E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Alexis Fünfzehn Hunde
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-86287-199-5
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine Fabel
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-86287-199-5
Verlag: Fuego
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
André Alexis wurde 1957 in Trinidad geboren und wuchs in Kanada auf. Schreibt Romane (sein Debütroman 'Childhood' erschien unter dem Titel 'Kindheit' auf Deutsch), Kinderbücher und Theaterstücke. Erhielt verschiedene Preise für sein Werk. Der vorliegende Roman gewann den Giller Prize für den besten kanadischen Roman 2015. Alexis lebt in Toronto.
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1
EINE WETTE
EINES ABENDS IN TORONTO saßen die Götter Apollo und Hermes in der Wheat Sheaf Tavern. Apollo hatte sich einen Bart bis zum Schlüsselbein wachsen lassen. Hermes war glattrasiert, seine Kleidung war irdisch: schwarze Jeans, eine schwarze Lederjacke und ein blaues Hemd.
Sie hatten getrunken, aber es war nicht der Alkohol, der sie berauschte. Es war die Verehrung, die ihre Anwesenheit hervorrief. Das Wheat Sheaf kam ihnen wie ein Tempel vor, und die Götter waren höchst zufrieden. Auf der Herrentoilette ließ Apollo es zu, dass ein älterer Mann in einem Geschäftsanzug ihn berührte. Diese Freude, die intensiver war als alles, was der Mann erfahren hatte oder noch erfahren würde, kostete ihn acht Jahre seines Lebens.
In der Bar begannen die Götter eine zwanglose Unterhaltung über das Wesen der Menschheit. Zu ihrem Vergnügen sprachen sie Altgriechisch, und Apollo argumentierte, dass Menschen weder besser noch schlechter seien als irgendwelche anderen Lebewesen, nicht besser oder schlechter als etwa Flöhe oder Elefanten. Menschen, sagte Apollo, hätten kein besonderes Verdienst, auch wenn sie sich selbst für etwas Höheres hielten. Hermes vertrat die gegenteilige Meinung und meinte, dass zum Beispiel die menschliche Art und Weise, Symbole zu kreieren und zu benutzen, interessanter sei als etwa der komplexe Tanz, den Bienen vollführen.
Die Menschensprachen sind zu vage, sagte Apollo.
Mag sein, erwiderte Hermes, aber das macht Menschen amüsanter. Hör doch nur mal diesen Leuten hier zu. Man könnte schwören, sie würden einander verstehen, obwohl keiner von ihnen auch nur die leiseste Ahnung hat, was seine Worte den anderen tatsächlich bedeuten. Wie kann man so einer Farce widerstehen?
Ich sage ja nicht, dass sie nicht amüsant sind, antwortete Apollo. Aber Frösche und Fliegen sind auch komisch.
Wenn du Menschen mit Fliegen vergleichst, kommen wir nicht weiter. Und du weißt das.
In perfektem, wenn auch göttlich akzentuiertem Englisch – das heißt, in einem Englisch, das jeder Gast in der Bar verstand – sagte Apollo:
Wer wird für unsere Drinks bezahlen?
Ich, rief ein armer Student. Bitte, überlassen Sie mir das.
Apollo legte eine Hand auf die Schulter des jungen Mannes.
Mein Bruder und ich danken dir, sagte er. Wir hatten jeder fünf Sleeman Bier. Für die nächsten zehn Jahre wirst du weder Hunger haben noch Mangel erleiden.
Der Student kniete nieder und küsste Apollos Hand, und als die Götter gegangen waren, fand er Hunderte von Dollars in seinen Taschen. Tatsächlich hatte er, solange er die Hose besaß, die er an jenem Abend trug, mehr Geld in seinen Taschen, als er ausgeben konnte, und es vergingen zehn Jahre seit jenem Moment, bevor sich die Cordhose auflöste.
Die Götter verließen die Bar und gingen die King Street Richtung Westen entlang.
Ich frage mich, sagte Hermes, wie es wäre, wenn Tiere menschliche Intelligenz hätten.
