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E-Book

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

Adiga Amnestie

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-406-75552-1
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 286 Seiten

ISBN: 978-3-406-75552-1
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Danny, eigentlich Dhananjaya Rajaratnam und ursprünglich aus Sri Lanka, ist der Status als Flüchtling in Australien verwehrt worden. Nun wohnt er als Illegaler im Lagerraum eines Supermarkts in Sydney und schlägt sich seit drei Jahren als Putzkraft durch. Er ist nahe dran, ein beinahe normales Leben führen zu können. Aber dann erfährt er, dass eine seiner Kundinnen ermordet wurde.
Details vom Tatort lassen ihn vermuten, der Liebhaber der Frau, ein Arzt und ebenfalls ein Kunde, könnte in den Mord verstrickt sein. Die beiden hatten die Angewohnheit, Danny bei ihren Rendezvous wie ein Maskottchen in der Nähe haben zu wollen. Er zögert, die Polizei zu informieren, denn als entdeckter illegaler Einwanderer würde Danny auf eine abgelegene Insel vor Australien deportiert. Dann bestellt der verdächtige Arzt Danny wieder zu sich...
«Amnestie» ist ein typischer, vom Schauplatz her aber ungewöhnlicher Adiga-Roman: die spannende, heftige Erzählung von besonderer heutiger Dringlichkeit über ein moralisches Dilemma und Machtverhältnisse, Liebe und Gewalt.
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AUSTRALIEN


Reinigungskraft, wollte Danny antworten, sechzig Dollar die Stunde, doch stattdessen lächelte er die Frau an.

Auf dem Rücken trug er ein Gerät, das an das Jet-Pack eines Astronauten erinnerte – ein silberner Kanister, aus dem eine blaue Gummidüse mit lila Drahtschlingen drum herum ragte –, aber es war bloß ein tragbarer Staubsauger, das Turbo Modell E mit Supersaugkraft, das er vor einem Jahr für 79 Dollar bei Kmart gekauft hatte. In seiner rechten Hand ein Plastikbeutel mit den sonstigen Arbeitsutensilien.

«Ich hab gefragt», wiederholte die Australierin, «was Sie sind.»

Vielleicht stören sie meine goldenen Strähnchen im Haar, dachte Danny. Er schniefte. Von außen sah Dannys Nase gerade aus, aber innen war sie geknickt. Als er noch ein Kind war, hatte ihm ein Arzt erklärt, er sei der stolze Besitzer einer verkrümmten Nasenscheidewand. Vielleicht bezog die Frau sich darauf.

«Australier», sagte er unsicher.

«Nein, nein», entgegnete sie. «Sie sind ein Perfektionist.»

Erst jetzt gab sie ihm mit einem gestreckten Zeigefinger zu verstehen, dass sie seine Frühstücksgewohnheit meinte.

In der linken Hand hielt er nämlich ein angebissenes Käsesandwich. Er hatte es sich im Gehen zubereitet, indem er eine 2,25 Dollar teure 10er-Packung Käsescheiben der Marke Black & Gold, die er zusammen mit seinem Putzzeug mitgenommen hatte, öffnete und zwei Scheiben daraus in ein sechzig Cent teures Vollkornbrötchen packte – und dann hatte diese Frau ihn angesprochen, nachdem sie ihn offenbar dabei beobachtet hatte, wie er seinen Snack zusammenfriemelte und hineinbiss.

Danny rückte den Staubsauger auf seinem Rücken gerade, warf kauend einen Blick auf die Reste seines selbst gemachten Käsesandwiches und sah dann die Australierin an.

Deshalb also bin ich sichtbar geworden, dachte er. Weil sie meine Art zu essen stört. Nach vier Jahren lernte er immer noch dazu, machte sich immer noch insgeheim Notizen: nie am helllichten Tag gehen und dabei essen. Dann sehen sie dich.

Jetzt red dich irgendwie raus, Dhananjaya. Vielleicht solltest du sagen: Ich hab in der Schule Dreisprung gemacht: Hop, Step und Jump? Das ist das Gleiche: planen, essen und gehen. Ich mach das alles gleichzeitig.

