Ahrbeck | Was Erziehung heute leisten kann | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Ahrbeck Was Erziehung heute leisten kann

Pädagogik jenseits von Illusionen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-17-036927-6
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Pädagogik jenseits von Illusionen

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-17-036927-6
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gewissheiten im Erziehungsgeschehen geraten gegenwärtig ins Wanken. In stark ideologisch aufgeladenen, von politischer Korrektheit geprägten Entwürfen werden Grenzen auf irritierende Weise infrage gestellt. Etwa zwischen den Geschlechtern im Gender Mainstreaming oder zwischen Behinderung und Nichtbehinderung im Inklusionsdiskurs. Unterschiede zwischen Menschen werden nur noch schwer ausgehalten. Niemand soll zurückstehen und alle möglichst gleich sein. Dahinter steckt der Traum von einem Neubeginn: mit einem sich weitgehend selbst konstruierenden Menschen, der in einer repressionsfreien, von der Last der Vergangenheit befreiten Gesellschaft aufwächst. Derartige Illusionen halten der Wirklichkeit nicht stand. Erziehung ist eine anthropologische Notwendigkeit, der pädagogische Auftrag lässt sich nicht beliebig relativieren und entwicklungspsychologische Erkenntnisse müssen anerkannt werden. Radikale Reformwünsche, die sich als moralisch unantastbar darstellen, haben häufig genug zu schmerzvollen pädagogischen Irrwegen geführt. Es wird deshalb dafür plädiert, zur Sachlichkeit zurückzukehren. Historische Wandlungsprozesse und neue pädagogische Aufgaben lassen sich nur dann bewältigen, wenn illusionäre Verkennungen und ideologische Überfrachtungen aufgegeben werden. Nur so kann ein realistisches und zeitgemäßes Bild darüber entstehen, was Schule heute leisten sollte und was sie Kindern ermöglichen muss.

Professor Dr. Bernd Ahrbeck ist Lehrstuhlinhaber für Psychoanalytische Pädagogik an der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU-Berlin); zuvor lehrte er an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Ahrbeck Was Erziehung heute leisten kann jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1


Einleitung


»Jedes Zeitalter ist der Sklave seiner Konventionen. Und unsere Epoche ist in dieser Hinsicht nur noch schlimmer, weil sie sich einbildet, sie habe mit sämtlichen Konventionen abgeschlossen.«
Pierre Manent

Erziehung ist eine anthropologische Notwendigkeit. Sie leistet für die Entwicklung des Kindes Unentbehrliches und sichert zugleich den gesellschaftlichen Bestand. Erziehung öffnet die Welt des Kindes: Sie weist einen Weg in das Erwachsenenleben und führt dazu, dass ein Zugang zu Lebensbereichen und Erfahrungswelten möglich wird, der ansonsten verschlossen bleibt. Die ehemals Kleinen werden dadurch groß, emotional und sozial erfahren, wissender und urteilsfähiger. Ohne Erziehung bleiben sie in sich gefangen, den Beschränkungen des Kindseins ausgeliefert. Ihre Potenziale liegen brach, sie verkümmern.

Dabei sind sie auf Erwachsene angewiesen, die sie nicht nur passiv begleiten, sondern aktiv auf sie einwirken, die eine Vorstellung davon haben, wohin sich das Kind entwickeln soll. Erziehung entfaltet sich zwischen zwei Polen: Neben Anerkennung, Ermunterung, Unterstützung stehen Lenkung, Begrenzung, Zwang. Die Erziehenden changieren zwischen der Identifikation mit dem Kind, das seinen unmittelbaren Bedürfnissen folgen möchte, und den Erziehungszielen, die darüber hinausgehen. Die große Hoffnung der Erziehung ist, dass die Pflicht zur Neigung wird, wie es bei Kant heißt, gekleidet in die Frage: »Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?« (Kant, 1803, S. 32). Das ehemals Fremde, von außen Entgegengebrachte und Erzwungene soll in einen inneren Besitz münden, der Abgrenzung und Unabhängigkeit ermöglicht, eigenständiges Denken und Handeln garantiert und der persönlichen Freiheit verpflichtet ist.

