E-Book, Deutsch, 590 Seiten
Alexis Der Roland von Berlin: Band 1 bis 3
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-0970-8
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 590 Seiten
ISBN: 978-80-268-0970-8
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Der Roland von Berlin: Band 1 bis 3' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Willibald Alexis (1798/1871) war ein deutscher Schriftsteller, der als Begründer des realistischen historischen Romans in der deutschen Literatur gilt. Aus dem Buch: '...Leute allerlei Standes, Männer, Frauen und Kinder standen vor dem hohen Gebäude, und es ward immer lauter drinnen. War es nur eine herkömmliche Sitzung der Ratmannen der vereinigten Städte Berlin und Köln, wie sie alle Montag um acht Uhr in der Frühe, und dann Donnerstags wieder früh gehalten werden; aber so hitzig war es seit Menschengedenken nicht zugegangen. Die Stimmen überschrieen sich, daß man itzo vor dem allgemeinen Lärmen gar nichts hörte, und es war, wie wenn Bienen summen, und die Käfer vorm Stock hören keine raus. Aber dann schrie einer so, daß alles schwieg, aber nun schrie ein anderer noch lauter, und der vorige mußte wieder schweigen, und nun hörte man sie auf Tisch und Bänke springen, und hochrote Gesichter zeigten sich an den Fenstern, wie man deutlich durch die kleinen Scheiben sehen konnte.'
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Zweites Kapitel.
Da ward ihr Gespräch durch etwas unterbrochen. Aus derselben Herberge, in deren oberm Stockwerke die Ritter zechten, kam es heraus, und war gar seltsam anzusehen. Noch war's unter dem Volke nicht zu Blut gekommen, die aufgehobenen Hände senkten sich, die grimmigen Mäuler verzogen sich zu einer Gebärde, so zwischen Verwunderung und Lächeln mitinnen lag, und die Raufhelden ließen die Arme sinken, als sie einen dicken, wohlgenährten Mann mit einem Vollmondsgesichte über ihren Häuptern schweben sahen. Dies geschah nicht durch ein Wunder, noch durch Flügel oder sonst künstliches Flugwerk, sondern vermittelst mehrerer kräftiger Arme, welche den Mann auf einem Schemel hoch über dem Gedränge und durch dasselbe trugen. Die Mehrzahl erkannte auf den ersten Blick das wohlbekannte Gesicht des ehrenwerten brandenburgischen Bürgers und Ratsherrn Niklas Perwenitz. Er zählte unter allen, die ihn sahen, keinen Feind; weder den Fleischhauern in Köln, noch den Lohgerbern in Berlin hatte der freundliche Alte einen Harm angethan. Viele kannten ihn von vor zehn Jahren her als geschickten Vermittler, einige sogar, wozu freilich sein Leib, wie er heut war, nicht mehr paßte, als einen rüstigen Kampfhelden, der das Schwert so gut zu brauchen gewußt, als später die Zunge. Der Zuruf: »Platz! Platz! für Niklas Perwenitz!« fand daher keinen andern Widerstand, als den natürlichen, daß kein Platz war. Der ehrenwerte Bürger, zu spät erst durch den Tumult aus seinem Morgenschlummer von der sehr beschwerlichen Reise von Brandenburg nach Berlin erweckt, fand zum Rathause keinen Weg mehr, als daß er aus dem Fenster auf den Stuhl stieg, welchen mehrere junge Gesellen ihm dort hinhielten, auf den gefährlichen Versuch hin, kraft ihrer Ellenbogen durch den Menschenstrom sich hinüber tragen zu lassen.
Wer ihn sah und das behagliche Gesicht des Alten, verstummte, so die Lippen auch eben zum derbsten Schimpfwort geöffnet waren. Wo sein schelmischer und doch scharfer Blick hinfiel, wirkte er wie Sonnenschein auf Schnee. Die harten Fäuste wurden weich, und ein wohlgefälliges Lächeln breitete sich aus über die Gesichter. Niklas wußte wohl, was sich schickt und was den Leuten gefällt, und ob er gleich ein ehrwürdiger Ratsherr war in seiner Stadt, liebte er doch zu den Leuten zu reden, nicht als ein Gelehrter, sondern wie sie's verstanden und gern hatten, und Lachen hielt er überall besser als Weinen. Wie sie nun vor ihm die Mützen zogen und einige sich unwillkürlich vor ihm neigten, nickte auch er feierlich doch nur mit dem Kinne; der Rücken blieb steif an der Lehne. Als man aber immer munterer und herzlicher dem »Papa Perwenitz« zujauchzte, breitete er wie segnend die Hände aus, und das machte die Lust noch größer. Aber alle konnten ihn nicht sehen, auch kannten ihn nicht alle; und seine Segenssprüche und seine heilige Miene brachten ihn um keinen Schritt weiter, als die kräftigen Rippenstöße der Bursche, die ihn trugen.
