E-Book, Deutsch, 154 Seiten
Ackermann Schaut herab Ihr Götter
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-8184-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Familienunternehmen: Sachsen in der Gründerzeit
E-Book, Deutsch, 154 Seiten
ISBN: 978-3-7543-8184-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerhard Ackermann. Geboren 1939. Studium Physik u. Astronomie U Heidelberg (1960-1969). IBM Deutschland und USA von 1970 bis 1976. Professor an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin (1976 -2002). Dekan 1987-1991, Vizepräsident und Präsident 1995-2002. Gastprofessor City University of New York 1990, Summer Schools in Rio de Janeiro und Montevideo 1987, 1988. Mitgliedschaften: Astronomische Gesellschaft, Deutsche Physikalische Gesellschaft, Vorsitz Physikalische Gesellschaft zu Berlin (1991-1993), Optical Society of America (Peer Reviewer, Applied Optics bis 2014). Präsident E.h. Chang -Shin College, Masan, Korea. Professor E.h., Yanbian University of Science and Technology, Yanji, China. Stiftungsbeirat der Stiftung Benedictus Gotthelf Teubner, Leipzig (seit 2014). Bücher: Holographie, Springer 1993; Holography, Wiley-VCH 2007; In Acht und Bann, EAGLE 2015; Alfred Ackermann-Teubner, EAGLE 2016.
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Unternehmer wider Willen
Richard, fünf Jahre jünger als Karl Herrmann, zeigte großes Interesse an der Wissenschaft und wollte, wenn auch etwas schwächlich geboren und häufig kränkelnd, die wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Zunächst wurde er im Elternhaus von einem Hauslehrer unterrichtet, den er auch im späteren Leben immer wieder als Gesprächspartner suchte. Als Richard dann mit 13 Jahren auf die Nicolai-Schule in Leipzig ging, starb sein Bruder Karl Herrmann. Damit änderte sich sein Leben radikal, denn Benedictus Gotthelf war nun davon überzeugt, dass der verbliebene Sohn Richard sein natürlicher Nachfolger werden sollte. Aber Richard hatte bis zu dieser Wende ganz andere Interessen verfolgt. Er war ein sensibler, zur Poesie neigender Mensch. Sein Interesse, ja seine Gier nach wissenschaftlichen Kenntnissen und Gesprächen mit Gelehrten war deutlich ausgebildet. Die plötzliche Änderung seiner Lebensplanung muss für Richard ein Schock gewesen sein. Nur – konnte man sich damals gegen den ausdrücklichen Wunsch des Vaters wenden, des Prinzipals in Familie und Betrieb?
In einem Nachruf auf Richard – wir werden über seinen Tod weiter unten berichten –, den sein Vater für Freunde und Familie verfasste, beschreibt Teubner den Entschluss Richards, den Beruf seines Vaters zu ergreifen, so: „Als der Tod seines älteren Bruders [Karl Herrmann] den Vater der Hoffnung auf eine dereinstige Stütze und einen Fortsetzer des Geschäftes beraubte, da erkannte er [Richard] sogleich als eine heilige Kindespflicht, diesen Verlust zu ersetzen, das Fach seines Vaters zu ergreifen und solches späterhin gemeinschaftlich mit ihm fortzuführen.“ [Teubner 1842, S. VII]. Die Formulierung dieses Satzes kommt einem Treueschwur gleich und wir fragen uns, ob das tatsächlich so eindeutig Richards Wunsch war. Formuliert hat es ja sein Vater.
Benedictus Gotthelf Teubner konnte sich nichts anderes vorstellen, als dass nun der zweite Sohn die Aufgabe der Nachfolge zu übernehmen hatte. Das verstehen wir. Und es schien ein Glück zu sein, noch einen Sohn zu haben. Was aber war Richards Vorstellung über seine Zukunft? Haben wir dazu Belege?
