E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Aitmatow Kindheit in Kirgisien
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-293-30760-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autobiografische Erzählung
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-293-30760-5
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tschingis Aitmatow, 1928 in Kirgisien geboren, arbeitete nach der Ausbildung an einem landwirtschaftlichen Institut zunächst in einer Kolchose. Nach ersten Veröffentlichungen zu Beginn der Fünfzigerjahre besuchte er das Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau und wurde Redakteur einer kirgisischen Literaturzeitschrift, später der Zeitschrift Novyj Mir. Mit der Erzählung Dshamilja erlangte er Weltruhm. Tschingis Aitmatow verstarb am 10. Juni 2008 im Alter von 79 Jahren.
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Großmutter
Zu meiner frühen Kindheit gehört vor allem die Erinnerung an meine Großmutter Aimchan. Sie war eine herausragende Persönlichkeit und genoss bei den Menschen ihres Dorfes hohes Ansehen. Offenbar war sie eine weise Frau.
Sie hatte meinem Vater vieles beigebracht und war sehr stolz auf ihn. Sie besuchte uns des Öfteren in der Stadt. Sie hatte ihren weißen Turban auf dem Kopf, den Eletschek, den nach unserer nationalen Tradition nur verheiratete Frauen tragen durften. Sie war eine stattliche, anmutige Erscheinung. Der Eletschek stand ihr sehr gut und verlieh ihr etwas Majestätisches.
Fünf Kinder hatte sie auf die Welt gebracht – drei Töchter und zwei Söhne. Eine ihrer Töchter, meine Tante Karagys-apa, die wir noch kennenlernen werden, hat mich in meiner Jugend sehr gefördert.
Die älteste Tochter hieß Aimchul. Ich habe sie noch erlebt. Sie hatte es in ihrer Familie sehr schwer.
Dem Alter nach folgte ihr mein Vater Torekul, danach kam Tante Kulaim.
Der letzte Sprössling von Großmutter Aimchan hieß Ryskulbek. Onkel Ryskulbek war gescheit und gebildet. Er soll den Vorschlag gemacht haben, mir den Namen Tschingis zu geben. Offenbar kannte sich der Onkel in der Geschichte aus. Die Tradition war ihm wohl vertraut, Kinder nach berühmten Persönlichkeiten zu benennen.
Onkel Ryskulbek kam auf gleiche Weise ums Leben wie mein Vater Torekul.
Als ich später, nach dem gewaltsamen Tod meines Vaters, nach Scheker zurückkehrte, kümmerte sich Ryskulbek um uns, er war fünfundzwanzig Jahre alt. Er beschaffte uns Lebensmittel und half, wo er nur konnte.
Aber man holte ihn immer wieder zu Verhören ab. Die Bevollmächtigten des Kreises setzten ihm besonders zu und sorgten dafür, dass er keine Arbeit fand. Eines Tages – im Spätherbst 1937 – tauchten drei Milizionäre auf und holten ihn ab.
Ich schlief bei ihm im Bett.
»Hab keine Angst, schlaf nur, schlaf!«, sagte er noch und hüllte mich in eine Decke ein.
Aber ich zitterte vor Angst, während ich im schummrigen Licht einer Petroleumlampe auf die unheimlichen Gesichter der Polizisten blickte.
Wir haben Ryskulbek nie wieder gesehen. Es heißt, er sei in der burjätischen Mongolei umgekommen – in einem Konzentrationslager …
Ja, meine Großmutter Aimchan hatte fünf Kinder. Sie starb am Vorabend dieser schrecklichen Ereignisse …
Sie war eine fesselnde, kluge Persönlichkeit, kannte viele Lieder und Märchen. Sie konnte weder lesen noch schreiben. Und doch stand meine ganze Kindheit unter ihrem strahlenden Glanz – dem Glanz einer märchenhaften Welt.
