Aechtner | Mein Lover, mein Ex und der Andere | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Aechtner Mein Lover, mein Ex und der Andere

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-025-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-98707-025-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine turbulente Liebeskomödie in idyllischer Umgebung. Romantisch, leicht, warmherzig. Nicht genug damit, dass Henni ihren Job in einer Boutique verloren hat - nun wird ihr auch noch die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt. In der schönen Wetterau findet sie Unterschlupf bei ihrer Tante Alma, und mit etwas Flunkerei ergattert sie sogar einen Job als Regieassistentin bei den berühmten Burgfestspielen. Dort pokert sie sich erfolgreich durch ihre heiklen Aufgaben, und mit dem genialen Regisseur Ansgar von Stein liegt Romantik in der Luft. Bis eine einzige Szene alles in Frage stellt . . .

Uli Aechtner arbeitete als Journalistin, bevor sie zu schreiben begann. Sie war Reporterin für den französischen Fernsehsender TF1, Nachrichtenmoderatorin beim SWF in Mainz und gestaltete Filmbeiträge für ARD und ZDF. Seit 1992 lebt die eingeplackte Hessin in der idyllischen Wetterau vor den Toren von Frankfurt am Main.
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Eins


In der Goldenen Waage drängten sich die Gäste am frühen Nachmittag so dicht zusammen, als gebe es hier etwas umsonst. Schuld daran war das verregnete Wetter. Bei Sonnenschein saßen die Besucher gern unter den großen Marktschirmen vor dem Frankfurter-Altstadt-Café, doch heute bahnte sich der Juniregen seinen Weg sogar zwischen den aufgespannten Schirmen hindurch und ließ seine Tropfen vom Boden aufspritzen, als wollte er den Passanten die Beine waschen.

Drinnen hatte Henni den letzten freien Tisch erwischt. Erlöst glitt ihr Blick über die goldverzierten Sandsteinsäulen bis zur meterhohen weißen Stuckdecke und über die in einem warmen Rotton gestrichenen Wände zur prall gefüllten Kuchentheke, aus der sie sich gleich etwas aussuchen würde. Heute war ihr Geburtstag. Die gefürchtete Vier hatte sich angeschlichen, und Henni hatte beschlossen, den Abschied von ihren Dreißigern achtsam mit sich selbst zu feiern.

Entschleunigen, nachdenken, Pläne machen.

»Kind, du siehst noch phantastisch aus«, hatte Tante Alma vergangene Woche anerkennend gesagt. Mit vierzig wird der Sex endlich gut, hatte ein Internetblog versprochen. Doch das halbe Leben war mit vierzig vorbei, rein rechnerisch betrachtet. Noch Kinder in die Welt zu setzen, war gewagt, wollte man nicht riskieren, dass einem die Kniegelenke knackten, wenn man mit dem Nachwuchs Kuchen im Sandkasten buk.

»Haben Sie schon bestellt?« Ein junges Mädchen stand an ihrem Tisch. In ihren schwarzen Leggins, ihrem engen schwarzen Shirt und mit den weißen Sneakers sah sie aus, als wollte sie gerade ins Fitnessstudio, doch eine kleine weiße Rüschenschürze wies sie als Kellnerin aus.

»Ein Glas Crémant, bitte«, orderte Henni. »Und einen Frankfurter Kranz.«

Den Klassiker aus Rührteig, Buttercreme und Haselnusskrokant gab es hier im Miniformat, so klein, dass er auf eine Handfläche passte. Schon im Schaufenster konnte man die niedlichen Gebilde betrachten, die wie ihr großes Vorbild mit Buttercremetupfen und roten Belegkirschen verziert waren.

Die junge Kellnerin tippte etwas in ihr elektronisches Notizbuch und schwebte zur Theke. Henni streckte zufrieden ihre Beine aus. Der Geschmack des Crémants lag ihr in Gedanken bereits auf der Zunge. Immer mehr Menschen suchten derweil Unterschlupf im trockenen Innenraum des Cafés. Eine Blondine, schätzungsweise etwas jünger als sie selbst, rückte einen der beiden Stühle zurecht, die unbenutzt an ihrem Tisch standen.

»Entschuldigen Sie, sind bei Ihnen noch zwei Plätze frei?«

Henni atmete tief durch. Frei waren die bequem gepolsterten Sitzgelegenheiten, na klar. Aber die eigentliche Frage war ja, ob die Blonde sich – mit wem auch immer – daraufsetzen und ihr Gesellschaft leisten durfte. An ihrem Geburtstag, den sie allein feiern wollte. Was sollte sie sagen? Verzeihung, ich erwarte meinen Mann mit unseren Kindern? Sie hatte derzeit keinen Mann, nicht mal einen gelegentlichen Lover, und leider auch kein einziges Kind.

