E-Book, Deutsch, Band 1, 576 Seiten
Reihe: Buch der Weisheit-Trilogie
Aguilar Solace The Great Library Of Tomorrow
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-641-30810-0
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Buch der Weisheit - Roman - Inspiriert von dem grandiosen Musikfestival Tomorrowland!
E-Book, Deutsch, Band 1, 576 Seiten
Reihe: Buch der Weisheit-Trilogie
ISBN: 978-3-641-30810-0
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine finstere Bedrohung erhebt sich in der Papierwelt: Der berüchtigte Aschenmann will alles Licht auslöschen und sämtliche Welten ins Verderben stürzen. Helia ist eine der Weisen der Großen Bibliothek von Morgen – und die Einzige, die den Aschenmann aufhalten kann. Doch um die Papierwelt zu retten, muss Helia sich auf die Suche nach einer verlorenen Erinnerung begeben. Nur diese kann der Bibliothek zu einer Chance im Kampf gegen die dunkle Plage verhelfen. Auf ihrer Reise durch die Weiten der Papierwelt bis hin in die legendäre ewige Stadt warten auf Helia nicht nur zahlreiche Gefahren, sondern auch treue Freunde und ihre wahre Bestimmung ...
Treten Sie ein in die »Great Library of Tomorrow« und das magische »Tomorrowland«-Universum! Weitere Bände sind bei Penhaligon in Vorbereitung.
Das Tomorrowland findet seit 2005 in Belgien statt und zählt zu den weltweit bekanntesten Musik-Festivals. Das Open-Air-Event, ins Leben gerufen von den Brüdern Michiel und Manu Beers, wird jährlich von hunderttausenden Fans aus zahlreichen Ländern besucht, die Tickets sind binnen kürzester Zeit restlos ausverkauft. Zu einer Besonderheit des Festivals gehört das einmalige Stagebuilding, das jedes Jahr eine andere Geschichte erzählt – denn Storytelling ist eine der Stärken von Tomorrowland. Jährlich tauchen die Besucher*innen in eine völlig neue Welt ein. Nun hat das Festival eine epische High-Fantasy-Saga konzipiert, die sich eingehender mit den Bühnenwelten des Tomorrowland-Universums befasst und vor deren Hintergrund spielt. Rosalia Aguilar Solace ist ein Pseudonym.
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1
Hinterhalt
Das blaue Moos des Rosengartens war voller Blut. Wie Schienen zogen sie zwei rote Spuren hinter sich her, als Xaviers Lebenskraft aus den Wunden an seinen Beinen sickerte. So gut sie konnte, zog ihn Helia dorthin, wo sie Hilfe zu finden hoffte.
»Wie weit noch?«, fragte Xavier. Seine Stimme klang heiser und genauso schwach, wie er aussah, und doch lag eine Dringlichkeit und Sorge darin, die für ihn ungewöhnlich schien.
Helia kämpfte gegen die Verzweiflung an, die sie innerlich zerriss, gegen den Gedanken, ihn zu verlieren. Doch sie scheiterte kläglich.
Ihre Sphäre spürte ihre Panik. Vega schwebte dicht neben ihr her und ließ in grünen Wirbeln eine besorgte Nachricht aufblitzen. Sie sah ihn stirnrunzelnd an und schüttelte den Kopf.
Xavier beobachtete den Austausch und versuchte zu lachen, doch er bekam nur ein feuchtes und gequältes Gurgeln heraus. Sie schaute hinunter und sah einen roten Spritzer auf seinen Lippen.
»So schlimm, hm?«, fragte er.
»Du wirst es schon schaffen.« Sie hoffte, dass dies kein Irrtum war. Unter der Last seines Gewichts blies sie die Wangen auf. Immerhin war es ein Gewicht, das sie immer geliebt hatte. Eine beruhigende, tröstende Masse aus Muskeln und guter Laune, ein Fels in der Brandung, ganz gleich, was auf sie zukam. Aber jetzt brachte dieses Gewicht sie beide in Gefahr, und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie strauchelte und verlor fast den Halt. »Ich bringe dich in Sicherheit.«
Wie immer durchschaute er ihre erzwungene Zuversicht auf Anhieb. Schließlich war er der Weise der Wahrheit. Es war seine Gabe und oft genug ihr Fluch.