Es war einmal wieder Sommerszeit, ich war fünf, sechs Jahre alt, und man brachte mich zu Großmutter. Wir brachen auf in die Berge – zum sommerlichen Nomadenlager. Wahrscheinlich war das einer der letzten großen Nomadenzüge in unserer Gegend. Das Nomadenleben neigte sich seinem Ende entgegen. Überall breitete sich die sesshafte Lebensweise aus. Neue Siedlungen entstanden, Kolchosen und Sowchosen. Da spielten die Jahreszeiten nicht die gleiche Rolle wie früher. Der Höhepunkt des Nomadenlebens war nämlich jene Saison, bei der die Menschen mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack zu neuen Weidegründen fürs Vieh umsiedelten …
Ich erinnere mich lebhaft an diese Zeit, denn sie zog uns Kinder ganz besonders in ihren Bann.
Wenn die Bewegung zum Aufbruch einsetzt, geraten alle in eine gehobene, ja erregte Stimmung.
Die Jurten werden zusammengetragen. Die Gerätschaften werden auf Kamele, Pferde und Ochsen gepackt. Und danach bricht die ganze Gemeinschaft der Nomaden mit ihren zahlreichen Viehherden aus Steppen und Vorbergen in die Richtung der hohen schneeweißen Bergriesen auf. Sie ziehen über die Pässe hin zum Dshajloo, den sommerlichen Weidegründen im Hochgebirge.
Das Nomadenlager ist ein wohlgeordnetes System, man musste alles vorkehren, damit die Umsiedlung normal ablief und das Leben in den Bergen im Handumdrehen weitergehen konnte. Dort musste alles griffbereit sein, auf der Stelle ausgepackt, ausgebreitet und eingerichtet werden können.
Die Viehzüchter und ihre Angehörigen kommen ja an einen völlig menschenleeren Ort. Die Menschen hätten sich an diesem Platz seit Langem niedergelassen und angesiedelt, wäre dort ein Leben das ganze Jahr über möglich gewesen. Aber das Dshajloo ist nur im Sommer zugänglich. Bis Ende Mai sind die Gebirgspässe unüberwindbar. Da häufen sich noch meterhohe Eis- und Schneemassen. Und ab Ende September, Anfang Oktober setzen wieder die Schneefälle und Schneestürme ein und schließen die Pässe ab, sodass sie erneut unüberwindlich bleiben – bis zum nächsten Mai. Zwei Drittel des Jahres ist dieser Ort im Hochgebirge von allem abgeschlossen, für nichts und niemanden erreichbar. Nicht einmal für wilde Tiere.
In dieser Zone, bei drei- bis viertausend Metern über dem Meeresspiegel, herrscht polares Klima. Bei Dauerfrost und ewigen Schneestürmen kann nichts bestehen, am allerwenigsten der Mensch. Dafür zieht es ihn aber umso heftiger in die Höhe während der kurzen Frist des Sommers, als müsse er diesen Augenblick nutzen.
In der Folklore wird diese Zeit manchmal mit der Jugend verglichen – der blühenden, glücklichen Jugendzeit, die das Alter rasch einholt und beendet.
Der Dshajloo ist märchenhaft und paradiesisch. Blumen und Gräser der Alpen und Hochgebirge sprießen und blühen fantastisch. Helle und klare Bäche und Flüsse strömen von den Gletschern herab. Allerlei Getier und Vögel tummeln sich reichlich in den Bergwäldern. Es gibt Brennholz in Hülle und Fülle. Dieser Flecken Erde schenkt den Menschen die besten Tage des Lebens.
