E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Ahlbrecht Gelassen im Sturm
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-417-27042-6
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf der Suche nach dem Frieden, den Jesus verspricht
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-417-27042-6
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jörg Ahlbrecht ist Referent, Pastor, Sprecher und Buchautor mit den Schwerpunkten geistliches Leben und geistliches Wachstum. Er ist aufgewachsen in Kassel, hat in Hamburg und London Theologie studiert, war elf Jahre Gemeindepastor in Wetter/ Ruhr und hat nebenbei viele Jahre als Sprecher und Autor für verschiedene Rundfunksender in Deutschland gearbeitet. Seit 2004 arbeitet er für Willow Creek Deutschland als theologischer Referent. Er ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Marburg.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Nicht Unordnung, sondern Frieden
»Es herrschte das nackte Chaos!«
Was das aufschwingende Garagentor an Durcheinander in unserer Garage offenbarte, war mir zwar irgendwie bewusst gewesen und dennoch: Ein Teil von mir hatte es einfach nicht wahrhaben wollen.
Ich hatte es jahrelang erfolgreich verdrängt, ignoriert, einfach ausgeblendet. Doch immer mit der leisen Ahnung: »Irgendwann wirst du dich diesem Chaos einmal zuwenden müssen. Irgendwann kommt die Zeit, diese Garage aufzuräumen.« Über die Jahre ist ein bunter Mix aus Gartengeräten, alten Blumentöpfen, Fahrrädern und Werkzeug entstanden. Eine völlig überladene Werkbank, ein uralter, verrotteter Schrank voller Trödel, alten Farbdosen und vergilbten Behältern, mit irgendwelchen Substanzen, deren Etiketten schon vor vielen Jahren nicht mehr zu entziffern waren – bei einigen ist allerdings noch altdeutsche Frakturschrift zu erkennen.
Als wir das Haus vor beinahe zwanzig Jahren gekauft haben, war auch diese halb gefüllte Garage mit dabei gewesen, voller altem Werkzeug und Geräten vom Vorbesitzer. Und natürlich habe ich »das« nicht weggeworfen. Wer weiß, wann man »das« noch mal braucht! Bei manchen Geräten war mir allerdings schon damals gar nicht klar, wofür man »das« überhaupt gebrauchen sollte. Aber egal. Wegwerfen kann man es immer noch, wir haben ja Platz.
Aber jetzt, viele Jahre später, ist die Garage ziemlich voll. Da sind angefangene Werkstücke aus Holz, die ich mal gebastelt, aber dann nicht fertiggestellt habe. Da sind Holzplatten für zukünftige Laubsägearbeiten, zwei große Rigipsplatten, die bei der Badezimmerrenovierung übrig geblieben sind. Außerdem Regalbretter, Metallschienen, Styroporplatten zur Dämmung, Randleisten, Korkplatten … eben alles, was in den Jahren so an Baumaterial-Resten angefallen ist. Daneben Werkzeug, das ich angeschafft, aber dann nie gebraucht habe. So viele stumme Zeugen von Plänen und Ideen, die ich zwar hatte, aber nie in die Tat umgesetzt habe. Altes Zeug, das ich übernommen, aber nie benutzt habe. Manches, das ich gut hätte benutzten können, wenn ich bloß gewusst hätte, dass ich es habe.
Und das alles ist überzogen von Schmutz. Mann, ist das hier dreckig! Wo kommt so viel Dreck eigentlich her? Die Decke und die Wände voller Spinnweben und Staub, der Boden voller Mäusedreck, altem Laub, runtergefallenen Schrauben und kleinen, abgeschnittenen Kabelresten. Gut, dass bei mir keiner weiß, wie es in der Garage aussieht. Da muss man sich ja schämen.
Da stand ich nun und ließ meinen Blick langsam über die Mischung aus Ursuppe, Resterampe, Holzwurmparadies und Mäuseklo wandern und wusste: Bisher konnte ich das verdrängen. Aber jetzt … jetzt ist Pandemie! Jetzt ist Kurzarbeit! Jetzt habe ich keine Ausrede mehr. Jetzt muss ich dem Chaos in der Garage zu Leibe rücken.
