Alexander | Nord-Nordwest mit halber Kraft | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 179 Seiten

Alexander Nord-Nordwest mit halber Kraft


1. Auflage 2016
ISBN: 978-87-11-62599-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 179 Seiten

ISBN: 978-87-11-62599-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf dem englischen Dampfer 'Cardigan', der vom ägyptischen Alexandria aus Bremen ansteuert, ist eine bunte Gesellschaft mit nicht immer reiner Weste versammelt. Da ist etwa der Pole Ossip Prochorow, der verhindern will, dass auf dem Schiff Radiomusik gehört wird - offenbar will er vermeiden, dass eine bestimmte Meldung übertragen wird. Und da ist die junge Frau, die er begleitet, laut Passagierliste von Scotland Yard heißt sie Erika Meißner, Tochter eines deutschen Gutsbesitzers aus dem Rheinland, der Dritte Offizier Murphy weiß aber, dass sie in Wirklichkeit Meßner heißt und die Frau jenes Meßner war, dessen Selbstmord vor einigen Monaten in Kairo großes Aufsehen erregt hat und der wegen Opiumschmuggel von Scotland Yard gesucht wurde. Auf den jungen Deutschen Wolfgang Diersch, ein einfacher Zwischendeckpassagier, macht sie allerdings einen guten Eindruck und er setzt sich für die junge Frau ein. Besonders jetzt, nachdem der Rundfunkansager eine Meldung des Polizeipräsidiums Berlin durchgegeben hat: Es sei gelungen 'durch schlagartigen Zugriff die größte bis jetzt entdeckte Devisenschieberbande zu verhaften. Lediglich das geistige Oberhaupt der Bande konnte nicht gefaßt werden. Für seine Festnahme wird eine Belohnung von 5000 Mark ausgesetzt. Es handelt sich um den polnischen Staatsangehörigen Ossip Prochorow ...' Auch wenn davon abgesehen wird, Prochorow, der auf dem Schiff ohnehin nicht fliehen kann, an Ort und Stelle in Gewahrsam zu nehmen, wird es sofort recht einsam um den Polen. Für Prochorow, der zudem eine stattliche Anzahl von Diamanten bei sich führt, steht fest: Das Schiff darf Bremen niemals erreichen. Allerdings weiß er, dass sein Vorhaben nicht leicht werden wird, denn auch Inspektor Leith, 'der gefürchtetste Geheimpolizist Scotland Yards', befindet sich an Bord ... Ein spannender Schiffskrimi aus den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts - es tut sich noch viel auf dieser aufregenden Fahrt Richtung Nord-Nordwest ...-

Arno Alexander ist das Pseudonym des deutschen Schriftstellers Arnold Alexander Benjamin (1902-1937). Der in Moskau geborene Autor veröffentlichte von 1929 bis zu seinem Tod rund zwanzig Romane, die unter anderem bei Goldmann in Leipzig und Münchmeyer in Dresden erschienen sind. Alexander schrieb vorwiegend Kriminalromane, aber auch utopisch-fantastische Romane ('Doktor X', 1929) und Frauenromane wie 'Fremder Mann an der richtigen Tür' (1936). Viele seiner Werke wurden nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgelegt.
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1.


„Das geht leider nicht“, sagte Kapitän Grady ruhig, mit freundlicher Bestimmtheit, wie ein Mensch, der es gewöhnt ist, dass die Passagiere mit den sonderbarsten Anliegen zu ihm kommen. „Ich habe auf dieser Fahrt sechsundzwanzig Passagiere. Die meisten von ihnen wünschen ein wenig Ablenkung, etwas Musik ...“

„Aber das ist doch nicht mehr zum Anhören!“ rief der ältere wohlbeleibte Mann, der in seinem hellen karierten Anzug und mit den blitzenden Steinen an den Fingern einen sehr zahlungsfähigen Eindruck machte. „Die Dame, die in meiner Begleitung reist, leidet an Kopfschmerzen ... Die ewige Radiomusik macht sie einfach verrückt ... Und mich auch ... Im Rauchzimmer steht doch ein Klavier ... Lassen Sie jemand Klavier spielen, wenn Ihre sechsundzwanzig Fahrgäste unbedingt Musik haben müssen ...“

Der Kapitän stand mit dem Rücken gegen die Reling gelehnt und stopfte seine Pfeife. Es war nur die Andeutung eines Lächelns auf seinen Lippen, und der kleine graue Schnurrbart verbarg auch dieses kaum merkbare Verziehen der Lippen.

„Es muss ein merkwürdiger Kopfschmerz sein, an dem die Dame leidet, die in Ihrer Begleitung reist, Mr. Prochorow“, meinte er ruhig. „Klavierspielen verträgt sie, Radioübertragung nicht ...“ Er hatte sich halb umgewandt und sah über das Wasser zu den in der Ferne entschwindenden Türmen der Stadt Alexandria. Plötzlich wandte er sich dem Mann im karierten Anzug zu: „Wenn ich Sie recht verstehe, möchten Sie verhindern, dass uns durch Rundfunk eine bestimmte Nachricht erreicht?“

Prochorow schüttelte heftig den Kopf.

