E-Book, Deutsch, 410 Seiten
Adams Meine Chaos-Hochzeit in Australien
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96148-231-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 410 Seiten
ISBN: 978-3-96148-231-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jessica Adams deutet als Astrologin für Marie Claire und The Australian Women's Weekly die Sterne. Im Laufe ihrer Karriere hat sie außerdem schon für etliche weitere Frauenmagazine wie Elle, Vogue, Cosmopolitan und Harper's Bazaar gearbeitet. Ihre Horoskope-Webseite zieht jährlich über 2,8 Millionen Besucher an. Die Website der Autorin: www.jessicaadams.com Von Jessica Adams erscheint bei dotbooks auch das folgende eBook: »Liebesglück im Posteingang«
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Kapitel 1
Zwischen seinem achtundzwanzigsten und neunundzwanzigsten Geburtstag war Harry Gilby zu fünfzehn Hochzeiten eingeladen. »Und jetzt ist schon wieder eine«, beklagte sich Harry am Frühstückstisch bei seinen Eltern. »Und außerdem sind in diesem Müsli Klumpen drin, ist das schon jemandem aufgefallen?«
»Das ist nicht nur irgendeine Hochzeit, es ist die deines Bruders«, sagte sein Vater. »Und sie findet in ungefähr drei Stunden statt, also mach dich fertig. Kann ich was von dem Müsli haben, oder nimmst du gerade eine Hypothek darauf auf?«
Seine Eltern, stellte Harry fest, trugen die gleichen weißen Frotteemorgenmäntel. Wie lange lief das schon so? Ihm wurde bewusst, dass es schon Jahre her war, seit er sie vor elf Uhr morgens gesehen hatte. Er bemühte sich, nicht hinzusehen, schenkte sich schwarzen Kaffee ein und versuchte, wach zu werden, indem er das Koffein und den Dampf inhalierte.
»Ich gehe nur noch zu Hochzeiten«, beschwerte sich Harry, »und mir ist schnurzegal, ob es Richards ist.«
Er hatte vom feucht fröhlichen Junggesellenabschied seines Bruders einen schlimmen Kater und trug immer noch die Klamotten, in denen er geschlafen hatte. »Und können wir dieses Radio leiser drehen?«
»Das Wetter«, sagte sein Vater und gestikulierte in Richtung der laut plärrenden Stereolautsprecher. »Wir brauchen das Wetter für die Hochzeit.«
»Jaja, aber das ist das Wetter für jedes einzelne Kaff in Australien. Dunedoo, Gundagai, Kurri Kurri, Scone«, leierte Harry herunter. »Bacchus Marsh, Dimboola, Chinchilla ... Müssen wir uns über den Niederschlag von Scheiß Woy Woy bis Scheiß Wee Waa informieren, nur damit sie im Garten heiraten können?«
»Du glaubst nur wegen deines Alters, dass ununterbrochen geheiratet wird«, sagte seine Mutter und drehte das Radio leiser. »Und das ist natürlich. Wenn man Dreißig wird, will man sich niederlassen.«
Harry schnitt sowohl ihr als auch dem muffigen Müsli eine Grimasse. »Debbie Harry ist auch über Dreißig und hat sich nie niedergelassen.«
»O nein, nicht schon wieder Debbie Harry, nicht heute Morgen, das halt ich nicht aus«, sagte Mrs. Gilby schnell.
Beleidigt mampfte Harry schweigend vor sich hin, während seine Eltern sich Teile der Tageszeitung reichten. Jedes Mal, wenn er die Hand auf der Tischdecke abstützte, fing sie leicht zu zittern an, stellte er zufrieden fest. Es war gut, unwiderlegbare Beweise dafür zu haben, dass er wirklich so krank war, wie er sich fühlte.
»Oh, schaut nur«, sagte seine Mutter schließlich und starrte auf die Titelseite. »Bill Gates hat sein ganzes Geld verschenkt.«
»Ach, ich versteh schon«, sagte Harry. »Ich darf nicht mehr über Debbie Harry reden, aber du über Bill Gates.«
»Ja, aber wir reden auch nicht die ganze Zeit über ihn«, erklärte sein Vater.
