E-Book, Deutsch, 329 Seiten
Ahrends Bleib sauber! Kalter Krieg & Gewissen, Band 1
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8190-5595-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Essays & Feuilletons aus 40 Jahren
E-Book, Deutsch, 329 Seiten
ISBN: 978-3-8190-5595-9
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Martin Ahrends wurde 1951 in Berlin geboren, Abitur 1970 in Potsdam, Studien der Musik, Philosophie, Theaterregie in Berlin, Redakteur einer Zeitschrift für ernste Musik, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Komischen Oper. Nach einem politisch begründeten Arbeitsverbot: 1982 Ausreiseantrag, dem 1984 stattgegeben wurde. In Hamburg zwischen 1986 und 94 Redakteur und freier Mitarbeiter der Wochenzeitung DIE ZEIT, seither freier Autor. Neben zahlreichen publizistischen Arbeiten auch literarische Texte: Erzählungen, Essays, Romane u. a. bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, bei Wallstein in Göttingen und im Aufbau Verlag Berlin. Mitglied des P.E.N.
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Vorwort
„… Und das Liebste mags uns scheinen, so wie andern Völkern ihrs.“ In Brechts Kinderhymne von 1950 ist ein zu Recht kompliziertes Verhältnis beschrieben. Das der Deutschen zu sich selbst, zu ihrem Land und ihrer Geschichte. Es mag uns scheinen, dass es uns das Liebste sei: So behutsam, so präzise setzt Brecht seine Schritte zu diesem heiklen Verhältnis hin, das so grundstürzend zerrüttet ist als nationale Überhebung. Fast hätten wir die ganze Welt in den Abgrund gerissen, wenn wir Zeit genug für die Atombombe gehabt hätten. Wir. Die Hybris ist donnernd zerschellt. Aber deshalb hören wir nicht auf, Deutsche zu sein in Deutschland. Unsere Geschichte ist unentrinnbar, auch wenn wir nicht dazugehören wollen.
Ich bin da hineingeboren. In meinem Geburtsjahr gab es diese Anrufung Deutschlands noch und der Deutschen, bei Brecht, Thomas Mann und vielen anderen. Ich konnte sie auf mich beziehen als einen, den zwar keine Schuld trifft am „Untergang“, der aber in einen schwer deutbaren Nachhall aufwächst. Wo es nun Anmut brauche, Mühe, Leidenschaft, Verstand, um etwas erblühen zu lassen, das dereinst mal als gutes Deutschland gelten könne. Anstelle der Härte, Zähigkeit, der Todesverachtung, des Hasses, der Selbstverleugnung in Gewissheit eines Auserwähltseins als völkische, rassische Elite.
Es gab etwas, woran ich mich halten konnte. Die Ironie von Strawinski, wenn Vater mit seinem Korrepetitor die Sonate von 1932 probierte. Musik aus dem Davor, die immer noch galt. Wenn die Mutter mir Bechstein-Märchen las. Das von Wacholderbaum, darin Schlimmstmögliches geschieht. Und das doch einen Weg weist, draus hervorzugehen, ohne es zu verleugnen und ohne daran zu Grunde zu gehen. Man geht zum Grunde, wird auf Gründe gebracht, indem man gestraft wird. Und soll an der Strafe nicht enden, sondern mit ihr weiterleben. Wie dieser Vogel mit dem Mühlrad auffliegt, als wärs ein Halm zum Nestbau. Dieses Märchen weiß so vieles. Dieser Vogel. Aber nicht, um damit zu erschlagen oder davon zu schweigen, sondern um es auszusingen, so gekonnt, dass jedermann gebannt stehenbleibt, um zu hören. Das kann Kunst. Auch der Schuster lässt seine Arbeit ruhen und kommt ins blendende Licht. Nicht er hat Schuld auf sich geladen, aber auch von ihm ist die Rede. Deshalb genießt auch er des Vogels Sang, der schön ist von einer Wahrhaftigkeit, die den einen erbauen und den anderen niederschmettern kann. Allen sichtbar fällt der Mühlstein dahin, wo die Schuld ist, auf dass alle daraus lernen können und sich von Schuld erlösen.