Dem entspricht die gesellschaftliche Erwartung an Erziehung. Erfahrungen von Bindung und Geborgenheit sollen zu einer inneren Sicherheit führen, die es erlaubt, dass Bewährtes tradiert wird. Zugleich wird angestrebt, dass die nächste Generation ausgetretene Pfade verlässt, neue Impulse setzt und eigene Wege beschreitet, die den Älteren nicht möglich waren. Verändern und Bewahren, in welchem Verhältnis auch immer, das ist das erzieherische Ziel.

Der Weg dorthin ist nicht immer ein einfacher, das wissen Eltern und Kinder seit Generationen. Die einschlägigen Erziehungsratgeber, die heute die Buchhandlungen füllen, zeugen davon. Die philosophischen und erziehungswissenschaftlichen Reflektionen, die sich durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte ziehen, belegen ebenfalls, dass das Erziehungsgeschäft ein schwieriges ist, durchzogen von Antinomien, Spannungen und Widersprüchen. »Bildung lässt sich nicht erzeugen« (Tenorth, 2013, S. 8). Bereits Freud sprach von den drei unmöglichen Berufen, zu denen neben dem Psychoanalysieren und dem Regieren auch das Erziehen zählte. Er schrieb:

»Es hat doch beinahe den Anschein, als wäre das Analysieren der dritte jener ›unmöglichen‹ Berufe, in denen man des ungenügenden Erfolges von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen, weit länger bekannten, sind das Erziehen und das Regieren« (Freud, 1937, S. 94).

Eltern, Erzieher und Lehrkräfte müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie sich auf unsicherem Terrain bewegen: Das Gutgemeinte kann in das Gegenteil umschlagen, hehre Absichten können ohne Erfolg bleiben. Eine Gewissheit gibt es hinsichtlich der eingesetzten Mittel nicht, wie Freuds (1933b, S. 160) berühmt gewordener Satz verdeutlicht:

»Die Erziehung hat also ihren Weg zu suchen zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des Versagens. Wenn die Aufgabe nicht überhaupt unlösbar ist, muss ein Optimum für die Erziehung aufzufinden sein, wie sie am meisten leisten und am wenigsten schaden kann.«

An Reformbemühungen hat es in der Geschichte der Erziehung wahrlich nicht gefehlt. Einige haben sich als ertragreich und unverzichtbar erwiesen, andere wurden über kurz oder lang als Irrwege entlarvt. In den letzten Jahrzehnten haben sich institutionelle Veränderungen potenziert, mit unterschiedlichem Erfolg, wie die gegenwärtige Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium zeigt. Insgesamt wurde ihnen ein zu großes Gewicht beigemessen, wie ein kritischer Rückblick ergibt.

»›Die Deutschen haben die falsche Diskussion geführt‹ sagt Jürgen Baumert, Präsident des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin […]: ›Sie haben Glaubenskriege über die richtige Schulform geführt, statt sich darum zu kümmern, wie man Kinder klüger macht‹« (Fleischhauer, 2010, S. 113).

Den Hintergrund für einen solchen Reformeifer, so viel Getriebenheit und Unruhe, bilden diverse Anforderungen, die sich an die Schule und das Schulsystem richten. Nach der ersten PISA-Studie, die Deutschland niedrige Leistungen attestierte, war die Aufregung groß, gleichsam ein Schock eingetreten, der keine schnelle Heilung versprach. Zur Forderung nach allgemeiner Leistungssteigerung, die permanent überprüft werden soll, gesellte sich eine weitere, emotional noch stärker besetzte: die nach Chancengleichheit. Die Schule soll dafür sorgen, dass die soziale Herkunft für Bildungserfolge nur noch eine geringe oder gar keine Rolle mehr spielt. Von Ganztagschulen wird ein entsprechender kompensatorischer Beitrag erhofft. Bemerkenswert an dieser Forderung ist die Heftigkeit, mit der sie vorgebracht und bis heute vertreten wird. Selbst dann noch, wenn empirische Befunde dem deutschen Schulsystem im internationalen Vergleich gar keine besondere soziale Selektivität bescheinigen.

