Aicher | Love like Blood | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

Aicher Love like Blood

Thriller
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-98792-9
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

ISBN: 978-3-492-98792-9
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Serienmörder im Techno-Underground der 90er-Jahre »Mi preferas morti« Berlin 1997. Ein Serientäter, der an den Tatorten kryptische Botschaften hinterlässt, hält die Stadt in Atem. Ein Phantom, nicht greifbar. Eine Kommissarin, die tief in den Berliner Underground und die Technoszene eintauchen muss, um den Mörder zu finden. Dabei verliert sie sich in dieser ihr fremden und doch seltsam vertrauten hedonistischen Welt, wird mit ihren Dämonen und ihrer Vergangenheit konfrontiert und kommt dem Täter nahe, ohne es zu wissen. Zu nahe ... Ist sie das nächste Opfer? »Ein Höllentrip in die Abgründe der Berliner Underground-Techno-Fetisch-Szene von 1997. Gnadenlos. Beklemmend. Mit Figuren, an die man sich lange erinnern wird.« (LEO BORN)

Mathias Aicher, geb. 1965 in einem 2000-Seelendorf am Rand des Pfälzerwalds, studierte Germanistik und Politikwissenschaften in Mannheim und zog kurz nach dem Mauerfall nach Berlin, wo er sich als Rockmusiker, Plattenverkäufer, Texter und Produzent von Musikvideos verdingte. Seit 1999 arbeitet er als Drehbuchautor hauptsächlich im Bereich Krimi und Spannung, derzeit für diverse Serien der 'Soko' im ZDF. Sein Debütroman HELLTAL (Kriminalroman) wurde 2019 bei KNAUR veröffentlicht. Der zweite Roman DIE OFFENBARUNG DER JOHANNA erscheint im Oktober 2020 bei PIPER Der Autor lebt inzwischen wieder in Süddeutschland und arbeitet an den Romanen 3 und 4. Mehr Informationen zu Mathias Aicher unter: https://www.facebook.com/mathias.aicher.autor
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1
NARBENARM


CUNTFUCK

Er hatte alles vorbereitet und war bereit, ihr Schmerzen zuzufügen.

»Rock ’n’ Roll?«, fragte er.

»Rock ’n’ Roll«, bestätigte Liza und streckte ihm den linken Arm entgegen.

Er startete seine Maschine.

Als die neun Nadeln ihren Unterarm zerfetzten, lächelte sie. Erinnerte sich an ihr Vorgespräch im Januar. Jan hatte sie darauf hingewiesen, dass man solch tiefe und zahlreiche Narben wie ihre immer sehen würde, selbst wenn sie durch einen japanischen Sleeve verdeckt sein würden. Ein farbenprächtiger Sleeve aus Lotusblüten, Wasser, Ginkgo- und Ahornblättern, einem Drachen, Buddha. Das Tattoo würde sich von ihrer Schulter über den Oberarm bis hin zum Handgelenk ziehen. Sie hatte Jans Einwand ignoriert, ihm hundert Mark Anzahlung auf den Tresen des Tattoostudios in der Pichelsdorfer Straße in Spandau gelegt und das Kärtchen eingesteckt, auf dem er ihren ersten von fünf Termin eingetragen hatte. Heute war ihr vierter Termin. Bei den ersten drei Sessions hatte Jan ihren Oberarm – innen und außen – fertiggestellt. Heute war die Outline des Unterarms dran. Farbe gab es beim nächsten Termin.

Mein Narbenarm, dachte Liza. Der Arm, den sie selbst im Sommer immer unter langärmeligen Shirts versteckt hatte. Nicht weil sie die Meinung anderer Menschen interessierte oder sie sich Gedanken darum gemacht hätte, in welche Schublade sie ebenjene Menschen steckten. Der einzige Grund war, dass die Narben sie jedes Mal daran erinnerten, was damals passiert war. Sie wollte nicht mehr daran erinnert werden und ignorierte die Stimme in ihrem Kopf, die ihr einzureden versuchte, dass die Narben immer da sein würden, selbst wenn sie irgendwann durch ein großflächiges Tattoo verdeckt wären.

Und dass sie deshalb niemals vergessen könnte.

»Allet jut?«, fragte Jan und riss Liza aus ihren Gedanken.

»Klar«, meinte sie. »Wie immer, wenn du mich heile machst.«

»Heile machen durch kaputt machen. Ooch nicht schlecht«, sagte Jan.