Die Kirgisen schlugen also zur Sommerszeit an diesen Stellen des Hochgebirges ihre Jurten auf. Und mit Beginn des Herbstes räumten sie wieder diesen Platz des Lebens, um in die Täler zurückzukehren. Dabei musste man sehr auf der Hut sein, damit sich der Pass vor der Rückkehr nicht schloss. Solche Fälle waren zwar selten, doch kam es vor, dass Menschen aus weiß Gott welchen Gründen den Zeitpunkt der Rückkehr verpassten und die Steppe nie mehr erreichten. Wenn der Pass verschlossen war, kamen die Menschen um – es gab keinen Ausweg mehr. Wer dort bei Anbruch des Winters zurückbleibt, kommt in den Schneemassen und bei den polaren Frösten um – sogar die Wölfe, die mit den Menschen zurückbleiben. Deshalb waren die Menschen darauf bedacht, die Zeit einzuhalten.
Unser sommerlicher Nomadenzug nahm also seinen Anfang. Großmutter Aimchan ließ mich auf ein Pony steigen. Bis heute erinnere ich mich an das Pferdchen. Ja, man hat ein Kerlchen von fünf, sechs Jahren schon selbst reiten lassen. Für Kinder gab es Sättel, die auf beiden Seiten in Lendenhöhe Schutzleisten hatten, damit das Kind nicht nach links oder nach rechts vom Sattel rutschte. Sie ähnelten gewissermaßen den Kinderstühlen in der Stadt, die auch so gesichert sind, dass die Kleinen am Tisch der Erwachsenen mit Platz nehmen können.
Ich hatte also meinen Sattel und mein Pferdchen und war darauf mächtig stolz. Ich ritt selbstständig im Zug der Nomaden mit. Das Pferdchen gehorchte mir. Man hatte mir kein ungestümes Pony ausgewählt, das Hals über Kopf ausreißt. Ich brauchte keine Angst zu haben.
Und so ritt ich an der Seite von Großmutter und den Verwandten. Wir setzten den Herden nach, den Pferden und Schafen. Auf dem Rücken der Kamele schaukelten die Traglasten. Alle zog es zum großen Dshajloo.
Aber welche Vorbereitungen und Mühen kostet dieser Zug über die Pässe, um dort nur zwei Monate zu verbringen, danach zurückzukehren und von Neuem dorthin aufzubrechen. Der Hin- wie der Rückweg ist voller Beschwernisse und Gefahren. Mitunter kommt es dabei zu Naturkatastrophen. Aus heiterem Himmel bricht ein Schneesturm los, oder ein Erdrutsch begräbt Menschen und Tiere unter sich, zerstört Hab und Gut. Ganze Familien mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack und all den Jurten sind unterwegs. Diese Zeit ist stets mit vielen Vorahnungen und Empfindungen verbunden.
Die Nacht vor dem Zug zum Gebirgspass hat den Namen Schykama – das ist die Nacht der Sammlung. Der Nomadenstrom nähert sich dem Ort vor der allerletzten Wegstrecke in die Höhe.
Unsere Karawanen versammelten sich dort gegen Abend.
Es machte wenig Sinn, die Jurten nur für die eine Nacht zu errichten, deshalb rastete man in Zelten. Lagerfeuer brannten, an denen sich die Menschen wärmten.
Am Fuß der Massen aus Eis und Schnee breitete sich ringsum die raue, schöne und majestätische Bergwelt aus. Und man dachte nur das eine: Wie werden wir morgen früh den Gebirgspass erstürmen? Sogar die Herden spürten diesen Augenblick vorweg – üblicherweise laufen die Tiere achtlos nach allen Seiten auseinander, aber hier verharrten sie alle an Ort und Stelle: Kein einziges Tier entfernte sich. Eine Nacht lang standen die Herden in dicht gedrängten Haufen.
Die Alten – Frauen oder Männer – heben an den Lagerfeuern ihren Sprechgesang an. Sie appellieren an die Geister der Berge und Pässe. Sie tragen ihre Beschwörungen vor.
»Nun sind wir am Fuß des Passes angelangt. Alle sind da – unsere Herden, die Familien und die Kinder, der Hausrat und die Jurten. Wir möchten dort hinauf, um das Licht der Welt zu erblicken. Jenseits des Passes liegen die frischen...




