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E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Baumhaus

Aerts Zwischenwelten


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1634-3
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Baumhaus

ISBN: 978-3-8387-1634-3
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Tio kann diesen Trick seit vielen Jahren. Eines Abends zeigt er ihn seiner Freundin Ayse, zeigt ihr, wie man durch eine schwarze Box in ein buntes Zirkuszelt gelangen kann. Doch diesmal ist alles anders, die Kinder kommen in eine fremde Welt, in die Welt eines Computerspiels, wo sie mitten im Krieg zwischen zwei Völkern landen.

Sie lösen Aufgaben und können bei jedem neuen Besuch in ein neues Level einer früheren Zeitebene, so erleben sie die Geschichte rückwärts bis in eine Zeit, in der die beiden Völker noch gut miteinander auskamen. Verwunderlich ist nur: Die Menschen in dieser Welt erscheinen wie Avatare. Und es bleibt die Frage: Ist das alles nur ein Computerspiel oder etwa Realität?

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Ärgerlich wischt Tio mit der Handkante die schwarzen Buchstaben vom Spiegel. »Flip!«, ruft er seinen Vater. Nicht weil sein Vater so heißt – in seiner Geburtsurkunde steht Philip, und auf der Seitenwand des großen schwarzen Wagens, mit dem er durch die Lande zieht und in dem sich all der Kram befindet, den er im Lauf seines Lebens gesammelt hat, heißt er in knallroten Buchstaben FILIPPO! Tios Vater fand, dass dieser Name gut klang für einen weltberühmten Zauberkünstler. Leider sind seine Zaubernummern nicht weltberühmt, und nach Tios Meinung könnte man das Wort Zauber auch ruhig weglassen. Seiner Meinung nach sind es Stümpernummern. Tio findet, dass sein Vater eher so ein bisschen herummurkst, und wichtig ist dabei vor allem die Lichtshow, mit der er seine Fehler überspielt. Tio kriegt stumpfe Zähne vor Scham beim Zuschauen. Immer in den Ferien erlebt er die Stümperei hautnah mit. Wenn es nach Tio ginge, könnte die Schule ganz schnell wieder beginnen, denn in den Monaten, in denen er zur Schule muss, lebt er bei seiner Mutter. Sie wohnt nicht in einem Haus auf Rädern, sondern in einem ganz gewöhnlichen Reihenhaus, das nirgendwo hinfährt und Jahr für Jahr brav dort bleibt, wo es ist. Das findet Tio schön normal. Wenn es nach ihm ginge, bräuchte es das ganze Trara nicht zu geben, die Fahrten über holprige Straßen von einem Standplatz zum anderen, das Auslegen und Aufschlagen des Zelts, das Anbringen der Lampen, das Aufbauen der Bühne und der Sitzreihen. Und jeden Tag dasselbe Spektakel: die knackende Musik vom Pferdchenkarussell, die Rufe von den Ständen, wo es etwas zu gewinnen gibt. Und nicht zu vergessen die betäubenden Gerüche: der süße Duft von rosa Zuckerwatte, von Popcorn, von Waffeln.

»Flip!«, ruft er noch mal. Nicht mehr und nicht weniger. Filippo findet er irgendwie übertrieben, und wenn seine Mutter Philip sagt, dann klingt immer ein missbilligender Ton mit. Sein Vater hört ihn offenbar nicht, denn es kommt keine Antwort. »Was sollen diese Worte wohl bedeuten?«, fragt Tio sich selbst. Es ist nun schon das dritte Mal, dass er die hingekritzelte Schrift auf dem Spiegel entdeckt. Sie scheinen mit schwarzem Eyeliner geschrieben worden zu sein, einem wie ihn sein Vater benutzt, um sich einen geheimnisvollen dunklen Blick zu geben, bevor er die Bühne betritt. »Welcher Blödmann schreibt denn auf einen Spiegel?« Es wirkt, als hätte sich jemand nicht sehr erfolgreich an einem Gedicht versucht.

Ihr

Wir

Vorbei

Dasselbe hat auch gestern da gestanden.

»Pa!« Das ist Tios letzter Versuch. Pa sagt er nur, wenn er deutlich machen will, dass er etwas Dringendes loswerden muss.