***

Mit geschlossenen Augen streckte er sein Gesicht dem Wasserstrahl entgegen und massierte sich mit beiden Händen den kahl geschorenen Schädel. Das Wasser perlte über jeden einzelnen Muskel seines perfekt austrainierten Körpers mit der makellosen braunen Haut. Er weitete die Massage auf seine pochenden Schläfen aus, als jemand gegen die Tür der Duschkabine hämmerte.

»Police! Open the fucking door, nigger!«, brüllte eine männliche Stimme.

»›Nigger‹ ist diskriminierend und politisch unkorrekt«, schrie Mike Johnson durch das Wasserrauschen und massierte weiter seine Schläfen. »›Afro-American‹ klingt viel netter, oder? Wobei das in meinem Fall auch nicht ganz zutrifft, meine Mutter ist ja Berlinerin. Ausm Wedding, wie du eigentlich inzwischen wissen solltest. Ich bin also eher ein half Afro-American Berlin-Wedding boy. Und außerdem, aber das nur am Rand, müsste es ›open the shower door‹ heißen.«

»Shut up, you cuntfuck!«, brüllte der Mann vor der Duschkabine. Seine englische Aussprache hatte unverkennbar einen sächsischen Einschlag.

Mike schob die Tür ein Stück zur Seite. Vor der Dusche stand ein untersetzter, muskulöser Mann Mitte dreißig mit einem Handtuch um die Hüften. Im Licht der Neonröhren sahen seine spärlichen, akkurat nach hinten gekämmten Haare noch spärlicher aus als sonst.

»Cuntfuck? Was soll das denn, bitte schön, sein?«, fragte Mike.

»Na, cuntfuck halt. So was wie motherfucking bitchfucker.«

»Mutterfickender Nuttenficker? Ja klar.«

»Na und? Mir doch egal. Künstlerische Freiheit.«

»Übersetze ›cuntfuck‹«, sagte Mike.

»Ich übersetze gar nichts! Und weißt du, warum? Weil ich mir von einem half Afro-American Berlin-Wedding boy nigger keine Befehle geben lasse!«

»Du weißt es nicht«, sagte Mike.

»Shut up!«

»Du weißt es nicht.«

»Na klar weiß ich’s!«

»Ich höre.«

Ansgar Eulenstein kratzte sich an einem Ohrläppchen. »Fotzenfick.«

»Korrekt. Und weiter?«

»Was, und weiter?«

»Ist das ’ne Beleidigung?«

Eulenstein legte die Stirn in Falten. »Irgendwie schon, find ich.«

»Nee, Alter. Auf keinen Fall ist das eine Beleidigung«, sagte Mike. »Lass dir eine neue einfallen. Und diesmal vielleicht in einer Sprache, die du beherrschst. Du hast fünfzehn Minuten. Und falls ich länger brauchen sollte, kannste ja noch cuntfuck durchdeklinieren.« Er schloss die Tür der Duschkabine.

»Fick dich, Nigger!« Eulenstein drosch erneut gegen die Tür der Duschkabine.

Mike streckte das Gesicht dem Wasserstrahl entgegen.

Kurz darauf stand er in schwarzen Jeans und einem weißen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln rauchend am offenen Fenster der Küche der Dreizimmeraltbauwohnung in Schöneberg. In der Hand ein Bier. Er schaute in den dunkelblauen, wolkenlosen Himmel. Immer noch an die fünfundzwanzig Grad. Und das schon seit Wochen. Der heißeste Sommer in Berlin seit Jahrzehnten.

Er drückte die Zigarette im Aschenbecher auf der Fensterbank aus, als sein Mitbewohner und Kollege Ansgar Eulenstein frisch geduscht, die spärlichen Haare nach hinten gegelt, in einem perfekt sitzenden dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd die Küche betrat, sich wortlos einen Whisky eingoss und auf Ex kippte.

»Ready to rumble?«

Für Mike klang es wie »Röddy tu römbel?«.

»Immer.« Er trank sein Bier aus, griff sich seine Lederjacke vom Küchenstuhl und folgte Eulenstein in den Flur, als das Telefon klingelte.

»Alter, wag es nicht!« Eulenstein schnappte sich den Wohnungsschlüssel von der Ablage. »Wir haben ein Date, falls du es vergessen haben solltest. Mit zwei der schärfsten und geilsten Mäuse westlich von Spandau.«

»Falls du es vergessen haben solltest: Wir haben Rufbereitschaft«, erwiderte Mike.

»Scheiß drauf, Alter. Echt. Auch wir haben das Recht auf unsere …« Eulenstein brach ab, als er realisierte, dass Mike den Hörer abnahm.

