Ackerman | Die Frau des Zoodirektors | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Ackerman Die Frau des Zoodirektors

Eine Geschichte aus dem Krieg
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-19466-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Geschichte aus dem Krieg

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-19466-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine wahre Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg

Während der Zweite Weltkrieg tobt, wird der Warschauer Zoo Schauplatz einer dramatischen Rettungsaktion, die über 300 Juden vor dem sicheren Tod bewahrt. Als Jan und Antonina Zabinski, der Zoodirektor und seine Frau, mitansehen, wie die Nazis in Polen einmarschieren, ist ihr Entsetzen groß. Die jüdische Bevölkerung wird im Warschauer Ghetto zusammengepfercht. Zeitgleich beginnen die Nazis den Zoo für ihre Zwecke zu nutzen, um ausgestorbene Tierarten rückzuzüchten. Als die Nazis den brachliegenden Zoo verlassen, nutzen die Zabinskis die Situation und schmuggeln Juden aus dem Warschauer Ghetto auf das Zoogelände, wo sie die Todgeweihten in den leeren Tierkäfigen verstecken. Sie retten ihnen damit das Leben.
  • Ausgezeichnet mit dem Orion Award


Diane Ackerman, geboren am 7. Oktober 1948 in Waukegan, Illinois, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Lyrikerin. In Bezug auf ihre Bücher über Naturgeschichte lässt sich ihr Stil am besten beschreiben als eine Mischung von Dichtung, Erzählung und Populärwissenschaft. Sie unterrichtete an verschiedenen Universitäten einschließlich der Columbia University und der Cornell University. Ihre Essays erscheinen regelmäßig in angesehenen Zeitschriften.
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KAPITEL 1

Sommer 1935

Am Stadtrand von Warschau spielte die Morgensonne um die Stämme der blühenden Lindenbäume und kletterte langsam an den weißen Mauern einer modernen Villa aus Stuck und Glas hoch, wo der Zoodirektor und seine Frau in ihren Betten aus weißer Birke schliefen, einem hellen Holz, aus dem Kanus, Zungenspatel und Windsorstühle gemacht werden. Auf der linken Seite hatte das Schlafzimmer zwei hohe Fenster über einem Sims, der breit genug war, um darauf zu sitzen, darunter war ein kleiner Heizkörper. Auf dem Parkettfußboden, der in einem sich wiederholenden Federmuster gelegt war, lagen wärmende Orientteppiche; in der Ecke stand ein Armsessel ebenfalls aus Birkenholz.

Eine Brise hob den leichten Vorhang aus Schleierstoff gerade weit genug, um es etwas heller werden zu lassen, sodass Antonina die kaum sichtbaren Gegenstände im Raum wahrnahm und langsam wach wurde. Bald würden die Gibbons anfangen zu kreischen, und dann würde draußen ein Höllenlärm losbrechen, bei dem niemand mehr schlafen konnte, nicht einmal eine studentische Nachteule oder ein Neugeborenes. Und ganz bestimmt nicht die Frau des Zoodirektors. Auf sie warteten jeden Tag all die üblichen Haushaltspflichten, und sie war nicht nur eine gute Köchin, sondern hantierte ebenso geschickt mit Pinsel und Nähnadel. Und daneben gab es auch Probleme im Zoo, mit denen sie allein fertigwerden musste und die mitunter eine ziemliche Herausforderung sein konnten (zum Beispiel wenn es galt, ein Hyänenjunges zu beruhigen) und ihr Wissen und ihr angeborenes Können oft auf die Probe stellten.

Ihr Mann, Jan Zabinski, stand gewöhnlich vor ihr auf, zog sich die Hose und ein langärmeliges Hemd an und streifte die große Armbanduhr über sein linkes Handgelenk, ehe er leise nach unten ging. Hochgewachsen und schlank, mit einer kräftigen Nase, dunklen Augen und den breiten Schultern eines Menschen, der körperlich arbeitete, ähnelte er ihrem Vater, Antoni Erdman, einem polnischen Eisenbahningenieur, den seine Tätigkeit von St. Petersburg aus durch ganz Russland geführt hatte. Wie Jan hatte auch Antoninas Vater einen scharfen Verstand besessen; Grund genug für die Bolschewisten, ihn und seine Frau Maria, Antoninas Mutter, während der Februarrevolution 1917 als Mitglieder der Intelligenzija zu erschießen, als Antonina gerade neun war. Und wie ihr Vater war auch Jan eine Art Ingenieur. Doch die Verbindungen, die er schuf, waren zwischen Menschen und Tieren, oft genug aber auch zwischen Menschen und ihrer animalischen Natur.

