Aichinger Eliza Eliza

Erzählungen 2 (1958 - 1968)
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-403446-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen 2 (1958 - 1968)

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: Ilse Aichinger, Werke in acht Bänden (Taschenbuchausgabe)

ISBN: 978-3-10-403446-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Wer weiß, vielleicht besteht mein Jubel darin, daß ich unauffindbar bin.« In den zwischen 1958 und 1968 entstandenen Erzählungen, die in diesem Band versammelt sind, wird die Wirklichkeit demoliert. Sie ist schlecht, gewalttätig, rücksichtslos und kann erst in der Sprache neu, anders, bewohnbarer aufgebaut werden. »Tatsache ist, daß Ilse Aichinger mit den herkömmlichen Praktiken des Schreibens endgültig gebrochen hat. Die Phantasie der Dichterin verläßt sich nicht länger auf Visionen, sie besteht auf reiner bodenloser Anarchie« (Heinz Piontek).

Ilse Aichinger wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. 1948 veröffentlichte sie ihren Roman über die Kriegszeit in Wien, »Die größere Hoffnung«, und ihre ersten berühmten Geschichten. Für ihren Roman, ihre Gedichte, Hörspiele und Prosastücke, die in viele Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. 1952 den Preis der Gruppe 47, 1982 den Petrarca-Preis, 1983 den Franz-Kafka-Preis, 1995 den Österreichischen Staatspreis für Literatur und 2015 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren.
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I


Mein Vater aus Stroh


In der alten Remise wohnt mein Vater, mein Vater hält sich auf dem Eis. Wer es nicht glaubt, kann ihn mit mir besuchen, er kann durchs Schilf schlüpfen und im Winter durch den Teer, er sieht ihn gleich von nahe, auf die Ferne geben wir nichts mehr. Mein Vater sitzt auf dem alten Sessel und ist ganz aus Stroh, er wärmt sich die linke Hand an einem Stück Mauer, die rechte an einem Eisenstück, das dort noch steht. Mein Vater ist mit Amundsen gefahren, und er kennt die unteren Meere. Er trägt die alte Uniform, er ist von der alten Bahn und die Leute von der alten Bahn sind fleißig, sie haben die Heubündel immer gerecht verteilt. Sie sind zwischen den Schienen auf und ab gelaufen und man hat ihre Schreie gegen den Schnee gehört und oft hat einer, der weit entfernt von ihnen wohnte, seinem Enkel die Hand auf die Mütze gelegt und gesagt: Hörst du? Hörst du sie? Damals haben sie die Krähenschwärme von den Schienen gehalten, niemand weiß, was das heißt. Krähenschwärme? sagen sie jetzt und lachen. Sie lachen viel zu viel. Man hat damals noch Strohmodelle gehabt und alles mit Stroh probiert: den Schienenbau, die Anlage, die Signale. Davon ist man heute schon weit entfernt, keine Krähen, kein Stroh, aber meinem Vater macht es nichts, er hält sich in der Remise, er hält sich auf dem Eis und ist von der Welt nicht abzubringen. Er hebt die Strohhand und schaut durch das gesprungene Fenster in die weiße Luft. Neben dem Eisenstück steht eine Kiste mit Holz, dazu bückt er sich manchmal und stöbert darin herum. Die Leute von der alten Bahn sind mit allem vertraut gewesen, sie haben die Mühlen und Eulen auf den Strecken gekannt und genau gekannt. Nicht wie einer heute beiläufig sagt, daß die Eulenhorste links sind. Davon hielten sie damals nichts. Links oder rechts, darauf kam es nicht an, aber die Abstände von den Schienen und die Bodenwellen, die Senken dazwischen, die gespannten und ungespannten Drähte, die kleinen Tonnen, die in den Regenlachen eingefroren sind, alles genau. Wege hat es damals auch schon gegeben, aber deshalb? Es ist alles in Stroh gemessen worden, in einfachen und doppelten Schienenbreiten. Und die Leute haben das Stroh gerne geliefert, sie haben es in Säcken zur Remise herunter gebracht, oft weit durch den Regen. Stroh, das war es damals und mein Vater ist heute noch daraus. Er hat keine Wahl, aber er will auch aus nichts anderem sein. Wachs lockt ihn längst nicht mehr. Vielleicht früher manchmal, als Kleinen, wenn er die Bienenhäuser sah und wie künstlich sie die Waben bauen, aber darüber ist er hinaus, er möchte mit niemandem tauschen. Und er beneidet keinen. Manchmal kommt der Heizer und geht in seinen Dienstraum nebenan, er wirft sich auf sein Bett und beginnt zu stöhnen. Einmal ist er aufgestanden und herausgegangen und wollte im Traum mit meinem Vater streiten, aber da war nichts zu machen, mein Vater hat sich mit ihm nicht eingelassen. Es wird einem immer falsch ausgelegt, wenn man sich mit Leuten einläßt, die träumen. Dabei ist es ein mittlerer Heizer, nicht zu stark gebaut. Aber er kam herausgestürzt, mit erhobenen Armen, und schüttelte meinen Vater, daß das Stroh flog. Viel früher war das auch anders. Nicht daß die Leute von der alten Bahn alle dasselbe geträumt hätten, aber soviele Träume es auch gab: ein Streit war möglich. Dann hat man ihre Stimmen oft weit gehört, wie bei der Arbeit, dieselben einsilbigen Schreie, die Enkel haben gezittert und sonst hat es niemanden beunruhigt.

