Albrecht | Anarchie in Ruhrstadt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Albrecht Anarchie in Ruhrstadt

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8353-2666-8
Verlag: Wallstein
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-8353-2666-8
Verlag: Wallstein
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark



Eine Zukunftsvision für Arbeit und Leben, wenn aus dem Ruhrgebiet eine einzige Stadt geworden sein wird: Ruhrstadt. August 2015: NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verkündet den Rückzug aus der Mitte ihres Landes. György Albertz, Schriftsteller und aus dem Exil zurückgekehrt, übernimmt mit einigen Gleichgesinnten das Ruder: Aus dreiundfünfzig Städten wird - auferstanden in Ruinen - eine: Ruhrstadt. Anziehungspunkt für alle Ausgestoßenen und systematisch Entrechteten. Gemeinsam versuchen sie sich an kreativer Erneuerung in den Räumen der Postindustrie. Wo einstmals Kohle gefördert und Stahl gegossen wurde, malochen jetzt Designer, Autoren und Musiker. Ihre Unternehmung ist Kunst. Und dabei treffen sie auf Menschen, für die Kunst vor allem ein Unternehmen ist. Zusammen erwirtschaftet man erste Devisen für einen ruhrstädtischen Traum. Im September 2044 suchen sich zwei in Ruhrstadt: Julieta und Rick. Getrennt voneinander taumeln sie durch eine gelebte Freakshow; von Camp Lintfort über Trans Town und durch Dschungelburg, immer dem Goldschatz von Unna hinterher! Bis sich vor ihren Augen die Utopie als Illusion entpuppt und die Welle mit ihnen zurückschlägt: It's capitalism, stupid! Jörg Albrechts Text rauscht durch eine Landschaft, die wir heute noch das »Ruhrgebiet' nennen.

Jörg Albrecht, geb. 1981 in Bonn, lebt in Berlin. Er studierte Komparatistik, Geschichte, Literatur und Theaterwissenschaft in Wien und Bochum. Neben seinen Romanen veröffentlichte er zahlreiche Hörspiele und Theaterstücke, zuletzt: »Die blauen Augen von Terence Hill', das beim Steirischen Herbst 2011 in Graz uraufgeführt wurde und danach in Berlin und Jena gespielt wurde.
Albrecht Anarchie in Ruhrstadt jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Prolog


Vor dem Roadmovie


Auf den ersten Blick liegt die Stadt einfach da, nicht friedlich und doch stumm, ein riesiges Raumschiff, das gelandet ist, um von hier aus die Welt zu erobern. Die gläsernen Hallen und weißen Monolithen, die vielen Villages und Grünflächen sehen aus, als wüssten sie von nichts. Doch Luftschlitten jagen leise zischend hin und her. Menschenmassen strömen zu Knotenpunkten. Und auch zwei, drei Rauchwolken, die sich von der Erde abstoßen, um den Himmel zu erreichen, und dabei ausfasern, stören die Ruhe. Denn wenn die Augen diesen Rauchwolken gefolgt sind, werden sie, nach unten zurückgekehrt, etwas anderes sehen als zuvor: eine Stadt, die sich über drei Jahrzehnte verausgabt hat.

Zur selben Zeit begeben sich zwei Menschen, die sich längst gefunden haben, auf die Suche nach einander.

Ich würde dir so gern etwas schenken, was du nicht von mir erwartest und ich nicht von mir erwarte. Flüstern sich die beiden zu, ohne sich zu hören. Über zweiundsechzigtausend Meter hinweg flüstern sich Julieta Morgenroth und Rick Rockatansky das zu, an jenem drückenden 12. September 2044, an dem der gigantische Moloch sein Ende finden wird, der seit ihrer Geburt ihr Leben bestimmte und der bei Menschen aus allen Ecken der Welt, allen Altersstufen und Gesellschaftsschichten, allen sexuellen Orientierungen und Desorientierungen bei Tag ein Glänzen in den Augen hervorruft und bei Nacht die Körper schwitzen lässt, bis sie den Namen dieses Molochs rufen: Ruhrstadt.