»Ja, kommst du mal kurz helfen?«, hört er endlich eine Antwort aus dem Zelt.

»Warum verschmierst du den Spiegel?«, will Tio wissen.

»Ich verschmier den Spiegel?«, fragt sein Vater. Er klingt nicht besonders interessiert. Eher so, als ob er seinem Sohn ohne zu überlegen antwortet, in Gedanken aber ganz woanders ist. Und das scheint tatsächlich der Fall zu sein. »Hör mal, ich finde immer noch, dass die Strahler anders besser stehen. Los, hilf mir mal.«

Mit einem Seufzer steigt Tio auf die kleine schwarz gestrichene Holzbühne und wirft einen gelangweilten Blick in den düsteren Raum, wo bereits die Bankreihen aufgestellt sind. Bald werden dort Menschen Platz nehmen, um die missratenen Nummern eines erbärmlichen Zauberers zu sehen. Gut, kleine Kinder finden es meistens toll, aber ein paar finden es auch unheimlich, fangen an zu plärren und müssen dann schnell von ihren Müttern an die frische Luft befördert werden.

Überrascht stellt Tio fest, dass schon jemand da sitzt und wartet. Es ist ein Mädchen, und es sitzt in der ersten Reihe. Tio nickt ihr aufmunternd zu. Viel Spaß, wünscht er ihr in Gedanken. Wetten, dass du es hier keine zehn Minuten aushältst, wenn es erst mal angefangen hat? Das sagt er natürlich nicht laut, denn sein Vater steht neben ihm und würde über eine so erbarmungslose Bemerkung völlig aus der Fassung geraten.

Das Mädchen nickt zurück.

Nach der dritten Vorstellung (am Sonntagnachmittag gibt es immer drei) sieht Tio zu seiner großen Verwunderung, dass das Mädchen immer noch da sitzt. Hat sie etwa wirklich bei drei Vorstellungen hintereinander zugesehen? Kann das sein? Jemanden, der das schafft, will Tio unbedingt kennenlernen.

»Du musst dich ja schrecklich langweilen«, sagt er einfach so, als er sich neben sie auf die Holzbank setzt.

»Hm?«, fragt das Mädchen.

»Wenn du hier die ganze Zeit bei dieser dämlichen Show rumhängst.«

Die Augenbrauen des Mädchens kriechen hoch bis unter die Spitzen ihrer dunkelbraunen Haare, die ihr in die Stirn fallen.

»Du willst mir doch nicht erzählen, dass du das schön findest.« Tio schnaubt.

Das Mädchen zuckt mit den Schultern. »Ich find es lustig, grad weil es so schlecht ist«, gibt sie dann zögernd zu und schaut Tio entschuldigend an. »Darüber muss ich lachen. Ihr solltet es noch alberner machen, dann kugeln sich alle vor Lachen.«

Tio grinst. »Lass das bloß nicht meinen Vater hören!« Er macht eine ausholende Bewegung. »Das hier ist seine Vorstellung von einer völlig ernst gemeinten Zaubervorstellung.«

Das Mädchen lacht laut auf. Dann sieht sie Tio verlegen an. »Äh … ich heiß Ayse. Und du?«

»Tio. Und mit den Bemerkungen, das macht nichts. Ich find es auch eine dumme Show.« Er verzieht das Gesicht. »Hast du auch Sommerferien?«

Ayse nickt.

»Wenn keine Ferien sind, wohne ich bei meiner Mutter«, sagt Tio.

»Sind deine Eltern geschieden?«, will Ayse wissen.