Manchmal besucht meinen Vater ein Müller aus dem Altersheim, er trägt immer noch die weiße Mütze und den weißen Anzug und man sieht ihn oft lange nicht, wenn er durch den Schnee kommt. Er erzählt dann von seinem Weihnachtsfest und von seiner Glasterrasse und mein Vater hört ihm begierig zu, den Kopf gebeugt. Der Müller stellt zur Weihnachtszeit immer Pflanzen und Farngewächse in die Glasterrasse, das zieht Lichter an, Funken, wie bei den alten Zügen. Mein Vater freut sich, wenn der Müller zu ihm kommt, aber der Müller ist nicht der einzige, der ihn besucht. Esel, Rinder, kleine wilde Tiere kommen oft über die Schienen gesprungen und reiben sich schnuppernd und zitternd an seiner alten Uniform. Auch gehörnte und gestreifte Tiere, Hyänen sogar und Gazellen, und die Hirten hinterher. Das ist ein Bild. Die Hirten klagen und schreien und jagen die Tiere aus der Remise wieder hinaus. Einmal hat einer von ihnen meinem Vater im Eifer die Mütze vom Kopf geworfen, aber meinem Vater hat das nichts gemacht, mein Vater ist von der alten Bahn alles gewohnt. Und derselbe Hirte hat auch die Mütze wieder aufgehoben. Wenn das Hirtengeschrei nicht wäre, so wären meinem Vater die Tiere noch lieber als der Müller. Der Müller ist zu breit, er wirft ihn oft fast vom Stuhl und setzt sich nur selten zu seinen Füßen nieder.

Oft verspotten mich die andern und sagen, daß ich einen Strohmann zum Vater hätte. Mit einer Mütze aus Stroh, rufen sie und wissen doch, wie unrecht sie damit haben, mit einem Anzug aus Stroh, und ihre Stimmen kippen dabei über, und mit Knöpfen aus Stroh! Sogar Knopflöcher aus Stroh, hat einmal ein Grober geschrien, als ob es das gäbe: Löcher aus Stroh. Aber sie schreien nur so, weil sie mich beneiden. Weil keiner von ihnen einen Vater hat, der tagaus, tagein in der Remise sitzt und nur manchmal den Kopf stärker hinunterbeugt und mit dem Finger schnippt oder im Holz rührt. Weil keiner von ihren Vätern mit dem Blick auf das helle Eis und durch ein einziges kleines gesprungenes Fenster genug hätte. Ihre Väter brauchen die Baggerwirtschaft und die langen Nächte, aber mein Vater braucht das alles nicht. Er ist aus Stroh, das ist wahr, aber die Leute von der alten Bahn sind alle aus Stroh und die Müller an der Strecke wissen ein Lied davon. Stroh brennt leicht und einmal ist einer brennend abgesprungen und noch lange brennend durch die Disteln gestreift. Der Fluß hat von ihm geleuchtet und die Eisstücke im Fluß, das wagt heute niemand mehr. Keiner ist aus Stroh und wenn ers ist, so gibt er es nicht zu, und schon gar nicht einer von der Bahn, es ist ihnen viel zu gefährlich. Dabei sind Strohköpfe schön, die Luft zieht leicht durch sie hindurch, auch die schwere Luft in der Remise, und mein Vater hat viele Gedanken. Das Eis gibt ihm zu denken, wenn es friert, die Glätte an den Scheiben, wenn es taut, und die Feuchtigkeit, wenn ihn die Glieder schmerzen. Die Hirten und die Tiere und der Müller, alles. Niemand denkt soviel wie er. Der Müller ist aus Fleisch und Bein, aber der Müller denkt nicht. Und die Hirten? Wer erwartet das schon? Einmal war eine kleine Hyäne dabei, die hatte Gedanken im Kopf und war von meinem Vater nicht wegzubringen. Aber das fiel niemandem auf und später ist die Hyäne bei der Sägemühle ertrunken, in demselben Teich, in dem sonst die Bretter schwimmen. Ich will es ihnen nicht als Böswilligkeit auslegen, aber heute weiß niemand mehr viel. Sie tun sich zusammen, sie ziehen mit Musik und Kränzen die Hügel hinauf und wieder hinunter, aber von meinem Vater wissen sie nichts, das liegt ihnen zu fern. Wenn wir uns noch mit dem Stroh abtun sollten, sagen sie, wo kämen wir da hin? Und selbst wenn das Stroh Mützen auf hat und Hosen an, es bleibt doch Stroh. Das sind ihre Reden, solche Sätze hört man, wenn man zufällig im Flur bei ihnen steht und sie von der Arbeit kommen und einen nicht sehen. Für mich sind das Lästerreden und ich bete, wenn ich sie höre. Dann gebe ich die frischgeschliffenen Sicheln ab, oder was sonst solche Leute brauchen, die immer hin und her gehen und wie Hölzer in ihre hellen Zimmer geschnitten sind, und mache mich wieder auf den Weg zur Remise. Ich schlüpfe unter ihren Drähten durch und gleite ihre glatten fruchtlosen Wiesen hinunter und höre ihre Pferde hinter mir wiehern, aber ich bin schon fort. Das Glück jagt mich über die Flußsteine zu meinem Vater aus Stroh. Über mir treiben Wolken oder Planeten oder die laue Luft, aber ich weiß, wohin ich unterwegs bin, und nichts kann mich sonst entzücken.