Ich frage mich, ob sie wohl so unglücklich wären wie die Menschen, antwortete Apollo.
Manche Menschen sind unglücklich, andere nicht. Ihre Intelligenz ist eine schwierige Gabe.
Ich wette gegen ein Jahr Dienstbarkeit, sagte Apollo, dass Tiere – ganz gleich, welches du wählst – sogar noch unglücklicher wären, wenn sie menschliche Intelligenz hätten.
Ein Erdjahr? Die Wette nehme ich an, sagte Hermes, und gewonnen habe ich, falls auch nur eines dieser Lebewesen am Ende seines Lebens glücklich ist.
Aber das ist eine Sache des Zufalls, sagte Apollo. Das beste Leben endet manchmal schlimm, und das schlimmste manchmal gut.
Wohl wahr, erwiderte Hermes, aber man kann nie wissen, wie ein Leben war, bevor es vorbei ist.
Sprechen wir von glücklichen Wesen oder glücklichen Leben? Na egal. So oder so, ich nehme deine Bedingung an. Menschliche Intelligenz ist keine Gabe. Sie ist eine gelegentlich nützliche Plage. Welches Tier wählst du?
Zufällig befanden sich die beiden Götter nicht weit entfernt von der Tierklinik in Shaw. Unbemerkt betraten sie den Ort und fanden Hunde, zumeist Haustiere, die von ihren Besitzern aus dem unterschiedlichen Gründen über Nacht dort untergebracht worden waren. Hunde also.
Soll ich ihnen ihr Gedächtnis lassen?, fragte Apollo.
Ja, sagte Hermes.
Und da verlieh der Gott des Lichts den fünfzehn Hunden, die sich in dem Zwinger hinter der Klinik befanden, »menschliche Intelligenz«.
Irgendwann um Mitternacht hielt Rosie, eine Schäferhündin, die gerade ihre Vagina leckte, inne und fragte sich, wie lange sie wohl an diesem Ort bleiben müsse. Und dann fragte sie sich, was mit ihrem letzten Wurf geschehen war. Es erschien ihr äußerst unfair, mit so viel Mühsal Welpen zu bekommen und sie dann aus den Augen zu verlieren.
Rosie stand auf, um etwas Wasser zu trinken und an den harten Pellets zu schnüffeln, die man ihr zum Fressen gegeben hatte. Mit der Nase an dem Futter in dem flachen Napf herumstupsend, entdeckte sie zu ihrer Verblüffung, dass der Napf nicht wie gewöhnlich dunkel war, sondern vielmehr eine seltsame Färbung hatte. Sie ähnelte dem Pink von Kaugummi, aber da Rosie diese Farbe nie zuvor gesehen hatte, erschien sie ihr schön. Bis zum Ende ihres Lebens gefiel ihr keine Farbe besser.
In der Zelle nebenan träumte ein grauer Neapolitanischer Mastiff namens Atticus von einem weiten Feld, auf dem es zu seinem Entzücken von kleinen pelzigen Tieren wimmelte. Tausende von ihnen – Ratten, Katzen, Kaninchen und Eichhörnchen – bewegten sich über das Gras wie der Saum eines Kleides, das weggezogen wird, gerade außerhalb seiner Reichweite. Dies war Atticus’ Lieblingstraum, eine nicht nachlassende Freude, die immer damit endete, dass er glücklich ein zappelndes Lebewesen zurück zu seinem geliebten Herrchen brachte. Sein Herrchen nahm das Ding, schlug es gegen einen Stein, führte dann seine Hand über Atticus’ Nacken und sagte seinen Namen. Immer endete dieser Traum so, immer. Aber diesmal nicht. In dieser Nacht, als er in den Nacken einer dieser Kreaturen biss, kam es Atticus in den Sinn, dass das Lebewesen Schmerz verspüren musste. Der Gedanke – klar und unerhört – weckte ihn aus dem Schlaf.
