E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Aigner Auf dem Weg nach Irgendwo
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8190-4319-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
ISBN: 978-3-8190-4319-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Schon in der Jugend habe ich gerne Kurzgeschichten geschrieben und viele Bücher gelesen, die meine eigene Fantasie beflügelten. 2020 begann ich schließlich, größere Geschichten zu verfassen und hegte stets den Traum, eines Tages mal ein eigenes Buch zu veröffentlichen. Die Liebe zu Geschichten belebt stets meine Kreativät und ist für mich perfekt, um vom Alltag abzuschalten und mich in fantastische Welten zu flüchten, in welchen ich voll und ganz aufgehe.
Autoren/Hrsg.
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~ 1 ~
Newa stand am Rand der Landstraße, die das kleine Städtchen in die weite Welt hinausführte. Die Herbstsonne hing tief am Horizont, tauchte die Baumwipfel in ein warmes Gold und warf lange Schatten auf den staubigen Asphalt. Der Wind spielte mit ihren Haaren, die in einem ungezähmten Braun über ihre Schultern fielen. Sie hatte sie nicht gebunden. Wozu auch? Das war kein feierlicher Abschied, sondern ein Fluchtversuch.
Ihr Gesicht war jung, von Sommersprossen übersät, die wie kleine Inseln auf ihrer blassen Haut verstreut waren. Doch ihre grünen Augen wirkten älter, als sie sollten und als hätten sie zu viele unbequeme Wahrheiten gesehen. Unter ihren Augen zeichneten sich leichte Schatten ab, Überbleibsel der schlaflosen Nächte, in denen sie mit ihrem Entschluss gerungen hatte, endgültig zu gehen.
Sie trug eine abgenutzte Jeansjacke über einem dunkelgrauen T-Shirt mit einem verblassten Logo, das sie selbst nicht mehr entziffern konnte. Ihr Rucksack war klein, fast zu klein für jemanden, der nicht wusste, wohin die Reise ging. Doch alles, was sie mitnehmen konnte, waren ein paar Kleidungsstücke, ein Notizbuch, ein zerknittertes Foto ihrer Mutter und eine Dose mit ein paar Münzen und Scheinen. Eben alles, was ihr Vater übrig gelassen hatte. Ihre Turnschuhe, einst strahlend weiß, waren von Jahren des Gebrauchs gezeichnet, die Schnürsenkel unterschiedlich, einer hellblau, der andere grau, aber das störte sie nicht.
Newa presste ihre Lippen zusammen und zog das handgeschriebene Schild fester an sich. Irgendwohin stand in ungelenken Buchstaben darauf, geschrieben mit einem dicken Filzstift, den sie aus dem Küchenschrank gekramt hatte. Der Geruch abgestandener Luft hing ihr noch in der Nase. Das war das Letzte, was sie von Zuhause mitgenommen hatte. Sie schüttelte den Gedanken ab und drehte sich langsam um, um einen letzten Blick auf die kleine Stadt zu werfen, die sich hinter den Hügeln duckte.
So viele Erinnerungen drängten sich auf einmal in ihren Kopf, dass sie die Tränen mühsam unterdrücken musste. Sie dachte an ihre Schulzeit. An die ständigen Sorgen, die wie ein dunkler Schatten über ihr gehangen hatten. Während andere Kinder mit neuen Rucksäcken und frischen Heften in die Schule kamen, hatte sie sich jedes Buch leihen und jeden Stift dreimal benutzen müssen. Manche Lehrer hatten Mitleid gezeigt, andere hatten sie ignoriert, als wäre ihre Situation unsichtbar.
Trotz allem hatte Newa sich durchgebissen. Sie hatte bis spätabends gelernt, wenn ihr Vater bereits in unerschütterlichen Schlaf gesunken war, hatte ihre Arbeiten mit Zittern vor Hunger abgegeben und war dennoch eine der besten in ihrem Jahrgang gewesen. Ein Lehrer hatte ihr sogar einmal gesagt, dass sie Talent habe, dass sie studieren und etwas aus sich machen könne.
