Adamaschwili | In diesem Buch stirbt jeder | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Adamaschwili In diesem Buch stirbt jeder


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-86391-291-8
Verlag: Verlag Voland & Quist
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-86391-291-8
Verlag: Verlag Voland & Quist
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Memento Mori eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht, findet er heraus, dass er eine Romanfigur ist und die Superkraft hat, durch Bücher zu reisen. Er setzt sie gegen die gnadenlosen Autorinnen und Autoren der Weltliteratur ein, indem er versucht, ihre Figuren vor dem sicheren Tod zu bewahren: Romeo und Julia etwa will er vom Selbstmord abhalten, und Professor Moriarty stößt er selbst den Reichenbachfall hinunter, um Sherlock Holmes zu helfen. Doch dann erfährt Memento Mori, dass in seinem eigenen Roman jemand sterben soll, und er beschließt, alle Figuren zu retten. Aber sein Gegner ist der allmächtigste Antagonist aller Zeiten - der Autor selbst ... Beka Adamaschwili wurde mit seinem Debüt ro-man 'Bestseller' bekannt, für 'In diesem Buch stirbt jeder' wurde er mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet.

Beka Adamaschwili (*1990 in Tiflis) studierte Journalismus und Sozialwissenschaften an der Caucasus University in Tiflis. Für seine Kurzgeschichten, die bereits in frühen Jahren in Magazinen und Zeitungen publiziert wurden, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Als Blogger macht er mit satirisch-humoristischen Postings auf sich aufmerksam. Heute arbeitet Adamaschwili für eine große georgische Werbeagentur. Mit 'Bestseller' veröffentlichte er 2014 seinen Debütroman, der in Georgien schnell zum echten Bestseller avancierte und auf der Shortlist für den besten Roman beim SABA- und Tsinandali-Preis stand.
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Prolog


Der Tod stellte den Wecker auf vier Uhr und dreiunddreißig Minuten.

Alles, was bei Schlaflosigkeit gezählt werden sollte, hatte er gezählt. Erst Schafe (zehntausendeinhundertzehn!), dann durchwachte Nächte (siebentausendsiebenhundertsiebzig!), danach die beim Schafe- und Durchwachte-Nächte-Zählen verschwendeten Sekunden (achtzehntausenddrei!) … Irgendwann merkte er, dass es außer dem sinnlosen Zählen von irgendwelchen Dingen noch sechshundertzwanzig andere Methoden gab einzuschlafen, und er beschloss, eine andere Strategie anzuwenden.

Erst mal dachte er: »Ich werde nichts denken«, dachte aber sogleich, dass es ja schon ein Gedanke war, wenn man darüber nachdachte, über nichts nachzudenken – und sein Schädel fing an zu brummen. Dann nahm er einen Band von Prousts Roman zur Hand und dachte, er könne auf diese Weise eventuell vor Langeweile einschlafen, bereute aber sogleich, Zeit mit Proust verloren zu haben. Weder half es, die Augen vor allem Unrecht zu verschließen, noch, sich eine öffentliche Lesung des mehrbändigen Telefonbuchs von Tokio vorzustellen. Schließlich winkte er ab und versuchte, sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass der Teufel, der niemals schlief, in einer viel schlechteren Situation sei, und starrte in Erwartung des Schlafes an die gegenüberliegende Wand.

Die gegenüberliegende Wand stellte den gemütlichen, aber leblosen Teil des Todesbüros dar. Links neben der Wand war die Tür, an der Tür ein riesiges Poster, auf dem Poster Jim Morrison – sein Lieblingssänger und ein kostbarer Bestandteil der noch zu schaffenden Sammlung. Diese Sammlung sollte insgesamt siebenundzwanzig einzigartige Exponate umfassen, aus denen der Tod dann die größte Band aller Zeiten zusammenstellen wollte. Bestehend aus schrillen Künstlern mit nicht weniger schrillen Namen und den Sequels der Hits verschiedener Epochen. Zum Beispiel »Also, Like, Haha and Wow« und »Five More Months, Please«.1 Für die Auswahl der kostbaren Exponate war allerdings die Präzision eines Juweliers vonnöten, denn je größer die Anzahl derer, die in die Sammlung gelangen sollten, desto größer die Gefahr, dass die Qualität der zukünftigen Band beeinträchtigt würde.