Es ist jener Tag, den Julieta und Rick herbeigesehnt haben, nicht weil sie gedacht hätten, es könnte ein großes Datum der Weltgeschichte werden, sondern weil genau heute ihr Plan sein Leben als Plan aufgeben soll, um in die Wirklichkeit einzutreten. Ihr Plan: diese Stadt zu verlassen, gemeinsam. Doch dazu wird es nicht mehr kommen, auch wenn sie das noch nicht wissen. Und da sie nicht wissen, wo der andere ist, wissen sie auch nicht, dass sie beide an den Eingangstoren der Stadt stehen, Julieta am östlichen, Rick am westlichen, beide nicht allein. Wie viele Tausende Menschen hier zusammengeströmt sind, ist wohl niemandem klar, aber an beiden Orten, in Hamm und in Camp Lintfort, sind Menschenmassen aufgetaucht, wie man sie nur von den offiziellen Jubiläumsfeiern der Ruhrstadt kennt: vom Fünfjahresfest, vom Zehn-, vom Zwanzigjahresfest, und man ahnt, dass es beim Dreißigjährigen nächstes Jahr noch schlimmer werden wird.

Es ist ein Flüstern durch die Straßen gegangen, eine Botschaft, die sich trotz des Flüsterns nicht verlaufen hat in den Sackgassen der Stillen Post. So still ist es in Ricks Fall allerdings nicht gewesen, eher im Gegenteil, eher schrill, mit Gloria Hola, die in den Schuhmacherladen gerauscht kam. Gloria als eine seiner Stammkundinnen und zugleich die Letzte, die seinen Laden für lange Zeit sehen sollte. Bevor er gehen konnte, war sie hereingeplatzt, um ihre Ultra-Plateau-Schuhe abzuholen, deren Plateau Rick noch einmal um 16,2 mm erhöht hatte. Und das Erste, was Gloria nach Begrüßung, Küsschen und den üblichen Spitznamen – von denen Rick The Dick noch eher über der Gürtellinie lag – herausgebracht hatte, war: Sie sind wieder da! Eine Band, eine der ganz uralten Bands, noch aus der Zeit vor der Ruhrstadt, eine Riot Grrrl Band namens Pristine, wird wieder spielen. Und wo? Am Gläsernen Elefanten in Hamm. Und zugleich soll dieses Reunion-Konzert auf die andere Seite der Stadt übertragen werden, auf den Platz vor dem Kloster in Camp Lintfort. Doch es ist eben keines dieser Ruhrstadtriesenevents, bei denen Lautsprecher groß wie Wolkenkratzer ihren Schall in die Ohren der Menschen, Tiere und Häuser drücken, sondern eher klein: Eine Batterie verschiedener Lautsprecherboxen, maximal siebzig Zentimenter hoch, die kleinste sogar nur zwanzig, eine Computerbox, Ende 20. Jahrhundert, vom Antiquitätenhändler, steht auf dem Klostervorplatz, um die Musik vom östlichen Ende der Stadt herüberzutragen. Rick Rockatansky, mit Gloria Hola aus dem Schuhmacherladen hierher aufgebrochen, will, kaum angekommen, weiter nach vorn. Der Weg hat viel zu lange gedauert, da Camp Lintfort auch 2044 noch keinen eigenen Bahnhof besitzt. Eine letzte Aktion für einen Bahnhof hatte in den Zwanzigern halbherzig eine Handvoll Rentner initiiert, alle anderen – vor allem die hier angesiedelten Schriftsteller – waren dafür, dass Camp Lintfort abgeschnitten blieb, nur zugänglich per Bus, weil man sich – laut den Schriftstellern – so und NUR SO eben schön einsam fühlen könne und ganz weit weg von jeglicher urbaner Grausamkeit. Davon will Rick schon lange weg, das weiß er nicht erst, seit er unter Julietas Wimpern Julietas Augen sah und in diesen Augen das Bild einer Wüste, in dieser Wüste sie beide, wie sie die Stadt verlassen. In diesem Moment beginnt das Konzert, also schiebt Rick sich durch die Menge, hebt seine Arme, damit seine breiten Schultern weniger breit werden, und auch, damit die nassen Stellen unter seinen Armen die Leute zur Seite treiben. Das funktioniert nicht. Also die Arme noch höher, und auch den Bauch einziehen, der in den vergangenen zwei Jahren ganz schön gewachsen ist. Rick Rockatansky, den Spitzbauch eingezogen, die Arme in die Luft gehoben, die Hände ungewollt hin- und herdrehend, winkend, so dass er an den Schwielen der Handflächen die Luft spürt, die oberhalb der Menschenmenge viel besser ist. Und sie ist nicht einfach besser als unten, sie ist anders. Was in dieser Luft liegt, ist nicht die gute Laune, die die Ruhrstadt in der ganzen Welt berühmt gemacht hat und die man – angesichts ihrer dunklen Vorgeschichte – als überraschend empfand, später als authentisch, viel später als aufgesetzt. Diese sensibelsten Stellen an Rick Rockatanskys Händen spüren: das Gegenteil guter Laune.

