E-Book, Deutsch, Band 19, 112 Seiten
Reihe: Silvia-Duett
Alexi / Hellberg Silvia-Duett - Folge 19
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7325-1831-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ist noch Platz im siebten Himmel?/Als der Tag der Wahrheit kam
E-Book, Deutsch, Band 19, 112 Seiten
Reihe: Silvia-Duett
ISBN: 978-3-7325-1831-9
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lesen Sie in Band 19 zwei zu Herzen gehende Romane um das Schicksal und die große Liebe!
Ist noch Platz im siebten Himmel?
Versonnen steht Markus Herbrand vor dem riesigen Tor, schaut in den herrlichen Park, auf die fremde Villa und fragt sich, ob er seinen seltsamen Fahrrad-Urlaub nicht langsam abbrechen und wieder in die Zivilisation, sprich in seinen Chefsessel, zurückkehren soll - da trifft ihn ein herber Stoß, gleichzeitig quietscht und kracht es, er fliegt durch die Luft und landet hart auf dem Boden. Verwirrt setzt er sich auf, hebt den Kopf und schaut in das Gesicht eines Engels! Es trifft ihn wie ein Blitz. Was für eine Schönheit! Diese Frau hat gerade ihn und sein Rad umgefahren? Langsam klärt sich sein Blick, er vernimmt, was dieser süße Mund so von sich gibt, und ist entsetzt. Die Frau beschimpft ihn lauthals und stellt in unverschämtem Ton patzige Fragen. Da tut Markus, ohne zu überlegen, etwas, was er in seinem ganzen Leben noch nicht getan hat: Er lügt wie gedruckt!
Als der Tag der Wahrheit kam.
Was hat Asta doch für ein Glück gehabt, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter bei Tante Lina und Onkel Eckart aufwachsen konnte! So ist Gut Annengrün, wo die beiden angestellt sind, ihr zur Heimat geworden, und einen schöneren Ort auf der Welt kann sich Asta gar nicht vorstellen. Der Gutsherr, ein großzügiger, warmherziger Mann, hat sie nach Kräften gefördert und sie schließlich als Sekretärin eingestellt. Asta liebt ihre Arbeit und das Leben auf dem Gut, doch es gibt zwei Dinge, die ihr gelegentlich das Herz schwer machen: Die junge Frau weiß nicht, wer ihr Vater ist, denn ihre Mutter hat darüber eisern geschwiegen, und die große Liebe findet bisher nur in Astas Fantasie statt. Es ist einfach kein Traumprinz in Sicht! Aber ist nicht das Leben eines jeden voller Überraschungen? Asta wird staunen, was es ihr plötzlich zu bieten hat!
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Im Gärtnerhaus jenseits der Lindenallee war die Küche nicht nur der größte Raum, sondern unbestritten die Sammel- und Schaltstelle der Familie Hagedorn und somit das Herz des Hauses. Seit Generationen kümmerten sich die Mitglieder dieser tüchtigen Familie vornehmlich um die Gärten, die zum Gut Annengrün gehörten, und um den herrlichen Park mit seinen uralten Baumbeständen.
Gerade hielten sich die Hagedorns in der Küche ihres Hauses auf, denn hier fühlten sie sich am wohlsten. Eigentlich war alles wie immer, denn Eckart Hagedorn saß hinten auf der Eckbank und las Zeitung, während seine Frau Lina vorn ein ganzes Programm abspulte.
Sie war eine hübsche, kräftige Frau, der es schwerfiel, einfach mal still dazusitzen und die Hände ruhen zu lassen. Immer war sie in Bewegung, strickte oder schnippelte Bohnen aus dem eigenen Gärtchen hinter dem Haus. Saß ihr Eckart vor dem Fernseher, dann leistete sie ihm wohl Gesellschaft, blätterte jedoch dabei ihre geliebten Kataloge durch oder besserte Wäsche aus.
»Meine Güte!«, rief die schlanke junge Frau, die gerade in die Küche kam und die Berge von Erdbeeren auf dem Küchentisch erblickte. »Was hast du denn vor, Tante Lina? Willst du Erdbeertorte für das ganze Dorf backen?«
Eckart Hagedorn ließ die Zeitung sinken, als er die frische Stimme hörte. Ein Lächeln glitt über das sonnengebräunte Gesicht des hageren Endfünfzigers, den man sich ohne seine Pfeife nicht vorstellen konnte. Sie brannte nicht immer, schon gar nicht in der Küche, aber bei Eckart war sie, wie bei einem Sheriff der Revolver, immer griffbereit.
