Adams | Das geheime Spiel des Marquess | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 418, 256 Seiten

Reihe: Historical

Adams Das geheime Spiel des Marquess


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7515-3154-2
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 418, 256 Seiten

Reihe: Historical

ISBN: 978-3-7515-3154-2
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sein Ruf als sorgloser Lebemann bietet George Claremont, Marquess of Curran, die perfekte Tarnung für seine wahre Herzensangelegenheit: Seit Jahren kämpft er im Verborgenen gegen Kinderarbeit in den Fabriken - mit allen Mitteln! Um Zugang zu Londons größten Baumwollspinnereien zu erlangen, ist er jetzt sogar bereit, die Tochter des Besitzers zu heiraten. Doch als er auf einem Ball versehentlich den falschen Raum betritt und in eine kompromittierende Situation mit der gefährlich betörenden Debütantin Kitty Fitzroy gerät, droht sein Vorhaben jäh zu scheitern. Oder hat er in Kitty etwa die perfekte Verbündete gefunden?

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1. KAPITEL


Miss Katherine Fitzroy – die von den meisten Kitty genannt wurde – war inzwischen so etwas wie eine Fachfrau für gute Nischen geworden.

Eine gute Nische – so schätzte sie – war einigermaßen geräumig und doch gerade so beengt, dass niemand in Versuchung geraten konnte, sich zu ihr zu gesellen. Eine exzellente Nische würde diese Anforderungen erfüllen und vielleicht auch noch die Ausläufer eines kunstvoll gemalten Freskos aufweisen, das sie zum Nachdenken anregen würde, während sie dort stand und jeglichen Kontakt mit anderen Menschen vermied.

Ihre Bestürzung, als sie feststellte, dass der Ballsaal heute Abend ovalförmig wie ein Ei war, war grenzenlos gewesen.

Es gab keine Nische, in die sie sich hätte zurückziehen können. Im gesamten Ballsaal war kein einziger Vorsprung, keine Ecke zu entdecken. Es war zum Verrücktwerden.

Und ja, ein Plätzchen an der Wand würde sich wohl finden lassen, aber das war einfach nicht das Gleiche wie eine Nische.

Sie seufzte und sah sich um.

Sie wollte nichts weniger, als dass man sich ihr näherte.

Weder zum Tanzen noch zum Reden.

Die Londoner Saison stellte eine Herausforderung für sie dar. Sie war nach dem Tod ihres Vaters vor zwei Jahren nach London gezogen, aber sie hatte sich mehr oder weniger im Haus ihrer Tante und ihres Onkels – der Duchess und des Dukes of Avondale – versteckt gehalten, weil sie bislang zu jung gewesen war, um in der Gesellschaft zu debütieren. Das hatte ihr arg zugesetzt, allein und so weit entfernt von ihrem ruhigen Leben auf dem Lande, wo sie nichts anderes kannte als endlose Tage des Lesens, Reitens und Spazierengehens.

Und Kummer. Dort hatte es allerdings auch Kummer gegeben. Hier … war es trubelig.

London war voll von Sehenswürdigkeiten, Gerüchen und Geräuschen. Oberflächlich betrachtet war es lebendig und aufregend, und es hatte einen Moment gegeben, in dem sie sich davon hatte gefangen nehmen lassen. Aber je länger sie hier war, umso weniger faszinierend wirkte die glitzernde Welt der Aristokratie auf sie. Vielmehr fiel ihr inzwischen immer häufiger auf, welch ungeheuerliche Ungleichheiten in der Metropole herrschten. Hier in der Stadt war sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit großer Armut konfrontiert worden – wahrer, hoffnungsloser Armut.