»Johnson«, sagte er ins Telefon und sah dabei zu Eulenstein, der sich die geschlossenen Augen mit Zeigefinger und Daumen rieb. »Alles klar. Wir sind auf dem Weg.« Er legte auf. »Mord im Interconti. Männliche Leiche.«

»Du Penner! Du gottverfickter Scheißpenner!«, keifte Eulenstein.

»Reg dich ab, Eule. Die hätten uns eh per Pager erreicht, wenn ich nicht drangegangen wäre. Die beiden Mäuse rennen uns schon nicht weg.«

»Doch, tun sie«, sagte Eulenstein. »Und weißt du, warum? Weil das einfach in der Natur von geilen Mäusen liegt.«

»Dann waren sie’s auch nicht wert.« Mike drängte sich an Eulenstein vorbei nach draußen. »Abschließen nicht vergessen«, rief er seinem Mitbewohner hinterher, während er zwei Stufen auf einmal nahm.

»Cuntfuck«, hörte er Eulenstein brummen.

***

Es war kurz nach sieben Uhr abends und immer noch unfassbar warm. Der wärmste Sommer, an den sich Liza erinnern konnte. Sie und Jan schwitzten wie die Hölle, auch wenn der Ventilator im Studio auf Hochtouren rödelte.

»Eine Sekunde.«

Jan stoppte die Maschine und sah Liza fragend an.

Sie beugte sich zu ihrer Handtasche, die auf dem Boden neben ihrem Stuhl lag, und holte ein Kassette heraus, das sie ihm in die Hand drückte. »Schieb rein.«

Jan legte sie in das Tapedeck der Anlage und drückte auf Play. »Killing Joke. Love Like Blood. Schick. Det janze Album?«

»Nee, Mixtape«, sagte Liza. »Nine Inch Nails, Ministry, Bowie, The Cure, Front 242, Joy Division. Dunkle Musik für dunkle Seelen, du weißt schon.«

»Vaschtehe. Was ick aber nich so wirklich vaschtehe: Wenn dunkel, dann doch richtich dunkel, oder? Wieso keene schwarzen Totenköppe, Monster, Dämonen? Wieso bunte Blumen und Japsenjedöhns?«

»›Fight fire with fire‹ ist als Idee vielleicht ganz reizvoll«, antwortete Liza, »funktioniert aber nicht im richtigen Leben. Ist so ähnlich wie die Idee vom Kommunismus.«

»Dit erklärt natürlich allet.« Jan setzte die Maschine erneut an.

Liza zuckte zusammen, aber ihr Lächeln blieb. Sie liebte diese Art von Schmerzen. Im Gegensatz zu anderen Schmerzen waren ihr diese inzwischen vertraut. Sie wusste, was sie erwartete. Wusste, wie sich die erste Nacht nach einem neuen Tattoo anfühlte, wie sich der Morgen danach anfühlte, wusste, wie lange es dauern würde, bis ihre Haut geheilt war, wann sie sich zu häuten begann, wann der Schorf verschwunden sein und die Haut aufgrund des Heilungsprozesses zu jucken beginnen würde.

Nicht unähnlich des Heilungsprozesses, wenn man seinen Unterarm als Teenager über Jahre mit einer Rasierklinge malträtiert hatte.

Das Geräusch der Tätowiermaschine, das sie immer an einen Bienenschwarm erinnerte, lullte sie ein. Sie schloss die Augen. Vor ihr lag ein freies Wochenende. Das erste seit drei Wochen. Nach der Tattoosession würde sie nach Steglitz fahren und bei ihrem Stammmexikaner Machete in der Feuerbachstraße zu Abend essen. Besart Zeka, der Inhaber, ein Albaner, der sich als Italiener ausgab, was seiner Meinung nach authentischer rüberkam als ein Albaner, der ein mexikanisches Restaurant betrieb, hatte hoffentlich einen Tisch für sie. Auch ohne Reservierung. Sie freute sich auf ihre mit Rinderhack gefüllten und mit Käse überbackenen Tacos. Dazu Salat und einen Rotwein. Oder zwei. Als Abschluss ein leckeres Dessert, einen Espresso und einen Ouzo.

Sie würde den Sonnenuntergang betrachten, dem Geräusch der nahen Autobahn lauschen und den Menschen dabei zusehen, wie sie lachten, stritten, sich ignorierten, anschrien, liebten, lebten. Würde sich wie üblich nicht zugehörig fühlen und irgendwann zu ihrer Dreizimmerwohnung in der Holsteinischen Straße schlendern, duschen, einen...



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