E-Book, Deutsch, 426 Seiten
Reihe: LYX.digital
Adams Nebenan funkeln die Sterne
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7363-0771-1
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 426 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-0771-1
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
When it rains look for rainbows.
And when it's dark look for stars.
Emma Martins führt ein aufregendes Leben - glaubt man ihrem erfolgreichen Instagram-Account. Tausende von Followern sehen sich täglich ihre Bilder an und lassen sich von ihnen motivieren. Doch die Wahrheit ist eine andere: Emma wohnt allein in einem winzigen Apartment in London. Der Kontakt mit anderen Menschen macht ihr Angst, vor die Tür geht sie nur selten. Einzig auf ihrer Dachterrasse, nachts, wenn die Stadt still ist und die Sterne leuchten, hat sie das Gefühl, richtig durchatmen zu können. Aber dann zieht der gut aussehende Nathan in die Wohnung nebenan - und bringt ihr Leben online und offline von einem Tag auf den anderen völlig durcheinander ...
Lilly Adams ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die mit ihrer Familie in München lebt. Nach dem Abitur und einem Zeitschriftenvolontariat absolvierte sie ein Diplomstudium der Germanistik, Journalistik und Kunstgeschichte in Bamberg. Heute arbeitet sie als Schriftstellerin, fürs Fernsehen, gibt Schreibseminare und lektoriert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
#GLÜCKPUR
BritMom @Em_dreams: Oh My God! Was für eine Yacht! Eure?
Em_dreams @BritMom: Schön wär’s :-) Nur für einen Tee bei Troys Chef dorthin eingeladen gewesen.
Mit dem Meer stimmte etwas nicht. Die Wellen waren viel zu hoch, das Wasser zu dunkel und der Himmel – der Himmel war eindeutig zu dramatisch. Dunkelgraue Wolkenfetzen zogen darüber hinweg, man meinte, den Wind in den Haaren zu spüren und ihn pfeifen zu hören. Ein wunderschönes Bild – für einen kalten Herbsttag, den man vor dem Kamin verbrachte, mit dampfendem Tee und dem Geruch eines Bratapfels in der Nase. Das Foto war vor gut eineinhalb Jahren entstanden, als sie Tante Gwen besucht hatte, zum ersten und bisher einzigen Mal. Aber heute war der Erste Mai, und weil der Regen beständig gegen ihr Fenster klopfte, wollte sie Frühlingsgefühle vermitteln. Und so wie es jetzt war, fehlte dem Foto eindeutig Wärme. Außerdem war am Wochenende das Wetter an der Küste herrlich gewesen – die Webcam von Worthing hatte Bilder voll Sonnenschein und knallblauem Himmel übertragen.
Natürlich hätte sie auch ein aktuelles Frühlingsfoto des Flieders posten können, der in einem riesigen Kübel auf der Dachterrasse blühte – doch ihr war klar, dass das letzte Travel-Foto viel zu lange her war. Sie brauchte ein Bild, dass allen unmissverständlich klarmachte: Ich war unterwegs! Raus aus London! Und dieses Küstenfoto war eines der wenigen, das dafür taugte.
Am Vortag hatte sie schon das sechs Jahre alte Yachtfoto gepostet, das sie bei der Abi-Abschlussfahrt zur Kieler Woche geschossen hatte – und dabei natürlich alle Hinweise auf Deutschland wegretuschiert: Fahnen, Inschriften, Bootsnamen.
Ihre Finger flitzten über die Menüpunkte, sie drehte am Kontrast, veränderte Farben, kopierte passende Bereiche und setzte sie an anderer Stelle wieder ein. Einfacher wäre es gewesen, ein x-beliebiges Bild von einer kostenlosen Fotoplattform herunterzuladen, aber das wollte sie nicht. Irgendwann wäre es vielleicht doch jemandem aufgefallen.
Zehn Minuten später schob sie ihren Stuhl ein wenig vom Schreibtisch zurück und betrachtete ihr Werk. Schon viel besser! Jetzt leuchtete der Himmel in einer satten Blaufärbung, die Wellen wirkten wie leichtes Gekräusel und das Meer hatte eine beinah karibische Färbung. Sie drehte das Türkis ein wenig zurück – schließlich war das hier die Südküste Englands und kein Strand auf den Bahamas.
