden kurz aufeinanderfolgenden Ereignisse hatten Obi abgestumpft und einen anderen Mann aus ihm gemacht; einen Mann, den Worte wie »Bildung« und »vielversprechende Begabung« nicht berührten. Aber nun, im entscheidenden Augenblick, gaben ihn verräterische Tränen preis.
Schon seit fünf Uhr an jenem Nachmittag hatte Mr Green Tennis gespielt, und das war höchst ungewöhnlich. Normalerweise nahm ihn seine Arbeit so in Anspruch, dass er selten Zeit für ein Spiel hatte. Seine tägliche sportliche Betätigung bestand in einem kurzen Abendspaziergang. Aber heute hatte er mit einem Freund gespielt, der beim arbeitete. Nach dem Spiel hatten sie sich an die Bar im Clubhaus zurückgezogen. Mr Green trug über dem weißen Hemd einen hellgelben Pullover, ein weißes Handtuch hatte er sich um den Hals gehängt. Noch viele andere Europäer waren in der Bar – einige lehnten an den Hockern, andere standen zu zweit oder zu dritt beisammen und tranken kaltes Bier, Orangenlimonade oder Gin-Tonic.
»Ich begreife nicht, warum er es getan hat«, sagte der Mann vom nachdenklich. Er zeichnete mit dem Finger Linien auf sein beschlagenes, mit eiskaltem Bier gefülltes Glas.
»Doch, ich schon«, antwortete Mr Green geradeheraus. »Aber warum sich Leute wie Sie weigern, den Tatsachen ins Auge zu sehen, das kann ich wiederum nicht verstehen.« Mr Green war bekannt dafür, dass er aus seinen Ansichten keinen Hehl machte. Mit dem weißen Handtuch fuhr er sich über das rote Gesicht. »Der Afrikaner ist durch und durch korrupt.« Der Mann vom schaute sich verstohlen um, mehr aus Instinkt als aus einer gegebenen Notwendigkeit heraus, denn obwohl der Club jetzt allen Afrikanern offenstand, wurde er nur von wenigen besucht. An jenem Nachmittag nun war kein einziger Afrikaner da, abgesehen natürlich von den Kellnern, die unauffällig bedienten. Es war durchaus möglich, den Club zu besuchen, etwas zu trinken zu bestellen, einen Scheck zu unterschreiben, sich mit Bekannten zu unterhalten und wieder wegzugehen, ohne die Kellner in ihren weißen Uniformen überhaupt wahrgenommen zu haben. Nahm alles seinen geregelten Gang, so übersah man sie.
»Sie sind alle korrupt«, wiederholte Mr Green. »Ich bin ganz für Gleichberechtigung und so weiter. Für mich persönlich wäre es ein Gräuel, wenn ich in Südafrika leben müsste. Aber Gleichberechtigung ändert nichts an den Tatsachen.«
»An welchen Tatsachen?«, fragte der Mann vom , der noch verhältnismäßig neu im Lande war. Die allgemeine Unterhaltung verebbte ein wenig, denn viele der Anwesenden hörten unauffällig Mr Green zu.
»An der Tatsache, dass der Afrikaner seit unzähligen Jahrhunderten Opfer des schlechtesten Klimas der Welt und aller erdenklichen Krankheiten geworden ist. Dafür kann er nichts. Aber er ist deshalb geistig und körperlich ausgelaugt. Wir haben ihm westliche Bildung und Erziehung gebracht. Aber was nützt ihm das? Er ist …« Durch das Hinzukommen eines weiteren Bekannten wurde er unterbrochen.
»Hallo Peter, hallo Bill!«
»Grüß dich!«
»Hallo!«
»Darf ich mich zu euch setzen?«
»Natürlich.«
»Aber sicher. Was trinkst du, Bier? Gut. Ober! Ein Bier für den Herrn!«
»Was für eins darf es sein, Sir?«
»Heineken.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Wir unterhalten uns gerade über den jungen Mann, der sich bestechen ließ.«
»Ach ja.«
Irgendwo im Hinterland von Lagos hielt die von Umuofia eine Dringlichkeitssitzung ab. Umuofia ist ein Dorf der Igbo in Ost-Nigeria und der Heimatort von Obi Okonkwo. Es ist kein besonders großes Dorf, doch für seine Bewohner ist Umuofia eine Stadt. Sie sind sehr stolz auf ihre Vergangenheit, in der Umuofia noch der Schrecken seiner Nachbarn war, ehe der weiße Mann kam und alle unterwarf und gleichmachte. Alle »Umuofianer«, wie sie sich nennen, die ihre Heimatstadt verlassen, um in den Städten ganz Nigerias Arbeit zu finden, betrachten sich dort stets als Besucher. Alle zwei Jahre kehren sie nach Umuofia zurück, um ihren Urlaub in der Heimat zu verbringen. Wenn sie genug Geld gespart haben, bitten sie ihre Verwandten zu Hause, ihnen eine Frau auszusuchen, oder sie bauen sich auf ihrem angestammten Land ein »Zinkhaus«, ein Haus mit Wellblechdach. Wo immer in Nigeria sie auch sein mögen, gründen sie einen Ortsverband der von Umuofia.
In den vergangenen Wochen nun hatte die ihre Mitglieder mehrere Male zu einem Treffen zusammengerufen, um über den Fall von Obi Okonkwo zu beraten. Bei der ersten Zusammenkunft hatte eine Handvoll Leute die Meinung vertreten, für die bestünde keine Veranlassung, sich mit den Schwierigkeiten eines verlorenen Sohnes zu beschäftigen, der erst vor kurzem die in grober Weise missachtet habe.
»Wir bezahlten 800 Pfund für seine Ausbildung in England«, sagte einer von ihnen. »Aber anstatt dankbar zu sein, beleidigt er uns wegen eines unnützen Mädchens. Und jetzt ruft man uns wieder zusammen, um noch mehr Geld für ihn aufzubringen. Was fängt er denn mit seinem großen Gehalt an? Meiner Meinung nach haben wir schon viel zu viel für ihn getan.«
Obwohl man dieser Ansicht weitgehend zustimmte, wurde sie doch nicht allzu ernst genommen. Denn, so führte der Präsident aus, wenn ein Freund und Verwandter in Not sei, so müsse man ihm helfen und ihn nicht noch mehr schmähen. Ärger über einen Bruder schneide wohl ins Fleisch, könne aber dem Knochen nichts anhaben. Und so beschloss die , aus ihren Mitteln einen Rechtsanwalt zu bezahlen.
Doch an jenem Morgen hatte man den Prozess verloren, und aus diesem Grunde war erneut eine Dringlichkeitssitzung einberufen worden. Viele Menschen waren bereits im Haus des Präsidenten in der Moloney Street eingetroffen und unterhielten sich aufgeregt über das Urteil.
»Ich wusste, dass der Fall schlecht lag«, sagte der Mann, der sich von Anfang an dem Eingreifen der widersetzt hatte. »Wir werfen das Geld geradezu zum Fenster hinaus. Wie sagt man bei uns? Wer einem Nichtsnutz zur Seite steht, hat nichts davon als Schmutz und Unrat auf dem Kopf!«
Doch dieser Mann fand keine Anhänger. Die Männer von Umuofia waren bereit, bis zum Letzten zu kämpfen. Sie gaben sich keinerlei Illusionen über Obi hin. Er war zweifellos ein sehr törichter und eigenwilliger junger Mann, doch jetzt war nicht die Zeit, sich damit...