Ich glaube, dass wir aus unseren Niederlagen gelernt haben, wir Deutschen. Ich bin in diesen Lernprozess hineingeboren und damit aufgewachsen, hatte daran teil, ob ich wollte oder nicht. Die aktiven Varianten waren mir lieber als die passiven. Lieber als die Pflicht-Lehrstunden zu den Beschlüssen der allwissenden Partei waren mir meine Proben aufs Exempel. Auf diese Deutsche Demokratische Republik und auf das, was sich dort von selbst verbot. Meine Experimente hätten auch in eine extrem passive Lernvariante münden können. - Der Knast blieb mir erspart.
Was geschieht den Nachkommen derer, die so schuldig wurden?
In den Jahren des Kalten Krieges gab es eine doppelte Geschichte in zwei politischen Systemen. Das ist nicht weniger, sondern mehr. In den vergangenen vierzig Jahren habe ich in Essays und Feuilletons immer wieder auf ethische Aspekte dieser zweigeteilten Erfahrungen Bezug genommen. Hab mich gefragt, wie es hier und drüben gelang, ein guter Mensch zu sein und seine Würde zu wahren. Wie es gelang, sich zu emanzipieren und zu entwickeln. Wie bezog man sich hier und drüben auf die gemeinsame deutsche Vergangenheit und Zukunft? Wie griff die Teilung in Lebensläufe ein, in Familien? Wie in die Sprache? Wie in die Arbeitswelt, wie in die Künste?
Als jemand, der in Westberlin geboren wurde, in der DDR aufwuchs, vor dem Mauerfall von Potsdam nach Hamburg übersiedeln konnte und nach dem Mauerfall nach Potsdam heimkehrte, stand ich oft zwischen den Fronten des Kalten Krieges und konnte mit meinen Zwischen-Front-Berichten über Jahre hin die wachsende Familie ernähren.
Beim Wiederlesen der Texte, die zwischen 1985 – 1989 veröffentlicht sind, bin ich überrascht, wie bald ich im Westen etwas vermisste. Natürlich die Familie, die Freunde von drüben. Aber dann auch das stille Land, die andere Zeit, die dort verging und vor einem lag. Nun war ich vom hektischen Westen umspült und wusste nicht, wohin ich ihm entkommen sollte, weil er immer anwesend blieb, auch an den Sonntagen und in den Ferien. Eine neue Anspannung, die ich manchmal produktiv machen konnte, Texte schreiben, die Erfolg hatten. Die meistens aber unproduktiv zu sein schien: Eine Hektik um ihrer selbst willen, als Lebensstil, der keinen Sinn in sich birgt, der vielmehr über eine tiefe Sinnleere hinwegtragen soll.
Als ich 1988 von KiWi den Auftrag zu Interviews mit DDR-Übersiedlern bekam, war mir das zunächst nur eine gut bezahlte Brotarbeit, dann aber erkannte ich in diesen Statements ähnliche Muster und war nicht mehr so allein mit meinem Fremdeln im Westen.
Erst nach der Ausreise konnte ich sehen, dass mir die DDR mit ihrem Großprojekt Sinn gegeben hatte in einer Weise, die ich im Westen nicht finden konnte. Auch nachdem ich dieses Projekt für gescheitert hielt, war es noch wichtig als Gegenstand des Nachdenkens. Was ich im Osten nie hätte veröffentlichen können, hätte dort mehr Sinn gehabt als all meine Veröffentlichungen im Westen hatten. Erst im Westen fragte ich mich: Mein Leben – was ist das jetzt? Gut durchkommen, überleben auf wohlständigem Standard? Wo ist die Gelegenheit, ein sinnvolles Projekt mit anderen zu teilen?
Da stand dann, was ich nie vorhergesehen hatte – so etwas wie Verrat im Raum, auch Selbstverrat an dem, der ich im Osten geworden war. Im Westen war ich Familienvater und Brotschreiber, hatte damit alle Hände voll zu tun. Großfamilie – auch ein lohnendes Projekt. Aber dass mir so etwas wie ein nicht kapitalistisches Projekt fehlen würde und viel verrückter: Dass ich glaubte, nun diesem Projekt in Ostdeutschland zu fehlen, denen, die gleich mir darin befangen waren – das hätte ich nie für möglich gehalten. Ein ökologischer Sozialismus schien mir im Osten in Reichweite, aber unmöglich, im Westen möglich, aber außer Reichweite.
