Achleitner / Missalla / Ruster | Katholizismus und Erster Weltkrieg | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 580 Seiten

Achleitner / Missalla / Ruster Katholizismus und Erster Weltkrieg

Forschungen und ausgewählte Quellentexte
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3207-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Forschungen und ausgewählte Quellentexte

E-Book, Deutsch, 580 Seiten

ISBN: 978-3-7534-3207-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
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Am Vorabend des Ersten Weltkrieges ist der Katholizismus in Deutschland mit seinem Lieblingsthema beschäftigt: mit sich selbst. Die Moraltheologen haben ihre Lehren längst der Machtdoktrin des preußisch dominierten Kaiserreiches angeglichen. Als Wilhelm II. zu den Waffen ruft, übernehmen die Oberhirten bedenkenlos die staatliche Behauptung, es handele sich um eine gerechte Verteidigung gegen Angreifer. Viele kriegstheologische Beiträge der Bischöfe wirken heute wie bösartige Karikaturen auf das Christentum, verfasst von Feinden der Kirche. Die Bergpredigt Jesu wird 1914-1918 zensiert. Katholische Stimmen verschweigen oder leugnen die deutschen Massaker in Belgien, beteiligen sich an Voten für eine aggressive Eroberungspolitik, übernehmen die blutige Parole vom "Siegfrieden" und huldigen bis zum bitteren Ende dem Kriegskaiser. Friedensurkunden des Papstes werden hingegen in Bistumsblättern unterschlagen. Übrig bleibt ein bankrottes Kirchentum, das in den Augen vieler Menschen den Anspruch verspielt hat, Hüterin der Moral zu sein. Zu durchgreifenden Lernprozessen kommt es nicht. Der vorliegenden Sammelband enthält Studien der Theologen Wilhelm Achleitner (Österreich), Heinrich Missalla (1926-2018) und Thomas Ruster. Der Quellenteil umfasst die bislang umfangreichste Edition von Hirtenworten der Jahre 1914-1918, den berüchtigten Traktat "Der Krieg im Lichte des Evangeliums" von M. Faulhaber, Kriegsbetrachtungen von Jesuiten und Texte aus der Zeitschrift "Hochland". Das gründliche Studium des Ersten Weltkrieges ist Voraussetzung für ein Verständnis des erneuten kirchlichen Versagens 1939-1945 und führt schließlich zum Nachdenken über die Militarisierung der Politik heute. Der jüngste Vorwurf der "Nationalkirchlichkeit" kann nur widerlegt werden, wenn der freiheitsliebende und zu Recht reformbereite Katholizismus des deutschen Sprachraums in der Friedensfrage treuester Verbündeter des Bischofs von Rom wird. Daran entscheidet sich der synodale Prozess. (Kirche & Weltkrieg - Band 4)

Dr. Wilhelm Achleitner, geboren 1952 in Steyr/Oberösterreich, 1971-1978 Philosophie- und Theologiestudium in Linz, Rom und Salzburg (Bakk. phil., Mag. theol.), 1978-1988 Ausbildungsleiter für Laientheolog*innen an der Universität Salzburg, 1988-1994 Univ. Ass. am Institut für Dogmatik der Theologischen Fakultät in Salzburg (Dr. theol.), 1994-2018 Direktor des diözesanen Bildungshauses Schloss Puchberg in Wels, seit der Pensionierung 2018 freischaffender Theologe, verheiratet, zwei Kinder und drei Enkelkinder. - Der Beitrag im vorliegenden Sammelband vermittelt Ergebnisse der Dissertation: W. Achleitner, Gott im Krieg. Die Theologie der österreichischen Bischöfe in den Hirtenbriefen zum Ersten Weltkrieg. Wien/Köln/Weimar 1997.
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Einleitung


„Dem Revolutionsakt feind, sah ich, daß die Revolution kommen mußte. […] Werkzeuge Gottes waren die Männer der Revolution [1918/19]. Die Könige hätten noch Schlimmeres verdient. Auch die Spezi der Könige, die Bischöfe und Erzbischöfe. Schamlos haben sie das Christentum an den Heiden-Staat verraten […]. Hauck, Senger, Faulhaber – an Eure Macht, die ihr so verblendet mißbraucht habt, geht es – nicht um die Macht der Religion.“