Es war ja nicht so, dass es in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen war, keine armen Menschen gegeben hätte. Sie selbst gehörte sicherlich nicht zu den Wohlhabenden. Aber die Menschen auf dem Land kümmerten sich um ihre Armen. Sie brachten ihnen Frühstück. Körbe voll mit Essen. Decken. Und obwohl das in der Stadt durchaus auch geschah, waren die Armen den Reichen zahlenmäßig weit überlegen. Und zum größten Teil blieben sie einfach sich selbst überlassen, was einen ganz trübsinnig machen konnte.

Abermals seufzte sie und griff in ihr Retikül. Darin befand sich ihr Strickzeug. Sie arbeitete gerade an einem Paar Socken.

Socken. Ausgerechnet Socken.

Sie wusste, dass die Duchess of Avondale, ihre Tante, Gönnerin und Beschützerin, es gut mit ihr meinte, indem sie sie stricken und Socken für die Kinder im Krankenhaus anfertigen ließ.

Es war eine Einführung in die Philanthropie, und Kitty nahm an, dass sie dankbar dafür sein sollte. Kittys Cousine Hattie – obwohl sie inzwischen verheiratet war und ihr neues Leben als Ehefrau genoss – war überaus engagiert für das Krankenhaus und hatte ihre Mutter dazu gebracht, sich ebenfalls dafür einzusetzen – bis zu einem gewissen Grad. Anne, ihre andere Cousine, Hatties Zwillingsschwester, lebte noch zu Hause, genau wie Kitty, und sie alle unterstützten Hattie in dieser Sache.

Die Duchess war mehrfach darauf hingewiesen worden, dass sie, anstatt ein üppiges Essen zu finanzieren, um die Damen des ton zum Sockenstricken zu bewegen, einfach eine Spende an das Krankenhaus entrichten könnte. Aber sie schien diesen Punkt nicht zu verstehen. Egal, wie oft sie darauf angesprochen wurde.

Und so strickte Kitty Socken. Sie strickte sie wie besessen. Sie strickte sie, während sie über die Gräueltaten dieser Welt nachdachte.

Sie strickte sie, während sie über die Abscheulichkeit nachdachte, ein Paar Socken für ein Kind zu stricken, das nur noch einen Fuß hatte, da es bei einem Fabrikunfall verstümmelt worden war. Ein Fabrikunfall. Kinder sollten nicht in Fabriken arbeiten.

Eine weitere ungeheuerliche Sache, die Kitty endlos beschäftigte und aufregte.

Ein weiteres Problem bei all diesen Feierlichkeiten war, dass die Leute über Mode sprechen wollten. Sie wollten über den Klatsch und Tratsch im ton reden. Sie spekulierten darüber, wer den Titel „Skandalösesten der Gesellschaft“ wohl erhalten würde, den George Claremont, Marquess of Curran, unbedingt für sich beanspruchen wollte.

Es war alles so oberflächlich. So sinnlos.

Und Lord Curran war vielleicht der Versnobteste von allen.

Er war ein Claremont. Er hatte Zugang zur Politik wie nur wenige andere. Ein allseits begehrter Heiratskandidat, Erbe eines Herzogtums, und was tat er? Er trieb sich in Ballsälen herum, trank und sah viel zu gut aus in seiner maßgefertigten Kleidung, die so viel gekostet hatte, dass sich eine ganze Familie ein Jahr lang davon ernähren könnte. Wenn man seine Stiefel verkaufte, könnte man mit dem Erlös ein Waisenhaus gründen.

Aber da war er und stolzierte herum. Mit viel Pomp und sehr wenig Zurückhaltung.

Sie schnaubte leise, und ließ ihre Nadeln fleißig klackern, während sie an der winzigen Socke arbeitete. Das Wollknäuel war sicher in ihrem Retikül verstaut, und sie beugte sich leicht vor, um zu sehen, was sie tat.

Aus Prinzip hatte sie darum gebeten, heute Abend eines von Hatties ausrangierten Kleidern auf dem Ball tragen zu dürfen. Die Duchess hatte sich darüber aufgeregt, aber Hattie hatte sich für Kitty stark gemacht, was Kitty sehr zu schätzen wusste.