Das waren eher Ahnungen als Erkenntnisse während der ersten Jahre in Hamburg, die ich auch in ihrer Unklarheit in der ZEIT veröffentlichen konnte. Ein Beispiel dieser nur scheinbar rückwärtsgewandten Überlegungen stellt der Essay „Das große Warten…“ vom November 1989 dar. (Er wurde von der new german critik nachgedruckt und in der Schweizer Weltwoche.) Ein anderes Beispiel ist das Pamphlet „Ihr verbrauchten Verbraucher!“, das hier nicht enthalten ist, weil noch antiquarisch im Handel.
„Bleib sauber!“ – das war ein gängiger Gruß in der DDR. Man hielt auf sich und auf einander, wenn man sich zutraute, innerlich sauber zu bleiben in einem Land, wo die Verlockungen staatlicher Korruption sehr nahe lagen. Die ethischen Konsequenzen aus westlichem und östlichem Lebensstil beschäftigen mich bis heute. Für diese Blickrichtung steht die Formel „Kalter Krieg und Gewissen“.
Aber auch für Persönliches, eigene Schuld. Bei der Ausreise 1984 hab ich meine herzlieben Kinder (11 und 12 Jahre alt) aus der geschiedenen ersten Ehe im Osten bei ihrer Mutter zurückgelassen. Ich sah damals keine andere Möglichkeit, beruflich wieder Fuß zu fassen, nachdem ich politisch in Ungnade gefallen war. Da hab ich (weg)sehenden Auges gegen mein Gewissen gehandelt. Hätte es wohl aber auch, wenn ich in der DDR geblieben wäre, in meinen besten Jahren auf dem Abstellgeleis. Und wie sollte ich mich zu meinem staatsnahen Vater stellen? Durfte ich ihn verurteilen für seine Anpassung an Verhältnisse, die nicht zu ändern waren? War es nicht arrogant, weltfremd, an diesen Staat den Maßstab einer demokratischen Republik anzulegen? Bürgerliche Maßstäbe? Die galten auch für meine Eltern, eigentlich. Allerdings hatten sie sich einen elegisch-eleganten Zynismus zugezogen. Für sie war die Nachkriegsordnung nicht so ganz ernst zu nehmen. Für mich schon.
In allem, was ich in den Jahren nach der Übersiedlung schrieb, hab ich nach Gründen gesucht, die mein Weggehen rechtfertigten. Und hab sie zum Beispiel bei dem Rumänen Manea gefunden. Hab vom Abgeschiedensein erzählt und vom Befremden in der westlichen Welt, die uns ja sehr freundlich aufgenommen hatte. Hab bei Kunze und Biermann danach gesucht, wie sie im Westen ankommen mit neuen Themen. Das wollte ich ja auch: Ablassen von der Ost-West-Fixierung. Konnte es aber nicht.
Die Spaltung erleichterte Schuldzuweisungen nach drüben, auf die jeweils andere Seite der innerdeutschen Grenze. Die beiden Deutschländer dienten einander als Mülldeponien für alle Schuld aus jüngster Vergangenheit. Vom Westen aus sah man hinter der Mauer die neue Diktatur in der Kontinuität der alten, im Osten tat man so, als müsse man einen Schutzwall bauen gegen die ewig gestrige Ordnung im Westen, einen antifaschistischen solchen. Mit der deutschen Teilung hatten wir unser selbstverschuldetes Unglück im Land, mit ihr blieb es uns über die Wohlstandsjahre erhalten. Irgendwie, irgendwo musste das ja bei uns ankommen: das Unglück, die Verzweiflung. In Form einer Verzweiung, Verzweigung ist die Geschichte über den Fall der Wand hinaus deutbar.
Dauerhaft beschäftigt hat mich das ALLES nicht nur, weil ich damit Geld verdienen musste, sondern eben auch, weil ich mich nie am Ziel wähnte, angekommen auf dem Grund der Ergründungen meines Lebens im gespaltenen und wieder vereinigten Deutschland. In...