Tio nickt. »Mein Vater hat sie mit seiner grottenschlechten Vorstellung vergrault. Von mir aus könnten die Ferien gerne schon vorbei sein, aber leider haben sie gerade erst angefangen. Die gehen noch bis Ende August. Deine auch?«

»Nein, bis Mitte August. Aber du bist wahrscheinlich schon in der Oberschule?«

»Ja, in der zweiten Klasse. Ich bin dreizehn, fast vierzehn.«

»Ich bin erst in der sechsten Klasse Grundschule.« Ayse seufzt. Und dann fügt sie schnell hinzu: »Aber ich bin keinmal sitzen geblieben, auch wenn ich schon zwölf bin! Ich bin auch nicht dumm oder so, überhaupt nicht! Wir hatten Probleme zu Hause. Mein Bruder war schwierig, meine Mutter hat zu viel gearbeitet, und mein Vater war in der Türkei, und außerdem bin ich lange krank gewesen und …«

Tio rückt etwas von ihr ab und hebt die Hände. »Ich hab doch gar nichts gesagt!«

»Nein … na ja.« Ayse zupft ein Fädchen von ihrer Jeans. »Ich hasse es, wenn die Leute immer gleich denken, man wäre dumm.«

Einen Moment lang schweigen beide.

»Ihr braucht einen Türsteher«, sagt Ayse dann. »Ich bin hier drei Vorstellungen hintereinander sitzen geblieben, ohne zu bezahlen, und es hat niemand was gesagt.«

»Also ehrlich, eigentlich hält das kein Mensch drei Vorstellungen lang aus! Ich glaub nicht, dass wir schon mal einen Türsteher gebraucht hätten. Wieso, suchst du einen Ferienjob?«

»Ich hab noch nichts, höchstens mal Reklame austragen. Bisschen Geld wäre schon schön. Alle meine Freundinnen sind in den Ferien, und ich langweile mich total.«

Tio winkt ab. »Ich fürchte, dass es bei uns nichts zu verdienen gibt. Mein Vater hat doch keinen Cent übrig.« Er steht auf. »Hast du Lust, eine Runde über den Platz zu drehen? Ich werd erst wieder um halb acht gebraucht. Am Sonntagabend geben wir immer noch zwei Vorstellungen zusätzlich, aber da kommt doch kein Mensch mehr zugucken. Das Wochenende ist rum und die Leute sind müde. Die hängen auf dem Sofa vorm Fernseher und gucken Fußball.« Er zieht einen schwarzen Vorhang zurück und ruft: »Flip, ich bin mal kurz weg und dreh eine Runde.«

Er bekommt sogar eine Antwort. »Oh, bringst du was zu essen für mich mit? Ich versuche noch, die Strahler anders zu hängen, und ich glaub nicht, dass ich mir danach noch was koche.«

Tio geht vor Ayse aus dem Zelt. Draußen kneift er wegen der hellen Sonne, die er den ganzen Nachmittag kaum gesehen hat, die Augen zusammen. »Nach links?«

»Wie du willst. Du kennst den Weg.«

»Eigentlich nicht. Überall, wo wir hinkommen, kriegen wir einen anderen Platz, und hier sind wir erst seit gestern.«

Ayse steckt die Hände in die Hosentaschen und schlendert hinter Tio her. »Ich find das eine komische Kirmes.«

»Es ist auch eigentlich keine Kirmes. Sie haben versucht, was ganz Besonderes zu machen, und sich ›Die älteste Wanderbühne, die es gibt!‹ genannt. Was sie aber nicht sagen, ist, dass sie einfach ein Haufen von Schwachsinnigen sind, der mit ›Dem ältesten noch halbwegs funktionierenden Chaos‹ durch die Gegend reist.«

Ayse lacht wieder laut auf. Sie scheint das einfach lustig zu finden.

Tio führt sie über den Platz und stellt ihr die Menschen vor, die er schon jahrelang kennt. »Hier wohnt Irfan.« Er zieht eine Zeltplane hoch. »Er kann auf Nagelbrettern liegen und Messer schlucken.«

»Ich hab gar nicht gewusst, dass es so was noch gibt. Ist das nicht ein bisschen altmodisch, so eine Show?«

»Sag ich doch«, schnauft Tio. »Ein altes Chaos.« Er geht in das Zelt hinein. »Hallo, Irf!«

Ein junger Mann mit hellbrauner Haut, die Augen noch dunkler geschminkt, als sie es von Natur aus schon sind, schaut unwillig auf. »He, Tio, hattet ihr auch so einen miesen Nachmittag? Verdammt, heute kommt kein Mensch.«

»Ach, ja?«, gibt sich Tio verwundert und wirft einen Blick auf das Mädchen neben sich. »Unser Publikum ist drei...



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