Und jetzt? Newa ließ das Schild sinken und schüttelte den Kopf. All diese Mühe, all diese Träume und sie rannte einfach davon. Es fühlte sich an wie ein Verrat an all den Jahren, in denen sie sich bemüht hatte, aus ihrem Leben etwas Besseres zu machen. Aber was war der Punkt? Ein Studium? Ein Job? Das bedeutete nichts, wenn sie weiterhin in dieser Stadt gefangen wäre, in einem Leben, das nichts anderes als Schmerz versprach.
»Du schaffst das«, murmelte sie zu sich selbst und hob das Schild wieder hoch. Ihr Magen zog sich zusammen, als ein Auto in der Ferne auftauchte. Die Scheinwerfer blitzten auf, wurden größer und verschwanden dann wieder, ohne anzuhalten. Newa senkte das Schild und biss sich auf die Unterlippe. Vielleicht hielten die Leute nicht, weil sie zu jung wirkte. Oder vielleicht, weil sie so verloren aussah, dass sie jedem klarmachen musste, keine Ahnung zu haben, wohin sie wollte.
Die Minuten zogen sich und der Wind wurde stärker. Newa zog die Jeansjacke enger um sich, während sie sich in Gedanken verlor. Sie dachte an ihre Mutter, die immer gesagt hatte, dass Träume groß sein müssen, wenn man in einem kleinen Ort lebt. »Sonst bist du schon verloren, bevor du angefangen hast«, hatte sie oft gesagt. Doch die Träume ihrer Mutter waren mit ihr gestorben und Newa hatte sich geschworen, dass ihr das nicht passieren würde.
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, hörte sie das Brummen eines Motors, das näher kam und langsamer wurde. Ihr Herz schlug schneller, als sie das Schild hochhob. Ein klappriger hellblauer Lieferwagen hielt neben ihr. Der Fahrer, ein junger Mann mit zerzausten Haaren und einem Zahnstocher im Mund, lehnte sich aus dem Fenster. Seine Augen musterten sie kurz, dann zog er eine Braue hoch.
»Irgendwohin, hm?«, fragte er mit einem amüsierten Tonfall.
Newa nickte, hielt seinem Blick stand und hob trotzig das Kinn. »Genau. Irgendwohin.«
Er zuckte mit den Schultern. »Steig ein. Ich fahr sowieso nirgendwo Bestimmtes hin.«
Mit einem letzten Blick auf die leere Straße hinter sich öffnete Newa die Tür und zog sich in den alten Wagen. Sie hatte keine Ahnung, wohin die Reise sie führen würde. Aber sie wusste eines sicher: Alles war besser als hier.
Der Innenraum des Lieferwagens war so chaotisch wie sein Fahrer. Auf dem Sitz in der Mitte lagen zerknitterte Landkarten, leere Chipstüten und ein Stapel CDs mit handgeschriebenen Labels wie Roadtrip Mix und Best of the 80s. Der markante Geruch von altem Kaffee hing in der Luft und das Armaturenbrett war übersät mit Kratzern und kleinen Kerben.
Newa warf dem Fahrer einen verstohlenen Blick zu, während sie den Rucksack auf ihren Knien festhielt. Er wirkte ein paar Jahre älter als sie, Mitte bis Ende zwanzig vielleicht. Seine dunkelbraunen Haare waren zerzaust und etwas zu lang, als hätte er sich schon länger nicht um einen Friseur gekümmert. Ein Teil davon fiel ihm lässig in die Stirn, während der Rest widerspenstig nach hinten wuchs. Er trug ein ausgewaschenes schwarzes Longsleeve, dessen Ärmel bis zu seinen Oberarmen hochgeschoben waren. Darunter konnte man den Ansatz eines Tattoos erkennen, das sich über seinen linken Arm zog.
Sein Gesicht war markant, mit scharfen Wangenknochen und einem leichten Bartschatten, der ihm etwas Ungezwungenes verlieh. Seine Augen waren von einem ungewöhnlichen Graublau. Die Art von Augen, die einen mit einem einzigen Blick zu durchschauen schienen. Er hatte ein selbstbewusstes Grinsen auf den Lippen, das eine Mischung aus Gelassenheit und Neugier vermittelte.
