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E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Alem Sarab

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-293-30963-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-293-30963-0
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



An einem Morgen des Jahres 1979 hält die Welt den Atem an. Ein Trupp von terroristischen Fanatikern besetzt die Große Moschee in Mekka und nimmt Tausende von Gläubigen als Geiseln. Unter den Aufständischen, in Männerkleidern versteckt, ist das Mädchen Sarab. Als der Gegenangriff beginnt und es Fallschirmjäger vom Himmel regnet, flieht sie in die Katakomben und stößt auf einen bewusstlosen französischen Soldaten. Durch einen Abwasserkanal schleppt sie ihn ins Freie und versteckt sich mit ihm in einer leeren Wohnung. Zwischen den beiden, die sich zunächst bis aufs Blut hassen, beginnt eine Geschichte, die in Mekka, dann in Paris, alle Grenzen überschreitet. Raja Alem lässt eine Liebe zwischen zwei Menschen entstehen, die auf beklemmende Weise unauflöslich wird.

Raja Alem, geboren 1970 in Mekka, studierte Englische Literatur in Dschidda, Saudi-Arabien, und hat Romane, Theaterstücke sowie Kurzgeschichten publiziert. Sie hat für ihr Werk zahlreiche Preise erhalten, darunter den renommierten International Prize for Arabic Fiction (Arabic Booker) für den Roman Das Halsband der Tauben. 2014 wurde sie mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Raja Alem lebt in Dschidda und Paris.
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Erster Tag


Das Gas der Granaten zwang die Rebellen, ihre Stellungen an den großen Toren aufzugeben und sich in die Gewölbe des Heiligen Bezirks zurückzuziehen. Dort verschanzten sie sich, bereit für den Kampf bis zum Tod.

Aus den Hubschraubern regnete es Fallschirmtruppen. Wer das sah, mochte an jene Vogelscharen denken, von denen es im Koran heißt, sie hätten Steine aus gebranntem Ton auf die Soldaten Abrahas, des äthiopischen Herrschers über den Jemen, geworfen, die, geführt von einem Elefanten, angerückt seien, um den Heiligen Bezirk zu zerstören. Das war in der Zeit vor der Erleuchtung, um das Jahr 535 n. Chr. gewesen. Doch anders als die Vögel von damals verbreiteten die Fallschirmspringer Angst und Schrecken. Sie verteilten sich, Gasmasken über dem Gesicht, in Windeseile und durchkämmten die Säulenhallen des Heiligen Bezirks, um letzte Widerstandsnester auszuräumen. Dann öffneten sie rasch die Portale, und die Einheiten der Nationalgarde rückten ein.

Man schrieb den 27. November 1979. Giftige Wolken lagen über dem Heiligen Bezirk und verzogen sich nur langsam. Den Soldaten der Nationalgarde gelang es, nicht ohne schmerzliche Verluste, die Kontrolle über Hof und Hallen zurückzugewinnen.

Panik und Chaos breiteten sich unter den Rebellen aus, als unter Strom gesetztes Wasser in die Gewölbekeller strömte, in denen sie sich zusammendrängten. Mit flackerndem Blick und blutunterlaufenen Augen stolperten sie Schutz suchend durch das Geflecht der unterirdischen Zellen, in die sich sonst die Gläubigen zurückziehen, um Gott zu suchen. Wie mit Blindheit geschlagene Insekten tappten die von langer Belagerung und brutalem Kampf ausgemergelten Männer herum. Alle spürten, das Ende war gekommen. Ein aussichtsloser Kampf spülte sie hinweg, ein Kampf, in dem sie den Tod nur verzögern konnten, umkommen würden sie auf jeden Fall. Das Gewirr von Kammern verlangsamte die Ausbreitung des elektrisch geladenen Wassers. So verlängerten sich die Stunden des Widerstands oder, besser gesagt, die Stunden des Todeskampfes. Aber das war nur ein Aufschub, denn plötzlich, es war am 3. Dezember, begann es, über ihren Köpfen zu dröhnen. Sofort begriffen sie, dass dort gigantische Bohrer am Werk waren, die sich durch die Decke über ihnen hindurchfraßen. Und dann prasselten durch diese Löcher Granaten mit Zeitzündern auf sie herab, die in der Finsternis explodierten, sie zerfetzten und chemische Giftstoffe freisetzten. Körperteile flogen umher, und der Geruch von warmem Blut füllte die Räume.

