Alarcón | Des Nachts gehn wir im Kreis | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Alarcón Des Nachts gehn wir im Kreis


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8031-4161-3
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-8031-4161-3
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Es läuft nicht gerade rund für Nelson. Sein Bruder hat die lateinamerikanische Heimat in Richtung USA verlassen, und seine Freundin trifft einen anderen,wird schwanger.Für den jungen Schauspieler ist es deshalb ein Lichtblick,als er vom legendären Theatermacher Henry Núñez für eine Rolle besetzt wird. Zusammen gehen sie auf Tournee und spielen in den Städten der Provinz, auf Marktplätzen und vor Bergleuten, ein Stück über Leben und Tod. Doch bei einem dieser Gastspiele kommt es zum Eklat: Nelson gibt seine Rolle im Stück auf und nimmt im echten Leben eine falsche Identität an, die ihn als tragischen Helden in die Irre führen wird. Mit diesem Roman hat sich Alarcón endgültig in die erste Reihe der bedeutendsten US- amerikanischen Autoren geschrieben. Vorsätzlich werden hier die Grenzen zwischen Kunst und Leben verwischt - wie schon in seinem großartigen, in zahlreiche Sprachen übersetzten Debütroman Lost City Radio gilt auch hier: Liebe ist immer politisch.

Daniel Alarcón, 1977 in Lima geboren, lebt in Oakland/USA. Seine Kurzgeschichten erschienen u. a. im New Yorker und wurden 2006 unter dem Titel »War by Candlelight« für den PEN-Hemingway Award nominiert. Der Mitherausgeber der peruanischen Literaturzeitschrift Etiqueta Negra erhielt 2007 für seine Arbeit in den USA ein Guggenheim-Stipendium und wurde sowohl von der Zeitschrift GRANTA als auch vom Smithsonian Magazine in die Liste der besten Nachwuchsschriftsteller aufgenommen. »Lost City Radio« stand auf der Shortlist des besten US-amerikanischen Debütromans.
Alarcón Des Nachts gehn wir im Kreis jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


2


Normalerweise hätte Nelson solche Neuigkeiten mit Ixta geteilt. Jetzt hatte er Zweifel. Sie war bis letzten Juli seine Freundin gewesen, und ihre Wege hatten sich – nicht freundschaftlich – an einem Tag getrennt, den Nelson als totes Herz des Winters empfand. Schaurige Wolken, zarter grauer Nebel. Es ging nur von ihm aus – er wolle Freiheit, sagte er. »Bin ich deine Gefängniswärterin, oder was?«, spottete sie, und als Reaktion schossen ihm egoistische, aber echte Tränen in die Augen. Er wollte in die Vereinigten Staaten und konnte sich auf der Jagd nach seiner Zukunft weder ihr noch sonst wem verpflichtet fühlen. Drei Monate sprachen sie nicht miteinander, und er machte in dieser Zeit keine Pläne oder Schritte in Richtung des angeblich mutigen Zugs, der sein Leben verändern würde.

Anfang Oktober trafen sich Nelson und Ixta auf einen Kaffee, eine angespannte Angelegenheit, die dennoch ein paar Wochen später zu einem nächsten Treffen führte. Ziemlich unerwartet merkte er bei der zweiten Begegnung, dass er plötzlich lachte. Und dass auch Ixta lachte. Nicht zaghaft oder befangen oder höflich. Er war erschüttert, als er merkte, dass er – wäre er nur mutiger – über den schmalen Tisch, der sie trennte, greifen und vor den Augen all dieser Fremden ganz beiläufig seine Hand auf ihre legen könnte. Niemand würde es bemerken oder merkwürdig finden. Der Anblick könnte sogar ein Lächeln hervorrufen oder Gedanken wie:

Er tat es natürlich nicht, nicht an diesem Tag, aber er machte Fortschritte. Langsam. Abwartend. Mit der Beständigkeit einer Ameise, die Futter sammelt, oder eines Vogels, der ein Nest baut. Und es zahlte sich aus: Zu Beginn der Weihnachtszeit schliefen sie wieder miteinander. Zunächst geschah es beinahe aus Versehen, aber das zweite Mal erfüllte ihn mit Hoffnung. Sie trafen sich ungefähr alle zwei Wochen, oder öfter, wenn Mindo, Ixtas neuer Freund, abends arbeitete. Diese Begegnungen waren für Nelson Quelle der Freude als auch der Pein, aber er war unfähig oder nicht willens, die Dinge weiterzutreiben. In ihrer Nacktheit sprachen sie über alles, nur nicht über das, was sie da zusammen machten, oder die Zukunft, und irgendwie fühlte sich gerade diese Unbestimmtheit ihrer neuen Beziehung sehr erwachsen an. Ixta fragte ihn nie, ob er immer noch vorhatte, in die Vereinigten Staaten zu gehen, und er erwähnte es nie. Er würde ihr eines Tages sagen, und zwar schon bald, da war er sich sicher, dass er sie liebte, dass er sie vermisste, dass ihm alles leidtäte und dass sie zusammen sein sollten, wenn auch vielleicht nicht für immer, so doch auf jeden Fall jetzt. Danach würde alles klarer sein. Er hatte die Szene nicht schriftlich ausgearbeitet – so etwas tat er nicht mehr –, aber er hatte sie sich vorgestellt, ein oder zwei Reden im Kopf geübt. Wie sich noch zeigen wird, hatte Ixta das auch erwartet. Sie wusste nicht, wie sie reagieren würde, aber sie wartete. Da war nur das kleine Problem, dass er nichts sagte.

Als er im März das mit Diciembre erfuhr, dachte Nelson an alles, was sie schon durchgemacht hatten und was noch ganz sicher vor ihnen lag, und er beschloss, dass es richtig war, sie anzurufen. Ihr Platz in der Hierarchie war ein Ja zu ihrer Vergangenheit, zu ihrer vorgestellten Zukunft. Das Telefon klingelte zweimal, ein knappes Hallo. Ixta ließ ihn reden und gratulierte ihm trocken. Er hörte: Es war die Stimme, mit der sie sprach, wenn Mindo im Zimmer war.

Doch Nelson und Ixta waren beide Schauspieler, sodass sie dadurch kaum an einem Gespräch gehindert wurden; fast war es wichtiger denn je, sich natürlich zu geben. Zwei Freunde, die sich unterhalten. Die Ausflüchte waren Teil der Anziehung, könnte man meinen. Ixta spielte ihre Rolle: Das sei ja großartig, sagte sie zu ihm. »Wie lange wirst du weg sein?«

»So zwei Monate, vielleicht drei.«

In dieser Ankündigung lag ein gewisser Sadismus. »Ich fühlte mich verlassen«, sagte mir Ixta später. »Wieder.«

Sie behielt das für sich und sagte stattdessen: »Du wolltest ja immer reisen.«

»Vielleicht dauert es sogar länger, wenn das Stück gut ankommt.«

»Das ist zu hoffen.«

Nelson wartete, dass sie weitersprach, aber es kam nichts mehr. Sie hatte ihm diese vier Worte geschenkt, doch die waren unmöglich zu deuten. Was ist zu hoffen?

Im Hintergrund hörte man eine Stimme: »Wer ist denn dran, Süße?«

Nelson fuhr zusammen, weigerte sich aber, klein beizugeben. Später fragte er sich, ob er zu leichtsinnig gewesen war. Aber mal ehrlich: Was, wenn sie erwischt würden? Sollte er sich das vielleicht nicht sogar

»Wollen wir feiern?«, fragte er.

Er dachte, für Ixta sei es eine Erleichterung, dass sie Geliebte waren und erstmal nichts weiter als das. In seiner Vorstellung war sie dankbar, dass er keinen Druck ob ihrer gemeinsamen Zukunft auf sie ausübte, kein Etikett für die Wiederaufnahme ihrer Beziehung verlangte. In seiner Vorstellung war sie von seiner Reife beeindruckt, von seiner Bereitschaft, sie mit einem anderen Mann zu teilen. Aber das war nur ein Teil der Geschichte. Der ließ außer Acht, dass sie ihn geliebt und er ihr Herz gebrochen hatte. Er ließ unberücksichtigt, dass ihr Herz vielleicht immer noch gebrochen war oder mit jedem Mal, das sie miteinander schliefen, ein wenig mehr brach.

»Ich weiß nicht«, sagte Ixta. »Diese Woche hab ich keine Zeit.«

»Ich dachte, du würdest dich für mich freuen«, sagte Nelson und bereute es sofort. Er klang so klagend, so ichbezogen. Es gab gewisse Züge, die er seit ihrer Wiederbegegnung zu verbergen gesucht hatte, aber hier war es wieder, rutschte heraus, nackt. Er wollte ein besserer Mensch sein; und wenn das nicht möglich war, zumindest wie einer erscheinen.

»Ich freue mich für dich«, sagte sie. »Irrsinnig.«

Er setzte einen drauf: »Ich würde dich gern sehen.«

Ixta seufzte, sprach jetzt mit sich selbst, in schnellen Phrasen, mit denen das Gespräch dem Ende entgegenpurzelte. »Klar. Jaja. Okay. Super. Bis bald.« Er konnte den Mann beinahe hören, der mit halb geschlossenen Augen neben ihr lag und ihr braunes Haar um seinen Finger wickelte.

