Alexius / Beicht | Fantastisches in dunklen Sälen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Alexius / Beicht Fantastisches in dunklen Sälen

Science-Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7410-0049-2
Verlag: Schüren Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Science-Fiction, Horror und Fantasy im jungen deutschen Film

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-7410-0049-2
Verlag: Schüren Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Genrekino hat es schwer in Deutschland. Abseits der Komödie und dem Kriminalfilm im Fernsehen scheint sich hier eine klaffende Lücke aufzutun, die umso größer wird, je fantastischer die Stoffe werden. Science-Fiction, Horror und Fantasy finden nur selten ihren Weg auf die große Leinwand, scheitern oft schon früh an der Finanzierung und werden argwöhnisch von den Zuschauerinnen und Zuschauern beäugt. Der Genrefilm fristet heute ein Nischendasein, ist Außenseiter in dem Land, das Klassiker des fantastischen Films wie Der Golem, wie er in die Welt kam, Nosferatu, eine Symphonie des Grauens oder Metropolis hervorgebracht hat. Um diese vermeintliche Leerstelle mit Leben zu füllen, hat das letztjährige FILMZ-Symposium sich auf eine Spurensuche in der jüngeren Kino- und Fernsehgeschichte begeben. Der vorliegende Begleitband spiegelt die Ergebnisse dieses Unterfangens wider und wirft Schlaglichter auf Titel wie German Angst, Der Nachtmahr, Rammbock oder Wir sind die Flut. Seine Beiträge fragen nach Ursachen der weitverbreiteten Ablehnung, spüren aktuellen Tendenzen innerhalb der Filme nach und bringen ihr sozialkritisches Potenzial ans Licht. Sie lassen de Genrefilm aus dem Schatten hervortreten und machen 'Fantastisches in dunklen Sälen' zur ersten Anlaufstelle für deutschsprachiges Fantastikkino.

Christian Alexius: Studium der Filmwissenschaft und Soziologie an der Johannes Gutenberg- Universität Mainz, wo er aktuell auch als Tutor für Filmgeschichte arbeitet, sowie langjähriges Engagement bei FILMZ - Festival des deutschen Kinos. Auf Sammler des Kinos setzt er sich mit dem Themenkomplex Cinephilie und Filmgeschichte auseinander. Seine Texte zu Fragestellungen filmischer Identitätsinszenierungen und Subjektivierungsstrategien sind in Rabbit Eye - Zeitschrift für Filmforschung und auf Daumenkino erschienen. Zurzeit forscht er für seine Master-Arbeit über Subjektivierungsstrategien als möglichem Bindeglied zwischen Aktions- und Zeitbild im Kino der 2000er-Jahre. Sarah Beicht: Studierte English Literature and Culture sowie Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2013 engagiert sie sich ehrenamtlich bei FILMZ - Festival des deutschen Kinos, daneben ist sie als freie Journalistin für verschiedene Medien der Region tätig. Als freie Autorin wurde sie mit dem Jugendliteraturpreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet und in die Literaturwerkstatt Graz eingeladen. Zu hören war sie unter anderem auf der Frankfurter Buchmesse, der Textbühne Mainz, beim Pink Carpet und im Lesezimmer sowie auf der Studiobühne Berlin. Derzeit arbeitet sie an einem Erzählband, der ihre Geschichten an der Schwelle des Makabren zusammenfasst und bloggt auf Gutenbergs Letterwald über die Literaturszene ihrer Heimatstadt.
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Huan Vu

Lange Schatten


Genrefilm und Fantastik im Spannungsfeld der deutschen Geschichte1


Trotz einiger Lichtblicke und einer grundsätzlich positiven Tendenz in den letzten Jahren ist nach wie vor eine geringfügige wirtschaftliche wie auch kulturelle Rolle des Genrefilms innerhalb des deutschen Filmschaffens zu konstatieren. Welche historischen Faktoren haben möglicherweise zu dem heutigen Stand beigetragen? Weshalb hat sich der deutsche Film gerade in diesem Bereich nur zaghaft und nicht nachhaltig entwickelt?

Bevor wir uns eingehender mit dieser Fragestellung auseinandersetzen können, gilt es zunächst den Begriff «Genrefilm» zu beleuchten. Dieser bildete sich bereits zu Anbeginn des klassischen Hollywoodkinos in Form vielfältiger, leicht wiedererkennbarer Grundmuster heraus, beispielsweise als Western, Thriller, Science-Fiction-, Fantasy-, Horror-, Action- oder Abenteuerfilm. Diese Klassifizierungen entstanden zunächst zum Zwecke der Werbung und Vermarktung, entwickelten sich dann jedoch im Austausch zwischen Publikum, Filmschaffenden, Kritikerinnen und Kritikern sowie Produzierenden dynamisch und vielfältig weiter. Heute wird von einer Vielzahl verschiedener Genres, vor allem aber auch von Mischformen ausgegangen, da sich Filme oft nicht mehr nur einer Kategorie zuordnen lassen, sondern unterschiedlichste Genreelemente miteinander verbinden. Innerhalb dieses Wechselspiels aus Konfektionierung auf Seiten der Vermarkter, Erzähltradition auf Seiten der Kreativen und Erwartungshaltung auf Seiten des Publikums hat sich nichtsdestotrotz ein harter Kern an Genres herausgebildet, der sich als besonders einprägsam und erfolgreich herausgestellt hat.