»Kinder!« rief er, »macht Platz. Denkt Ihr, daß sie in Brandenburg ihren Rat nicht besser brauchen können, als für Euch auf der Gasse? Zu Euch komme ich nicht; zu den Herren drinnen. Platz, Platz! Oder glaubt Ihr. daß unsere Weisheit wie eine Kugel durch Eure unverschämten Leiber fliegt? Soll ich Euch erzählen, was ich um Euretwillen schon geduldet und gelitten habe?«
Einem beliebten Redner und launigen Erzähler hört das Volk gern auch in Lagen zu, welche noch preßhafter sind als die, darin jetzt die Zuhörer sich befanden. Er erzählte mit breiter Umständlichkeit und Laune seine gestrige Reise, von den Rippenstößen auf dem langen Wege, dem sauren Bier, dem schlechten Brot und stinkenden Käse, von der Nachmittagsruhe auf einer so schmalen Bank, daß er zweimal herunter gerollt, als er einschlafen wollte, und wie ihn die Fliegen dreimal geweckt.
»Ja ich sage Euch, so viel schwarze, stechende Fliegen, daß mein Gesicht schwarz wurde, und dazu so viel Ungeziefer, als wenn alle Eure Jungen die Wämser und Mützen schütteln. Und alles dieses flog und hüpfte und kroch auf mich, auf der Bank im Heidekrug, daß ich schwarz wurde, wie Dein Hemdkragen da. Aber wißt Ihr, woran ich bei den schwarzen Fliegen dachte? An Euch. Und bei den hüpfenden, kriechenden, beißenden, saugenden, stechenden Tierchen? Auch an Euch! Denn so drüber her, und versessen und immer wiederkehrend, dachte ich, und unvernünftig, dachte ich, als diese unverschämten Fliegen, sind auch meine lieben Berliner, wenn sie mal was gefangen haben, und so stechend und beißend als diese munteren Flöhe, deren man nicht habhaft wird, wenn man sie zur Rede stellen will, und fragen: warum thut Ihr das? Dachte ich nun: wenn einer eine Leimrute brächte, und süßen Honig daran, so säßen alle diese Fliegen, die so viel brummen und summen, als gehörte ihnen die Welt, ehe Du Dich umsähst, daran. Darum, meine werten Freunde, kümmerte ich mich nicht um sauer Bier und den alten Käse, nicht um die Wurzelwege, die Ihr einmal ums Genick Eurer Freunde willen ausbessern könntet, nicht um Schweiß und Staub, noch um das zerbrochene Rad, sondern machte mich Hals über Kopf auf den Weg, um Euch das zu bringen, was Euch fehlt. Ihr in Berlin und Köln habt freilich von alters das Stapelrecht und die Niederlage von allem, was bei Euch ein- und ausgetragen wird, Ihr laßt Bier und Honig, Pfeffer und Wachs, Leinewand und Knackmandeln nicht ein und nicht aus, ohne daß Ihr nehmt, was Euch gefällt, aber ich hörte noch nicht, daß Ihr guten Rat, wenn er Euch ins Thor gelaufen kam, zurück behieltet. Darum, Ihr lieben Leute von Köln und guten Freunde von Berlin, schickt mich die »ratsreiche« Stadt Brandenburg, wo Ihr Rat holen sollt, wenn er Euch ausgeht, es aber selten thut, zu Euch, um ihn Euch ins Haus zu tragen; und nun macht Platz mit Euren Köpfen, daß ich durch kann.«
Den kräftigen Rippenstößen eines jungen Mannes verdankte der Brandenburger Ratsherr es wohl nicht weniger als seiner Beredsamkeit, daß so viel Luft wurde, um ihn über die Brücke bis nahe an die Umfassungsmauer des Rathauses durchzupressen, weiter aber vermochte weder die leibliche noch die geistige Kraft. Vergebens streckte Niklas Perwenitz, halb bittend, die Arme zu den Fenstern hinauf. Wenn die Herren vom Rat ihn auch in ihrem Eifer gesehen, ja auch, wenn sie gewollt, sie hätten ihm doch nicht die Hand reichen und ihn einladen können zu sich herauf, denn um Schwelle, Eingang und Treppe war das dichteste Gedränge. Selbst der Weibel, der das Volk von den geheiligten Hallen zurückzuhalten hatte, konnte seinen Stab kaum sichtbar schwingen. So umdrängten sie ihn.