Zufrieden übertrug sie das Foto auf ihr Handy, lud es auf ihrem Account hoch und schrieb die Worte darunter, die ihr schon beim Aufwachen heute Mittag eingefallen waren: »Herrliches Wochenende an der Küste verbracht! Noch immer ganz nah: der Geruch von Salzwasser, die Wärme der Sonne auf der Haut und das Geschrei der Möwen im Ohr – da kann die Woche nur gut starten! Was hat euch am Wochenende glücklich gemacht? #Worthing, #coast, #seaside, #sun, #happygirl.«
Es dauerte keine zwei Minuten, bis sie die ersten Herzchen bekam. Und wie so oft war BritMom die Schnellste bei den Kommentaren: »@Em_dreams: Danke für dieses wunderschöne Foto – sieht aus wie im Märchen. Hach! Wie gerne würde ich mal wieder ans Meer. Bei uns hat’s nur zum Indoor-Spielplatz und zu McDonald’s gereicht. Na ja, Hauptsache, die Süße hatte Spaß.«
Emma schickte ihr schnell ein paar Daumenhochs, einen Kuss-Smiley und den Kommentar: »Hätte deine Süße gerne die Spitze des Kletterturms erobern gesehen! Vielleicht klappt’s ja mal irgendwann.« BritMom war eine ihrer ersten Abonnentinnen gewesen, und sie hatten sich sogar schon ein paar private Nachrichten geschrieben. An BritMoms Fotos sah man sofort, ob es ihr gut oder schlecht ging. War sie happy, postete sie Bilder von besonders stylishen Frisuren, die sie ihren Kundinnen verpasst hatte. Ging es ihr schlecht, stellte sie düstere Gedichtzeilen ein, oft vor einem gothic-artig finsteren Hintergrund voller Todessymbolik. In letzter Zeit hatten die Gedichtzitate dominiert.
Fasziniert starrte Emma auf die rasch wachsende Zahl der Herzchen – knapp hundert waren es nun schon. Noch immer verblüffte es sie, wie schnell die Community reagierte. Waren denn immer alle ständig online? Wenn sie von sich ausging, musste sie diese Frage definitiv mit »Ja« beantworten.
Emma legte das Handy beiseite, schlürfte an dem Kaffee, der längst kalt geworden war, und starrte aus dem Fenster. Kurz vor sieben schon, sie musste endlich mit ihrer eigentlichen Arbeit beginnen. In Deutschland war heute Feiertag, in England erst eine Woche später. Sicher saßen ihre Eltern wieder nach der traditionellen Erster-Mai-Radltour beim abschließenden Grillen mit der gesamten Nachbarschaft zusammen, während ihre Schwester verkatert vom Tanz in den Mai den Tag im Bett verbracht hatte. Und zwar hoffentlich nicht allein.
Kurz zog es heftig, gleich unterhalb ihres Herzens, und Emma trank den letzten Schluck Kaffee. Sie atmete tief durch und konzentrierte sich auf die Aussicht hinter ihrem Fenster. Auf gar keinen Fall würde sie jetzt Heimweh bekommen!
»Troy!«, rief sie, doch es kam keine Reaktion. Der alte Kater schlich vermutlich mal wieder über die Dächer und würde erst heimkommen, wenn der Hunger unerträglich geworden war. Das konnte dauern – sein Schälchen hatte er heute bereits so sauber ausgeleckt, dass man diesem die Benutzung nicht mehr ansah.
Immerhin hatte sich der Regen – den Troy grundsätzlich ignorierte – mittlerweile verzogen, und die grauen Wolken rückten weiter auseinander. Hier und da meinte Emma, ein wenig Blau zu erahnen. Vielleicht hatte sie Glück und konnte später noch einen kleinen Imbiss auf der Dachterrasse zu sich nehmen. Ihr Blick wanderte am Horizont entlang. Ganz rechts The Shard, das höchste Gebäude Europas, das die Londoner gerne »Salzstreuer« nannten, mit seiner silbern funkelnden, schmal zulaufenden Spitze, dann die beiden Plaza-Hotels, und schließlich das London Eye zwischen Waterloo und Westminster Bridge. Ein grandioser Ausblick.