Die Fallschirmtruppen schienen zu triumphieren. Doch die Rebellen schickten weiterhin blindwütig ihre Salven aus der Tiefe empor. Viele Soldaten kamen um, und ihre Leichen deckten die Bohrlöcher zu. Andere Soldaten rückten nach, machten die höllischen Öffnungen wieder frei, und sofort spritzten wieder tödliche Schüsse aus der Tiefe empor. Eine Kugel traf eine Gasgranate, die detonierte. Das Gas breitete sich in den Gewölben aus. Es war ein schreckliches Chaos auf beiden Seiten. Das Gas entschied schließlich den Kampf – zum Vorteil der Soldaten. Die Gewehre der in der Tiefe verschanzten Rebellen verstummten nach und nach, und durch die aufgebohrten Gewölbedecken hörte man die Geräusche des Todeskampfes, das Röcheln der Erstickenden, das Zetern der hilflosen Geblendeten. Der Widerstandsgeist der Rebellen war gebrochen, taumelnd wie Marionetten quollen sie aus den Gewölben ins Freie, um sich vor dem Gas in Sicherheit zu bringen. Doch draußen traf sie das Tageslicht, blind stolpernd und stürzend wurden sie von Scharfschützen in Empfang genommen und im Kugelhagel niedergemacht.

Die unterirdischen Kammern verwandelten sich in einen gärenden, stinkenden, leichenübersäten Schlachthof.

Als die Soldaten der Nationalgarde noch dabei waren, die letzten Widerstandsnester auszuschalten, tauchte in einem unterirdischen Gebetsraum hinter einer ausgemusterten Kanzel eine vermummte und blutverschmierte Gestalt auf, ein junger Mann, der mit großem Kraftaufwand den Deckel eines Abwasserschachts öffnete. Plötzlich spürte er einen blauen Lichtstrahl, scharf wie ein Skalpell, die Dunkelheit durchschneiden und sich vorsichtig der Tür nähern. Er erstarrte, seine Augen sprühten Funken. Den sicheren Tod erwartend, hielt er den Atem an. Das Licht wurde breiter, und an der Tür erschien ein kräftiger Soldat in Uniform, um den Raum zu durchsuchen. Er trat einen Schritt in den stockfinsteren Raum und durchschnitt die Dunkelheit mit seinem Lichtstrahl. In dem Augenblick, in dem er die Person auf der Erde erblickte, löste sich etwas Schweres, Schwarzes von der Decke. Die kauernde Gestalt sah mit Entsetzen, wie es krachend auf den anderen herabfiel. Es klang, als wenn Fels auf Fels geschlagen hätte. Der Soldat stürzte zu Boden. Die Lampe erlosch, und die völlige Finsternis kehrte zurück. War da ein menschlicher Körper herabgefallen, oder ein Stück Decke, oder gar einer dieser Folterengel, die sich in den Wolken aus Tränengas und Finsternis versteckt hielten? Als alles wieder schwarz und still war, stürzte sich der junge Mann auf den völlig benommen daliegenden Soldaten, riss dessen Sturmgewehr an sich und richtete es auf dessen Kopf. Er zwang ihn, in den Abwasserkanal zu steigen, folgte ihm und zog den Deckel von innen wieder zu.

Im Dunkeln gingen sie los. Ein Schatten, der ein Gewehr auf einen zweiten Schatten gerichtet hielt. Eine kleine, drahtige Gestalt in einer verdreckten Nationalgardistenuniform, die den athletischen Körper eines französischen Soldaten in blauer Uniform vor sich herschob. Beide stumm in dieser dröhnenden Stille, beide auf der Flucht vor diesem apokalyptischen Schrecken, umherirrend in den Eingeweiden der Erde, im Zersetzungs- und Verwesungsgestank um Luft ringend, blind voranstolpernd im endlosen, sich immer weiter verzweigenden Netz der Abwasserkanäle.

Beim geringsten Anzeichen eines Zögerns stieß die hagere Gestalt das Gewehr gegen die Schulter ihres immer noch benommenen Opfers, eine offensichtliche Drohung, ihm das Hirn auszupusten.

Sie zwang ihn zu rascher Flucht aus diesem Areal des Todes, wo die Granaten teuflisch geplant von der Decke fielen, die Verbindungswege des Gewölbegeflechts abschnitten und so die letzten Reste der Rebellen von ihrem Führer trennten. Trupp um Trupp konnte vernichtet werden.

Nur Mudschan, der Anführer, setzte in der Tiefe des Labyrinths, von einem verwinkelten Gang aus, den Widerstand noch lange fort und dezimierte die angreifenden Soldaten, bis er schließlich umzingelt und festgenommen wurde.

Als die beiden fliehenden Gestalten aus dem Kanalisationsschacht stiegen, standen sie mitten im al-Muddaa-Markt, außerhalb des Heiligen Bezirks. Immer noch betäubt vom Giftgas, torkelten sie durch die frische Luft, die schmerzhaft stechend in ihre Lungen eindrang.