Gleich dort bei der Ecke, in der die erste Wand auf die zweite traf, begann eine Ausstellung von unzähligen (achtzigtausendsiebenhundertfünfundvierzig!) ungewöhnlichen Fotos. Darauf war er selbst abgebildet. Sein ganzes Wesen. Eine Art Chronik eines angekündigten Todes bei der Arbeit. Mit rasch auf die Ränder gekritzelten , die seine ganze Geschichte treffend beschrieben – :

An der dritten Wand hing eine riesige Sense. Diagonal. An zwei Nägeln. Nachdem neue Technologien eingeführt worden waren, benutzte der Tod sie seltener. Meistens nur als Selfie-Stick, und das auch nur, weil er ja ständig mit Sense abgebildet wurde und die visuellen Gewohnheiten der Menschen hartnäckig waren. Dabei war er ja kein kleiner Junge mehr und fand es selbst sterbenslangweilig, auf allen Bildern mit Sense herumzulaufen. Sogar sein Cursor hatte die Form einer Sense. Auf einem speziellen Gerät der Firma Atropos2, auf dem in einem riesigen Überordner, benannt »Menschheit«, zahllose (siebzigtausendvierhundertzwanzig!) Unterordner (zum Beispiel »Krieg«, »Katastrophe«, »Krankheit«, »Unglücksfall«, »Alter«, »Terrorismus«, »Kreuzigung«, »Darwin Award«3) und sieben Milliarden achthundert Millionen fünfhunderttausenddreihundertzwanzig (was für unbezahlbar zahllose Zahlen!!!) Dateien gespeichert waren. Die Arbeit des Todes bestand darin, die stetig dazukommenden Dateien in die Unterordner zu verteilen und in regelmäßigen Abständen Ordnung in den Ordnern zu schaffen.

Über dem Atropos gab es Regale, die größtenteils mit Büchern von Terry Pratchett gefüllt waren. Nach Meinung des Todes hatte Pratchett so lange unvergessliche Bücher geschrieben, bis er ihn in seinen Unterordner »Alzheimer« hatte verschieben müssen. Auch die anderen Romane waren nicht weniger meisterhaft verfasst. In den Regalen standen Bücher von Mann, Zusak, Saramago, Christie … Kurzum, alle, die unsterblich hatten werden wollen, indem sie über den Tod schrieben und damit zur Belebung seiner narzisstischen Bibliothek beigetragen hatten.

… Der Tod rieb sich mit den Daumen- und Zeigefingerknochen die auf die Wand starrenden Augenhöhlen. Seine Schlaflosigkeit war ausschließlich durch psychologische Faktoren bedingt. Er hatte Angst, vor Müdigkeit so fest einzuschlafen, dass der Wecker nichts würde ausrichten können. »Nur noch heute, und dann werde ich auf jeden Fall zum Psychologen gehen«, dachte er.

Der letzte Psychologe, vor dessen Tür er gestanden hatte, war Freud gewesen. Im Jahre neunzehnhundertneununddreißig. Aber das war eher ein Arbeitsbesuch gewesen, denn die Datei »Sigmund Freud – 1856« hatte schon lange im Unterordner »Schwere Krankheit« gelegen und der Psychologe damals selbst auf der Couch.

»Egal. Er konnte besser über Schlaf reden als über Schlaflosigkeit«, redete der Tod seinem Schädel beruhigend zu und erinnerte sich, dass seine Schlaflosigkeit sehr lange vor Freud begonnen hatte. Genauer gesagt, in jenen Situationen, in denen er besonders wach hätte sein müssen. Er war jedoch eingeschlafen – und die Weltgeschichte war radikal anders verlaufen …

Alois hätte nachts beim Sex sterben müssen. Unbedingt. Auf jeden (Todes-)Fall. Sonst würde das Experiment anders verlaufen, und der Tod müsste seinen eigenen strengen Schöpfern Rede und Antwort stehen.