»Hallo, Onkel«, begrüßte Asta den Hausherrn und küsste ihn auf die wettergegerbte Wange. »Gibt es sensationelle Neuigkeiten?«
Bevor Eckart etwas sagen konnte, womit auch niemand wirklich rechnete, blickte Lina von ihren Erdbeeren auf.
»Sensationelle Neuigkeiten?«, ergriff sie das Wort. »Ich benutze die Zeitung nur noch zum Fensterputzen. Dazu taugt sie was.«
»Aber man muss sich doch informieren, Tantchen.« Asta warf einen Blick auf die heiß ausgespülten Gläser, die innen noch ganz bedampft waren. »Du machst also Konfitüre.«
»Jawohl, Erdbeerkonfitüre, für den Laden!«
Die junge Frau biss gerade die Hälfte von einer großen Erdbeere ab. Fast hätte sie sich verschluckt.
»Welcher Laden?«, fragte Asta.
Lina ließ das kleine, schwarze Messer, mit dem sie die Erdbeeren putzte, sinken.
»Meinen Laden!«, versetzte sie triumphierend.
Eckart räusperte sich hinter seiner Zeitung.
»Du bist still«, wies sie ihn zurecht, »denn dass du nicht dafür sein würdest, war ja wohl zu erwarten.«
»Moment mal«, warf Asta ein. »Du willst einen Laden eröffnen?«
»In der alten Kutschenremise!« Lina lächelte strahlend.
»Tolle Idee.« Asta nickte anerkennend. »Und was willst du da verkaufen?«
»Deine Tante hat ohnehin schon genug um die Ohren, speziell jetzt im Sommer. Wozu muss sie da noch einen Laden haben?«, ließ sich Eckart zu einem überraschend wortreichen Kommentar hinreißen.
Dieses Argument fand Asta überzeugend. »Onkel Eckart hat recht, Tantchen, aber ich kann auch verstehen, dass du etwas Eigenes haben willst. Und mit deiner Kreativität wirst du, davon bin ich überzeugt, was Einmaliges aus dem Laden machen.«
»Sie hat noch nicht mal mit dem Chef geredet.«
Lina maß ihren Mann, oder vielmehr die Zeitung vor seinem Gesicht, mit einem funkelnden Blick.
»Herr von Wülfing hat mir noch nie etwas abgeschlagen. Warum sollte er auch? Schließlich ist die Remise seit ewigen Zeiten ungenutzt. Eigentlich wundert es mich, dass ich nicht längst auf die Idee gekommen bin, was daraus zu machen.«
»Soll ich mal mit ihm reden?« Asta wusste, dass Friedrich von Wülfing noch in seinem Büro war. Denn vorhin, als sie sich von ihm verabschiedet hatte, hatte er an seinem Schreibtisch gesessen und etwas von einem Anruf gemurmelt, auf den er warten müsse.
»Nicht dass du denkst, ich würde mich vor ihm fürchten.« Lina warf die Erdbeeren in den riesigen Kochtopf. Ein herrlicher Duft erfüllte die Küche. »Es ist bloß so, dass ich noch keine Zeit gefunden habe, ihn auf mein Vorhaben anzusprechen.«
»Natürlich fürchtest du dich nicht vor ihm, Tante Lina!« Asta legte ihr lachend den Arm um die Schultern. »Das ist ja auch nicht nötig, so liebenswürdig und verbindlich, wie er ist.«
»Deine Tante fürchtet weder Tod noch Teufel«, murmelte Eckart, faltete seine Zeitung sorgfältig zusammen und setzte wie beiläufig hinzu: »Und das ist auch gut so!«
Lina starrte ihn verblüfft an. »Mein Gott, Eckard«, flüsterte sie bewegt.
Asta Hagedorn lächelte verschmitzt und verließ mit dem Versprechen, sich in der Sache mit dem Laden unverzüglich an ihren Chef zu wenden, die von süßem Erdbeerduft erfüllte Küche.
»Bekomme ich nun meinen Kaffee?«, hörte sie ihren Onkel noch fragen.
»Das ist mal wieder typisch du«, feuerte Lina eine ihrer berüchtigten Tiraden in Richtung Eckbank ab, um dabei mit festem Griff eine gehörige Portion Gelierzucker über die Erdbeeren zu verteilen. »Du hast von Romantik keine Ahnung!«
***
Charlotte von Wülfing stand am mittleren der drei Fenster des eindrucksvollen Gartenzimmers. Der Raum verdankte seinen speziellen Reiz den handbemalten Wandbespannungen aus dem achtzehnten Jahrhundert. Diese bildschönen und wertvollen Malereien zeigten italienische Landschaften mit den dazugehörigen Menschen und Tieren, alles idealisiert dargestellt und entsprechend unrealistisch.