„Was ich verhindern will, habe ich Ihnen schon gesagt. Aber ... Machen wir es kurz und schmerzlos: Zwanzig Pfund, wenn Sie das Radio abstellen. Einverstanden?“

„Nein.“ Der Kapitän brannte sich, das Streichholz vorsichtig mit der Hand schützend, seine Pfeife an und sah dabei mit listigen, neugierigen Augen den aufgeregten Fahrgast an.

„Dreissig?“

„Nein.“

„Fünfzig? Es ist mein letztes Angebot.“

„Ein schönes Angebot, aber ich lehne es ab. Übrigens möchte ich Ihnen einen Rat geben — kostenlos. Es war ein merkwürdiges Gespräch, das wir beide da eben führten ... Ja, und ... Nun, unsere Reise hat vor zwanzig Minuten begonnen. Es dauert ziemlich lange, bis wir nach Bremen kommen. Wenn Sie solche merkwürdige Gespräche auch fernerhin führen, kommen Sie nie nach Bremen.“

„Aber erlauben Sie mal ...!“

Mit einem kleinen Ruck stiess sich der Kapitän von der Reling ab. Jetzt stand er nicht mehr in nachlässiger Haltung vor Prochorow, sondern militärisch gerade.

„Der Dampfer ‚Cardigan‘, auf dem Sie sich befinden, hat zwar auf dieser Reise eine sehr farbige Mannschaft — viel zu viel Malaien —, aber dieser Dampfer ist dennoch britisches Gebiet“, sagte der Kapitän. Dann griff er flüchtig an den Mützenrand und stapfte davon — sehr ruhig, sehr selbstbewusst und sichtlich mit sich zufrieden.

Mit zusammengekniffenen Augen starrte Prochorow dem Kapitän nach und blickte erst auf, als Ignatjew, sein Sekretär, seinen Arm berührte. Es war ein blasser, dürrer Mann, dessen Gesicht keine Schlüsse auf sein Alter zuliess: er konnte fünfundzwanzig Jahre alt sein oder auch vierzig.

„Nun?“ fragte Ignatjew. Seine Haltung war unterwürfig, doch der forschende Blick verriet, dass er seinem Herrn mehr war als nur Sekretär.

„Er will nicht“, antwortete Prochorow böse. „Dann eben nicht. Es ist ja sehr fraglich, ob die Deutschen durch den Rundfunk ...“

„Sie tun es bestimmt“, warf der Sekretär leise ein. „Wir hätten einen anderen Dampfer nehmen sollen ...“

Prochorow stampfte zornig mit dem Fuss auf.

„Schweigen Sie! Als ob ich das nicht selbst wüsste! Alle Steine waren doch schon an Bord, als wir das Telegramm bekamen ...“

Ignatjew schien immer noch nicht von der Richtigkeit der Handlungsweise seines Herrn überzeugt.

„Lieber ohne Steine nach Frankreich oder sonstwohin fahren als mit Steinen nach Deutschland ...“

„Nach Deutschland?“ Prochorow umspannte jetzt mit beiden Händen das eiserne Geländer, und sein Griff war so fest, dass die Finger eine weisse Färbung annahmen. „Wer sagt denn, dass wir nach Deutschland fahren?“

„Wir fahren Kurs Bremen ...“

„Ach?“ Jetzt lächelte Prochorow. Dieses Lächeln war erstaunt und höhnisch zugleich. „Und Sie meinen, ich hätte mich also auf einen Kahn gesetzt, der unmittelbar nach Bremen geht? Sie müssen mich für sehr dumm halten.“

„Aber der Kahn — wie Sie sagen — geht doch nach Bremen!“

„Stimmt: er geht! Aber er kommt nicht dort an. Wenigstens nicht mit uns. Wenn nämlich der Dampfer nicht vorher irgendwo anlegt, so dass wir aussteigen können, dann ...“ Er unterbrach sich und sah sich vorsichtig um.

„Was dann? Wir sind allein und völlig hilflos ...“

„Wir sind nicht allein, lieber Ignatjew. Wir haben einen Koffer mit Juwelen. Das ist ebenso gut oder besser als ein Koffer mit Sprengstoff. Ein paar von diesen Steinchen unter die Leute geworfen, und alle mühsam errichtete menschliche Ordnung ist zum Teufel ... Aber zur Sache: Depeschieren Sie an Pearson in London, ich würde in etwa vierzehn Tagen dort sein. Nach Paris müssen wir auch Nachricht geben ... Kommen Sie in den Rauchsalon — ich diktiere Ihnen die Telegramme ...“

*

Lautes Stimmengewirr, nur hin und wieder übertönt von einer leisen, durch Rundfunk übertragenen Tanzmusik, empfing die beiden im Rauchzimmer. Fast alle Tische waren besetzt, und viele Fahrgäste standen an den breiten Fenstern, um noch einen letzten Blick auf das entschwindende Ägypten zu werfen. Prochorow nickte einer elegant gekleideten blonden Frau zu, die etwas abseits von den übrigen am Fenster lehnte; dann setzte er sich mit seinem Sekretär in eine Ecke und zog ein dickes, abgegriffenes Notizbuch aus der Tasche. Ohne sich durch den Lärm und die Gespräche stören zu lassen, begann er mit dem Ansagen der Telegramme.