Oder vielleicht wäre eine Geschichte ratsam, eine kurze, aber anrührende Geschichte: Mein Vater hat mir immer verboten, im Gehen zu essen, deshalb ist das jetzt eine Art Rebellion.

Aber manchmal musst du bei Weißen bloß anfangen nachzudenken und das reicht schon. Wie im Dschungel, wo du, falls du unversehens einem Tiger begegnest, die Luft anhalten und ihn anstarren sollst. Dann wendet er sich ab.

Obwohl die Frau sich eindeutig abwandte, änderte sie plötzlich ihre Meinung, drehte sich noch mal um und rief: «Das war Ironie, Mensch. Dass ich gesagt hab, du bist ein Perfektionist.»

Meinte sie vielleicht, überlegte Danny, während er das Sandwich auf dem Weg zum Ende der Glebe Point Road aufaß, wo er links abbiegen und zur Central Station gehen würde, dass ich nichts richtig mache?

Dieses Wort der Frau, Ironie, ließ ihn jetzt die Stirn runzeln.

Danny wusste, was über dieses Wort im Wörterbuch stand. Aber ihm war aufgefallen, dass seine Verwendung in der Praxis uneindeutiger, fragwürdiger war und meistens mit dem Wunsch einherging, jemanden verbal zu kränken. Ironie.

Wenn Sie mich also einen Perfektionisten genannt hat, wollte sie damit sagen …

Scheiß auf sie. Ich esse gern so.

Auf dem Weg zur Central machte Danny sich noch ein Sandwich und dann ein drittes auf dem Bahnsteig, während er auf den Zug um 8.35 Uhr nach St. Peters Station wartete.

Sein ein Meter siebzig großer Körper sah aus, als wäre er meisterhaft in sich selbst verpackt worden, und sogar wenn er schwer schuften musste, hatte er einen verträumten Blick, als besäße er irgendwo in weiter Ferne eine Farm. Mit seinem eleganten, ovalen Kinn und dieser hohen, feinen Gelehrtenstirn stellte er keine ausländische Bedrohung dar, solange er nicht lächelte und kaputte Zähne zum Vorschein kamen. An seinem linken Unterarm war eine deutliche Delle zu sehen, mit der er nicht zur Welt gekommen war, und der Nagel des Mittelfingers seiner rechten Hand war lang und schillernd. In seinem Haar waren frische, goldene Strähnchen.

8.46 Uhr

Der Zug war fast voll. Danny hatte einen Fensterplatz. Als er sich mit den Fingern durch das goldene Haar fuhr, für das er bei einem Friseur in Glebe 47,50 Dollar bezahlt hatte, bemerkte er, dass er beobachtet wurde, und wandte sich dem Asiaten mit der schwarz-weißen Einkaufstüte zu.

Der Blick des Mannes ruhte nicht auf Danny, sondern auf seinem Rucksack.

Noch schlimmer.

Ein Astronaut sah sich heutzutage wachsender Konkurrenz ausgesetzt, das war eine Tatsache. Immer mehr chinesische Zwei-Mann- oder Drei-Mann-Teams boten in Sydney ihre Dienste an, zum selben Preis für die Hälfte der Zeit. Ganz zu schweigen von den Nepalesen. Vier Männer zum Preis von einem.

Deshalb brachte Danny sein eigenes Equipment mit. Er hatte sein Kapital investiert. Neben dem tragbaren Staubsauger auf dem Rücken hatte er in einem Plastikbeutel eine Küchenrolle dabei, Wegwerfschwämme, ein Schaumspray zum Reinigen von Glas und eine feuerwehrrote Gummipumpe, die die Probleme aus jeder Kloschüssel saugte. Klar, in jedem Haus war irgendwo ein Schrank mit Staubsauger und Bürsten und Sprays, aber ein autonomer Putzmann macht Eindruck.

Aussies sind logische Leute, planvolle Leute.

