Aichinger Zu keiner Stunde

Szenen und Dialoge
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-403442-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Szenen und Dialoge

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Ilse Aichinger, Werke in acht Bänden (Taschenbuchausgabe)

ISBN: 978-3-10-403442-3
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Und wenn heute ein Sandsturm käme?« Ilse Aichingers Szenen und Dialoge verzichten auf jedes Beiwerk, so dass übrig bleibt, was der Autorin wichtig ist: Ein Gespräch zwischen Personen, das mit jedem Satz die Alltagswirklichkeit überschreitet. Die Dialoge bewegen sich an der Grenze zwischen Leben und Tod, am Rande des Schweigens. Denn was ist, ist nicht fest und beschreibbar, sondern muss zusammengefügt werden aus zerfallenen Einzelteilen; es wird erst und findet seinen Raum und seine Zeit in der poetisch gestalteten Spannung zwischen Angst und Hoffnung, Traum und Wirklichkeit.

Ilse Aichinger wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. 1948 veröffentlichte sie ihren Roman über die Kriegszeit in Wien, »Die größere Hoffnung«, und ihre ersten berühmten Geschichten. Für ihren Roman, ihre Gedichte, Hörspiele und Prosastücke, die in viele Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. 1952 den Preis der Gruppe 47, 1982 den Petrarca-Preis, 1983 den Franz-Kafka-Preis, 1995 den Österreichischen Staatspreis für Literatur und 2015 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren.
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Möwen


DER KOMIKER AUF DER PLATTE

Bald schmeckts ma, bald schmeckts ma net – bald –

1. MÄDCHEN

Enten!

2. MÄDCHEN

Das ist gut! Man erkennt sie.

3. MÄDCHEN

Wenn es nicht Möwen sind.

2. MÄDCHEN

Möwen!

1. MÄDCHEN

Weil du sie nie gehört hast!

2. MÄDCHEN

Da gibt es Flußmöwen, Seemöwen –

1. MÄDCHEN

Dies hier sind Enten.

3. MÄDCHEN

Die Platte habt ihr schon lange.

1. MÄDCHEN

Mein Vater und meine Mutter brachten sie voriges Jahr zu Ostern mit.

2. MÄDCHEN

Karfreitags!

3. MÄDCHEN

Wir waren auch gerade bei dir.

2. MÄDCHEN

Erinnerst du dich?

1. MÄDCHEN

Vielleicht, daß mein Vater und meine Mutter in diesem Jahr wieder eine Platte bringen.

2. MÄDCHEN

Tauben!

1. MÄDCHEN

Und nächstes Jahr wieder.

3. MÄDCHEN

Möwen!

2. MÄDCHEN

Immer eine komische Platte mit Tieren.

3. MÄDCHEN

Wenn du hundert Jahre alt bist, hast du genügend Auswahl. Da kommt dein Vater, denn deine Mutter ist schon tot, dein Vater kommt über den Flur –

EMILY

Ja?

VATER

Ich bringe dir noch eine Platte, Emily.

EMILY

Komm herein, Vater!

VATER

Ich glaube, die ist sehr komisch.

EMILY

Das ist lieb von dir.

VATER

Die Möwen, die dir noch fehlten.

EMILY

Die Möwen! Du denkst auch an alles.

VATER

Deine beiden Freundinnen nicht hier?

EMILY

Nein, heute nicht. Die eine starb mit achtzig, Vater –

VATER

Richtig.

EMILY

Und die andere mit neunzig.

VATER

Ja. Ich vergesse das von Jahr zu Jahr.

EMILY

Ist heute Karfreitag?

VATER

Ich dachte es. Man hört den ganzen Tag schon keine Glocken läuten.

EMILY

Dann ist heute Karfreitag.

VATER

Ich habe mich darin noch nie geirrt, Emily.

EMILY

Nein.

VATER

Du mußt zugeben, daß ich dir noch jedes Jahr zu Karfreitag eine Platte brachte.

EMILY

Ja, Vater.

VATER

Es war immer meine größte Freude.

EMILY

Auch die meine, Vater!

VATER

Und es waren immer gelungene Platten!

EMILY

Immer! Das rechne ich dir auch hoch an, Vater!

VATER

Weil es mir Freude machte. Vom ersten Mal an, als ich mit deiner Mutter in der Sonne aus der Stadt nach Hause kam, an den offenen Kirchen und den geschmückten Menschen vorbei, und mich plötzlich der Gedanke durchzuckte: Was bringen wir unserer kleinen Emily mit?

EMILY

Damals waren es die Enten. Damals war ich zwölf.

VATER

Im nächsten Jahr die Tauben.

EMILY

Die Tauben!

VATER

Und dann die Hühner.

EMILY

Truthühner und Perlhühner.

VATER

Und Lämmer, Wiedehopfe –

EMILY

Jetzt ist Mutter schon siebenundzwanzig Jahre tot.

VATER

In ihrem Sterbejahr waren es die Stieglitze, sie starb im März und Ostern fiel in den April.

EMILY

Die Stieglitze!

VATER

Das ist auch eine gute Platte.

EMILY

Außergewöhnlich gut.

VATER

Wenn man schon einige besitzt und Sinn für Schattierungen der Stimmen hat, aber ich würde sie niemandem als erste empfehlen.

EMILY

Es ist nicht zu glauben, was die Plattenindustrie in knappen achtundzwanzig Jahren hervorbrachte!

VATER

Das sage ich mir auch: Man kann nicht dankbar genug sein.

EMILY

Nur die Möwen fehlten noch.

VATER

Bis heute, Emily, bis heute!

