E-Book, Deutsch, 592 Seiten
Alem Das Halsband der Tauben
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30828-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Roman Mekkas
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-293-30828-2
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Raja Alem, geboren 1970 in Mekka, studierte Englische Literatur in Dschidda, Saudi-Arabien, und hat Romane, Theaterstücke sowie Kurzgeschichten publiziert. Sie hat für ihr Werk zahlreiche Preise erhalten, darunter den renommierten International Prize for Arabic Fiction (Arabic Booker) für den Roman Das Halsband der Tauben. 2014 wurde sie mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Raja Alem lebt in Dschidda und Paris.
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Engelmädchen
Ich, die Vielkopfgasse, schloss die Augen, als in allen meinen Ecken und Winkeln der Ermittlungswirbel losging. Niemand wurde verschont. Alle wurden vorgeladen. Razzien, Durchsuchungen und Konfiszierungen folgten rasch aufeinander. Alle Videofilme, die man im Café fand, wurden beschlagnahmt. Die Krähen kreisten besonders über Muschabbabs Garten, den sein Besitzer ein paar Tage vor dem Auftauchen der Leiche bei einem Börsengeschäft verloren hatte. Muschabbab war verschwunden, ebenso wie Jussuf.
Es war also nicht überraschend, dass auch Jussufs Mutter Halima, die Teeköchin, auf die Polizeiwache vorgeladen wurde. Als Expertin im Gedankenlesen beobachtete ich, die Vielkopfgasse, die Mienen derer, die gingen, und derer, die zurückkamen; und auch die Tintenspuren an den Fingerspitzen, mit denen sie die Protokolle unterzeichneten.
Halima richtete sich für die Befragung her wie für eine Teezeremonie. Sie erneuerte sogar den Hennamond auf ihrer Handfläche. Als sie im Verhörraum Inspektor Nassir gegenübersaß, wurde ihr etwas unwohl. Sie hatte Ali erwartet, den Beamten, der an jenem Morgen den Fall mit der Leiche aufnahm, nicht diesen Nassir, dem jeder Anflug von Freundlichkeit fehlte. Ali war locker und ungezwungen gewesen, während er die Leiche umkreiste. Dabei lachte er unaufhörlich und flirtete mit einer Frauenstimme aus dem Handy, das sich nie von seinem Ohr löste. Er ließ seinen Blick über die Gesichter der Umstehenden schweifen und machte seinem Assistenten Zeichen. Schließlich gab er ihm die Anweisung, die Leiche wegzuschaffen und die Untersuchung am Tatort abzuschließen.
»Ja, wollen Sie denn keine Fingerabdrücke aufnehmen?« Chalil, der Taxifahrer, klang vorwurfsvoll und ein bisschen lächerlich, fast wie im Film. Das amtliche Lächeln gefror in der Hitze, und ohne sein Telefongeplauder zu unterbrechen, nahm Ali die Herausforderung an. Er blickte scharf in die Runde.
»Behauptet jemand, mit der Leiche verwandt zu sein?«, fragte er bissig. »In diesem Fall müsste er zu einer eingehenden Befragung mit aufs Revier kommen. Danach kann ein Dossier eröffnet und bei den zuständigen Stellen eine Abnahme von Fingerabdrücken beantragt werden. Das wird seine Zeit dauern, und währenddessen müssen die etwaigen Verwandten immer wieder bei uns vorsprechen. Für einen Monat oder ein Jahr, Gott allein weiß, wie lange, werden sie sich zur Verfügung halten müssen. Fälle dieser Art sind langwierig. Das ist ja hier nicht wie im Fernsehen.«
Daraufhin hatte sich die Menge verlaufen, und Inspektor Ali hatte seinem Assistenten bedeutet, alles zum Abmarsch klarzumachen.
