Adrian Verlockung der Dunkelheit
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8025-9823-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-8025-9823-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit seine geliebte Frau und seine gesamte Familie vor zwanzig Jahren kaltblütig ermordet wurden, hat sich der Vampirmeister Lazaro Archer emotional zurückgezogen. Denn wie soll er je wieder jemanden in sein Herz lassen, wenn er diese Person nicht beschützen kann? Als die hübsche Melena Walsh in sein Leben tritt und seiner Hilfe bedarf, ist er alles andere als bereit, diese Rolle einzunehmen. Doch schon bald entfacht Melena ein Verlangen in ihm, das stärker ist als alles, was er seit langer Zeit empfunden hat, und Lazaro muss sich nicht nur seinen Gefühlen, sondern auch seiner größten Angst stellen: noch einmal die Frau, die er über alles liebt, zu verlieren ...
"Verlockung der Dunkelheit" erscheint im Rahmen der erfolgreichen "Midnight Breed"-Reihe von Bestseller-Autorin Lara Adrian. Die Novelle enthält zusätzlich eine Leseprobe aus "Masters of Seduction - Atemlose Nacht", der Romantic-Fantasy-Sensation von Lara Adrian, Alexandra Ivy, Donna Grant und Laura Wright!
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1
Er lebte schon seit mehr als tausend Jahren, also lange genug, dass es nur noch wenige Dinge gab, die ihn in Erstaunen zu versetzen vermochten. Das Meer bei Nacht war eine dieser seltenen Freuden von Lazaro Archer.
Lazaro stand auf dem erhöhten Vordeck der fünfundachtzig Meter langen, glänzenden privaten Riesenjacht, die vor der Westküste Italiens lag, und stützte sich mit den Händen auf der Reling aus poliertem Mahagoni ab, während er sich kurz mit allen Sinnen der in Mondlicht getauchten Umgebung hingab.
Die frische, salzige Mittelmeerluft stieg ihm in die Nase und zerzauste sein rabenschwarzes Haar. Die spätsommerliche Brise war heute Nacht kühl und wehte mit steter Kraft auf das italienische Festland zu. Der milchige Schein des von zarten Wolkenschleiern verhangenen Mondes und das millionenfache Licht der Sterne ergossen sich über die dunkle, gekräuselte Wasserfläche. Ganz weit unten klatschten Wellen sinnlich und leicht gegen die Seiten der Jacht, deren Motoren schwiegen, während das Schiff an der vereinbarten Position im Tyrrhenischen Meer vor Anker lag.
Lazaro ging davon aus, dass das luxuriöse Schiff, auf dem er stand, wohl jedem den Atem rauben würde – ob nun Mensch oder Stammesvampir. Da er Letzteres war und noch dazu ein Stammesvampir der Ersten Generation, also einer der ältesten seiner Art, von reinstem Blut, waren ihm Reichtum und Luxus eng vertraut.
Einst hatte er selbst all diese Dinge besessen … würde sie immer noch haben, hätte er sich die Mühe gemacht, sich darum zu kümmern.
Vor zwanzig Jahren hatte er alles, was er besaß, in Boston zurückgelassen, nachdem ihm das Kostbarste in seinem langen Leben genommen worden war. Seine ihm blutverbundene Gefährtin, seine Söhne und deren Frauen, ein Haus voller unschuldiger Kinder … alle fort. Der einzige, ihm gebliebene Nachkomme war sein Enkel, Kellan, der in der Nacht bei ihm gewesen war, als Archers Dunkler Hafen im Verlaufe eines abscheulichen, völlig grundlosen Angriffs von einem Wahnsinnigen namens Dragos dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Lazaro atmete lang aus. Er spürte nicht mehr diesen tief sitzenden Kummer, der jedes Mal über ihn gekommen war, wenn er an seine abgeschlachtete Familie dachte. Der Schmerz war mit der Zeit abgestumpft, doch das Schuldgefühl begleitete ihn auf Schritt und Tritt wie die Narbe einer tatsächlich erlittenen Wunde. Die stete, schreckliche Erinnerung an seinen Verlust.
An den größten Fehler seines Lebens.