»Und wir haben kein großes erotisches Foto von ihm an der Schlafzimmerdecke hängen, auf dem er sich die Lippen leckt«, sagte seine Mutter bedeutungsvoll.
Harry versuchte, sie zu ignorieren, und schenkte sich noch einen schwarzen Kaffee ein. Sein Kater war so schlimm, dass es jedes Mal, wenn Müsli zwischen seinen Backenzähnen knirschte, so klang, als würde in seinem Kopf renoviert.
»Außerdem glaube ich nicht, dass es stimmt, dass du nur noch zu Hochzeiten gehst«, sagte Mrs. Gilby unvermittelt und warf Harry über die Milchtüte einen Blick zu.
»Ich dachte, alle hätten ihre Hochzeiten bereits hinter sich gebracht, als ich fünfundzwanzig war«, beklagte sich Harry, den Mund voll Müsli. »Ich dachte, das wäre abgehakt. Aber in diesem Jahr war es wie eine Flutwelle. Alle, die es mit fünfundzwanzig nicht getan haben, heiraten jetzt. Und Richard will es sogar zum zweiten Mal in Angriff nehmen. Ich meine, er lässt sich gleich zweimal nieder.«
»Nun, ich muss jetzt zum Frisör«, sagte seine Mutter plötzlich und sah auf die Uhr. »Sarah ist schon dort – sie ist bereits seit sechs Uhr auf, die Ärmste.«
Harry gab missbilligende Töne von sich und machte den halbherzigen Versuch, so zu klingen, als täte Sarah ihm Leid – schließlich war sie Richards Zukünftige und folglich seine Anverwandte, nicht dass er wirklich wusste, was das bedeutete.
»Übrigens kannst du gern auch in den Salon kommen, Harry«, sagte seine Mutter, »oder willst du heute Nachmittag mit diesen Dingern im Gesicht erscheinen?«
»Dieser Backenbart, den du dir wachsen lässt«, sagte Dr. Gilby missbilligend. »Er gerät außer Kontrolle.«
»Das ist kein Backenbart«, erwiderte Harry seufzend.
»Was?«
»Das sind Koteletten. Backenbärte sind die Dinger, die man sonntagabends auf ABC in Charles Dickens sieht. Das hier sind Koteletten«, beharrte er. »Die sind geil.«
Harry wünschte, seine Eltern würden sich verziehen. Er war nicht daran gewöhnt, mit ihnen zu frühstücken. Obwohl er in der Blockhütte im Garten hinterm Haus lebte, frühstückte er meist allein – wenn er sich überhaupt die Mühe machte. Und er versuchte immer noch, die gleichen Morgenmäntel zu verdauen.
»Vergiss nicht, die Karte für Sarah und Richard zu unterschreiben«, erinnerte ihn sein Vater, »und du schuldest mir zweihundertfünfzig Dollar für den Kühlschrank.«
»Wir haben ihnen einen Kühlschrank gekauft? Richard hat doch schon einen!«, sagte Harry.
»Tja, Sarah und Richard haben gesagt, sie wollten einen neuen«, antwortete sein Vater schulterzuckend.
»Bitte recht freundlich«, erklärte Mrs. Gilby und nahm ihre leere Müslischüssel mit, als sie aus dem Zimmer ging. »Ich will, dass auf den Fotos alle lächeln.«
Als sie endlich weg waren – zu seinem Entsetzen sah er, dass seine Eltern auch gleiche weiße Frotteepantoffeln trugen –, trank Harry die restliche Milch aus der Tüte. Das würde ihm vielleicht beim Einschlafen helfen, dachte er, und wenn er die Hochzeit heute Nachmittag überstehen wollte, würde er ein Nickerchen brauchen können – oder wenn möglich ein Koma. Richards Junggesellenabschied hatte ihn fast umgebracht, selbst wenn er aus nichts Wilderem bestanden hatte als dem Saufen doppelter Scotchs und seiner persönlichen Wette gegen alle Pubbesucher, dass sie die Namen der Sieben Zwerge nicht vollständig aufzählen könnten.