EMILY

Ich habe mirs deshalb bis heute erspart, an die See zu fahren. Ich dachte, einmal bringst du mir auch diese Platte.

VATER

Du warst geduldig, Emily, und deine Geduld wird belohnt!

EMILY

Ich war nicht immer geduldig, Vater. Zwischen siebzig und achtzig –

VATER

Das ging vorbei, Emily.

EMILY

Besonders in dem Jahr, als ich dreiundsiebzig wurde.

VATER

Damals brachte ich dir die Platte mit den Katzen.

EMILY

Ja, die Katzen.

VATER

Du hattest eine leichte Herzschwäche an diesem Tag.

EMILY

Ich verbarg nur mit Mühe meine Enttäuschung.

VATER

Deine Enttäuschung?

EMILY

Nicht, daß es keine wunderbare Platte gewesen wäre, Vater –

VATER

Es war eine ganz besonders gelungene Platte.

EMILY

Ich weiß!

VATER

Wir lachten herzlich! Die Liebesschreie und Kampfrufe –

EMILY

Aber ich hatte damals die erste Herzschwäche, Vater, und ich wußte nicht, wie lange ein Herz im Stande ist, schwach zu bleiben. Ich dachte: Am Ende behält Ursula recht und ich versäume die Möwen.

VATER

Du sagtest kein Wort.

EMILY

Nein, und zuletzt vergaß ich auch alles über den Kampf zwischen dem Angorakater und der Siamesin.

EMILY

Selbst Ursula und Daisy vergaßen es.

VATER

Ja.

EMILY

Und dann noch einmal in meinem siebenundsiebzigsten Jahr: da quälte mich die Frage: Soll ich nun eine Seereise machen oder nicht? Ich hätte damals eine billige Möglichkeit gehabt, aber ich tat es nicht, ich vertraute dir, Vater! Ursula und Daisy fuhren in diesem Jahr. Sie kamen begeistert zurück.

VATER

Bald darauf starben sie.

EMILY

Ich nicht.

VATER

Du hast recht getan, Emily.

EMILY

Aber wie hast du es nur fertiggebracht, Vater? Gerade in meinem hundertsten Jahr, an meinem hundertsten Geburtstag, der zugleich ein Karfreitag ist –

VATER


Gar nichts. Der junge Mann hatte einfach die Platte.

EMILY

Er hatte sie einfach!

VATER

Gestern bekommen!

EMILY

Was sagte er, als du zur Tür hereinkamst?

VATER

Nichts weiter. Ich fragte: ›Haben Sie die Platte mit den Möwen?‹ Und er sagte ›Ja‹ und gab sie mir.

EMILY

Als hättest du nicht siebenundachtzig Jahre darauf gewartet! Als wären Ursula und Daisy nicht darüber gestorben!

VATER

Nein, das berührten wir gar nicht.

EMILY

Ihr Spitzbuben!

VATER

Nachher mußte ich mich allerdings erst eine Weile auf eine Bank im Park setzen und die Platte auf meinen Knien in der Sonne drehen, um daran zu glauben.

EMILY

Ich erwachte heute auch besonders frisch.

Ich hörte die Glocken nicht läuten und da wußte ich: Heute ist Karfreitag, der Tag, an dem Vater mir die komische Platte bringt! Ich rollte mich in meinem Stuhl ans Fenster und sah die Scheiben der Galerien gegenüber in der Sonne blitzen. Da wuchs mein Vertrauen.

VATER

Du zweifeltest dann wieder!

EMILY

Ich kann karfreitags nie so recht daran glauben, daß Karfreitag ist.

VATER

Aber jetzt, Emily, jetzt glaubst du es doch wieder?

EMILY

Schon als ich dich sah, Vater.

VATER

Und wenn du erst die Möwen hören wirst!

EMILY

Wenn ich die Möwen höre!

VATER

Ich hole den Apparat.

EMILY

Der Schalltrichter liegt daneben.

VATER

Ich weiß Bescheid, Emily.

EMILY

Du vergißt es nie.

VATER

Ein herrlicher sonniger Tag heute!

EMILY

VATER

Und nun!

VATER

Und nun, Emily!

DIE MÖWEN AUF DER PLATTE

Ihr sollt ihn kreuzigen, kreuzigt ihn, ihr sollt ihn kreuzigen, kreuzigt ihn, ihr sollt –

VATER

Das können nicht die Möwen sein.

DIE MÖWEN

Ihn,...


Aichinger, Ilse
Ilse Aichinger wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. 1948 veröffentlichte sie ihren Roman über die Kriegszeit in Wien, 'Die größere Hoffnung', und ihre ersten berühmten Geschichten. Für ihren Roman, ihre Gedichte, Hörspiele und Prosastücke, die in viele Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. 1952 den Preis der Gruppe 47, 1982 den Petrarca-Preis, 1983 den Franz-Kafka-Preis, 1995 den Österreichischen Staatspreis für Literatur und 2015 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren.

Ilse AichingerIlse Aichinger wurde am 1. November 1921 in Wien geboren. 1948 veröffentlichte sie ihren Roman über die Kriegszeit in Wien, 'Die größere Hoffnung', und ihre ersten berühmten Geschichten. Für ihren Roman, ihre Gedichte, Hörspiele und Prosastücke, die in viele Sprachen übersetzt wurden, erhielt sie zahlreiche literarische Auszeichnungen, u. a. 1952 den Preis der Gruppe 47, 1982 den Petrarca-Preis, 1983 den Franz-Kafka-Preis, 1995 den Österreichischen Staatspreis für Literatur und 2015 den Großen Kunstpreis des Landes Salzburg. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren.



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