»Das war eine Falle, Helia. Lass mich hier und kehre in die Große Bibliothek zurück. Sonst findet er uns und verbrennt uns beide zu Asche. So steht es in den Geschichten. Schließlich hat er seine Methoden nicht geändert.«
»Du weißt doch gar nicht, ob er es wirklich gewesen ist, Xav.«
»Er war es.«
Ihre Sphäre blinkte zustimmend.
Sie funkelte Vega an, während sich ihre Gedanken überschlugen und sie krampfhaft versuchte, sich an das zu erinnern, was geschehen war. Aber es gelang ihr nicht. Ihre Erinnerungen an die letzte Stunde waren verschwunden, von Nebel verhüllt. Dieser Gedächtnisschwund hatte dieselbe Ursache wie die Wunde an ihrer Stirn, aus der ihr das Blut in die Augen lief, was auch immer dafür verantwortlich gewesen sein mochte. War sie gefallen? Hatte sie sich den Kopf angeschlagen?
Sie konnte sich an nichts von dem erinnern, was nach dem Angriff geschehen war. Aber zumindest blieb ihr noch lebhaft im Gedächtnis. Die Überraschung, die Grausamkeit. Dass er aus dem Nichts erfolgt war, ein plötzlicher Ausbruch von Gewalt an dem einzigen Ort, an dem sie sich immer sicher gefühlt und inneren Frieden verspürt hatte.
Nach wie vor schmeckte sie die Aschewolke auf der Zunge, die sie eingehüllt hatte, als sie aus dem Portal getreten waren und das vertraute weiche Moos am Rande des Rosengartens unter ihren Füßen gespürt hatten. Bei ihrer Ankunft hatte kein Himmel sie willkommen geheißen. Keiner der gewohnten Orange-, Rosa- und Violetttöne des Lichts, die doch sonst immer zwischen den vorbeiziehenden Wolken tanzten und die Erhabenheit dieses außerweltlichen Gartens in die Farben des Sonnenuntergangs tauchten – das üppige grüne Laub, die sich wiegenden Blumen, die Felsenspringbrunnen. Es hatte nur noch glühende Gestalten und mit Krallen bewehrte Finger gegeben, die aus der erstickenden Finsternis hervorgekommen waren, die sich plötzlich über alles gesenkt hatte.
Aber noch schlimmer – viel schlimmer – war die Ahnung von dem gewesen, was in dem Nebel dahinter gelauert hatte.
Eine Präsenz, dunkler und böser als jede von denen, die sie in all den anderen von ihr besuchten Welten je gespürt hatte.
Suttaru hieß er. Allerdings kannte sie ihn unter einem anderen Namen.
Er musste es gewesen sein. Er stammte aus der Zeit der Gründung der Bibliothek, lange vor Helias Ankunft dort. Eine bedrohliche Gestalt, über die jetzt nur noch in den hintersten Gängen und Winkeln der Großen Bibliothek im Flüsterton gesprochen wurde, von Schülern und Gelehrten, die versuchten, sich gegenseitig mit unheimlichen Geschichten Angst einzujagen.
Einerseits schien es unmöglich zu sein, dass er es war. Und doch lag die Wahrheit auf der Hand, vor allem für den Mann, der gerade in ihren Armen starb.
Xavier, dieser wunderschöne Mensch, hatte immer die Wahrheit der Dinge erkannt, so wie es seiner Gabe entsprach. Er suchte und beschützte die Wahrheit. Sie hätte es besser wissen müssen, nicht an ihm zweifeln dürfen.
»Helia«, flüsterte er. Es war das Flüstern eines Geliebten und brach ihr das Herz.
»Alles wird wieder gut, Xav. Versprochen.«
Er war schon fast verloren, sie musste sich beeilen.
Die Aschewolke immer noch in ihrem Rücken, zog sie ihn weiter in die Mitte des Rosengartens. Der Drache Perennia würde ihn doch gewiss retten – nicht wahr?
Bei dem Gedanken an den Drachen brannte Helias Kopf vor Qual und weiß glühender Schmerz explodierte unmittelbar hinter ihren Augen. Es war, als gäbe es etwas in ihrem Kopf, irgendein Wissen, das aber durch die Verletzung verdeckt wurde. Sie wusste nur, dass sie weitergehen musste. Einen anderen Ausweg gab es nicht mehr.
In diesem Augenblick sah sie es plötzlich klar vor sich. Die Wahrheit des Geschehens.