»Ich bin Kesko«, sagte er schließlich, während er den Zahnstocher aus dem Mundwinkel nahm und aus dem Fenster schnippte. »Und du bist...?«
»Newa«, antwortete sie knapp, wobei sie ihren Blick weiterhin auf die Straße vor ihnen richtete.
»Newa«, wiederholte er, als würde er den Klang des Namens testen. Dann warf er ihr einen kurzen Seitenblick zu. »Wie alt bist du, Newa?«
Sie zögerte einen Moment. »Achtzehn.«
Kesko nickte langsam, als wäre er nicht ganz überzeugt, fragte aber nicht weiter nach. Stattdessen trat er das Gaspedal durch und der Lieferwagen brummte lauter als die Geschwindigkeit schneller wurde.
Der Innenraum des Wagens war still, abgesehen vom leisen Brummen des Motors und dem gelegentlichen Rattern der Reifen über Unebenheiten im Asphalt. Kesko hielt die Hände lässig am Lenkrad, seine Haltung entspannt, als würde er das Leben auf der Straße schon ewig kennen. Doch hin und wieder wanderte sein Blick unauffällig zu Newa hinüber.
Sie saß auf dem Beifahrersitz, den Rucksack fest umklammert, und starrte aus dem Fenster. Das schräg einfallende Sonnenlicht fiel auf ihr Gesicht, zeichnete weiche Schatten auf ihre Wangen und brachte die feinen Sommersprossen auf ihrer Haut zum Vorschein. Ihre grünen Augen wirkten ruhig, doch in ihrem Blick lag eine Tiefe, die ihn innehalten ließ.
Er wusste, dass sie jung war. Sie hatte es ihm schließlich eben gesagt. Aber es war mehr als ihr Alter, das ihn zum Nachdenken brachte. Da war etwas an ihr, das so gar nicht zu einem typischen Teenager passte. Die Art, wie sie sich hielt, mit einem leichten, fast unmerklichen Widerstand in der Haltung, als wäre sie ständig darauf vorbereitet, sich gegen die Welt zu behaupten. Sie hatte etwas Erwachsenes, fast Abgeklärtes an sich, das mit ihrem zierlichen, jugendlichen Erscheinungsbild im Kontrast stand.
Und dann war da diese Schönheit, die sie selbst offenbar nicht bemerkte. Es war keine aufdringliche, gekünstelte Attraktivität, sondern etwas Ungezwungenes, Natürliches. Ihre Haare fielen in unordentlichen Strähnen über ihre Schultern und ihre Kleidung, die nichts Besonderes war, sondern nur eine alte Jeansjacke und ein T-Shirt, ließ sie gerade deshalb so ehrlich wirken. Sie war die Art von Person, die nichts tun musste, um aufzufallen.
Kesko richtete den Blick wieder auf die Straße und zwang sich, sich zu konzentrieren. Es war ihm unangenehm, dass er sie so intensiv musterte. Sie war gerade erst eingestiegen. Das war nicht der Moment, sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Trotzdem konnte er sich ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen. Sie wirkte so entschlossen, so souverän, dabei war sie wahrscheinlich nervös wie sonst was.
Nach einer Weile brach Kesko die Stille: »Also, warum ausgerechnet nach Irgendwohin? Kein Ziel? Keine Pläne? Einfach rein ins Abenteuer?«
Newa überlegte kurz, wie sie antworten sollte. Sie wollte ihm nicht die ganze Wahrheit erzählen. Nichts über ihren Vater, nichts über ihre Mutter und schon gar nicht über das Leben, das sie zurückgelassen hatte. Stattdessen zuckte sie mit den Schultern und zwang sich zu einem halbherzigen Lächeln.
»Ich dachte mir, irgendwohin ist besser als gar nichts«, sagte sie und versuchte, dabei locker zu klingen. »Ich war immer in der gleichen Stadt,...




