E-Book, Deutsch, 364 Seiten
Aiken Hodge Eine unkonventionelle Lady
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-458-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Beste Regency-Unterhaltung für alle Fans von »Bridgerton« und Jane Austen
E-Book, Deutsch, 364 Seiten
ISBN: 978-3-98952-458-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jane Aiken Hodge (1917-2009) wurde in Boston geboren, wuchs aber im englischen Sussex auf. Sie arbeitete unter anderem als Dozentin in Oxford und Harvard und war Reporterin für verschiedene Zeitschriften in London und New York, bevor sie sich dem Schreiben von historischen Romanen und Krimis widmete. Von Jane Aiken Hodge erscheinen bei dotbooks die Romane »Die widerspenstige Erbin«, »Der Mut einer Lady« und »Eine unkonventionelle Lady«.
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Kapitel 1
Die Hitze des Sommertages war verebbt und der Sonnenuntergang verblaßt. Schon blinzelten unten im Moor vereinzelte Lichter und zeigten an, daß die Arbeit in der Tidemühle an der Küste weiterging. Bald würde es dunkel und Zeit zum Heimkehren sein. Der Reiter warf einen langen Blick auf den weiten, fahlen Bogen der Glindebucht. Dann lenkte er sein Pferd in einen schmalen Weg, der über die Dünen führte.
»Wer da?« Unsanfte Hände griffen nach dem Zaum des Pferdes und zwangen das Tier zum Stehen.
»Was soll das?« fragte der junge Reiter überrascht und sah unerschrocken auf die beiden maskierten Männer hinab, die so plötzlich aus der Hecke gesprungen waren. »Ruhig, Boney.« Die streichelnde Hand beschwichtigte das scheuende Pferd.
»Boney!« Der Mann, der den Zügel ergriffen hatte, blickte hastig zu der vermummten Gestalt über ihm auf. »In dieser Gegend ist nur ein einziges Pferd nach Bonaparte benannt. Aber Sie sind doch nicht –«
»Aber sicher«, tönte es belustigt. »Und Sie sind –«
»Keine Namen!« wehrte der Mann erschrocken ab und warf seinem stummen Gefährten einen scharfen Blick zu. »Und sputen Sie sich heim, um Himmels willen. Reiten Sie nicht über die große Wiese. «
»Ach nein?« In der selbstsicheren Stimme schwang ein Lachen. »Sie reizen meine Neugier mächtig, lieber Namenloser. Was würde ich wohl dort finden? Eine Wagenladung Tee? Davon könnten wir im Haus oben etwas brauchen. Bestellen Sie das Ihren Freunden von mir. Also schön«, lenkte er unvermittelt ein, weil er plötzlich Gefahr witterte. »Wenn Sie mich so höflich bitten, will ich an der Parkmauer entlangreiten. Vorausgesetzt, Sie haben die Güte, die Zügel loszulassen.« Im Wegreiten drehte er sich nochmals um und rief zurück: »Aber wohlgemerkt, nur den allerbesten Tee!« Sobald sie allein waren, öffnete der Stumme den Mund und sagte vorwurfsvoll zu seinem Gefährten: »Sie hätten ihn kalt machen sollen. Der hat Sie gekannt.«
»Das ist meine Sache. Die Parole heißt: ›Keine Gewalttätigkeit, und daran halte ich mich. Und was den jungen Schnösel anlangt ... Ich werde dafür sorgen, daß sie oben ihren Tee kriegen. Wir haben nichts zu befürchten.«
»In welchem Haus?«
»Auch das ist meine Sache. Sie, mein Freund, sind hier fremd, und je weniger Fragen Fremde stellen, desto besser für uns alle. Sie haben mir das Losungswort genannt. In Ordnung. Habe ich Sie etwa gefragt, woher Sie kommen? Nein. Oh, das Signal!« Von den Klippen ertönte ein Eulenruf. »Das ist der Auftakt für die Versammlung. Sie kommen am besten mit. Auf Fremde sind die immer neugierig.« »Aber dann ist kein Wachtposten hier.«
»Sie halten uns wohl für dumme Bauerntölpel?« Er pfiff leise und sagte dann zu einer dritten Gestalt, die sich aus der dichten Hecke gelöst hatte: »Paß gut auf, Tom.«