Darunter zu nennen sind auch Musical, Kriminalfilm und Komödie, die nach wie vor in der angloamerikanischen Filmindustrie als «genre movies» gelten, jedoch nur selten im Programm ausgewiesener oder entsprechender Distributionskanäle zu finden sind, insofern keine inhaltlichen, ästhetischen oder formellen Überlappungen zum Beispiel in Form der schwarzen Komödie oder Action-Komödie vorliegen. Herausgebildet hat sich hier ein engerer, populärer Genrebegriff, der sich insbesondere auf ein fantastisches Spannungskino bezieht und das traditionelle Verständnis von Genres, wie man es noch aus dem klassischen Hollywoodkino kennt, hinter sich lässt. Unter anderem darin zeigt sich eine grundlegende Unschärfe des Begriffs, und wie sich die allgemeine Bezeichnung im Lauf der Zeit in ein spezifisches Label gewandelt hat, das nur noch ganz bestimmte Filmgenres einzäunt und miteinander verknüpft.

Zunehmend aus diesem engeren Genrebegriff herausgelöst hat sich zum Beispiel auch der primär kontinentaleuropäisch geprägte Sex- und Erotikfilm aufgrund der tiefgreifenden Umwälzungen in der Filmindustrie und dem damit einhergehenden Verschwinden der Bahnhofskinos in den 1980er-Jahren. Und mit dem Kriegsfilm gibt es wiederum ein konstant erfolgreiches Genre, welches in der medialen Rezeption und Zielgruppenvermarktung eigentlich sehr gut mit anderen «Genrefilm»-Genres wie Action, Horror und Thriller harmoniert, aber wohl aus Gründen der Pietät und Tradition sowie gesellschaftlichen Identitätsstiftung2 davon getrennt wird.

So sehr ein derart verdichteter Genrefilmbegriff auch zum Rand hin ausfranst, so unumstritten ist es, dass der fantastische Film – also Science-Fiction, Fantasy und Horror – in seinem Zentrum steht. In der weiteren Betrachtung liegt das Hauptaugenmerk daher primär auf diesen drei Genres.3

Im kulturellen Selbstverständnis der Bundesrepublik scheint zeitgenössische Fantastik allerdings keine Rolle zu spielen und kommt offenbar völlig ohne andersweltliche, metaphorische Träume, Ängste und Visionen aus. Wie kam es dazu? Sind die Ursachen dessen allein in der jüngeren deutschen Geschichte zu finden, oder gibt es einen roten Faden, der sich noch viel weiter in die Vergangenheit zieht? Versuchen wir, uns einen Überblick zu verschaffen.

Identität und Hochkultur zur Reichsgründung


Das deutsche Selbstbild vom «Land der Dichter und Denker» speist sich vor allem aus den Kulturschöpfungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein erwachtes deutsches Nationalbewusstsein, das deutlich sichtbar beim Hambacher Fest 1832 oder der Märzrevolution 1848/1849 zu Tage trat, wünschte die Zusammenführung der Kleinstaaten in einen gemeinsamen Staat. Eine Folge hiervon war die künstliche und kultische Überhöhung geistiger Größen, eine andere die vermutlich einzigartige Konstellation, in der Personen aus eben jenem hochkulturellen Milieu plötzlich auch von den bildungsfernen unteren Schichten zu Idolen, zu nationalen Kultobjekten erhoben werden konnten. Das blutjunge, frisch vereinigte Reich benötigte Galionsfiguren.

Der frühere Bundespräsident Johannes Rau hat dies in seiner Rede zum 244. Geburtstag von Friedrich Schiller am 10. November 2003 treffend reflektiert: Diese überbordende Verehrung sei uns heute nicht nur fremd, sondern inzwischen auch völlig in Vergessenheit geraten. Er betonte, dass im Jahr 1859 noch fast 500 Städte in deutschen und deutschsprachigen Ländern seinen 100. Geburtstag wie einen nationalen Feiertag begingen.4 Schiller verkörperte die deutsche Nation, die deutsche Identität.