Zwei volle Tage war ich dann damit beschäftigt, zu fegen, auszuräumen, wegzuwerfen, zu sortieren, zu ordnen. Zwei Tage Chaos beseitigen, den therapeutischen Charakter dieses Unternehmens habe ich völlig unterschätzt. Denn diese Garage war viel mehr als nur ein vernachlässigter Aufbewahrungsort. Diese Garage wurde mir zu einem Spiegel meiner Seele, meines Innenlebens.
Zeit für Inventur
Dreißig Jahre im hauptamtlichen Dienst hatte ich hinter mir, als die weltweite Pandemie über uns alle hereinbrach. Dreißig Jahre stetig gefülltes Leben voller Herausforderungen, Siege, Niederlagen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Dreißig Jahre voller Tempo. Gefühlt hatte sich die Dauer einer Woche im Laufe der Jahre mehr als halbiert.
Dreißig Jahre voller Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Manche haben mich enorm beeindruckt und ich habe versucht, so viel ich konnte, von ihnen zu lernen. Ich habe da eine Menge »Werkzeuge« übernommen und im Lager rumliegen. Ich habe Sichtweisen, Überzeugungen, Strategien, Einsichten und Erkenntnisse angesammelt. Manche davon sind sehr brauchbar, andere nur auf den ersten Blick hilfreich. Aber ich habe das alles abgespeichert und aufgehoben.
Wieder andere Menschen haben mich enttäuscht oder zunehmend befremdet. Man erlebt ja nicht nur Gutes, wenn man viel mit Menschen zusammen ist. Da sind Wunden entstanden, Verletzungen, Kränkungen und Scham. Ich habe Schutzmechanismen aufgebaut, um Menschen auf Distanz zu halten, habe Denkmuster entwickelt, um Erfahrungen zu filtern und einzusortieren. Ich habe eine bestimmte Art und Weise, wie ich auf verschiedene Menschen reagiere, aufgebaut und trainiert. All das eher unsortiert, eher unbewusst, eher chaotisch.
So viele Träume, Ideen und Anfänge hat es gegeben. So viel von dem Zauber, der jedem Anfang innewohnt, wie Hermann Hesse es in seinem Gedicht Stufen beschreibt. Mancher Anfang hat auch wirklich zu neuen Entdeckungen und in einen neuen Lebensabschnitt geführt und wurde Teil meiner Identität, meiner regelmäßigen Gebrauchsgegenstände. Andere Anfänge sind einfach stecken geblieben, unvollendet wie ein begonnenes Werkstück, das nun achtlos auf der Werkbank liegt und bei dem man nicht weiß, ob es weggeworfen oder fertiggestellt werden sollte.
Während ich altes Material aus der Garage wegwarf, dachte ich darüber nach, was ich noch an Resten alter Überzeugungen mit mir rumtrug, für die ich schon lange keine Verwendung mehr hatte. Und warum mir eigentlich der Mut gefehlt hat, sie über Bord zu schmeißen.
Während ich mit einem Schaber den realen Mäusedreck vom Betonboden kratzte, tauchte die Frage auf, was sich eigentlich in meinem Inneren über die vielen Jahre an Dreck angesammelt hat. Zwischenmenschliche Verunreinigungen, ungelöste Konflikte, weggedrückte Wunden, falsche Entscheidungen, nicht verarbeitete Enttäuschungen oder schlicht Versagen. Ich merke: Das alles hat sich als eine festsitzende Dreckschicht wie ein Panzer um meine Seele gelegt. Eine Schicht, die mich zu schützen scheint, in Wirklichkeit aber von dem Guten isoliert, das Gott für mich im Leben bereithält.