„Mein Mann ist wie ein Kind!“ rief plötzlich eine dicke, etwa vierzigjährige Dame. Sie rief es in schlechtem Englisch, aber als sie sah, dass dieses Englisch fast niemand verstanden hatte, wiederholte sie den Satz in fliessendem Deutsch. „Wenn er irgendwo einen Vogel sieht, den er noch nicht kennt, ist er ganz aus dem Häuschen ... Er ist Orni — tho — loge ...“ Sie stolperte über die Silben des Wortes. „Im Norden Eritreas hat er einen unbekannten Vogel entdeckt ... Leider können wir ihm nicht unseren Namen geben, denn wir heissen Kaufmann ...“

„Warum soll ein Vogel nicht Kaufmann heissen?“ fragte Mr. Scott, ein hagerer Engländer, und rührte emsig in seiner Kaffeetasse. Es war ihm nicht anzumerken, ob er sich über Frau Professor Kaufmann lustig machte.

„Aber ich bitte Sie, Mr. Scott ...“

„Sehr gutes Name für Vogel“, liess sich der Schiffsarzt, Dr. Pembroke, vernehmen. Er hatte Deutsch im Selbstunterricht gelernt und war besonders auf seine Aussprache stolz.

Eine schwarzhaarige junge Dame, sehr hübsch und sehr gut gekleidet, beugte sich zu ihm vor. Es war Maud Kassala, die Tochter eines hohen ägyptischen Beamten, von dem man behauptete, er hätte in der Politik ein Wort mitzureden.

„Wer ist der junge Mann an dem Fenster dort?“ fragte sie leise.

„Es heisst: an das Fenster“, verbesserte Dr. Pembroke mit ruhiger Bestimmtheit. Dann fuhr er in englischer Sprache fort, da seine „1000 Worte Deutsch“ zu dem beabsichtigten Satz nicht ausreichten. „Wolfgang Diersch, ein deutscher Ingenieur, hat vier Jahre lang in Kairo Häuser gebaut ... Dann ging das Bauunternehmen pleite ... Sechs Monate lang suchte er anderweitig Arbeit — vergebens. Man zog Engländer vor. Jetzt fährt er nach Hause ...“

„Very nice“, sagte Mr. Scott, der mit halbem Ohr zugehört hatte. „Steht das alles in der Passagierliste?“

„Nein“, antwortete der Schiffsarzt.

„Woher wissen Sie es dann?“ fuhr Mr. Scott beharrlich fort.

„Sie fragen sehr viel ... zu viel“, warf Dr. Pembroke nachlässig hin und machte sich an einer schwarzen Zigarre zu schaffen.

Maud Kassala hielt es für angebracht, Scotts Frage zu beantworten:

„Die ständigen Unruhen in unserem Land machen eine genaue Überwachung verdächtiger Elemente notwendig. Wahrscheinlich ist es bei diesem jungen Deutschen überflüssig gewesen, aber man kann das nicht vorher wissen ...“ Sie wollte in ihren Erklärungen fortfahren, aber Mr. Scotts gleichgültiges Gesicht machte sie verstummen.

„Oh“, rief der Schiffsarzt, „dieser junge Mann scheint auch anderen Frauen zu gefallen!“

In demselben Augenblick, als Dr. Pembroke diese Feststellung machte, schreckte Wolfgang Diersch jäh aus seiner Versunkenheit auf. Eine schmale Frauenhand hatte leicht seinen Arm berührt. Er sah auf, und auf seinem Gesicht zeigte sich deutlich das Erstaunen über die Schönheit dieser schlanken blonden Frau. Fast noch mehr überraschte ihn aber der angstvolle, erschrockene Ausdruck ihres Gesichts.

„Sprechen Sie deutsch?“, fragte sie hastig, sehr leise. „Bitte, sprechen Sie mit mir — irgend etwas ... Tun Sie, als unterhielten wir uns schon eine Weile ... Ich bitte Sie ...“

„Gnädige Frau, ich begreife nicht ...“

„Sehen Sie den Mann in der Uniform?“

„Den grossen, schlanken Schwarzhaarigen?“

„Ja. Er verfolgt mich ...“

„Gnädige Frau, Sie irren sich gewiss. Das ist der Dritte Offizier dieses Dampfers ...“

„Bitte, erzählen Sie etwas, ganz gleich was ... Dann kommt er nicht hierher ... Er wollte auf mich zukommen, da wandte...



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