Die Blonde zog ihr regennasses Strickjäckchen enger um sich und strich eine feuchte Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Ein wenig Wimperntusche hatte sich unter ihren Augen selbstständig gemacht und ließ sie aussehen wie einen Pandabären. Einen liebenswürdigen Pandabären, der dringend eine trockene Höhle suchte. Hennis innerer Widerstand schmolz.

»Ja, setzen Sie sich ruhig zu mir«, hörte sie sich sagen.

Die Blonde seufzte erleichtert. Sekunden später lagen ihr nasses Jäckchen und ihre feuerrote Clutch so besitzergreifend auf den freien Stühlen wie die Hier-ist-reserviert-Badelaken an den Pools von Malle. Hennis neue Tischnachbarin huschte derweil zur Tür.

»Hier!«, rief sie freudig winkend hinaus. »Hier ist tatsächlich noch was frei!«

Hennis Bestellung kam. Sachte ließ die Bedienung den Crémant in ein schräg gehaltenes Glas laufen. Henni lächelte ihr dankbar zu. Sie nippte an ihrem Schaumwein, beugte sich über ihr Frankfurter Kränzchen und zögerte noch, das kleine Kunstwerk mit der Kuchengabel zu zerstören, da trat der Mann, der zu der Blonden gehörte, an den Tisch. Aus den Augenwinkeln nahm sie die Bewegung wahr, mit der er die rote Clutch vom Stuhl nahm und seiner Begleiterin reichte, ehe er sich setzte. Als Henni den Blick hob, wäre sie am liebsten im Erdboden versunken, tief unter den schönen, schachbrettartigen schwarz-weißen Marmorboden des Cafés, wenn das nur irgendwie möglich gewesen wäre.

»Hallo«, sagte der Mann.

Henni gegenüber saß ihr Ex, ihr letzter Lebensabschnittsgefährte. Niko, der Ökofreak. Na ja, öko war er durch und durch, aber kein Freak. Er sah gepflegt aus, trug schicke Anzüge zu offenen weißen Hemden, Lederschuhe, ging zum Friseur. Und er besaß sogar ein SUV, wenngleich er es fast nie benutzte und zur Minimierung seines ökologischen Fußabdrucks die Öffis oder das Fahrrad bevorzugte. Die Umwelt rettete er mit seinen kritischen Zeitungsberichten, und nur gelegentlich ließ er sich dazu herab, auch mal etwas für das Feuilleton zu schreiben. Niko war freier Journalist. Der Planet Erde war in seinen Augen ein einziger Schandfleck, vermüllt und ausgeraubt durch die Spezies Mensch, die zwangsläufig bald aussterben würde. Und dann? Dann würde etwas ungeheuer Neues entstehen. Eine neue Spezies vielleicht. Zumindest etwas ganz anderes als Menschen.

Er lehnte sich ein wenig zu ihr vor. »Henriette?«

Henni zuckte zusammen. Den Namen Henriette hatte ihre Mutter ihr gegeben, weil sie sich nach diversen Krächen mit ihrer bestimmenden älteren Schwester versöhnen wollte. Und Henni sah unwillkürlich Tante Henriette mit ihrem von Falten umzogenen, verkniffenen Mund vor sich, sowie der Name fiel. Doch Niko hatte er immer gefallen, und manches Mal hatte er ihn lachend benutzt, nur um sie hochzunehmen.

»Hallo, Nikolaus«, rächte sie sich. »Lange nicht gesehen.«

Niko grinste amüsiert, dann schien ihm wohl einzufallen, dass er seine Begleiterin gerade vernachlässigte.

»Doris, das ist Henriette Arends. Henriette, das ist Doris Heim«, stellte er sie einander vor. Henni fühlte sich wie in einem amerikanischen Film, in dem der Protagonist seine beiden Tischdamen miteinander bekannt machte.

Die Bedienung eilte herbei; Niko und Doris bestellten Milchkaffee und Tee.

»Gibt’s was zu feiern?« Ungeniert wies Niko auf ihr Glas, in dem der Crémant seine Perlen aufsteigen ließ.

Henni seufzte gequält. Früher hatte ihr seine Direktheit gefallen. Er war halt ein Frankfurter Bub, und sein Humor war so herb-frisch wie sein geliebter Ebbelwoi. Nun umwölkte sich sein Blick. So schaute er aus, wenn er angestrengt über etwas nachdachte. In vielen Gesprächen hatte dieser Blick sie fasziniert, selbst in ihrer letzten entscheidenden Diskussion, die nun etwas mehr als ein Jahr zurücklag.