Charlotte hatte einen Traum, und sie zögerte nicht, ihn ihrem Gatten mitzuteilen, damit er ihn erfüllen sollte. Ihrer Meinung nach stand ihr Ehemann nämlich tief in ihrer Schuld, er weigerte sich dummerweise jedoch, das zu begreifen und umzusetzen.
Sie seufzte abgrundtief auf. Der Wurm, der permanent an ihr nagte, war die Gewissheit, als eine geborene Baroness von Hallquist eigentlich zu Höherem bestimmt gewesen zu sein. In ihrem Geburtshoroskop, seinerzeit von ihrem geliebten, unvergessenen Vater bestellt, hatte sich allerdings kein Hinweis darauf gefunden, wie fatal sich ein einziges falsches Wort, Charlottes Ja-Wort nämlich, auf ihre Zukunft auswirken sollte.
Sie ballte die Hände zu Fäusten. Wie hatte sie damals nur so verblendet sein können, dass sie geglaubt hatte, auf dem Land läge ihre Bestimmung? Wieso hatte niemand sie vor diesem schicksalhaften Schritt gewarnt?
Eine Tür öffnete sich. Friedrich von Wülfing trat ein, der hochgewachsene, an den Schläfen längst deutlich ergraute Hausherr.
»Endlich«, begrüßte sie ihn und bot ihm die Wange zum Kuss.
»Tut mir leid, ich musste auf einen Anruf warten.«
Beherrscht wandte sich Charlotte ihm zu. Weil sie an diesem Nachmittag eine pfirsichfarbene Leinenbluse trug, hatte sie sich für einen pfirsichfarbenen Lippenstift entschieden. Im Ausschnitt der Bluse schimmerten ihre elfenbeinfarbenen Perlen. Diese harmonierten mit dem gleichfarbigen Rock, zu dem es noch eine passende Jacke gab.
»Ich war bei Ricarda, wir haben Tee getrunken.« Charlottes Stimme klang verändert, wie immer, wenn sie von Schloss Rosen sprach. Das war ein Haus nach ihrem Geschmack, dort war alles so stilvoll und so unerhört vornehm, wie es ihr gefiel.
In ihrem eigenen Haus hatte sie diesen hinreißenden Stil nie durchsetzen können, nicht einmal ansatzweise. Das lag zunächst daran, dass ein Gutshaus eben ein Gutshaus war und kein Schloss. Zum anderen war Friedrich hinsichtlich des von ihm, aus ihr unerfindlichen Gründen, über alles geliebten Hauses derart stur, dass an eine gravierende Veränderung nicht zu denken war.
»Ricarda hat mir von der Kreuzfahrt erzählt, die ihr Mann ihr zum Hochzeitstag schenken will. Eine Mittelmeerkreuzfahrt!« Charlotte betonte das mit der üblichen Mischung aus Sehnsucht und Frustration. »Traumhaft, findest du nicht?«
»Sehr schön.«
Ihre sorgfältig gezupften Brauen hoben sich. »Es gab Erdbeertörtchen mit Schlagsahne. Köstlich! Leider ist mir ein Missgeschick passiert. Ein Fleck auf der Jacke. Ich kann nur hoffen, dass Erdbeeren keine bleibenden Spuren hinterlassen.«
»Ich bin sicher, dass eine chemische Reinigung …«
Charlotte war entrüstet. »Ich lasse mir mein schönstes Kostüm doch nicht von diesen Dilettanten ruinieren!«
Friedrich hatte es längst aufgegeben, ihr zu widersprechen.
»Wie du meinst«, antwortete er beschwichtigend. »Du wirst gewiss das Richtige tun. Weshalb wolltest du mich sprechen?«
»Darüber reden wir doch schon, Friedrich!« Es hörte sich gereizt an. »Ich war bei meiner Freundin und habe mit ihr geplaudert.«
Friedrich hätte jetzt gern auf seine Uhr gesehen, doch er wagte es nicht. Wenn Charlotte in dieser Stimmung war, und sie war immer in dieser Stimmung, wenn sie von einem Besuch bei ihrer Freundin Ricarda von Landolf zurückkehrte, war Vorsicht geboten. Stattdessen faltete er diplomatisch die Hände auf dem Rücken und schritt vor der Fensterfront auf und ab.
»Friedrich, du machst mich nervös«, stellte seine Frau ungeduldig fest und drehte dabei den kostbaren Ring, den sie am kleinen Finger der linken Hand trug.
Friedrich blieb stehen und sah sie nachdenklich an. Sie war noch immer eine attraktive Frau, seine Charlotte, mit den himmelblauen Augen und der leicht gebogenen, echten Hallquist-Nase, die freilich ihr heimlicher Kummer war. Wesentlich lieber...




