E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Adnan / Adler Die Schönheit des Lichts
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-311-70461-4
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gespräche
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-311-70461-4
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In diesen Gesprächen, die Laure Adler mit Etel Adnan wenige Monate vor deren Tod im Herbst 2021 geführt hat, zeichnet die Künstlerin tiefgründig und emotional die Erfahrungen nach, die ihr poetisches und malerisches Schaffen begründen. Sie erzählt von ihrer Kindheit im Libanon, ihrem Studium an der Sorbonne, den Jahren in New York und vor allem in Kalifornien, bis zu ihrer späten (und »anstrengenden«) Anerkennung auf der documenta in Kassel im Jahr 2012. Das Gespräch zwischen Laure Adler und Etel Adnan wird schnell komplizinnenhaft, denn es ist auch das manchmal schwierige Schicksal von Frauen, das betrachtet und hinterfragt wird.
Der Ton der 96-jährigen Etel Adnan ist lebendig, geradezu jugendlich und durchdrungen vom Glauben an die Schönheit, die allem innewohnt: die Schönheit der Welt, die Schönheit der Kunst, der Farben, des Bergs, des Meeres, des Lichts.
»Die Farben des Mittelmeers sind ein Wunder, so schön sind sie.«
Weitere Infos & Material
1.
LAURE ADLER: Etel Adnan, Sie sind Schriftstellerin, Dichterin, Künstlerin, Sie sind im Libanon geboren. Mit welcher Sprache sind Sie aufgewachsen?
ETEL ADNAN: Ich bin ein etwas besonderer Fall, vor allem für die damalige Zeit. Meine Mutter war eine Griechin aus Smyrna (heute Izmir), das heißt aus der Türkei, und mein Vater ist in Damas geboren, war aber auch Offizier des Osmanischen Reichs, ihre gemeinsame Sprache war also Türkisch, bei mir zu Hause in Beirut wurde Türkisch gesprochen, aber meine Mutter sprach natürlich Griechisch mit mir. Bis ich zwanzig war, sogar vierundzwanzig, wuchs ich also mit Griechisch und Türkisch auf, und mit Französisch, weil der Schulunterricht damals strikt auf Französisch stattfand, Arabisch wurde nicht gelehrt. Ich habe Arabisch auf der Straße aufgeschnappt, wie es so schön heißt, bei den anderen Kindern. Ich bin also viersprachig aufgewachsen.
LAURE ADLER: Wann haben Sie verstanden, dass Sie eine Künstlerin sind?
ETEL ADNAN: Erst viel später, ich war schon dreißig und lebte in Amerika. Ich war dort, um in Berkeley meine Doktorarbeit zu schreiben, und zwei oder drei Jahre später fand ich eine Stelle als Lehrerin für Philosophie an einem College, und da ich Kunstphilosophie unterrichtete, hat die Fachbereichsleiterin für Kunst – in Amerika wird Kunst zum Glück auf dem gleichen Niveau gelehrt wie Philosophie oder Biologie – zu mir gesagt: »Wie können Sie Kunstphilosophie unterrichten, ohne künstlerisch tätig zu sein?« Sie hat mich ermutigt: »Kommen Sie, kommen Sie in unsere Fachbereichsräume, Sie finden dort alle Materialien, um Kunst zu machen.« Also ging ich in meiner Freizeit dorthin, und nach ein paar Monaten schaute sie sich meine Arbeiten an und erklärte: »Wissen Sie, Ihr Geist ist auf natürliche Weise gebildet, Sie brauchen keinen Unterricht.« Und ich wurde Malerin … einfach so.
LAURE ADLER: Also eine späte Eingebung?
ETEL ADNAN: Ja, und das hat auch gleich ein Sprachproblem gelöst, denn ich war vorher an der Sorbonne, musste vom Französischen ins Englische wechseln und habe ein paar Jahre gebraucht, bis mir das Denken auf Englisch leichtfiel.