Halima musterte diesen Inspektor, der ihr gegenübersaß. Keine Spur von Alis harmlosem Blick, der auf leicht blasierte Art den Eindruck von Kompetenz zu erwecken versuchte. Dieser Nassir schien vor Arroganz fast vertrocknet. Die Klimaanlage und der Deckenventilator, der ihr eiskalte Luft ins Gesicht blies und die Farbe von den Zimmerwänden schälte, verstärkten den Eindruck noch. Die Spinnweben, die ein dickes Geflecht auf den Elektrodrähten bildeten, schienen auch das Gesicht dieses Mannes zu überziehen, der den immer gleichen finsteren Mördern gegenübersaß und die immer gleichen Fragen stellte und Hiebe austeilte, bis seine Haut schließlich so rau und hart geworden war wie der Kamelhaarteppich auf dem Boden seines Büros.
Die Tausende von Verdächtigen, die von Inspektor Nassir al-Kachtani während seiner fünfundzwanzig Jahre als Chef der Mordkommission verhört worden waren, hatten ihn alle mit demselben Eindruck verlassen: Dieser Mann war nicht irgendein Inspektor, das musste der Todesengel in Person sein. Doch statt der Trompete des Jüngsten Gerichts bediente er sich der Klimaanlage, um die Gesichter der Verdächtigen zu Eis erstarren zu lassen.
»Dieser Nassir ist ein Besessener.« Der Gedanke zuckte, nicht ohne Mitleid, durch Halimas Kopf. Nassir drehte seinen Stuhl um fünfundvierzig Grad nach rechts und legte den Arm mit den Rangabzeichen wie eine Barriere vor sich auf den aschgrauen Schreibtisch, so als müsse er sich gegen den eindringlichen Blick jener Frau schützen, die ihn an seine Tante Atra erinnerte. Atra, die Königin von Wadi Michrim in den Sarat-Bergen, war mit einem halben Dutzend Männer verheiratet gewesen, alle um Jahre jünger als sie. Wie jene berühmte Schlange konnte sie einen Mann mit dem Blick lähmen und sich ihm begehrenswert machen. Man sagte, sie könne jedem Mann bis tief in die Lenden schauen und alle seine empfindlichen und empfänglichen Punkte erkennen. Einmal hatte sie gesagt, sie wolle ihr geheimes Wissen vor ihrem Tod an das unbändigste Mädchen der Gegend weitergeben, damit ihre Kenntnisse nicht verloren gingen. Die alten Scheiche in Wadi Michrim, Männer am Rande des Grabes, kämpften verbissen um Tante Atras Gunst, damit sie auch an ihren Körpern diese Punkte aufspürte und sie zu neuem Leben erweckte.
Tante Atra war es, die ihn bis in seine Träume verfolgte. Er sah sie immer in dieser letzten Szene, als sie es nach der Beerdigung seiner Schwester Fatima gewagt hatte, sich ihrem Bruder, seinem Vater, entgegenzustellen. Nassir wurde mit einem Male bleich. In seinem Büro roch es plötzlich nach dem Blut dieser Vergangenheit. Es war derselbe Geruch, der vom Körper seiner ins Leichentuch gehüllten Schwester aufgestiegen war, einem weißen Bündel, an dem sich nur noch die Brüste abzeichneten und sich in sein Gedächtnis eingruben. Damals war er fünf Jahre alt gewesen. Alle Erinnerung an die einzelnen Szenen jenes Tages ist verschwunden. Geblieben ist nur der Geruch von Hitze und drohender Gefahr, genauso tief in seine Erinnerung eingegraben wie jene Wölbungen, zwei dunkle Kreise von sechs Zoll Durchmesser, die durch die staubige Straße im Märtyrerviertel in Taif schweben. Glotzende Männeraugen hecheln dem nackten Körper, den dunklen Brustwarzen hinterher. Und der Zorn seines Vaters, der ihr nachrennt, sich im Laufen den Umhang herunterreißt und ihn der nackten Fatima überwirft, der sie völlig außer sich packt, einwickelt und nach Hause schleppt. Dort stößt er sie durch die Tür, reißt ihr den Umhang ab und wirft ihn angeekelt beiseite. Fatima erhebt sich mühsam vom Boden, die Hand des Vaters greift nach dem nächstbesten Gegenstand, einer Kaffeekanne. Ein dumpfer Schlag ist zu hören, und niemals wird Nassir diesen Anblick vergessen: Der Schnabel der Kanne bohrt sich in den Kopf seiner Schwester, das rote Blut fließt ihr über Gesicht und Hals herab.