Vier Frauen betreten die rudimentär zusammengezimmerte Bühne am Gläsernen Elefanten in Hamm. Während die Frauen, alle Anfang sechzig, zu ihren Instrumenten greifen: Gitarre, Bass, Sticks und Mikrofone, sieht Julieta, wie in der Nähe des Elefanten Menschen die Scheinwerfer, die das Jumbosymbol der Stadt nachts und bei Bewölkung immer anstrahlen, auf die improvisiert wirkende Bühne umrichten. Die Bühne: zusammengezimmert aus ein paar Nägeln, Brettern, Solarzellenbehältern, Damenbindenkartons und etwas, das einer aus der Schrottpresse gezogenen Stromtanksäule verdammt ähnlich sieht. Und auf dieser Bühne beginnt die Band jetzt zu spielen. Auch Julieta nimmt die Veränderung in den Bestandteilen der Luft wahr, eine Veränderung, die sich nicht am Geruch zeigt, der hier, am Rand der Stadt, nicht gerade dezent auf das angrenzende Land hinweist. Eine Mischung aus Unmut und Aufbruchsstimmung. Immer mehr Menschen strömen auf den Gläsernen Elefanten zu, selbst von der kleinen Anhöhe, auf der sie steht, kann Julieta das Ende nicht erblicken, Menschenmassen auf flachem Land, so weit das Auge kommt. Noch vor zehn Jahren standen hier die letzten Wohnhäuser, besetzt und paramilitärisch verteidigt gegen die Regierung, die alle Wohneinheiten plattmachen wollte, um das gesamte Viertel für den Elefanten zu reservieren und es so zum Jumboviertel zu machen. Der Gesang der Band geht los: This is my decision. Was ist das? This is my choice. Eine Demonstration? I’ll make my way. Menschen sind zusammengekommen, um sich zu engagieren, wie knapp sechs Jahrzehnte zuvor, 1986, als der Thorium-Hochtemperaturreaktor Hamm-Uentrop die Proteste der Bürger auf sich zog, da ihm in ein, zwei unachtsamen Momenten – kann ja mal passieren! – etwas Radioaktivität entwichen war. Daran denkt jetzt, im September 2044, niemand mehr. Die Menschen, die Julieta hier sieht, sind nicht aus Wut gegen eine alte Zeit da, eher aus Hingabe für eine neue, von der sie noch nicht viel wissen. I’ll make my way. Und indem sie hier sind, tun sie schon etwas, sie brauchen nicht mehr zu tun, als hier zu stehen, beim Reunion-Konzert einer Band, die wiederum für eine Zeit steht, die Julieta nie erlebt hat: die Zeit vor der Gründung der Ruhrstadt, jene Jahre, in denen die Grundlagen für die Metropole des Kreativsozialismus entstanden.

Aus irgendeinem Teil ihres Gedächtnisses steigen nun die passenden Bilder auf: Das Komitee der Kreativen, sieben etwa dreißigjährige Köpfe, die damals, 2015, in einem unerhört dreisten und unerhört charmanten Akt die Übernahme einer Gesamtregierung für die Gesamtregion erklärten, die Gründung einer Stadt aus dreiundfünfzig Städten. Diese sieben Köpfe stehen in Julietas Kopf vor ihr. Oft genug hat sie deren Bilder gesehen, so dass die Neuronen-Netzwerke keine große Arbeit leisten müssen. Und wir werden, sagt einer der sieben Köpfe des Komitees, ein bärtiger Typ namens György Albertz, wir werden den Geist wiederbeleben, der diese Region groß gemacht hat: den kreativen Unternehmergeist. Jeder da draußen kann losgehen und Dinge schaffen! Jeder ist kreativ! Denn alle hier sind Künstler, und wenn alle das sind, dann ist auch diese Stadt eine Künstlerin! Julieta sieht György Albertz vor sich, wie er diesen Satz ausspricht. Und im selben Moment sieht sie ihn auf den Screens der Uhren, die die Menschen um sie herum in die Höhe halten. Denn während die alten Riot Grrrls von Pristine,...


Albrecht, Jörg
Jörg Albrecht, geb. 1981 in Bonn, lebt in Berlin. Er studierte Komparatistik, Geschichte, Literatur und Theaterwissenschaft in Wien und Bochum. Neben seinen Romanen veröffentlichte er zahlreiche Hörspiele und Theaterstücke, zuletzt: 'Die blauen Augen von Terence Hill', das beim Steirischen Herbst 2011 in Graz uraufgeführt wurde und danach in Berlin und Jena gespielt wurde.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.