Wegen seiner Glatze, die von einem dunklen Haarkranz umgeben war, brauchte Jan meist einen Hut, im Sommer gegen die Sonne und im Winter gegen die Kälte, deshalb trägt er auf fast allen Bildern, die im Freien entstanden, einen weichen Fedora, was ihm eine Aura ernster Entschlossenheit verleiht. Innenaufnahmen zeigen ihn am Schreibtisch oder in einem Rundfunkstudio; hoch konzentriert und mit entschlossenem Kinn sieht er aus wie ein Mann, der schnell gekränkt ist. Selbst in frisch rasiertem Zustand hatte er einen Fünf-Uhr-Schatten, besonders im Grübchen zwischen Mund und Nase. Seine volle, klar umrissene Oberlippe hatte zwei perfekte Spitzen: den sogenannten Amorbogen, den Frauen jener Zeit sich so gern mit dem Konturenstift malten. Das war das einzig Weibliche an ihm.

Nach dem Tod von Antoninas Eltern ließ ihre Großmutter sie in Taschkent, Usbekistan, die Schule besuchen, außerdem nahm Antonina am Konservatorium der Stadt Klavierunterricht, bis sie mit fünfzehn Jahren die Schule verließ. Ehe das Jahr um war, zogen sie nach Warschau, und Antonina lernte Fremdsprachen, Zeichnen und Malen. Sie unterrichtete ein wenig, bestand eine Prüfung als Archivarin und arbeitete dann im Archiv der Landwirtschaftlichen Hochschule von Warschau, wo sie Jan kennenlernte, damals schon Zoologe, elf Jahre älter als sie. Er hatte an der Hochschule für Bildende Künste Zeichnen und Malen gelernt; die beiden teilten eine Leidenschaft für Tiere und deren künstlerische Abbildung. Als 1929 die Stelle des Zoodirektors frei wurde (der Gründungsdirektor war nach zwei Jahren gestorben), ergriffen Jan und Antonina die Chance, eine neue Art von Zoo aufzubauen und mitten unter den Tieren zu leben. Sie heirateten 1931 und zogen auf die andere Seite der Weichsel nach Praga, ein raues Industrieviertel mit eigener Umgangssprache, auf der »falschen« Seite der Bahngleise, aber mit der Straßenbahn nur fünfzehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt.

Früher waren Zoos immer Privatbesitz und dienten als Statussymbol. Eine Kuriositätensammlung konnte sich jeder zulegen, aber man musste Geld haben und auch ein bisschen verrückt sein, um das größte Krokodil, die älteste Schildkröte, das schwerste Nashorn und den seltensten Adler zu besitzen. Im siebzehnten Jahrhundert hielt König Johann III. Sobieski viele exotische Tiere an seinem Hof, und reiche Adlige legten sich als Zeichen ihres Wohlstands auf ihren Gütern ebenfalls private Menagerien zu.

Polnische Wissenschaftler hatten jahrelang von einem großen Zoo in der Hauptstadt geträumt, der es mit den anderen Zoos in Europa aufnehmen konnte, besonders mit den deutschen, die weltberühmt waren. Auch die Kinder in Polen sehnten sich nach einem Zoo. In den Märchen, die man ihnen erzählte, wimmelte es nur so von sprechenden Tieren – einige fast lebensecht, andere wundersam erdichtet –, die die Fantasie anregten und auch Erwachsene in das Land ihrer Kindheit zurückversetzen konnten.

Antonina freute sich, dass ihr Zoo ein wahres Zauberland voll dieser märchenhaften Tiere war, wo Geschichten aus Büchern lebendig wurden und Menschen mit wilden Tieren reden konnten. Nur wenige Zeitgenossen würden jemals erleben, wie Pinguine in ihrer natürlichen Umgebung auf dem Bauch den Fels hinab zum Meer schlitterten, oder Gelegenheit haben, in den kanadischen Rockies auf Baumstachelschweine zu treffen, die zusammengerollt wie riesige Kiefernzapfen in einer Astgabel saßen, und sie war überzeugt, dass das Kennenlernen dieser Tiere im Zoo den Besuchern einen weiter gefassten Blick auf die Natur vermittelte, dass Namen und Lebensgewohnheiten der Tiere sie quasi personifizierte. Hier war das wilde, das gefährliche, aber zugleich auch schöne Ungeheuer, im Käfig, wohlversorgt.