An jenem Abend hatte Alois nicht dem Tod, sondern den Getränken den Kampf angesagt. Er war so betrunken, dass ihm zunächst ein Finger wie zwei erschien, zwei wie vier, vier wie acht; diese scheinbaren anatomischen Fehlbildungen bewirkten, dass er sich gezwungen fühlte, die Augen zu schließen und durch leichtes Kopfschütteln wieder in die Realität zurückzukehren. Aus dem gleichen Grund erschienen ihm, nachdem er unter sechzehn Türen die richtige ausgemacht hatte, erst eine Klara, dann zwei Klaras, dann vier, dann acht, sodass er die Augen schloss, den Kopf leicht schüttelte und, bevor sich die eine Klara wieder hinterrücks vermehrte, diese zwecks Vermehrung ins Schlafzimmer zog.

Der Sex war nicht so, wie er in Filmromanzen dargestellt wird. Eher so wie in Dokumentarfilmen. Genauer gesagt, wie denen auf Animal Planet. Alois keuchte wie ein Lumière’scher Zug, der in den Bahnhof einfährt, und Klara war stumm wie das Lumière’sche Kino.

Genau in dem Moment hätte die sorgfältig geplante Herzattacke kommen müssen.

Aber der Tod hatte verschlafen.

Glück für Alois. Pech für die Menschheit.

Nach ein paar Minuten war Alois fertig und rollte sich mit einem kleinen Seufzer von Klara herunter aufs Bett.

Auf den ersten Blick hätte diese Nacht, wie tausend andere Nächte auch, unspektakulär sein sollen, aber dieses Mal lief alles anders – der kleine Adolf besiegte spielend seine Konkurrenten und spurtete blitzschnell Richtung Eierstöcke davon …

Die unangenehme Erinnerung daran raubte ihm nicht nur den Schlaf, sondern auch den Gedanken an den Schlaf. Er stand auf, zog den Umhang aus und betrachtete sich im Spiegel. »Ein bisschen mehr auf den Rippen könnte mir wirklich nicht schaden. Ich bin ja nur noch ein Knochengestell«, dachte er, hängte den Umhang über den elektrischen Stuhl und grübelte über den langersehnten Urlaub nach. Den hätte er schon viel früher verdient gehabt. Viele Millionen Jahre waren vergangen, nicht einen Tag hatte er pausiert. »Was hat ER schon auszustehen! ER kann sich wenigstens sonntags ausruhen«, murmelte er und bemerkte jemanden im Dunkeln. Halluzinationen hatten ihm gerade noch gefehlt! Er rieb sich mit den Fingerknochen die Augenhöhlen und schaute genauer hin. Es war niemand zu sehen.

Er beruhigte sich, legte sich hin und dachte weiter nach. Wie die Zeit verging. Er erinnerte sich an Abel, als wäre es im vorigen Jahrhundert gewesen. Damals war er nur als einfacher Assistent beschäftigt und hatte maßlose Anpassungsschwierigkeiten bei der Arbeit gehabt. Wie lange er allein schon Methusalem auf den Fersen war … Und dann dieser furchtbare Regen. Vierzig Tage lang hatte er ohne Pause gearbeitet, doch dann war wegen eines versoffenen Tischlers die ganze Arbeit ins Wasser gefallen. Beim Stichwort Wasser kam ihm die in den Sinn. Furchtbar kalt war es in jener Nacht gewesen – es war einem direkt in die Knochen gefahren … Brrr … Er erschauerte. Allerdings konnte er sich ebenso an Hitze erinnern. Einmal war es in London so teuflisch heiß gewesen, dass alles verbrannte. Als er an Feuer dachte, schwebte ihm komischerweise auch Archimedes vor. Ein heißes Bad … zusammen mit Marat...


Beka Adamaschwili (*1990 in Tiflis) studierte Journalismus und Sozialwissenschaften an der Caucasus University in Tiflis. Für seine Kurzgeschichten, die bereits in frühen Jahren in Magazinen und Zeitungen publiziert wurden, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Als Blogger macht er mit satirisch-humoristischen Postings auf sich aufmerksam. Heute arbeitet Adamaschwili für eine große georgische Werbeagentur. Mit "Bestseller" veröffentlichte er 2014 seinen Debütroman, der in Georgien schnell zum echten Bestseller avancierte und auf der Shortlist für den besten Roman beim SABA- und Tsinandali-Preis stand.



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