Aebersold | DUNKEL ist die NACHT | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 196 Seiten

Aebersold DUNKEL ist die NACHT

Kurzgeschichten
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-49641-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kurzgeschichten

E-Book, Deutsch, 196 Seiten

ISBN: 978-3-347-49641-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Menschen, die durchs Leben taumeln auf der verzweifelten Suche nach Halt und Erfüllung. Sieben dystopische Kurzgeschichten aus einer Welt am Scheideweg.

Urs Aebersold * 1944 in Oberburg / Kanton Bern / CH 1963 Abitur in Biel/Bienne (CH) 1964 Schauspielschule in Paris und dort erster Kurzspielfilm "S" Studium an der Universität Bern Weitere Kurzspielfilme. "Promenade en Hiver", "Umleitung", "Wir sterben vor" 1967-70 Studium an der HFF München. 1974 Erster Kinospielfilm DIE FABRIKANTEN als Co-Autor, Co-Produzent und Regisseur Diverse "Tatort"-Drehbücher 1986-93 Spielfilmredaktion Bayerischer Rundfunk Ab 1994 wieder freier Autor und Regisseur.
Aebersold DUNKEL ist die NACHT jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Cynthia

Cynthia saß auf einem Hocker vor dem dreieckigen Schminktischchen, das in eine Ecke ihres winzigen 1-Zimmer-Apartments gequetscht war, und sah versonnen in den Spiegel, der von vielen kleinen, sündhaft teuren Lampen umrahmt wurde, die den Effekt von Tageslicht erzeugen sollten. Zögernd hob sie einen Schminkstift und betrachtete sich eingehend von allen Seiten.

Ihr Gesicht war von einem sanften Oval, eingefaßt von honigblondem halblangen Haar, das gerade auf die Schultern fiel, ihre Wangenknochen waren unausgeprägt, ihre Nase etwas spitz, ihre vollen Lippen hatten einen leichten Stich ins Ordinäre und ihre dunkelblauen Augen verliehen ihr in nachdenklichen Augenblicken etwas Rätselhaftes.

Sie war Anfang zwanzig, mittelgroß und schlank, und auch wenn sie mit ihrer Figur im großen und ganzen zufrieden war, wünschte sie sich bisweilen etwas üppigere Formen, gleichzeitig war ihr bewußt, daß sie damit genau die Art von Aufmerksamkeit erregen würde, die sie eigentlich vermeiden wollte, außerdem hatte sie zu viele mißlungene Verschönerungen aus nächster Nähe gesehen und scheute auch deshalb das Risiko einer operativen Korrektur.

Sie war das, was man hübsch nennen konnte, wenn auch etwas farblos, doch das entsprach durchaus ihrem zurückhaltenden Naturell. Auch als Kind war sie kein Wildfang gewesen, eher eine stille Beobachterin, die erst abwartete, was die anderen taten, bevor sie sich selbst zum Handeln entschloß. Dabei waren es nicht die Anführer, die sie anlockten, weder bei den Jungs noch bei den Mädchen, sondern die Selbstverliebten und Verspielten, die aus dem Nichts fantasievolle Spiele erfanden und aus alten Stoffen und Knetmasse aufregende Puppen zauberten.

Cynthia wurde in dieser Clique vorbehaltlos akzeptiert, weil sie sich einordnete, ohne Führungsansprüche anzumelden, und zugleich Impulse gab, welche die Gruppe in ihrer Außenwirkung extrem verstärkte. Cynthia selbst war damit vollkommen zufrieden, sie lebte in einer Welt, die mit der nüchternen Wirklichkeit ihres Elternhauses mit der absoluten Fixierung auf materielle Absicherung, die jede Spontaneität im Keim erstickte, nichts zu tun hatte, und mit einem älteren Bruder, der sie entweder zu gängeln versuchte oder sie mit arroganter Nichtbeachtung bestrafte.