Angestoßen von dem Chaos in meiner Garage fing ich an, mich dem Chaos in meinem Inneren zuzuwenden und eine ehrliche Inventur zu machen. Wo stehe ich nach dreißig Jahren im hauptamtlichen Dienst? Wo stehe ich nach vierzig Jahren als Nachfolger Jesu?
Der Gott des Friedens
»Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens!« (1. Korinther 14,33; LUT). So leuchtet ein Satz in meinem Inneren auf. Und dieser Satz ist ein Echo aus meiner Jugendzeit in einer Baptistengemeinde in Kassel, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Es ist irre, was über die Jahre so hängen bleibt und dann plötzlich, ganz unvermittelt, aus dem Nebel der Erinnerung wiederauftaucht.
Ich weiß noch, wie wichtig es Friedbert, unserem Jugendpastor war, dass bei Gott das Gegenteil von Unordnung nicht Ordnung, sondern Frieden ist. Wir saßen in seiner Dachwohnung bei einer Mitarbeiterschulung für unseren Teenkreis. Und Friedbert erklärte: Gott erwartet keine preußischen Tugenden. Er ist nicht ordnungsbesessen und will, dass alles in Reih und Glied steht, schnurgerade und ausgerichtet. Das ist ein Maßstab, den eher wir Menschen anlegen und an dem wir nur scheitern können. Obwohl manche Menschen in der Gemeinde gerne diese Ordnung hätten. Aber bei Gott geht es nicht um Ordnung – (was mich im Blick auf meine Garage dann doch etwas aufatmen lässt! Danke, Friedbert.) Es geht um Frieden. Seine Antwort auf die Unordnung ist Harmonie, Ausgleich, Gelassenheit.
»Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.« Das passte so gut zu meiner aktuellen Lage – auch wenn sich diese Aussage damals nicht in erster Linie an Garagenbesitzer richtete oder an Leute, die gerade eine Lebensinventur machten. Paulus sagte diesen Satz ursprünglich im Kontext der Gottesdienstgestaltung einer Gemeinde und für mich triggert er ein Thema, das mich schon länger beschäftigt: die Frage nach dem Frieden. Diese Frage verfolgt mich, seit ich Dallas Willard über den relaxten Jesus habe reden hören. Und diese Frage entwickelt sich mehr und mehr zu einer zentralen Frage meines Lebens.
Das Chaos in meiner Garage offenbarte das Chaos in meinem Inneren und zeigte eines sehr klar: Was mir fehlt, ist Friede. Innerer Friede. Was mir fehlt, ist eine Haltung der heiteren, inneren Gelassenheit. Stattdessen gibt es in mir so viel Chaos und Unordnung.
Vielleicht geht es dir ja ähnlich, egal, ob du Garagenbesitzer bist oder nicht. Ich möchte in diesem Buch der Zusage Jesu nachspüren, dass er uns Frieden geben will. Dass wir zum Frieden berufen sind. Dass wir einen Frieden haben können, der unser Verstehen weit übersteigt, und dass dieser Friede unser Herz und unsere Sinne bewahrt in der Verbindung mit Jesus.
So viele Aussagen über Frieden und Zusagen zum Frieden begegnen uns im Neuen Testament. Jesus will seine Nachfolgerinnen und Nachfolger mit Frieden ausstatten. Seinem Frieden. Echtem Frieden. Frieden, den niemand sonst geben kann, aber der darum nicht weniger real ist. Aber warum spüre ich davon so wenig? Warum bin ich innerlich so unruhig? Und wenn ich mal von mir wegschaue: Warum sind wir Christen so dermaßen zerstritten? Warum suchen viele Menschen inneren Frieden lieber im Buddhismus als in der lokalen Kirchengemeinde? Warum sehe ich überall mehr Sturm als Frieden?
Schalom – Was genau ist das für ein Frieden?
Der Frieden, der dem Chaos gegenübersteht, meint nicht in erster Linie das Fehlen von Konflikten, von Streit oder Auseinandersetzungen. Gemeint ist auch keine stoische Abgeklärtheit, die emotionslos über allem schwebt und die sich über nichts und niemanden...