Mit der Inklusion trat eine weitere Herausforderung hinzu. Noch stärker als bei der Chancengleichheit werden hier grundsätzliche Fragen aufgeworfen. Die Erwartungen, die sich an die Inklusion knüpfen, sind immens: Die Schule soll sich auf jeden einzelnen Schüler, auf jede einzelne Schülerin einstellen, sie in ihrer Vielfalt begrüßen und eine Gerechtigkeit walten lassen, die es bisher noch nicht gegeben hat. Pädagogisch werden erhebliche Veränderungen eingefordert, bis hin zu der Vorstellung, nunmehr könne ein neues Zeitalter der Pädagogik beginnen, mit der Schule als Vorläufer einer grundlegend gewandelten, wahrhaft humanen Gesellschaft. Die Diskussionen darüber werden hierzulande besonders intensiv geführt. Sie sind affektiv stark aufgeladen, mit hohen bis höchsten Idealen versehen und einer ausgeprägten Bereitschaft, diejenigen zu entwerten, die diesen weitreichenden Entwurf in Frage stellen. Speck (2010, S. 7) spricht von einem »ideologischen Minenfeld«.

Große gesellschaftliche Entwicklungen wie der schnelle, oft schwer durchschaubare politische und kulturelle Wandel machen auch vor den pädagogischen Diskursen nicht halt. Die dominierenden Erziehungshaltungen haben sich vom Autoritären zum Partnerschaftlichen hin entwickelt, das Verhältnis zwischen den Generationen und den Geschlechtern ist ein anderes und die Lebensformen sind vielfältiger geworden. Die Aufgaben, die dadurch entstehen, lassen sich nicht immer leicht lösen, wie die Diskussionen um das Schwinden der Erziehungsdimension bezeugen.

In den letzten, vielleicht zwanzig Jahren haben sich zudem weitere Veränderungen eingestellt, die weit darüber hinaus reichen. Bisherige Selbstverständlichkeiten sind auf breiter Ebene infrage gestellt worden, in einer Weise, die zuvor kaum vorstellbar war. Die Gender-Theorien sind ein prominentes Beispiel dafür. Bis in die schulische Praxis hineinwirkend sind damit Vorstellungen aufgerufen, die sich von der tradierten Polarität Mann – Frau längst verabschiedet haben. Das Thema ist jetzt nicht mehr in erster Linie, in welcher Beziehung Männer und Frauen zueinanderstehen, wie sich ihre Rollen, ihr Erleben, Verhalten und Selbstverständnis kulturell wandeln und welche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern herrschen. Der Fokus hat sich auf ein ganz anderes Feld verschoben: Auf ein Reich zwischen den Geschlechtern, gestützt auf die Annahme einer sozialen und biologischen Unbestimmheit des Menschen, die den Selbstkonstruktionskräften des Einzelnen unterworfen ist. Damit wird wirkungsmächtig und stark interessengeleitet eine neue Anthropologie in Szene gesetzt, mit weitreichenden Folgen, die sich nicht nur auf die Sexualerziehung erstrecken. Sie tragen, durchaus gewollt, zur Verwirrung und Erschütterung mehrheitlich präferierter Lebensformen bei.

Trotz eines verbreiteten Unwohlseins erhebt sich dagegen vor allem akademisch kaum Widerspruch. Aus der Furcht heraus, Minderheiten könnten sich diskriminiert fühlen, aufgrund der Sorge, ihr berechtigtes Anliegen zu verletzen, durch die Befürchtung, selbst nicht auf der Höhe der Zeit zu sein und als ewig Gestriger abgestempelt zu werden. Es verhält sich hier ähnlich wie im...


Professor Dr. Bernd Ahrbeck ist Lehrstuhlinhaber für Psychoanalytische Pädagogik an der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU-Berlin); zuvor lehrte er an der Humboldt-Universität zu Berlin.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.