Die Ernüchterung kam zu Beginn der Pubertät, als ihre Spielgenossinnen, angeleitet von ihren meist wohlhabenden Eltern, ins Gymnasium hinüberglitten und sich sehr genau überlegten, mit wem sie künftig engen Kontakt pflegen wollten. Cynthias Eltern waren zwar nicht arm, aber sie paßten nicht in das Schema der selbsternannten Elite, die alles tat, um wie ein Korken auf jedem Wellenkamm mitzureiten.

Aus Trotz und Enttäuschung über den Verrat verweigerte Cynthia den Übertritt ins Gymnasium, obwohl sie es locker geschafft hätte, und fühlte sich plötzlich sehr allein, als sie sich mit den anderen Mädchen, die übriggeblieben waren, in der Realschule wiederfand. Sie kam sich vor wie ein Mauerblümchen, das gezwungen war, den Erstbesten, der sie zum Tanz aufforderte, auch gleich als Freund zu akzeptieren.

In dieser leeren Zeit rückte immer mehr ein Junge in ihr Blickfeld, Denis, der zwei Jahre älter war und sich extrem bemühte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Er war nicht dick, aber etwas schwabblig, mit sehr weißer Haut, eine schwarze Haarsträhne bedeckte fast sein halbes Gesicht, und er spielte Baßgitarre in einer Band, die sich in stolzer Selbstverachtung THE MUD CRAWLERS nannte. Irgendwann schaffte er es, Cynthia anzusprechen und sie um ein Date zu bitten.

Cynthia wußte sofort, daß er nicht der Richtige für sie war, doch irgendwie erinnerte er sie an ihre Mädchenclique, an die irrationalen Dinge, die sie damals unternahmen, und da er der erste Junge war, der sich für sie interessierte, nahm sie seine Einladung an.

Denis erzählte ihr von den Musikrebellen der Gruppe VELVET UNDERGROUND aus den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, seinen großen Vorbildern, und dem Kampf Andy Warhols, das deutsche Model Nico gegen den Widerstand Lou Reeds als Sängerin in die Band zu integrieren, die ihn, und das sei der Grund gewesen, sie anzusprechen, sehr an sie erinnere.

Cynthia bezweifelte, daß es die Ähnlichkeit mit dieser Popikone war, die ihn dazu bewogen hatte, sich ihr zu nähern, doch da Denis die Ödnis ihres Lebens zu beleben versprach und er in einer Welt unterwegs war, die sie anzog, trafen sie sich immer öfter.

Schon bald schleppte er sie zu einem Auftritt seiner Band mit, deren Nummer-1-Hit, sofern man ihn bei ihrem bescheidenen Bekanntheitsgrad so nennen konnte, wenig originell In the Mud hieß. Der Leadgitarrist war ebenso bleich wie Denis, aber blond, der Drummer bis zur Unkenntlichkeit tätowiert und die Sängerin ein dünnes, nervöses Ding mit einer mächtigen schwarzen Löwenmähne und einer überraschend vollen, sinnlichen Stimme. Die besten Stücke waren Cover-Versionen wie Sunday Morning von VELVET UNDERGROUND und NICO und zwei Songs von MAZZY STAR Fade into You und Into Dust. Bei letzterem wechselte Denis das Instrument, er spielte ganz weich in untermalenden, langgezogenen Tönen die Violine, der Drummer hatte Pause, der Leadgitarrist intonierte die einfache Grundmelodie und die Sängerin verwandelte sich in die reglose, statuenhafte Hope Sandoval, die mit ihrer kraftvoll gehauchten Stimme dem Mysterium des hyperkryptischen Textes erst die eigentliche Bedeutung verlieh. Die eigenen Songs waren etwas schrill und eindimensional, doch das schien die spärlichen Besuchern nicht zu stören.