LAURE ADLER: Sie sind 1925 geboren und somit Teil einer Generation, in der es an den Universitäten sehr wenige Frauen gab. Wie haben Sie es geschafft, in diesen kleinen Kreis vorzustoßen? Es waren sicher nicht viele Mädchen …
ETEL ADNAN: Sie haben vollkommen recht, vor allem in Berkeley. An der Sorbonne gab es viele Mädchen, Frauen. Als ich im September 1949 nach Paris kam, war richtig Nachkriegszeit, die Menschen waren noch vom Krieg gezeichnet, sie sprachen ständig darüber, vielleicht nicht direkt, aber sie sagten: »In Kriegszeiten muss man dieses oder jenes tun.« Vor allem meine Zimmervermieterin sprach oft so.
Es gab also viele Frauen an der Sorbonne, aber in Berkeley war das Gegenteil der Fall, es gab nur ein paar Studentinnen und sehr wenige Professorinnen. Laura Nader zum Beispiel, die Schwester von Ralph Nader, dem polemischen Essayisten und amerikanischen Politiker libanesischer Herkunft, war ihr ganzes Leben lang Professorin für Anthropologie in Berkeley, und sie hat oft erzählt, dass sie dort eine der ersten Professorinnen war. Mitte der sechziger Jahre gab es an meinem College eine junge Frau, die in Geschichte promovieren wollte, und der Fachbereichsleiter sagte zu ihr: »Wissen Sie, ich rate Ihnen davon ab, in meinem Fach sind Frauen unerwünscht.« Ich habe auch ein Jahr in New Haven gelehrt, wo wir im Fachbereich nur zwei Frauen waren. Eine junge Frau, die Annie Scholhar hieß und im Übrigen einen Roman über die Zeit dort geschrieben hat, und ich. Und wir wurden wirklich ignoriert. Wenn wir eine Frage stellten, antworteten uns die Professoren und Studenten nicht einmal. Erst mit der Revolution der sechziger Jahre änderte sich die Einstellung, ein bisschen zugunsten Schwarzer Menschen und sehr zugunsten der Frauen.
LAURE ADLER: Sie waren eine Pionierin, sowohl, was das künstlerische Schaffen, als auch, was das Lehren von Kunstgeschichte betrifft.
ETEL ADNAN: Absolut, am College lehrten einige Frauen, aber nicht an den großen Universitäten.
LAURE ADLER: In manchen Ihrer Bücher erklären Sie, dass Sie Kunst nie gelernt hätten, aber oft in Museen gegangen seien, und wenn ich mich nicht irre, waren insbesondere der Louvre und die künstlerische Erweckungserlebnisse.
ETEL ADNAN: Ja, das stimmt. Als ich in Paris studierte, lebte ich zu Beginn in der Cité universitaire, dann in der Rue de Tournon, und ich schwänzte viele Vorlesungen. Ich war draußen in den Straßen unterwegs, für mich war Paris die Stadt, das Leben, das Studium hingegen interessierte mich nicht so sehr wie andere Studierende, die den ganzen Tag darauf verwendeten. Ich verbrachte meine Tage draußen, erkundete zu Fuß die Stadt und landete oft im Louvre. Ich hatte zuvor noch nie Gemälde gesehen, in den Museen in Beirut gab es damals keine.
Ich bin in einem Haus ohne Telefon oder Radio aufgewachsen, wir gingen überall zu Fuß hin … Das alles bedaure ich nicht, ich will nur erklären, welche Offenbarung die Malerei in Frankreich für mich war, umso mehr, weil ich Professor Souriaus Vorlesung zur Ästhetik besuchte. In den Louvre zu gehen war für mich, wie ins Kino zu gehen, ich dachte nicht auf bestimmte Weise über Malerei nach, ich schaute einfach, und ich erinnere mich, noch an meinen allerersten Besuch: Am Eingang, oben an der Treppe, hing und das war eine Erweckung. Und dann die , um die ich bei den ersten Malen herumflatterte wie ein Falter ums Licht, so außergewöhnlich ist dieses Werk und ebenfalls eine Offenbarung. Wie kann dieses Objekt aus Fleisch und Stein zugleich sein? Das ist das Geniale an der griechischen Bildhauerei.