Wenn der Zoo im Morgengrauen zum Leben erwachte, hörte man regelmäßig einen bestimmten Star sein Potpourri aufgeschnappter Melodien pfeifen, weiter entfernt übten Zaunkönige ihre Arpeggios, dazwischen mischten sich die Kuckucks mit ihren monotonen Rufen wie stecken gebliebene Schwarzwalduhren. Dann fingen die Gibbons mit ihren Trompetenstößen an, so laut und überdreht, dass die Wölfe und Wildhunde anfingen zu heulen, die Hyänen ihr Geschwätz anstimmten, die Löwen brüllten, die Raben krächzten, die Pfauen kreischten, das Nashorn schnaubte, die Füchse bellten und die Nilpferde grunzten. Als Nächstes verfielen die Gibbons in ihre Duette, wobei die Männchen ihre Trompetenstöße mit leisen Quietschern unterbrachen und die Weibchen in lang gezogenen Tönen ihren »Großen Ruf« brüllten. Im Zoo lebten mehrere dieser »Ehepaare«, und Gibbonpaare können zusammen ganze Opern jodeln, komplett mit Ouvertüre, Codas, Zwischenspielen, Duetten und Soli.

Antonina und Jan hatten gelernt, statt mit Uhrzeiten in erster Linie mit Tages- und Jahreszeiten zu leben. Natürlich mussten auch sie sich, wie fast alle Menschen, nach der Uhr richten, aber ihre Routine war eben nie ganz Routine, denn sie bestand aus Bedürfnissen, teils tierischen und teils menschlichen, die aufeinander abgestimmt werden mussten. Mitunter überschnitten sich die Pflichten, zum Beispiel wenn Jan spät nach Hause kam oder Antonina mitten in der Nacht aufstand, um einem Tier, zum Beispiel einer Giraffe, Geburtshilfe zu leisten (was nie ganz einfach ist, denn die Mutter entbindet im Stehen, das Kalb fällt kopfunter zu Boden, und eigentlich will die Mutter auch gar keine Hilfe). Jeder Tag war anders, und obwohl die Probleme schwierig sein konnten, war ihr Leben dadurch doch voll kleiner, willkommener Überraschungen.

Eine Glastür in Antoninas Schlafzimmer führte im ersten Stock auf der Rückseite des Hauses auf eine breite Terrasse, die von den drei Schlafzimmern und einem engen Lagerraum aus erreicht werden konnte, den man den Speicher nannte. Wenn Antonina hier stand, konnte sie in die Wipfel der Nadelbäume blicken, über die Fliederbüsche hinweg, die man vor die sechs hohen Wohnzimmerfenster gepflanzt hatte, um den vom Fluss her kommenden Wind zu mildern und den Duft nach innen zu tragen. An warmen Frühlingstagen schwankten die lila Dolden des Flieders wie Weihrauchfässer. Wenn man auf dieser Terrasse sitzt und die Luft auf Höhe der Tannen und Ginkgos atmet, wird man ein Geschöpf der Bäume. Im Morgengrauen zieren Tausende von glitzernden Tauperlen den Wacholder, dann schweift der Blick über die schweren, knorrigen Äste einer Eiche hinter dem Fasanenhaus.

Etwa fünfzig Meter weiter, an der Ratuszowa-Straße, liegt das Haupttor des Zoos. Wenn man die Straße überquert, steht man vor dem Praski-Park, einem Treffpunkt für viele Warschauer, wo an warmen Tagen die winzigen hellgelben Quasten der blühenden Linden, begleitet vom Gesumme der Bienen, ihren Duft verströmen.

Traditionell ist die Linde der Inbegriff des Sommers – auf Polnisch heißt sie Lipa, und Lipiec ist der Juli. Im heidnischen Brauchtum war die Linde der...


Ackerman, Diane
Diane Ackerman, geboren am 7. Oktober 1948 in Waukegan, Illinois, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Lyrikerin. In Bezug auf ihre Bücher über Naturgeschichte lässt sich ihr Stil am besten beschreiben als eine Mischung von Dichtung, Erzählung und Populärwissenschaft. Sie unterrichtete an verschiedenen Universitäten einschließlich der Columbia University und der Cornell University. Ihre Essays erscheinen regelmäßig in angesehenen Zeitschriften.



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