Nachdem er die Katze seiner Eltern aus dem Weg geräumt hatte, machte Harry es sich auf der Couch bequem und schloss die Augen. Wenn seine Mutter vom Frisör zurückkam, würde er fast zu allen Schandtaten bereit sein, beschloss er – möglicherweise. Als er den Kopf zwischen die mit rötlichgelbem Katzenhaar übersäten Kissen klemmte, dachte Harry über den Tag nach, der vor ihm lag. Es erschien ihm moralisch falsch. Während Richard mit fünfunddreißig zum zweiten Mal heiratete, hatte Harry noch nicht einmal mit einer Frau zusammengelebt – obwohl er sich einmal auf einer Weihnachtsfeier besoffen und einem Schaf einen Heiratsantrag gemacht hatte.
Es war so einfach für Richard gewesen. Er war in London in irgendeine Konferenz gestolpert, hatte eine Blondine gesehen – die sich Sarah nannte –, die gerade versuchte, ein Fenster auszumessen, ausgerechnet, und dann hatte er ihr einfach angeboten, ein Ende des Maßbandes zu halten. Dann hatten sie gemeinsam an einer speziellen Bude in einem Londoner Park gegessen, die nur Sarah kannte, wo die getoasteten Hähnchensandwiches gut waren – oder so. Und dann hatte Richard Sarah in den Film Titanic eingeladen und ... bla, bla, bla, dachte Harry. Sechs Monate später Blitzhochzeit. Warum lief es bei ihm nie so?
Den schmerzenden Kopf in den Händen, drehte Harry sich auf der Couch auf die Seite und versuchte, es sich bequem zu machen. Er glaubte einfach nicht an Hochzeiten, beschloss er. Das war das ganze Problem – man konnte heutzutage von Frauen keine Liebe kriegen, außer man war bereit, sich mit ihnen abzugeben, und das war er nicht. Es gab pro Jahr etwa dreißig Hochzeiten in Compton, das, dem Lions-Club-Schild am Ortseingang zufolge, dreitausend Einwohner hatte. Harry wurde klar, dass heutzutage anscheinend die Hälfte dieser Hochzeiten Leute betraf, mit denen er zur Schule gegangen war, in einer Band gewesen oder Kricket gespielt hatte.
Er ging hin, weil er musste. Schließlich versuchten die Comptoner bei einer Hochzeit immer, eine gerade Anzahl von Leuten einzuladen. Aber er schlief ständig ein oder verlor die richtige Zeile im Gesangbuch oder ertappte sich bei falschen Gedanken, wie zum Beispiel: Wie, zum Teufel, wird sie in den nächsten fünfzig Jahren den Anblick seines behaarten Rückens ertragen? Manchmal, wenn er sich wirklich langweilte, stellte er sich die gesamte Gemeinde nackt vor.
Während er sich auf der Couch ausstreckte, dachte Harry an die beiden Hochzeiten zurück, auf denen er am Wochenende zuvor gewesen war. Bei einer davon hatte die Brautmutter ihre Pudel pink gefärbt. Die Braut, die eine Gladiole schwenkte, war mit heraushängenden Brüsten in einer Pferdekutsche vorgefahren, und danach hatten sie einen Riesenhummer mit einem weißen Zylinder aus einer Papierserviette serviert.
Auf der anderen Hochzeit, auf der er gewesen war, hatte die Schwester von irgendjemandem auf einer Hammondorgel »The Lady in Red« gespielt, und alle durften zum Andenken einen Bierseidel aus Glas mit nach Hause nehmen, auf den zwei verschlungene Herzen und das Datum eingraviert waren. Später hatte Harry den Bräutigam dabei ertappt, wie er auf dem Parkplatz in seinen Seidel kotzte, als er sich unbeobachtet fühlte.
Wenn Harry jetzt so darüber nachdachte, war das Schlimmste an den beiden Zeremonien das Entsetzen gewesen, das er verspürt hatte, als er sich fragte, wie es wäre, für den Rest seines Lebens mit einem...