LAURE ADLER: Und in der gleichen Phase kam dann bald die Offenbarung Miró?
ETEL ADNAN: Anfang der Sechziger war Miró überall in Paris. In einer Galerie in der Rue Bonaparte waren vier von fünf Bildern, vor allem Drucke und Lithographien, von Miró! Miró und Picasso waren die beiden Maler, die zu meiner Studienzeit Paris bestimmten.
LAURE ADLER: Woher kommt bei Ihnen der Wunsch zu malen?
ETEL ADNAN: Ich weiß noch, dass mich die Professorin des besagten Fachbereichs Kunst an der amerikanischen Universität in einen Raum mit vielen Fenstern setzte, da gab es einen Tisch, der die ganze Breite der Wand einnahm, und vor dem Fenster einen kleinen Bach, inmitten der Natur. Die amerikanischen Campus haben die wunderbare Besonderheit, meistens von Bäumen umgeben zu sein. In dem Raum gab es Leinwände, Papier, Pinsel, Spachtel. Als ich ein Blatt Papier nahm, keine Leinwand, gab sie mir Farbtuben, kleine Tuben, die auf dem Boden herumlagen. Ich griff sofort nach einem sogenannten , ein Messer zum Malen, kein Küchenmesser, und ich glaube, dass der Gegenstand selbst, von seiner Beschaffenheit her, einem nur erlaubt, flächig zu malen. Ich habe das Malen also nicht mit einem Pinsel begonnen, der Pinsel kam später für die Zeichnungen, ich habe wirklich mit diesem Messer angefangen, und es ist mein Werkzeug geblieben. Das Werkzeug bestimmt nicht unwesentlich, was man macht. Es gibt ein Zusammenspiel zwischen den Gegenständen, die man benutzt. Das gilt auch über die Malerei hinaus, das gilt sogar beim Kochen, das gilt bei der Kleidung: Aus einem Seidenstoff werden Sie ein anderes Kleid machen als aus Leinen. So ist es auch in der Kunst – wenn man ein Malmesser verwendet, wird man keine dünnen, präzisen Linien ziehen. In der Musik gilt das auch; Geige zu spielen ist etwas anderes, als Klavier zu spielen. Ich bin sehr empfänglich für die Rolle von Gegenständen im Leben, für die Bedeutung dieses Zusammenspiels. Es ist so: Die Tatsache, dass ich immer ein Messer benutzt habe, erklärt, warum ich Farbfelder male. Anfangs malte ich ganz natürlich flächig, so wie es mir in den Sinn kam, instinktiv. Wie Kinder – niemand bringt ihnen das Zeichnen bei, sie malen einfach drauflos, Malen ist so natürlich wie Sprechen. Das war im Übrigen die Philosophie dieser Professorin, sie sagte: »Alle können malen, so wie alle sprechen können.« Was nicht heißt, dass jeder ein Picasso ist, aber es ist eine Sprache.
LAURE ADLER: Ihre Bilder tragen keine Titel, warum?
ETEL ADNAN: Ich glaube, dass Titel entweder zu einfach – wenn es ein Berg ist, heißt es – oder unverständlich sind. Wie soll man ein abstraktes Gemälde auch betiteln? Ein abstraktes Bild ist wie Musik, die nicht wirklich nach einem Titel verlangt, man sagt einfach »Sonate«, und Abstraktion ist visuelle Musik. Das ist das Gleiche, sie ergibt einen Sinn, der nicht dazu gedacht ist, in Worte gefasst zu werden. Als ich Professorin für Kunstphilosophie war, sagten manche meiner Studierenden: »Dieses Bild ergibt keinen Sinn«, und es war sehr schwierig, ihnen ein...