»Ja, Sam, das mach ich.« Die Aussprache des Jungen klang ländlicher als die seines Gefährten. »Sagtest du ›Boney‹?« fragte er. »Aber das war doch niemals – «
»Keine Namen, Tom!«
Der Fremde lachte spöttisch. »Keine Namen! ›Tom‹ und ›Sam‹ und ›das Haus‹. Wenn mir daran läge, könnte ich euer kleines Rätsel in fünf Minuten lösen.«
»Zweifellos, mein Freund. Aber das würde ich Ihnen nicht raten. Zumindest nicht, wenn Sie bei unserer Versammlung zu Wort kommen und morgen früh ungeschoren nach London zurückreiten wollen.«
»Das will ich allerdings«, lenkte der Fremde ein und setzte hinzu: »Sie dürfen mir meine Neugier nicht übelnehmen. So ein Frechdachs, dieser junge Bursche. War kein bißchen erschrocken, als wir ihm plötzlich den Weg verstellten.« »Neugierig dürfen Sie sein, soviel Sie wollen, aber stellen Sie keine Fragen. Sie würden zwar ohnehin nur Lügen zur Antwort bekommen, aber es ist bedeutend gesünder für Sie, den Mund zu halten.«
Inzwischen hatte der ›junge Frechdachs‹ den Hohlweg verlassen und gehorsam den langen Weg im Schutze der Parkmauer von Schloß Hawth eingeschlagen, statt die Abkürzung über die Wiese zu nehmen. Die Verzögerung war zwar lästig, er würde eine halbe Stunde länger brauchen, um heimzukommen ins Haus Warren, aber ein Kavalier stand zu seinem Wort.
Die Abenteuer dieses Abends waren jedoch noch nicht vorbei. Seit der alte Lord Hawth im Jahre der Schlacht von Trafalgar reich an Jahren und Gemeinheiten gestorben war, stand Schloß Hawth leer, und diesseits des Städtchens Glinde gab es kein anderes Gebäude als Haus Warren. Was hatten also die Kinder hier verloren, die schwatzend den Weg entlangliefen?
Ein leiser Schenkeldruck genügte, damit Boney folgsam quer über dem Weg stehenblieb.
»Na!« Prüfend betrachtete der Reiter die Kinder, die um die Ecke der Mauer gebogen waren und beim Anblick des Pferdes überrascht angehalten hatten. »Darf ich fragen, was ihr so spät noch im Freien zu suchen habt? Wo zum Teufel kommt ihr überhaupt her?«
»So spricht man nicht!« Die Stimme des Mädchens klang gleichzeitig hochmütig und ängstlich. »Vater würde Sie für den Ton, in dem Sie mit uns reden, auspeitschen lassen.« »Ach, wirklich? Und wer ist dieser Vater?«
»Lord Hawth natürlich!« trumpfte das Mädchen auf.
»Wir sind auf einer Entdeckungsreise«, sagte ein etwa zwölfjähriger Knabe, der vorgetreten war und zärtlich über Boneys Nasenrücken strich. Nachdem damit der Kontakt hergestellt war, blickte er auf. »Nur ... ich glaube, wir haben uns verirrt. «
»Unsinn!« widersprach das Mädchen heftig. »Wir halten uns einfach an die Parkmauer, dann müssen wir ja auf ein Tor stoßen. Nicht wahr?«
»Ja, das stimmt.« Die Pforte lag am anderen Ende des Hohlwegs, in dem die Maskierten gelauert hatten. »Aber bis dorthin ist es noch sehr weit. Kehrt lieber wieder um.« »Das geht doch nicht!« zeterte das dritte und kleinste Kind, ein Mädchen. »Dort können wir nicht rein«, erklärte sie weinerlich. »Und ich weiß wohl, daß es ein Abenteuer ist, aber ich hab schon genug davon. Ich will meine Kinderfrau Simmonds haben und meinen Tee.«
»Um was für ein Abenteuer handelt es sich denn?« Die Frage galt den beiden größeren Kindern. Als sie zögerten, sagte der Reiter: »Jetzt mal raus mit der Wahrheit. Ich verspreche, daß ich euch helfen will und nichts verraten werde, wenn ich nicht muß. Ehrlich gesagt« – der junge Mann beugte sich aus dem Sattel, um den Kindern näher zu sein – »platze ich fast vor Neugier zu erfahren, wie ihr den Park überhaupt verlassen konntet. Ich bin dort hinter den Dünen aufgewachsen und hätte schwören können, daß es keine Tür außer dem Haupttor in Glinde gibt.«
»Es gibt auch keine andere«, sagte der Junge.