Außerdem in seinem Plastikbeutel: eine kleine, aber stachelige Topfpflanze mit Pflegeanleitung auf einem Schildchen (ICH BIN EIN KAKTUS ?). Er hatte den Kaktus für 3,80 Dollar bei einer Frau gekauft, die immer in Glebe am Park saß, und wollte ihn später am Tag jemandem schenken.

Ein Überraschungsgeschenk.

An der Haltestelle Erskineville stand der Asiate, kurz bevor sich die Glastüren öffneten, mit seiner Einkaufstüte auf und Danny wusste, dass er kein Konkurrent war. In der schwarz-weißen Einkaufstüte steckte kein Staubsauger. Der Mann war bloß irgendein Wichtigtuer im Zug.

Danny lehnte sich zurück, fuhr sich erneut mit den Fingern durchs Haar und beschnupperte sie, um festzustellen, ob das Färbemittel, das sie im Friseurladen verwendeten, noch zu riechen war – fieses Zeug –, dann hob er die Hand an den Kopf und streichelte sich erneut.

Legendär.

Er musste daran denken, wie Sonjas Augen aufgeleuchtet hatten, als sie sein Haar sah. «Schräg.» Das hatte sie gesagt. Das war ein Kompliment. Weil die Menschen in Australien nach allem gierten, was schräg war, selbstbewusst schräg, sogar aggressiv schräg: wie ein Tamile mit goldenen Strähnchen im Haar. Eine Minderheit. Und wenn du einmal rausgefunden hattest, was das Wort Minderheit hier bedeutet, die Droge gekostet hattest, begehrt zu werden, eben weil du nicht so warst wie alle anderen, wie konnte dir da noch irgendeiner sagen, du solltest zurück nach Sri Lanka gehen und da drüben wieder als Minderheit leben?

Um seinen goldenen Haarschopf zu feiern, hatte Sonja am Abend zuvor in Parramatta für ihn gekocht, und Danny hatte sie während des Essens immer wieder angeschaut, sein Bild von sich selbst durch ihr Bild von ihm erneuert.

Ich bin hier in Australien, dachte er. Ich bin beinahe hier.

Zugegeben, trotz des Triumphgefühls, das er empfand, nachdem er die erste Nacht mit Sonja verbracht hatte, was zugleich seine erste Nacht mit einer Nicht-Tamilin gewesen war, verwirrte ihn die Vorstellung, diese vegane Vietnamesin wiederzusehen. Gleich und Gleich gesellt sich gern, das hatte er immer geglaubt. Wie landest du dann bei einer Frau, die weder Tamil spricht noch irgendeine Ahnung von dem Land hat, aus dem du stammst? Danny fand sich mit der Liebe ab. Es gab schließlich Präzedenzfälle. In Malaysia zum Beispiel waren viele chinesisch-tamilische Ehen geschlossen worden. Natürlich war Sonja keine Chinesin, aber immerhin. Diese halb tamilischen, halb chinesischen Sprösslinge kamen sehr gut im Leben zurecht. Einer war mal den Sommer über nach Batticaloa gekommen. Er lebte wie ein Millionär.

In einem Dorf bei Batticaloa wuchs die Wurzel eines Banyanbaums durch die Wellblechhütte über der Gruft eines pir, eines muslimischen Heiligen, und berührte sein grünes Zementgrab wie der Finger eines Riesen. Hier, auf diesem neuen Kontinent, erinnerte sich Danny an diese aufdringliche Banyanwurzel, erinnerte sich daran als jemand, der wusste, dass sich das Leben noch nicht...


Aravind Adiga, geboren 1974 in Madras, wuchs zeitweise in Sydney, Australien, auf, studierte Englische Literatur an der Columbia University und am Magdalen College in Oxford. Er arbeitete als Korrespondent für die Zeitschrift «Time» und für die «Financial Times». Er lebt in Mumbai, Indien.

Ulrike Wasel und Klaus Timmermann arbeiten seit Jahrzehnten als Übersetzer in Düsseldorf.



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