Cynthia war beeindruckt, auch wenn diese Art von Musik zu extrem für sie war und Musik an sich nicht an erster Stelle stand. Doch Denis hatte viele Begabungen, er konnte gut zeichnen und malen, vorzugsweise fantastische Landschaften mit burgähnlichen Verliesen, aus deren vergitterten Fenstern unheimliche Fabelwesen mit glühend roten Augen wie gebannt nach draußen in die Freiheit starrten. Und er las Marquis de Sade, über den Golem, wie er in die Welt kam, und andere uralte Mythen, aus einer Zeit, da die Menschen ihr Erdendasein noch als ein einziges Mysterium empfanden.

Cynthia hütete sich, Denis zu sich nach Hause einzuladen, auch wenn seine Manieren untadelig waren, ihre Eltern hätten nie verstanden, wie man einem solchen Freak, als der er ihnen in ihren Augen zweifellos erschienen wäre, auch nur die Hand reichen konnte. Sie wunderten sich nur, daß Cynthia nie von einem Freund sprach und wähnten sie bei einer ihrer Freundinnen, wenn sie nach der Schule erst wieder zum Abendessen auftauchte.

In Wahrheit war sie dann meistens bei Denis, dessen Eltern sie merkwürdigerweise nie zu Gesicht bekam, dafür tigerte sein jüngerer Bruder unstet durch die Wohnung, und sie war sich sicher, daß er durchs Schlüsselloch in Denis' Zimmer lurte, sobald sie darin verschwunden waren. Sie lagen auf seinem riesigen Bett, er las ihr Textstellen aus seinen Lieblingsbüchern vor, sie hörten Musik, er erklärte ihr seine Vorliebe für VELVET UNDERGROUND, beantwortete ihre Fragen zu seinen furchteinflößenden Zeichnungen, und sie redeten über Gott und die Welt.

Manchmal schob er plötzlich eine Hand zwischen ihre Beine oder faßte sie an die Brust und forschte dann auf ihrem Gesicht mit starrem Blick aus dem einen Auge, das nicht von der Haarsträhne verdeckt wurde, angespannt nach einer Reaktion. Beim ersten Mal hatte sie seine Hand wütend weggeschlagen und ihn angeschrien, was ihm eigentlich einfalle. Instinktiv widerstrebte es Cynthia, daß er versuchte, in einen Bereich vorzudringen, der ihr selbst noch unergründlich war und den sie keinesfalls mit Denis erkunden wollte. Später schob sie einfach wortlos seine Hand weg, und Denis fuhr fort zu reden, als ob nichts geschehen wäre, und nach weiteren erfolglosen Versuchen ließ er es schließlich bleiben.

Es war dieser Zwiespalt, der Cynthia irgendwann die Geduld verlieren ließ. So anregend Denis auch war, so einseitig empfand sie ihn auf die Dauer. Sein ewig gleicher Gesichtsausdruck, seine monotone Stimme, die sich weder in Lautstärke noch Modulation jemals veränderte, sein Verharren in den finsteren Windungen seiner verwundeten Seele und nicht zuletzt sein Mangel an männlicher Anziehungskraft auf ihre erwachende Weiblichkeit schreckten sie allmählich ab. Sie sahen sich kaum noch, Denis fragte nicht einmal nach dem Grund, und Cynthia wunderte sich nicht, als sie nach den Herbstferien von Mitschülern erfuhr, daß er an einer Überdosis Heroin gestorben war.

Ihr war, als wachte sie aus einer schweren Krankheit auf, doch es war kein Gefühl der Befreiung, unwiderruflich tauchte sie wieder ein in die entsetzliche Nüchternheit ihres Elternhauses, stärker als zuvor empfand sie die niederdrückende Banalität des Alltags mit seinen monotonen, unausweichlichen Verrichtungen und spürte unentwegt die unausgesprochene Erwartung an sie, alles zu unternehmen, um möglichst bald ein geregeltes Leben mit Mann und Kindern zu...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.