Die beiden Schatten tasteten sich ihren Weg durch die engen Gassen. In der gespenstischen Stille schienen ihre Schritte zu dröhnen. In plötzlicher Angst, auf der Suche nach einem Versteck, stieß die hagere Gestalt den vom Gas benommenen Soldaten in eine Seitengasse, trieb ihn durch ein offen stehendes Holztor hinein ins finstere Treppenhaus eines verlassenen Gebäudes. In den unteren Stockwerken waren alle Türen verschlossen, weswegen sie immer weiter die steinernen Treppen hinaufstiegen.

Im obersten Stock rief der hagere Junge: »Gott verzeihe uns …«, und trat mit seinem Militärstiefel die Tür auf. Vor ihnen lag eine kleine Wohnung, eine Küche und ein einziges Zimmer, eine Art Kinderzimmer. An der zitronengelben Tapete hingen Fotos eines vielleicht siebenjährigen Mädchens, aus verschiedenen Winkeln aufgenommen. Es hüpfte heiter in die Luft, sein kurzer roter Rock flatterte im Wind, auch seine kurzen schwarzen Haare.

Mitten im Zimmer stand ein etwa einen Meter hohes Schaukelpferd, erstarrt in einem lautlosen Wiehern. Ihm gegenüber ein einschüchternd überdimensionierter Fernseher. Und rundherum ganze Reihen von Puppen, starrend saßen sie da, die meisten enorme Plastikpuppen, einige wenige handgefertigt aus Baumwollstoff. Die grellweiß leuchtenden Gesichter der baumwollenen glotzten ausdruckslos vor sich hin. Sie hatten riesige Glupschaugen, die mit grobem schwarzem Faden angenäht waren, darüber extrem nach oben gebogene Brauen. Sie schienen sich über die beiden Gestalten zu mokieren, die da keuchend und unaufgefordert in ihre vergessene Welt hereinplatzten.

Die beiden Gestalten erschraken bei dem seltsamen Anblick. Und wie auf ein Zeichen schauten sie sich an und realisierten gleichzeitig ihre Gegenwart. Die tödliche Entschlossenheit, die der Aufständische ausstrahlte, war mit Händen zu greifen, und mit dieser Entschlossenheit ließ er einen heftigen Schlag auf den Kopf seines Gefangenen sausen, der zu Boden ging. Doch der bewusstlose Körper machte den Rebellen noch wütender. Er trat mit den harten Stiefeln der Nationalgarde blindwütig auf ihn ein, Stiefel, die ihm offensichtlich zu groß waren. Er zielte bewusst auf die Mitte, offenbar hingerissen von dem Vergnügen, das ihm jeder Tritt gegen das empfindliche, schutzlose Geschlechtsteil bereitete. All der Hass und all die Angst, die er unter den Aufständischen durchlitten hatte, schienen sich an diesem männlichen Geschlecht zu entladen. Die zu großen Schuhe flogen ihm vom Fuß, und so trat er sein Opfer mit nackten Füßen weiter. Er schien wie in einem Lustrausch, der sich mit jedem Tritt gegen das Symbol männlicher Herrlichkeit steigerte. Er trat in wilder Hysterie, bis er an der blauen Uniform seines Opfers Blut sah,...


Alem, Raja
Raja Alem, geboren 1970 in Mekka, studierte Englische Literatur in Dschidda, Saudi-Arabien, und hat Romane, Theaterstücke sowie Kurzgeschichten publiziert. Sie hat für ihr Werk zahlreiche Preise erhalten, darunter den renommierten International Prize for Arabic Fiction (Arabic Booker) für den Roman Das Halsband der Tauben. 2014 wurde sie mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet. Raja Alem lebt in Dschidda und Paris.

Fähndrich, Hartmut
Hartmut Fähndrich, geboren 1944 in Tübingen, ist seit 1978 Lehrbeauftragter für Arabisch und Islamwissenschaften an der ETH Zürich. Neben seiner Übersetzertätigkeit arbeitet er auch als Herausgeber und Publizist. Wegen seiner Verdienste um die Übersetzung arabischer Literatur erhielt er bereits zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Hieronymus-Ring des VdÜ, 2004 den Übersetzerpreis der Arabischen Liga, 2005 den Anerkennungspreis des Großen Literaturpreises des Kantons Bern und 2016 den Spezialpreis Übersetzung der Schweizer Literaturpreise. 2018 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Sheikh-Hamad-Preis für Übersetzung und Kulturaustausch ausgezeichnet.



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