Nelson hielt das Telefon noch eine Weile in der Hand, einfach so.

Die zweite Person, die von der Neuigkeit erfuhr, war seine Mutter Mónica, die seit drei Jahren verwitwet war und deren Kapazität für Freude sich seitdem stark verringert hatte. Dieser Ausdruck stammt von ihr: »Kapazität für Freude«, sagte sie zu mir, wie man auch die potentielle Höchstgeschwindigkeit eines Vierzylinders beschreiben könnte oder den Speicherplatz eines neuen Computers. Als ich sie darauf hinwies, lachte Mónica. »Zu viele Dienstjahre in der Verwaltung«, sagte sie. »Stellen Sie sich vor, was ich für ein Leben hätte haben können!«

Die Wahrheit ist, dass sie ihr Leben bis zum Tod ihres Mannes durchaus gemocht hatte. Das Haus, in dem sie mit ihrem jüngeren Sohn wohnte, war ihnen unterdessen fremd geworden; beide verbrachten so wenig Zeit wie möglich dort. Im ersten Jahr hatte Nelson seine Mutter oft spätabends weinen gehört. Francisco rief manchmal aus Kalifornien an und sprach dann lange mit ihr am Telefon. Das melancholische Geplapper aus dem anderen Zimmer lullte Nelson in den Schlaf. Er schlief in dieser Zeit ziemlich viel. Mittlerweile ging es Mónica besser. Der Schlafanzug ihres Mannes lag immer noch unter seinem alten Kopfkissen, und die eine Seite des Bettes galt immer noch als seine. Es war nur recht und billig, dass sie die Abwesenheit ihres Mannes als Wunde empfand.

Mónica ging sehr oft ins Kino, meist in amerikanische Filme. Sie hatte Gefallen an Action-Filmen und Thrillern gefunden. Je mehr Geballer und Spezialeffekte, desto besser; wenn Aliens oder U-Boote vorkamen, war sie insgeheim hocherfreut. Sie versuchte, ihr neues Interesse sogar ihren Söhnen zu erklären, einzeln, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Wie anzunehmen, konnte Nelson (für den die Ästhetik des Geschichtenerzählens keine Geschmackssache, sondern eine tiefe innere Überzeugung darstellte) das überhaupt nicht unterstützen. Francisco hingegen fand es unterhaltsam und durchaus zu anderen exzentrischen Zügen seiner Mutter passend; sie bastelte Origami-Schwäne aus Teebeutelverpackungen, von denen Schwärme in merkwürdigen Ecken des Hauses auftauchten: in einem wenig benutzten Küchenschrank, hinter dem Porzellan; im Esszimmer, am Kopf der Tafel; oder auf Fensterbrettern aufgereiht, die zur Straße hinausgingen. Nie warf sie eine Zeitschrift weg, ohne vorher ein oder zwei hübsche Fotos auszuschneiden, wodurch die Kühlschranktür zu einer Art Galerie wurde, eine Collage aus Gesichtern, die Nelson und Francisco in ihrer...


Daniel Alarcón, 1977 in Lima geboren, lebt in Oakland/USA. Seine Kurzgeschichten erschienen u. a. im New Yorker und wurden 2006 unter dem Titel 'War by Candlelight' für den PEN-Hemingway Award nominiert. Der Mitherausgeber der peruanischen Literaturzeitschrift Etiqueta Negra erhielt 2007 für seine Arbeit in den USA ein Guggenheim-Stipendium und wurde sowohl von der Zeitschrift GRANTA als auch vom Smithsonian Magazine in die Liste der besten Nachwuchsschriftsteller aufgenommen. 'Lost City Radio' stand auf der Shortlist des besten US-amerikanischen Debütromans.

Daniel Alarcón, 1977 in Lima geboren, lebt in Oakland/USA. Seine Kurzgeschichten erschienen u. a. im New Yorker und wurden 2006 unter dem Titel »War by Candlelight« für den PEN-Hemingway Award nominiert. Der Mitherausgeber der peruanischen Literaturzeitschrift Etiqueta Negra erhielt 2007 für seine Arbeit in den USA ein Guggenheim-Stipendium und wurde sowohl von der Zeitschrift GRANTA als auch vom Smithsonian Magazine in die Liste der besten Nachwuchsschriftsteller aufgenommen. »Lost City Radio« stand auf der Shortlist des besten US-amerikanischen Debütromans.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.