Aus dieser sinnstiftenden Funktion heraus konnte sich dann vermutlich das herausbilden, was bis heute seinen Nachhall findet: die strikte Trennung zwischen einer angeblich anspruchsvollen Kunst und Kultur, die den Menschen zu Größerem und Besserem beflügelt, und der trivialen, irrelevanten, niederen Gelüsten dienenden Unterhaltungsware. Auch insbesondere in der deutschen Beziehung zu Musik findet sich ein solch elitäres Denken, das bis heute nicht an Gültigkeit und aussortierender Kraft verloren hat.5 Dass Schiller sich selbst gegen seinen zu Lebzeiten größten Publikumserfolg (1787–1789) aussprach, einen seiner seltenen Ausflüge ins Fantastische, dürfte dazu mit beigetragen haben, ebenso wie zur fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung für die Fantastik hierzulande – zu stark war das großintellektuelle Leuchtfeuer, das von Schiller und Johann Wolfgang von Goethe ausstrahlte. Selbst fantastisch angehauchte Werke wie (1799) und (1808) sind heute primär als Neuinterpretationen historischer Topoi zu betrachten, und nur sekundär als frühe Vertreter der modernen Fantastik. Das Interesse am Fantastischen an sich, in Form des Drachens oder des Teufelspakts, ist jeweils nur gering ausgeprägt. Dementsprechend gestalteten sich auch die Wünsche, Hoffnungen und Ideale, die die Deutschen mit ihren auf Sockel gestellten Geistesheroen verbanden. Die reine und schiere Faszination für das Unbekannte, das Undenkbare, die entfesselte Imagination, konnte darauf keinen oder kaum Platz finden.

E. T. A. Hoffmann ist im Grunde der einzige deutsche Repräsentant, dem es trotzdem gelang, ungeachtet der düsteren und grotesken Ausrichtung seiner Texte in den illustren Kreis der «Klassiker» und bedeutsamen Künstler aufgenommen zu werden. Sehr viel mehr Anklang fand er zu Lebzeiten im europäischen Ausland. Die französische Genrebezeichnung – im anglo-amerikanischen Raum gibt es keine Verbindung von Science-Fiction, Fantasy und Horror unter einem solchen Sammelbegriff – verdankt sich gar einem Übersetzungsfehler des Hoffmann’schen Titels (1814) und wurde später ins Deutsche reimportiert. In einer Aufteilung zwischen Hoch- und Trivialkultur würde Hoffmann heute mit seinem Werk ganz klar ersterer zugeordnet werden. Als Schriftsteller aus dem sinnstiftenden 19. Jahrhundert ist er dafür hoffähig genug, entstammt er doch der gleichen Epoche, in der auch Goethe (der wenig von Hoffmann hielt) und Richard Wagner (der sehr viel von ihm hielt) wirkten. Keinem einzigen späteren Vertreter der deutschen Fantastik gelang es bisher, eine ähnliche Stellung einzunehmen.

Die im Laufe des 19. Jahrhunderts immer populärer werdende Literaturgattung des Fantastischen fand beispielsweise in Frankreich und Großbritannien zwar nicht nur Zuspruch, doch eine derartig entschiedene Ablehnung und kategorische Verurteilung wie im deutschen Kulturraum wurde ihr sonst nirgends zuteil. Außerhalb von Deutschland konnte sich das Fantastische überwiegend frei und in alle höheren und niederen Gefilde entfalten: von den düster-romantischen eines Edgar Allan Poe über die Zukunftsvisionen und Abenteuergeschichten eines Jules Verne, die vor allem für ein jugendliches Publikum geschrieben waren, bis hin zu den zahlreichen in Massen verkauften Pulp-Magazinen, Comic-Strips und Groschenromanen des 20. Jahrhunderts, die die Grundlage bildeten für die heutige Fantastik in all ihren Facetten.

War der deutsche Kulturraum komplett von dieser Entwicklung losgelöst? Nicht völlig, bereits im Kaiserreich hat es zahlreiche fantastische Autoren gegeben, die Jules Verne...


Christian Alexius: Studium der Filmwissenschaft und Soziologie an der Johannes Gutenberg- Universität Mainz, wo er aktuell auch als Tutor für Filmgeschichte arbeitet, sowie langjähriges Engagement bei FILMZ – Festival des deutschen Kinos. Auf Sammler des Kinos setzt er sich mit dem Themenkomplex Cinephilie und Filmgeschichte auseinander. Seine Texte zu Fragestellungen filmischer Identitätsinszenierungen und Subjektivierungsstrategien sind in Rabbit Eye – Zeitschrift für Filmforschung und auf Daumenkino erschienen. Zurzeit forscht er für seine Master-Arbeit über Subjektivierungsstrategien als möglichem Bindeglied zwischen Aktions- und Zeitbild im Kino der 2000er-Jahre.

Sarah Beicht: Studierte English Literature and Culture sowie Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2013 engagiert sie sich ehrenamtlich bei FILMZ – Festival des deutschen Kinos, daneben ist sie als freie Journalistin für verschiedene Medien der Region tätig. Als freie Autorin wurde sie mit dem Jugendliteraturpreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet und in die Literaturwerkstatt Graz eingeladen. Zu hören war sie unter anderem auf der Frankfurter Buchmesse, der Textbühne
Mainz, beim Pink Carpet und im Lesezimmer sowie auf der Studiobühne Berlin. Derzeit arbeitet sie an einem Erzählband, der ihre Geschichten an der Schwelle des Makabren zusammenfasst und bloggt auf Gutenbergs Letterwald über die Literaturszene ihrer Heimatstadt.



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