»Sei glücklich, Emma Martins«, sagte sie laut zu sich und verzog die Mundwinkel zu einem breiten Lächeln. »Und dankbar.«
Sie hatte mal gelesen, dass es keinen Unterschied machte, ob man wirklich lachte oder nur die entsprechenden Muskeln aktivierte – in jedem Fall wurden Glückshormone ausgeschüttet. Und das war es doch, was zählte: dass man sich glücklich fühlte. Auch wenn man es nicht war. Also lächelte sie. Lange. Eine Wirkung spürte sie nicht.
Sie wandte sich wieder dem Computer zu und öffnete die Website, an der sie gerade arbeitete. Von Wind, Wellen und Meeresbrise war hier keine Spur zu entdecken. Es ging zwar um Farben, aber nur um Wandfarben, Lacke, Pinsel und Abdeckfolien. Und Malermeister Schwarzner aus Großkarolinenfeld bei Bad Aibling bei Rosenheim hatte unmissverständlich klargemacht, dass er keine Experimente mit Farbspielen wollte, sondern eine solide Website. Webseite, mit langem E, hatte er am Telefon gesagt. Am liebsten alles auf einer Seite, dieses Herumklicken verwirre einen doch nur und eigentlich brauche er so modernen Quatsch gar nicht, aber seine Frau und sein Sohn, die bestünden darauf. Ach ja, und kosten solle es auch wenig. Nix. Am besten. Wenn sie verstehe.
Emma verstand ihren Kunden, wie immer, wie alle, und versuchte, nicht allzu viel über ihn nachzudenken, höchstens an den Betrag, der am Ende ihr Bankkonto einigermaßen im Plus halten würde. Während ein paar ihrer früheren Kommilitonen aus dem Grafikdesign-Studium mittlerweile an aufregenden Online-Kampagnen für Jaguar, Harrods oder den National Trust mitarbeiteten, diskutierte sie mit deutschen Metzgern, Dorfapothekern und Handwerkern jeder Art, ob man Tradition und Moderne auf einer Website irgendwie zusammenbekam, ohne dass sich die Besucher mit Grausen abwandten. Aber es war nun mal schwierig geworden, als Deutsche einen festen Job in einem englischen Unternehmen zu bekommen, und so war sie eigentlich ganz froh, dass sie zwar langweilige Kunden hatte, diese aber immerhin von London aus bedienen konnte. Etwas Besseres als freiberuflich zu arbeiten, hatte ihr nicht passieren können. So musste sie wenigstens nicht das Haus verlassen.
Um zehn entdeckte Emma die ersten Sterne an einem Himmel, dessen Grau nun einem strahlenden Nachtblau gewichen war, und sie beschloss, dass es eingemummelt in eine Fleecejacke draußen warm genug war, um das Truthahnsandwich, das sie noch von Samstag übrig hatte, dort zu essen. In dieser Hinsicht hatte sie sich den Engländern schnell angepasst: Wenn es nicht regnete, war das Wetter grundsätzlich herrlich und man konnte sich ungehindert im Freien aufhalten.
Sie zog sich die cremeweiße Jacke über ihr rosafarbenes T-Shirt, das vorn ein goldener Paillettenstern zierte, und balancierte Sandwichteller, Wasserglas, Handy und Salzstreuer über die Stufe der Terrassentür nach draußen. Es war tatsächlich noch mild. Lag nicht sogar ein Duft von Mai in der Luft? So etwas Weiches, Blumiges, das nicht nur vom Flieder kam? Aus den Augenwinkeln bemerkte sie trotz des Zwielichtes, dass die Glyzinie, die Passionsblume und die anderen Pflanzen dringend Wasser brauchten, das würde sie gleich nach dem Essen erledigen. Nun jedoch steuerte sie den riesigen Strandkorb an, der seit zwei Wochen hier thronte. Eine unerwartete Steuerrückzahlung hatte ihr die Verwirklichung dieses Traums ermöglicht: ein echter Nordsee-Strandkorb, grau-weiß gestreift, mit Fußbänken, Ablagetischchen, anthrazitfarbenem Korbgeflecht und zwei Bullaugen an beiden Seiten. Er war ein...