Er sah auf seine Uhr und las wohl das Datum ab.

»Mein Gott, Henriette, du hast heute Geburtstag! Einen runden noch dazu. Du wirst …«

»… älter«, sagte Henni rasch. »Wie wir alle. Wer nicht alt werden will, muss jung sterben.«

»Wie schrecklich!«, kam es von Doris. Sie hatte ihre rote Clutch aufgeklappt und betrachtete in dem darin montierten Spiegel ihre Panda-Augen. »Bin mal kurz für kleine Königstiger«, flüsterte sie entschuldigend, während sie sich von ihrem Platz erhob. Ehe sie wegging, winkte sie Henni zu und intonierte leise ein Kinderlied: »Zum Geburtstag viel Glück …«

Niko folgte Doris mit seinem Blick, und seinen Mund umspielte ein bewunderndes Lächeln. »Sie ist wirklich eine Schauspielerin.«

Henni war nicht so recht klar, was er damit sagen wollte. »Du meinst, sie spielt dir gern etwas vor?«

»Nicht doch. Sie tritt im Theater auf.« Er schüttelte den Kopf, als wollte er ihn von jedem weiteren Gedanken an Doris frei machen, und fasste in einer fürsorglichen Geste nach Hennis Hand. »Und? Wie kommst du so zurecht? Geht es dir auch gut?«

»Alles bestens«, gab sie zurück. »Ich hab nur gerade heute nicht viel Zeit.«

»Ich meine, weil du so ganz allein hier …« Er stockte.

Henni ging nicht darauf ein. »Mein Vermieter, Herr Simon, du kennst ihn doch … Er will nachher meine Wohnung inspizieren. Er saniert sie weiterhin, wo er nur kann, und jedes Mal erhöht er anschließend die Miete.«

»Verstehe«, murmelte Niko.

Im letzten Jahr ihrer Beziehung hatte Niko bei ihr gewohnt und die Hälfte der Mietkosten getragen. Seit Henni wieder allein für ihre Wohnung aufkommen musste und ihren Job verloren hatte, kam sie mit den Mietzahlungen kaum noch nach. Sie war bereits im Rückstand, aber was nützte es, ihrem Ex davon vorzujammern.

»Hast du deinen Job noch? Den in der Boutique am Flughafen?« Niko hatte nun diesen Sozialarbeiterton drauf, bei dem Henni nie wusste, ob sie sich freuen sollte, weil er so besorgt um sie war, oder ob es sie einfach bloß nervte.

Sie hob bedauernd die Schultern. »Die Besitzerin ist pleitegegangen.«

»Wenn ich dir helfen kann, ich meine, finanziell …«

»Ach was, ich finde bald was Neues. Du kennst mich doch.«

»Und wenn ich dir zur Überbrückung etwas leihe? Du brauchst dich vor mir nicht zu schämen.«

»Nein, wirklich nicht.« Sie konnte selbst hören, wie pampig sie klang. Hilfe anzunehmen gab ihr das Gefühl, unvollkommen und klein zu sein. Lieber nahm sie ihre Probleme selbst in die Hand. Und was Niko anging, hatte sie ihr Leben mit ihm teilen wollen, nicht sein Geld oder das seiner Eltern. Mit einem Rechtsanwalt als Vater und einer Immobilienmaklerin als Mutter kannte Niko von Haus aus keine Ebbe im Portemonnaie. Selbst verdiente er auch recht gut, und vermutlich konnte er sich auch nicht vorstellen, dass sie keine Almosen...


Aechtner, Uli
Uli Aechtner arbeitete als Journalistin, bevor sie zu schreiben begann. Sie war Reporterin für den französischen Fernsehsender TF1, Nachrichtenmoderatorin beim SWF in Mainz und gestaltete Filmbeiträge für ARD und ZDF. Seit 1992 lebt die eingeplackte Hessin in der idyllischen Wetterau vor den Toren von Frankfurt am Main.

Uli Aechtner arbeitete als Journalistin, bevor sie zu schreiben begann. Sie war Reporterin für den französischen Fernsehsender TF1, Nachrichtenmoderatorin beim SWF in Mainz und gestaltete Filmbeiträge für ARD und ZDF. Seit 1992 lebt die eingeplackte Hessin in der idyllischen Wetterau vor den Toren von Frankfurt am Main.



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