Andere Hunde in dem Zwinger wachten auf, aufgeschreckt von seltsamen Träumen oder dem plötzlichen Bewusstsein einer unbestimmbaren Veränderung in ihrer Umgebung. Diejenigen, die nicht geschlafen hatten – es ist immer ungewohnt, weg von zu Hause zu schlafen –, erhoben sich und gingen leise zu der Tür ihrer Zelle, um zu sehen, wer den Ort betreten hatte. Zuerst nahm jeder von ihnen an, dass seine neuentdeckte Vorstellung einzigartig war. Nur allmählich wurde es ihnen klar, dass sie nun alle in dieser seltsamen Welt lebten.
Ein schwarzer Pudel namens Majnoun bellte leise. Er schaute nachdenklich auf Rosies Käfig, der seinem gegenüberlag. Und zufällig fiel sein Blick auf das Schloss: eine längliche Schlaufe, die an einem Riegel befestigt war. Sie lag zwischen zwei Stücken aus Metall und hielt den Riegel sicher an seinem Platz. Die Vorrichtung war einfach, elegant und effektiv. Doch um die Tür zu öffnen, musste man nur die Schlaufe anheben und den Riegel zurückschieben. Genau das tat Majnoun, indem er sich auf die Hinterbeine stellte und eine Pfote durch das Käfiggitter schob. Er brauchte einige Versuche, denn es war gar nicht so einfach, aber nach einer Weile war das Schloss entriegelt, und er stieß die Tür auf.
Obwohl die meisten Hunde verstanden, wie Majnoun seine Zelle geöffnet hatte, waren nicht alle fähig, das Gleiche zu tun. Es gab verschiedene Gründe dafür. Frick und Frack, zwei einjährige Labradore, die am nächsten Tag kastriert werden sollten, waren zu jung und ungeduldig. Die kleineren Hunde – ein schokoladenfarbener Zwergpudel namens Athena, ein Schnauzer namens Dougie, ein Beagle namens Benjy – wussten, dass sie körperlich nicht in der Lage waren, den Riegel zu erreichen, und winselten frustriert, bis ihre Zellen für sie geöffnet wurden. Die älteren Hunde, insbesondere ein Labradoodle namens Agatha, waren zu müde und verwirrt, um klar zu denken, und zögerten, die Freiheit zu wählen, selbst nachdem die Türen ihrer Zellen offen standen.
Natürlich besaßen die Hunde bereits eine gemeinsame Sprache. Sie war auf das Wesentliche reduziert, eine Sprache, in der vor allem der soziale Status und physische Bedürfnisse von Bedeutung waren. Alle Hunde verstanden die entscheidenden Ausdrücke und Gedanken: »Vergib mir«, »Ich werde dich beißen«, »Ich bin hungrig«. Nun, da ihnen das Primatendenken auferlegt worden war, änderte sich auch die Sprache, in der die Hunde zueinander und zu sich selbst sprachen. Zum Beispiel kannten sie zuvor nicht das Wort »Tür«. Nun verstanden sie, dass »Tür« ein Ding war, das sich von dem Verlangen nach Freiheit unterschied, dass »Tür« unabhängig von Hunden existierte. Seltsamerweise stammte das Wort für »Tür« in der neuen Sprache der Hunde nicht von den Türen zu ihren Zellen, sondern vielmehr von der Hintertür zu der Tierklinik. Diese Tür, groß und grün, ließ sich öffnen, indem eine Metallstange in der Mitte zur Seite geschoben wurde. Diese Metallstange verursachte beim Öffnen einen starken, nachhallenden Knall. Seit jener Nacht kamen die Hunde überein, dass das Wort für »Tür« ein Klick (Zunge gegen Vordergaumen), gefolgt von einem Seufzer, sein sollte.
Zu sagen, die Hunde seien verwirrt gewesen, wäre eine Untertreibung. Wenn sie »verwirrt« waren, als die Bewusstseinsveränderung über sie kam, in welchem Zustand befanden sie sich, als sie die Klinik durch die Hintertür verließen und auf die Shaw Street sahen? Ein Chaos aus Lärm und...