»Sagen wir es ihm lieber«, meinte das ältere Mädchen.
»Dafür bin ich auch.« Der Reiter stieg ab, warf die Zügel über seinen Arm und streckte dem Mädchen freundlich die Hand entgegen. »Kit Warrender, und ganz zu deinen Diensten.«
»Sehr erfreut.« Die kleine Mädchenhand war kalt und zitterte ein bißchen. »Ich bin Sue Chyngford.« Jetzt klang die Stimme wieder großspurig. »Und das ist Giles. Und die dumme kleine Harriet, die weint. «
»Ich weine nicht«, widersprach Harriet.
Der Reiter hatte sich artig vor den beiden Kleineren verneigt. »Tja, wenn ihr wirklich den ganzen Weg bis nach Glinde zurückgehen müßt, kann ich schon verstehen, daß du weinst. Das sind nämlich gut fünf Meilen.«
»Sie können uns bestimmt wieder einlassen«, sagte Harriet. »Sue und Giles waren zu schwach, um den Stein wegzurücken, aber Sie haben sicher Kraft genug. «
»Welchen Stein?«
»Im Geheimgang«, erklärte Sue.
»Wir haben ihn nämlich gefunden«, warf Giles ein.
»Du liebe Zeit, tatsächlich?« Der Reiter war ehrlich beeindruckt. »Wir haben ihn jahrelang gesucht, mein Bruder und ich.« Beim Wort ›Bruder‹ zitterte die helle Stimme unmerklich. »Aber wir konnten ihn nicht entdecken. Und ihr seid erst so kurze Zeit hier, und schon ist es euch gelungen?« »Wir sind seit zwei Tagen hier«, sagte Sue.
»Von innen ist es einfacher«, gab Giles wahrheitsgetreu zu. »Darum geht es ja. Der Gang endet in der Ruine auf dem Berg dort oben. Den Abschluß bildet ein großer Stein, der sich von innen ganz leicht zur Seite schieben läßt.« »Und dann schließt er sich sofort wieder«, sagte Sue.
»Und jetzt kriegen wir ihn nicht mehr auf«, jammerte Harriet.
»Na, dann kehren wir mal um und sehen uns die Sache an«, schlug Kit Warrender vor. »Rauf mit dir, Harriet. Kannst du rittlings sitzen?«
»Na klar kann ich das.« Die Kleine zerrte rücksichtslos an ihren Unterröcken und machte es sich im Sattel bequem. »Wie heißt er denn?« Sie neigte sich vor und tätschelte den Hals des Pferdes.
»Boney.«
»Nach dem Kaiser«, erklärte ihre ältere Schwester. »Habe ich recht, Sir?«
»Nenn mich Kit. Ja, du hast ganz recht. Er kam 1804 zur Welt, in dem Jahr, in dem Bonaparte sich selbst zum Kaiser krönte.«
»Dann ist er schon sieben Jahre alt.« Sue Chyngford wollte sich vor dem Fremden wichtigmachen. »Hat er immer Ihnen gehört?«
»Nein. Früher gehörte er meinem Bruder«, lautete die knappe Antwort.
Der rauhe Ton nahm Sue den Mut zu weiteren Fragen. Schweigend gingen sie dahin, bis hinter einer Biegung der Parkmauer die Ruine des angelsächsischen Klosters sichtbar wurde, das Cromwells Soldaten gründlich zerstört hatten. »Hoffentlich finden wir den Stein wieder. « Zweifelnd sah sich Giles in der einfallenden Dunkelheit um. »Wenn man aus der Gegenrichtung kommt, sieht alles ganz verändert aus.«
»Unsinn«, sagte seine ältere Schwester. »Er liegt neben einer hohen Eibe. Ich habe für alle Fälle ein Zeichen in die Rinde...