Richard war kein Mensch, der sich auflehnte, und hing zu sehr an seinem Vater, um eine andere Entscheidung zu treffen. Erst der weitere Verlauf der Geschichte zeigte Benedictus Gotthelf Teubner, dass es mit dem Verlag auch gut hätte gehen können, wenn Richard von Anfang an einen anderen Weg gegangen wäre. Richard war 12 Jahre alt, als sein älterer Bruder starb. Mit 15 Jahren schrieb er einen Weihnachtsbrief an seinen Vater. Sicher nichts Ungewöhnliches. Der Brief ist datiert vom 24. Dezember 1832. Für einen 15-Jährigen, das fällt auf, hat Richard eine ausgewogene, klare Handschrift. In diesem Brief finden wir einige Hinweise, wie Richard selbst seine Zukunft sah. In dem Weihnachtsbrief, den er am Weihnachtsabend seinem Vater überreicht haben wird, schrieb er in den ersten Zeilen (mit der Orthographie der damaligen Zeit transkribiert):
„Theurer Vater,
nicht glaubten wir, dass wir dieses Weihnachtsfest mit den Gefühlen feiern würden, ohne welche es seinen Werth gänzlich verliert; schwere Sorgen, harte Lasten drückten Dich; doch siehe Gott hat geholfen, so dass auch wir dieses Fest feiern, dessen wir uns durch die Liebe des Allgütigen erfreuen.
Dank Dir, guter Gott, dass Du so liebevoll halfst und [uns] auch in großer Not nicht verließest, Dank aber auch Dir, bester Vater, dass Du uns im Hinblicke auf uns alle dieses Geschehene mit so unendlicher Geduld überwunden hast, es belohne Dich dafür unsere Liebe!“
Hintergrund der von Richard beschriebenen Not, die „der gute Gott“ abgewendet hat, ist ein starker wirtschaftlicher Einbruch beim Buchverkauf. Teubner gelingt es, sich im Zeitungsdruck zu engagieren. Mit Erfolg. Es geht wieder aufwärts. Im weiteren Verlauf dieses Briefes schreibt Richard: „… Wollte Gott, ich könnte Dir beistehen! Doch da nun einmal, da nur in der Zeit der Jugend es möglich ist, sich mit nützlichen Kenntnissen zu bereichern, so benutze ich mit Deinem Willen diese volle Zeit und bestrebe mich, sobald als möglich das Ziel zu erreichen, welches meinen wissenschaftlichen Bemühungen bestimmt ist, und bin ich dort angelangt, so gebe Gott Kräfte, Dir das zu sein, was Du wünschest und verlangst! – “
Hier sprach Richard an, was sein Vater von ihm erwartete. Aber er formulierte es anders als sein Vater. „Ich will erst durch Ausbildung meine wissenschaftlichen Ziele erreichen“, schrieb er. „Dann gebe mir Gott Kräfte, das zu sein, was Du wünschst und verlangst.“ Es war des Vaters Wunsch, das war ihm klar seit dem Tode seines Bruders. Und das wird für uns überdeutlich. Seine Wortwahl machte deutlich, dass er einem Wunsch des Vaters folgte; der Vater wünschte – nein er verlangte es.
Geschickt hatte Richard in dem Brief seine Wünsche und die seines Vaters deutlich dargestellt. Im Druckereiwesen zu arbeiten, das war seine Intention nicht gewesen. Man erkennt aber auch, dass er sich nicht gegen den Wunsch seines Vaters auflehnen würde.
Wie hat Richard seinen Wunsch, erst einmal sein wissenschaftliches Ziel zu erreichen, umgesetzt? Richard Teubner war ein sehr begabter Schüler, denn schon drei Jahre, nachdem er in die Nicolaischule eingetreten war, belegte er einen Kursus an der Handelsschule, um Rechnungswesen, Buchführung und anderes mehr zu lernen, was er für seinen späteren Beruf brauchte. Sein Vater übernahm die Position eines Lehrmeisters für die Aufgaben, die im Betrieb auf Richard zukommen sollten. Nicolaischule und Handelsschule schloss er mit besten Zeugnissen ab. Es zeigt sich darin auch sein zielstrebiger Charakter; er hatte, so schien es, die besten Voraussetzungen für seine späteren Aufgaben im Verlag.