»Helia, warum sind die Rosen grau?«
Erst hörte sie Xavs Frage gar nicht. Ihre ganze Energie floss in ihre Glieder, da sie versuchte, ihn den letzten Hang hinunterzuschleppen. Sie hatte ihm ihre Arme unter die Achseln geschoben, seine Füße schleiften nun über den Boden. Als sie ihn aber endlich auf den smaragdgrünen Pfad zog, in der Hoffnung, Trost in der vertrauten und sonst so wunderschönen Umgebung zu finden, konnte sie es nicht länger ignorieren.
Die Blumen um sie herum, die hätten blühen sollen, waren verschwunden.
Stattdessen lag dort eine Unmenge sich zusammenrollender, verwelkender Blütenblätter, allesamt aschgrau, als wären sie durch irgendeine seltsame Magie ihrer Lebendigkeit beraubt worden, sodass sie nur noch Gespenster ihres früheren Selbst waren.
Verdorben.
Unter den welkenden Ranken lagen die toten und sterbenden Gartenbewohner. Summbienen mit rosafarbenen Flügelspitzen, Mondschwalben und Hasen mit buschigen Schwänzen lagen verstreut im Laub. Einige, die noch lebten, ließen die Blätter rascheln, als sie Xavier an ihnen vorbeizog. Vielleicht witterten sie Rettung oder sie machten sich nur in ihrem letzten Todeskampf bemerkbar. Aber die meisten bewegten sich gar nicht mehr.
Helias Sphäre pulsierte in einem düsteren, schwärzlichen Grün – dies kam einem schmerzlichen Schrei so nah, wie es ihr möglich war – und rückte näher an Helia heran.
Das Entsetzen angesichts ihrer Lage nahm zu und ihr Adrenalinspiegel schoss gleichermaßen in die Höhe. Das genügte, um ihr die Energie für eine letzte Kraftanstrengung zu geben.
Sie stemmte die Fersen in den smaragdgrünen Pfad und zerrte Xav weiter, biss die Zähne zusammen und spannte jede Sehne an, bis ihr ganzer Körper brannte.
Endlich erreichten sie die Mitte des Rosengartens.
Und fanden nichts.
Perennia war fort.
Helias Beine gaben unter ihr nach, sie brach zusammen und riss Xav mit sich zu Boden. Er war schon zu schwach, um auch nur in Agonie zu schreien, doch obwohl er sich durch seinen eigenen Schmerz kämpfte, musste er die Verzweiflung gespürt haben, die sie gerade überwältigte. Er nahm ihre Hand.
Sie starrte in sein bleiches Gesicht und mit ihrer verbliebenen Kraft zog sie ihn an sich und wiegte ihn in ihren Armen. Sein Bart war mit Blut verklebt. Seine Lippen verzogen sich zu einer Grimasse, als er sich mühte, in der Tasche seines langen Mantels nach seiner Sphäre zu tasten.
»Was tust du da?«, fragte sie, obwohl sie befürchtete, die Antwort bereits zu kennen.
»Antares soll an deiner Seite bleiben!«
Er drückte ihr die Kugel, die jetzt nur noch die Größe einer Murmel hatte, in die Hand.
»Nein, Xav. Sobald wir dich in die Große Bibliothek zurückgeschafft haben, können wir dich zu einem Heiler bringen, der sich um euch beide kümmert … und euch wieder auf die Beine bringt. , erinnerst du dich? Das gilt auch für deine Sphäre.«
»Aber … wir haben jetzt keine Wahl mehr, Helia.«
Er nahm ihre Finger und legte sie über seinen leblosen Gefährten. Die kleine Antares fühlte sich erstaunlich kalt an. Man spürte keine Bewegung oder Farbe, kein Pulsieren oder Vibrieren. Das hätte nicht sein dürfen. Helia fragte sich plötzlich, ob Sphären eigentlich sterben konnten. Diese Frage war ihr noch nie in den Sinn gekommen, doch in all den Jahrhunderten in der Bibliothek hatte sie nie erlebt, dass eine Sphäre so stark schrumpfte.
Ihre eigene Sphäre, Vega, ließ sich traurig neben ihr fallen und stupste ihre Hand an, um den Freund zu wecken.
»Alles wird wieder gut«, flüsterte Helia, als sich Antares nicht regte. Sie versuchte, ruhig und zuversichtlich zu klingen, einfach weil das nötig war. Nicht nur für ihre Sphäre, die schon jetzt ihre Stimmung spürte, sondern vor allem für Xavier. Er durfte nicht hören, dass ihre Stimme brach. Er brauchte Hoffnung, wenn er überleben wollte. Hoffnung war das Licht, das die Menschen aus der Dunkelheit...