Kaplan GEORG MOENIUS (Bamberg): Tagebucheintrag, Januar 19191

Das vorangestellte Votum eines jungen Bamberger Priesters erinnert uns an die so lange verdrängte Grundhaltung der Christenheit zum weltlichen Imperium. Ein Staatswesen, das industrielle Tötungstechnologien zur Verursachung millionenfacher Tode entwickelt und einsetzt, hierbei Hundertausende, nein Millionen – vorwiegend junge – Menschen auf das Schlachtfeld schickt, um zu morden und selbst zerfetzt zu werden, ein solcher Staat kann mit den Augen der Freundinnen und Freunde Jesu nur als „Heiden-Staat“ bzw. institutionalisierte Gottlosigkeit betrachtet werden. – Georg Moenius2 (1890-1953) vermerkt im Tagebuch Anfang 1919, die hochgeehrten Bischöfe (Bamberg, München) hätten – als theologische und kultische Dienstleister des deutschen Kriegsstaates – das Christentum verraten. Er war aber kein Linker, kam vielmehr – „dem Revolutionsakt feind“ – aus einem Traditionszusammenhang der antipreußischen und föderalistischen Konservativen. Umso schwerer wiegt sein Urteil, da es doch von einem Mann stammt, der nicht einfach als geborener Feind der kirchlichen Obrigkeit abgetan werden kann.

Der hier vorgelegte Band – ermöglicht vor allem durch Textspenden der Theologen Wilhelm Achleitner (Österreich), Heinrich Missalla (1926-2018) und Thomas Ruster – erschließt im Hauptteil drei kritische Forschungsbeiträge zur Kriegskirchlichkeit 1914-1918. (Der älteste aufgenommene Forschungsbeitrag aus dem Jahr 1968 ist – leider – noch immer die klarste Darstellung zur ‚deutschen katholischen Kriegspredigt‘ im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.) Gemäß dem Konzept unseres friedensbewegten Editionsprojektes, das die Leserschaft zu eigenen Erkundigungen anhand von Primärquellen einlädt, fällt der dokumentarische Anteil sehr umfangreich aus. Obwohl es ganz überwiegend um Wortmeldungen der Bischöfe (und anderer Theologen) geht, wird im Titel des Werkes der eher soziologische Begriff verwendet. Dies war zwingend. Denn ein ausgesprochen nationaler Komplex wie das Kriegskirchentum 1914-1918 kann im theologischen Sinn eben nicht als allgemeine – auf das Ganze schauende – (Credo) bezeichnet werden.3

In dieser Einleitung soll das in der Sammlung Dargebotene nicht chronologisch zusammengefasst oder kommentiert werden. Stattdessen skizziere ich nachfolgend – auch mit Blick auf die Fortführung der Reihe „Kirche & Weltkrieg“ – mögliche Felder und Fragestellungen einer katholischen Kirchengeschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg, die am pazifistischen Standort der vorkonstantinischen Christenheit festhält. Die hierbei besonders ins Licht gerückten Beobachtungen resultieren freilich vor allem aus der redaktionellen Arbeit am vorliegenden Band.

1. AKTEURE UND SEKTOREN DER KRIEGSKIRCHLICHKEIT


Nachfolgend stehen die Stimmen der Kirchenleitung ganz im Vordergrund, doch mit den Bischöfen kommt selbstredend noch nicht das ganze Feld der Kriegskirchlichkeit zum Vorschein: Die konkrete „pastorale“ Umsetzung der bischöflichen Weisungen vollzog sich vor Ort in Dekanaten und Pfarreien oder in übergreifenden Kriegs-Hilfswerken. Das Militärkirchenwesen 1914-1918, dem eine eigene Veröffentlichung in unserer Reihe zu widmen bleibt, war fester Bestandteil der staatlichen Kriegsapparatur – ebenso die Seelsorge in Lagern für Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter. Die akademischen Theologen (im universitären Kontext wie die Bischöfe vom kriegführenden besoldet), die geistlichen Volksschriftsteller und die Kirchenzeitungsmacher übten sich in einer inflationären Textproduktion zur Kriegsertüchtigung aller Gläubigen. (Prominente Ausnahmegestalten aus diesen Gruppen, die sich der gleichsam amtlichen Kriegstheologie entgegenstellten, sind nicht bekannt.) Ungezählte junge Theologiestudenten und Priesteramtskandidaten4, darunter z.B. der spätere Wehrmachtsgeistliche und Paderborner Erzbischof Lorenz Jaeger (1892-1975), erfuhren im kaiserlichen Heer eine Prägung für ihr ganzes Leben.