Benedictus Gotthelf Teubner hatte inzwischen beschlossen, einen Zweigbetrieb, eine Buchdruckerei in Dresden zu eröffnen. Das geschah 1833 und sollte Richards zukünftige Wirkungsstätte sein. So wollte der Vater gemeinsam mit dem Sohn die größer werdende Firma leiten, bis Richard den Betrieb in Leipzig übernehmen würde. Aus den Erinnerungsblättern des Vaters erfahren wir, wie Richard diese Vorbereitungen aufnahm. Mit Feuereifer schien er sich auf seine zukünftige Aufgabe vorzubereiten, die ihm durch den frühen Tod seines Bruders zugefallen war – schreibt der Vater. Wo blieb sein Hang zu den Wissenschaften, den Geisteswissenschaften und den Naturwissenschaften? Gingen seine Wünsche nach wissenschaftlichem Studium in der großen Zuneigung zum Vater und dessen Zukunftsplänen einfach unter?
Richard Teubner muss seinen Vater überzeugt haben, dass die bisherige Ausbildung nicht reichte. So konnte er die letzten zwei Jahre bis zur Übernahme der Dresdener Filiale ein Studium an der Leipziger Universität absolvieren. Was in ihm steckte und was sein Verlangen war, konnte er in dieser Zeit mehr als deutlich zeigen, als alle Ausbildungsschritte abgeschlossen waren, die ihn für eine Tätigkeit im väterlichen Betrieb befähigten. Die Belegliste an der Universität gleicht einem Dammbruch. Endlich konnte er sich „austoben“: Universalgeschichte, Geschichte des Altertums, Fundamental-Philosophie, Logik und Metaphysik, Rechtsphilosophie, Geschichte der Philosophie seit Cartesius, Technische Chemie. Das letzte Fach „Technische Chemie“ steht etwas verloren in der Aufzählung hochkarätiger, geisteswissenschaftlicher Fächer. Vermutlich war das Fach für die Arbeit im Verlagswesen, in der Druckerei eine Grundlage. Oder war es ein Zugeständnis an den Vater? Wir wissen es nicht, können nur vermuten. Die anderen Fächer zeigen, was ihn im Innersten interessierte. Am Ende dieser Universitätszeit soll Richard gesagt haben, dass es die zwei schönsten Jahre seines Lebens gewesen seien.
Was ging in seinem Vater vor, als er diese Belegliste sah? Der Sohn hatte nicht gegen die Festlegung seines Berufes rebelliert. Seine Interessen waren aber ganz andere. Das scheint Teubner nicht gesehen, nicht verstanden zu haben. Er sah in ihm nur den kommenden Nachfolger. Ein tragisches Missverständnis, wie sich zeigen sollte, wie es in Familienunternehmen vorkommen kann. Die Idee, die Nachfolge mit Richard zu sichern, beherrschte Teubner zu sehr. Teubner sah in Richard sich selbst. Mit diesem Einsatz und Eifer war auch Benedictus Gotthelf Teubner in seine Ausbildung gegangen, war nach der Ausbildung in ferne Länder gezogen und hatte die Reise abgebrochen, als die Pflicht und die Familie ihn nach Leipzig zurückrief und mit Aufgaben überhäufte.
In dem Nachruf des Vaters auf Richard wurden dessen Zeugnisse und Leistungen mit Stolz dargestellt. Sie zeigen uns, dass Richard wohl gerüstet für seine späteren Aufgaben war. Aber Teubner erwähnte dann auch ausführlich Richards Hang zur Poesie, zur Musik und zum Dramaturgischen. Es gab kein Fest, weder in der Familie noch im Betrieb, zu dem Richard nicht wenigstens ein Gedicht...