Der Finger seines Vaters erhebt sich drohend: »Eure Schwester ist an einem Asthmaanfall gestorben!« Danach verbrennt er den Umhang, seinen besten, den er nur zu religiösen Festen und für das Freitagsgebet trug.
Der Arzt, der den Totenschein ausstellte, war ein Verwandter. Er schaute betreten zu Boden, voller Mitgefühl mit dem Vater. Er kannte die Geschichte: Der Vater, der den von Fatima geliebten Nachbarsjungen ablehnte … Der Cousin, dem sie versprochen war und der sich von ihr lossagte, als er von dem Nachbarsjungen hörte … Das Mädchen mit dem großen, fröhlichen Herzen, das von seiner Verzweiflung, dem Wahnsinn nah, nackt auf die Straße hinausgetrieben wurde.
Alle Nachbarn hielten sich strikt an die Rituale einer Ehrenmordbestattung. Sie kamen und stimmten mit Vater und Mutter die Totenklage an. Sie erzählten sich Geschichten von unzähligen Todesfällen durch Asthma oder durch einen Insektenstich. Am Ende war der Tod so harmlos wie ein verpasster Atemzug geworden. Gleichzeitig trafen mitleidige Blicke, Trauerfeierblicke, die jüngeren Schwestern. Die Schande der Verstorbenen war auch für sie das Ende ihres guten Rufs, ihrer Möglichkeit, je heiraten, je normal leben zu können.
Nur Tante Atra schwor, den Fuß nie mehr über die Schwelle ihres Bruders zu setzen. Sie ging zum Polizeiposten, um den Vorfall mit der Kaffeekanne anzuzeigen, erntete dort aber nur mitleidiges Lächeln. Sie begriff, dass sie eher einen Guinness-Rekord brechen als diese Köpfe aufbrechen konnte, die mit jener unerbittlichen Ehre gepanzert waren.
All das liegt vier Jahrzehnte zurück. Eine Tragödie, die mit dem Tod seines Vaters ihren Schlusspunkt fand, der nicht etwa aus Gram über seine Tochter, sondern aus Trauer über seine verlorene Ehre gestorben war. Nassir war vaterlos aufgewachsen, wie gelähmt durch eine schreckliche Schmach. So lief er bei der erstbesten Gelegenheit davon, nach Mekka, um dem Blutgeruch zu entkommen, der an ihrem Haus haftete. Als ihm nun der Fall mit der Leiche aus der Vielkopfgasse zugefallen war, spürte er den unbezwingbaren Drang herauszufinden, wer diese Leiche war und wem die Hand gehörte, die sie auf die Straße geworfen hatte. Mit fieberhaftem Eifer machte er sich daran, den Fall zu untersuchen.
Halimas sanfter Blick durchdrang den Panzer der Dienstgradabzeichen auf seiner Brust und traf das Herz des kleinen Jungen, der noch immer am Schicksal seiner Schwester litt. Zwischen seinen Schultern und an seinen Schläfen brach der Schweiß hervor.
»Ihr Sohn Jussuf steht unter Verdacht«, sagte er mit rauer Stimme, um die gewichtige Aura zurückzugewinnen, mit der er sich all die Jahre gewappnet hatte.
Doch sie wusste ihm wohl einzuschenken, hatte genau den Kaffee mitgebracht, auf den er ansprach. Als sie hörte, dass es im Samowar brodelte, griff sie nach den richtigen, glänzenden Tassen und servierte dem Inspektor den passenden Trunk aus der Gasse.
»Jussuf ist empfindsam und ängstlich. Als er...