Wenn sein Leben heute noch einen Sinn hatte, dann den seiner Zusammenarbeit mit Lucan Thorne und den anderen Stammeskriegern des Ordens. Als Anführer von Einsätzen des Ordens in Rom hatte Lazaro in diesen letzten zwanzig Jahren weder Zeit für Selbstmitleid gehabt, noch die Muße gefunden, sich gehen zu lassen. Und zu irgendwelchen Freuden war noch weniger Gelegenheit gewesen.
So wollte er es haben.
Er befasste sich jetzt mit Gerechtigkeit.
Gelegentlich befasste er sich mit dem Tod.
Heute Abend vertrat er den Orden in einem weniger offiziellen Rahmen in der Hoffnung, zwei Freunden, die sein unbedingtes Vertrauen besaßen, die Möglichkeit zu geben, sich im Geheimen zu treffen. Der eine war ein Stammesvampir, ein hochrangiges amerikanisches Mitglied des Rates der Globalen Nationen, der andere, der Besitzer der Riesenjacht, ein Mensch und einflussreicher italienischer Geschäftsmann, der zufälligerweise auch der Bruder des gerade neu gewählten italienischen Ministerpräsidenten war … ein Politiker, der sein Amt mit harten Worten gegen die Stammesvampire errungen hatte. Wenn das Treffen mit Paolo Turati heute Abend wie geplant stattfand und sich als erfolgreich erwies, wäre damit ein erster Schritt getan, mit einem der schärfsten Gegner des Volkes der Vampire eine Allianz zu schmieden.
Byron Walsh dagegen war ein Stammesvampir, mit dem Lazaro schon in den Staaten zusammengearbeitet hatte, ehe Walsh vom Rat der Globalen Nationen für diesen diplomatischen Posten ausgewählt worden war. Als Oberhaupt seines eigenen Dunklen Hafens in Maryland hatten sich seine Wege auf dem gesellschaftlichen Parkett gelegentlich mit Lazaros Kreisen in Boston gekreuzt. Und einmal – in einem besonders strengen Winter – war Walshs Familie sogar zu Besuch in Lazaros Wohnsitz in Back Bay gewesen.
Das aber war lange her; damals, als Lazaro noch einen Dunklen Hafen besessen hatte, damals, als er noch eine Familie gehabt und für ihren Schutz gesorgt hatte.
Noch länger her war es, dass Lazaro Archer für irgendetwas den Abgesandten gespielt hatte. Er hoffte inständig, dass dieser heimlich stattfindende erste Kontakt kein Fehler war.
Mehr als siebzig Meilen hinter ihm lag die Küstenstadt Anzio, wo Lazaro vor ein paar Stunden zu Turati an Bord seiner Jacht gekommen war. In noch größerer Entfernung lag vor ihnen Sardinien, das sich wie ein funkelndes Lichtermeer von der Dunkelheit abhob.
Ein paar andere große Jachten und Wasserfahrzeuge tanzten in der Weite des Meeres zwischen Turatis Boot und der Insel, doch es war das leise Brummen eines Motorboots, dem plötzlich Lazaros volle Aufmerksamkeit galt. Das Beiboot einer Jacht von der Größe eines kleinen Kajütbootes hatte sich vom träge im Wasser liegenden Hauptschiff gelöst und kam jetzt auf Lazaro zu. Er beobachtete, wie sich das Schnellboot wie angewiesen mit abgedunkelten Navigationslichtern, die dreimal aufblitzten, über das Wasser der Riesenjacht näherte.
Sein Kollege aus den Staaten, der Stammesvampir, enttäuschte ihn wie immer nicht. Byron Walsh kam wie versprochen und pünktlich auf die Minute.
Lazaro nickte ernst, Erleichterung machte sich in ihm breit.
Er wandte der Reling den Rücken zu und begab sich in den Salon auf dem Hauptdeck der Jacht, wo Turati wartete. Auf Lazaros Zusicherungen und Anweisungen hin hatte der grauhaarige Milliardär nur zwei Leibwächter von seinem normalerweise deutlich größeren Sicherheitsteam dabei. Die fünfzigköpfige Mannschaft der Jacht war auf kaum mehr als ein Dutzend reduziert worden, wodurch es gerade ausreichend Crewmitglieder waren, um an Bord alles reibungslos ablaufen zu lassen.