Sie bemühte sich sehr, an ihren Prinzipien festzuhalten, auch wenn sie dazu gezwungen war, sich der Gesellschaft, in die sie hineingeboren worden war, zumindest ein Stück weit anzupassen.

Sie hatte keine andere Wahl. Und sie wusste es.

Sie musste heiraten, sonst hatte sie keine Ahnung, was aus ihr werden würde. Die Nächstenliebe des Dukes und der Duchess ihr gegenüber war gewiss nicht endlos. Sie war eine von diesen armen Verwandten. Ihr Vater hatte alles aufgegeben, um mit ihrer Mutter zusammen zu sein. Er hatte wenig Geld gehabt. Er hatte sich auch in der Wohltätigkeit engagiert, und Kitty war stolz darauf. Aber sie war ohne Mitgift zurückgelassen worden. Es waren der Duke und die Duchess of Avondale, die für sie sorgten. Es waren der Duke und die Duchess, die ihr die Chance gaben, sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Kitty glaubte gern, dass sie praktisch veranlagt war. Es gab eine Art, wie die Welt sein sollte, und es gab eine Art, wie sie tatsächlich war. Dass eine Frau in ihrer Position heiraten musste, um zu überleben, war einfach der Lauf der Dinge, aber das bedeutete nicht, dass sie sich auch darauf freute, irgendwann eine Ehefrau zu sein. Darauf, nicht mehr unter der Obhut ihres Vaters zu stehen, sondern unter der ihrer Tante und ihres Onkels und schließlich unter der eines Mannes, der ein Fremder sein würde. Ein Mann, den sie ihren Ehemann nennen würde.

Allein der Gedanke daran ließ alles in ihr rebellieren. Sie war achtzehn. Es war ihre erste Saison. Sicherlich hatte sie noch ein bisschen Zeit. Hattie und Anne hatten ihr Debüt erst mit zwanzig gehabt, also schien es nur fair, dass Kitty noch eine Weile zumindest halbwegs in Freiheit verweilen durfte.

Diese Veranstaltungen waren einfach zu langweilig.

Sie würde anfangen müssen, sich heimlich Romane in ihr Retikül zu stecken.

Bei dem Gedanken musste sie lächeln.

Sie strickte eifrig weiter, als eine Welle weiblicher Erregung durch den Ballsaal schwappte, so wie eine Böe einen stillen See in Aufruhr versetzen konnte. Und sie wusste genau, warum. Es war der skandalumwitterte Marquess selbst.

Lord Curran war eingetroffen.

Verspätet und bereits angetrunken, wenn sie sich nicht täuschte.

Sie versuchte mit der Wand zu verschmelzen.

Und ließ die Nadeln mit noch mehr Entschlossenheit klappern.

Sie weigerte sich, aufzublicken. Sie war beschäftigt.

Aber sie konnte die Veränderung der Atmosphäre spüren, die Energie, die von diesem Hallodri ausging. Und es war eine Menge davon. Sie biss die Zähne zusammen und begann vor sich hin zu summen. „Soldiers of Christ, Arise.“

Ja, sie dachte an ihre christliche Pflicht.

Stricken, stricken, stricken. Masche um Masche um Masche. Wie ein Soldat, der marschiert. Die Socke würde so akkurat sein wie jede andere Socke, und sie würde sich nicht nur wie ein Trostpflaster für das Unglück anfühlen, nur einen Fuß zu haben. Sie würde ein schönes Geschenk sein, weich und angenehm zu tragen. Stricken, stricken, stricken.

Sie konzentrierte sich so sehr, dass sie die nächste Unruhe im Raum um sie herum nicht wahrnahm.

Plötzlich lichteten sich die Reihen, als Lord Boreham sich seinen Weg durch die Menge bahnte.

Kitty sah auf. Sie hatte noch nie länger mit dem Mann gesprochen. Aber er hatte eine ziemlich ernste...



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