Aber die Väter beider Städte mußten in ihrer Heftigkeit nicht einmal die ihrer Kinder draußen wahrgenommen haben. Eine Figur wie die des ehrenwerten Niklas Perwenitz auf den Schultern der Bürger schwebend und ihnen wie auf einem Teller ins Fenster gereicht, hätte doch den Streit unterbrochen. Denn ein Schauspiel der Thorheit ist so unwiderstehlich, daß auch der Weise ihm ein Auge schenkt.
Das mochte der brandenburgische Ratsherr bei sich bedenken, als er sah, daß er auf dem ordentlichen Wege nicht in den Rat konnte. Um dem Winde zu predigen, hätte er nicht die große Reise gemacht. Wie Herr Niklas nun auch die Ordnung liebte, hielt er doch um ihrer wegen etwas Unordnung für erlaubt, und die Würde einer Magistratsperson und eines Abgesandten nicht für gefährdet, wenn er statt zur Thüre zum Fenster eintrat.
Auf einen schlauen Blick des Alten zu dem jungen Manne, der, als wir sagten, der derbste war, und schlau blickte er auch um sich, ward Niklas Perwenitz plötzlich noch um eine Armeslänge höher gehoben. »Sieh, Papa Perwenitz will fliegen,« hieß es. Aber der Ehrenmann widersprach sogleich durch die That einer Anschuldigung, welche damals gefährlich sein konnte; denn wer kann fliegen, als wer Zauberei treibt! er faßte mit rascher Hand ein Geländer, gab sich einen Schwung, den man dem Wohlbeleibten nicht zugetraut, und stand, nicht in freier Luft, aber auf einem Gestell, wo er noch sichtbarer aller Augen schwebte, als vorhin auf dem Tragsessel.
Er stand auf der Laube. Keine grüne, von Jasmin und Rosen, welche den schweren Leib des Ratsherrn auch schwerlich ausgehalten hätte; sondern war's ein kurz austretendes, von hölzernen Pfeilern getragenes Vordach des Rathauses; darauf fußte Niklas Perwenitz. Eigentlich kein übler Platz für eine Obrigkeit; nur gehörte die Obrigkeit nicht über, sondern unter das Dach. In dieser Laube und der Flurhalle daneben saßen nämlich Richter, Schöffen und weise Männer zu Gericht, was in Berlin alle vierzehn Tage statt hatte. Ursprünglich wurde dies Gericht auf der langen Brücke im Freien gehegt. Ein Seil umspannte die Bänke der Schöffen und den Stuhl des Richters, und die erfahrenen Leute, die man anrief, wenn man sich nicht Rates wußte, was man damals nicht verbergen konnte, da es keine Akten und kein Amtsgeheimnis gab, standen darum her, und sie hießen der Umstand, und sahen zu, daß es beim Rechten blieb. Da es aber vor vierhundert Jahren so oft als itzo in Berlin zu regnen pflegte über Schuldige und Unschuldige, fanden die Richter es angemessener, so für Kläger als Beklagte, wenn beide, und der Richter auch, ein Dach über dem Kopfe hatten. Deshalb rückte man bei schlechtem Wetter die Bänke in die Flurhalle, und da hier nicht immer Raum genug war für alle Zuhörer, baute man noch ein Vordach davor. Das hieß die Laube, und solcher Lauben, zu Gunst und Schutz der Neugierigen, gab es in allen deutschen Städten, wo öffentlich gerichtet wurde. So sorgte man vor vierhundert Jahren, damit jeder wußte, was zu Recht geschah, und dabei trocken blieb. Späterhin hätte man's gern regnen lassen in die Säle hinein, damit die...