Als weitere Akteure der kirchlichen Kriegsassistenz sind die katholischen Orden zu nennen5, wobei sich – nicht nur mit Blick auf die im Zuge des Imperialismus geförderten jungen Missionskongregationen – die Frage aufdrängt, ob in nationenübergreifenden Gemeinschaften die Solidarität unter Ordensleuten aus miteinander verfeindeten Ländern noch aufrechterhalten wurde. Die deutschen Jesuiten befanden, ihr – eigentlich dem Papst gewidmeter – Gehorsam müsse nunmehr vordringlich der nationalen Sache gelten. Franziskanische Brüder und Schwestern begruben die letzten Erinnerungen an den Pazifismus ihres heiligen Gründers aus Assisi und verfielen – wie schon oft in der Geschichte ihrer Ordensfamilie – dem Militarismus. Die in den ultramontanen Jahrzehnten neu formierten Frauenorden konnten sich aufgrund ihrer krankenpflegerischen Kompetenzen als nützliche Stütze der Kriegsnation bewähren und erhielten Anerkennung als Heer stiller „Heldinnen“. Das weibliche Geschlecht saß mit im Kriegsboot. Die Steyler Missionsschwester Ethelberta durfte z.B. im katholischen Volksbuch „Sankt Michael“ ihr Gedicht in allen deutschsprachigen Bistümern verbreiten6:

O starker Gott im Himmel,

Schau auf mein Vaterland!

Die Feinde sich erheben,

In grimmer Wut entbrannt.

Sie wollen es zerschmettern,

Uns zwingen in ihr Joch,

Sie wollen uns vernichten,

Doch, Herr, du lebest noch.

In deinem Namen greifen

Wir stark zu unserm Schwert,

Den heil'gen Grund zu schirmen,

Der uns erhält und nährt.

Wir ziehn nicht zu erobern,

Uns treibt nicht eitle Ehr',

Nicht blanker Schätze willen

Ergreifen wir die Wehr.

Uns gilt es, nur zu schirmen,

Zu schützen bis zum Tod

Das Land, das deine Güte

Einst unsern Vätern bot.

Das Land, das unser höchstes

Und bestes Erdengut,

Für das wir freudig geben

Den letzten Tropfen Blut.

Und stehn der Feinde viele

Auch gegen uns im Feld,

Wir Deutschen fürchten niemand

Als Gott auf dieser Welt.

Eine Massenorganisation wie der Volksverein für das katholische Deutschland (Zentrale: Mönchengladbach) war schon 1914 eine staatspolitisch ‚wertvolle‘ Einrichtung zur Förderung von Kaisertreue und Vaterlandsliebe – sowie zur Abwehr der Sozialdemokratie – geworden (Medien- und Bildungsarbeit, deutsch-katholische Verlagsproduktionen7) und vertrieb übrigens auch noch nach 1918 eindeutig rechtslastiges Schrifttum. Andere Verbände – wie etwa die Kolping-Gesellenvereine8 – erhielten von ihren Prälaten eigene Weisungen zur Beteiligung am großen Kriegswerk. Ein reichhaltiges Kriegerschrifttum brachten die organisierten katholischen Akademiker hervor.9 Katholische Intellektuelle und Kulturschaffende (beiderlei Geschlechts) sahen die Stunde für gekommen, mit Kriegsvoten und Kriegsgehorsam einen günstigeren Platz unter dem Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit betreten zu können. (Die hierbei erstaunlich selbstbewusst entwickelten „Laientheologien“ hatten mit Jesus von Nazareth zumeist genauso wenig gemeinsam wie die bischöflichen Kriegsvoten.) Auf den politischen (Zentrums-)Katholizismus konnte das kriegführende Staatswesen erst recht zählen – zumindest bis zur Friedensresolution des Reichstags vom 19. Juli 1917 Vorbehalte (die schwarze „Kölnische Volkszeitung“ übte sich in annexionistischer Propaganda). Bis hin zu den Oberhirten beteiligte sich der Katholizismus an der moralischen Erpressung von Kriegsanleihe-Zeichnungen zur Finanzierung der Militärmaschine des Kaiserreiches. (Somit trägt das von den ökonomisch gut abgesicherten Bischöfen geleitete Kirchentum – rückblickend betrachtet – auch eine erhebliche Mitverantwortung bezogen auf jenen Komplex, der zur faktischen Enteignung kleiner und mittlerer Vermögen führte.)

2. DIE KIRCHE ALS RELIGION – HISTORISCHE ABGRÜNDE


UND GESCHICHTSSCHREIBUNG


Am Vorabend des „Menschenschlachthauses 1914-1918“ war die deutsche katholische Kirche (wie die autoritäre Kirchenzentrale in Rom) mit ihrem Lieblingsgegenstand – sich selbst – beschäftigt: „Die Sorge um die Sicherung des Friedens war für...



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