Manche sagen freilich, ich liefe so schnell, weil ich Angst um meinen Vater hätte. Ich habe keine Angst wegen der Müller und der Heizer und auch nicht wegen der Hirten und ihrer Tiere. Daß Hirten mit Feuer zu tun haben, ist wahr und jedem bekannt, es heißt nicht umsonst Hirtenfeuer. Ein Heizer erst recht, das muß man nicht weiter erklären. Und die Gazellen und die anderen Tiere auch, es muß dann Buschfeuer heißen. Aber ich bin doch froh, wenn der Himmel grau und glasig ist und keine Abend- oder Morgenröte mir Schrecken und Unbehagen ins Herz jagt. Denn ich kann meinen Vater vor nichts schützen, nicht vor der unsinnigen und tatendurstigen Fröhlichkeit der andern und noch weniger vor seinen eigenen Wünschen. Meine Angst sind dabei die Sterne, weil mein Vater gern eine Reise zu den Sternen machen möchte, ich gebe es zu. Aber was ist das, eine Reise zu den Sternen, wie soll ich das verstehen? Mein Vater erklärt es mir nicht. Meint er das Samtige, die umgürteten Wiesen, Schilf und alte Jahre? Ich weiß es nicht. Ich merke nur, daß er mit einem Ruck den Kopf hebt, wenn einer von ihnen an seinem schrägen vereisten Fenster vorbeizieht, und das Stöbern in der Holzkiste sein läßt. Tatsächlich sehen die da oben auch weit entfernten brennenden und kreiselnden Heubündeln ähnlicher als allem anderen. Aber ich kann meinen Vater nicht fragen, ob er sie für seine Gefährten hält, und ich möchte ihn nicht einmal fragen können. Ich möchte nur, daß er noch eine Weile hier bleibt, hier auf seinem alten Sessel in der Remise, still und feucht, wie er ist, und selbst mit dem Modergeruch, der altem Stroh und alten Uniformen immer leicht anhaftet.

Habe ich vergessen, zu erwähnen, wie mein Vater zu den Eiszapfen neigt? Sie sind ihm lieber als...


Aichinger, Ilse
Ilse Aichinger wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. 1948 veröffentlichte sie ihren Roman über die Kriegszeit in Wien, 'Die größere Hoffnung', und ihre ersten berühmten Geschichten. Für ihren Roman, ihre Gedichte, Hörspiele und Prosastücke, die in viele Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. 1952 den Preis der Gruppe 47, 1982 den Petrarca-Preis, 1983 den Franz-Kafka-Preis, 1995 den Österreichischen Staatspreis für Literatur und 2015 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren.

Ilse AichingerIlse Aichinger wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. 1948 veröffentlichte sie ihren Roman über die Kriegszeit in Wien, 'Die größere Hoffnung', und ihre ersten berühmten Geschichten. Für ihren Roman, ihre Gedichte, Hörspiele und Prosastücke, die in viele Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. 1952 den Preis der Gruppe 47, 1982 den Petrarca-Preis, 1983 den Franz-Kafka-Preis, 1995 den Österreichischen Staatspreis für Literatur und 2015 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren.



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