Als Lazaro den luxuriösen Salon betrat, schaute Turati auf und zog die buschigen Brauen fragend hoch. »Ist er unterwegs?«, fragte der alte Mann auf Italienisch.
Lazaro antwortete in derselben Sprache: »Das Boot kommt gerade.« Da der Gastgeber kein Englisch sprach, würde Lazaro während des Treffens persönlich als Dolmetscher zur Verfügung stehen – und sei es auch nur, um sicherzustellen, dass die Unterhaltung nicht versehentlich einen ungünstigen Verlauf nahm.
Paolo Turati war einer der wenigen Menschen, die Lazaro als Freund betrachtete. Er war auch einer der wenigen Menschen, die die Stammesvampire nicht als Monster betrachteten, die man im besten Fall festnehmen und im schlimmsten ganz und gar vernichten sollte.
Die Angst der Menschen entbehrte zugegebenermaßen nicht jeder Grundlage. Zwar hatten die Stammesvampire eine Art Schattendasein neben ihren Homo-sapiens-Nachbarn geführt, doch in den zwanzig Jahren, die vergangen waren, seitdem die Menschen von der Gegenwart der Wesen von Lazaros Art erfahren hatten, war das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Rassen auf dem Planeten gelinde gesagt wackelig gewesen.
Und genau dieses Vertrauensverhältnis war vor ein paar Wochen noch angespannter geworden, als eine gewalttätige Geheimorganisation, die sich selbst Opus Nostrum nannte, eine Bombe in ein sehr wichtiges Gipfeltreffen zwischen Stammesvampiren und menschlichen Würdenträgern eingeschleust hatte.
Wenn das heutige Treffen gut verlief, würden die Stammesvampire einen Fürsprecher und dringend benötigten Verbündeten für ihr Bestreben gewinnen, den Frieden zwischen den Menschen und den Vampiren auf der ganzen Welt zu erhalten. Wenn es schlecht lief, würden die Bemühungen des Ordens als Friedensvermittler möglicherweise den gärenden Krieg entfachen, nach dem es Opus Nostrum anscheinend so dringend verlangte.
»Ich hoffe, dein Freund aus Maryland kommt mit denselben Absichten zu diesem Treffen wie ich«, meinte Turati mit vor Sorge ganz schmalen Lippen. Doch seine alten Menschenaugen waren mit vertrauensvollem Blick auf Lazaro gerichtet. »Wenn mir gefällt, was ich heute Abend höre, werde ich tun, was ich kann, um meinen Bruder dazu zu bringen, zumindest über Gespräche mit dem Rat der Globalen Nationen und Lucan Thorne nachzudenken. Denn schließlich wollen alle den Frieden … nicht nur für uns selbst, sondern auch für die nachfolgenden Generationen.«
»Stimmt genau«, erwiderte Lazaro. Mit den scharfen Sinnen des Stammesvampirs hörte er das leise Brummen des Bootes, auf dem Byron Walsh sich näherte. »Er kommt gerade an. Warte hier, Paolo. Ich gehe nach unten, um ihn in Empfang zu nehmen, und bringe ihn dann rauf.«
Turati schüttelte den Kopf. »Ich begleite dich, Lazaro. Es erscheint mir doch nur angemessen, Ratsmitglied Walsh persönlich zu begrüßen und ihn zusammen mit dir an Bord willkommen zu heißen. Das halte ich mit jedem Gast so.«
Lazaro nickte zustimmend. »Eine gute Idee.«
Er wartete geduldig, bis der alte Mann aufgestanden war und den maßgeschneiderten, marineblauen Anzug und das cremefarbene Seidenhemd glatt gestrichen hatte. Im Gegensatz zu ihm trug Lazaro Kleidung, die für ihn mittlerweile der ›informelle Ordens-Dress‹ war: schwarze Hosen, Schnürstiefel und ein eng anliegendes, schwarzes Uniformhemd.
Und obwohl er ein Stammesvampir der Ersten Generation und selbst mit bloßen Händen mehr als nur...




