E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Alfonso Die Tränen von San Lorenzo
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-293-30958-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-293-30958-6
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vicente Alfonso, geboren 1977 in Torreón, Mexiko, ist Journalist und Schriftsteller. Er stammt aus einer Familie von Bergleuten und besuchte dreizehn Jahre lang eine Jesuitenschule. Neben seiner Tätigkeit als Romanautor schreibt Vicente Alfonso für die Kulturbeilage der Zeitung El Universal. Für Die Tränen von San Lorenzo erhielt er 2015 den Sor Juana Inés de la Cruz International Prize.
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Zum letzten Schluck I
Entscheidungsspiel
Torreón, 20. Mai 2001
Als er um 17.03 Uhr das Lokal betrat und ein Bohemia bestellte, wusste er nicht, dass er das Bier nicht mal mehr ganz würde austrinken können. Obwohl an dem Tag kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte, waren im Letzten Schluck nur sehr wenige Gäste nüchtern. Vielleicht ließ sich auch deshalb so schwer ermitteln, was in der knappen Stunde geschehen war zwischen dem Moment, in dem Farid Sabag den ersten Schluck trank, und jenem, in dem die Polizei eintraf, um seine Leiche abzutransportieren. Der erste Vertreter der Ordnungskräfte, der den Toten berührte, war der Polizeibeamte Martín Marentes, der damals seit gerade einmal einer Woche im Dienst war. Das Opfer befand sich auf der Toilette. Mit Handschellen an ein Rohr gefesselt, kniete es in urin- und kotverschmutzter Leinenhose auf dem Boden. Obwohl der Mann drei gebrochene Rippen und zahlreiche Blutergüsse am Brustkorb aufwies, wurde als offizielle Todesursache Tod durch Erdrosseln protokolliert – sein Kopf steckte in einer Plastiktüte, die am Hals mit Isolierband umwickelt war. Außerdem hatte der Mörder offenbar im letzten Augenblick beschlossen, die Wirkung des Bandes durch ein von der Decke gerissenes Stück Kabel zu verstärken. Damit das Opfer nicht schreien konnte, hatte man ihm zuvor Werg in den Mund gestopft.
Zunächst einmal galt es, die Identität des Opfers festzustellen – der Mann war allein im Lokal erschienen und trug keinerlei Ausweispapiere bei sich. Und keiner erinnerte sich, dass er seinen Namen erwähnt hätte. Seine Ankunft war allerdings durchaus wahrgenommen worden: »Na klar ist mir der aufgefallen. So wie der gekleidet war, und die weißen Haare dazu – das muss ein Priester sein, hab ich mir gesagt«, erinnerte sich José Luis Mandujano, der Wirt, als ich mich Jahre danach mit ihm unterhielt. Zu der Zeit versuchte ich, das Verbrechen Schritt für Schritt zu rekonstruieren. Hinter der Theke verschanzt, beantwortete Mandujano meine Fragen und hackte dabei mit demselben Picker auf einen Eisklotz ein, den er auch am fraglichen Nachmittag zu diesem Zweck verwendet hatte. »Allerdings passierten an dem Tag am laufenden Band komische Sachen. Dass da ein Pfarrer zur Tür reinkam, war schon nichts Besonderes mehr.«
Wohl wahr – am 20. Mai 2001 herrschte in der gesamten Gegend der Ausnahmezustand, schließlich sollte Santos Laguna, die heimische Fußballmannschaft, zum zweiten Mal in ihrer Geschichte um den Titel spielen. Als der Schiedsrichter die Partie um Viertel vor sechs abpfiff, war der Mann, der später als Farid Sabag identifiziert werden sollte, bereits tot. Als er eine Dreiviertelstunde zuvor die Kneipe betreten hatte, schien in der ganzen Stadt das Leben stillzustehen, auf den leer gefegten Straßen blinkten einsam die Ampeln vor sich hin, während aus allen Häusern die Stimme des Reporters hallte, der Pässe, Torschüsse und Torwartparaden kommentierte.
»Es war wie in einer Geisterstadt. Für die Leute gab es bloß noch dieses Fußballspiel«, beschrieb es Francisco »el Chino« Woo, damals der örtliche Polizeichef, Jahre später. »Aber mir war klar, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm war. Ich hatte vier schlaflose Nächte hinter mir und wollte bloß, dass dieses verfluchte Spiel vorbeigeht.« Woo war es auch, der mir damals – ich wollte das Herumstochern in den Spuren jenes bitteren Sonntags schon aufgeben – den Bericht des Gerichtsmediziners besorgte, in dem es unter anderem heißt, bei rechtzeitigem Eingreifen hätte das Opfer gerettet werden können.
»Das war gar nicht so einfach, verstehen Sie. An dem Tag waren wirklich alle im Einsatz, selbst die Polizeihunde«, sagte Woo zur Erklärung auf meine Frage, warum auf den Notruf hin nur ein einziger Polizist am Tatort erschienen war, obwohl in solchen Fällen mindestens zwei Beamte vorgeschrieben waren. Er habe zu diesem Zeitpunkt – das Spiel war da noch nicht zu Ende – mehr als genug damit zu tun gehabt, dafür zu sorgen, dass es nicht zu Ausschreitungen kommt. Die Stimmung in der Stadt war in der Tat äußerst angespannt. Wer etwas von Fußball verstand, sagte dem Team von La Laguna eine Niederlage voraus. Außerdem hatte ein Vorfall im Hinspiel, drei Tage zuvor in Pachuca, die Lage zusätzlich aufgeheizt: In der 85. Minute hatte der Schiedsrichter zu Unrecht einen Elfmeter gegen Santos verhängt, was zur Niederlage der Mannschaft geführt hatte. Spieler wie Fans von Santos fieberten folglich im Rückspiel einer Revanche entgegen.
Aber selbst wenn dem Verein die Aufholjagd gelang und er doch noch den Titel gewann, waren die Aussichten für die Ordnungskräfte alles andere als rosig. Als Santos fünf Jahre zuvor zum ersten Mal den Titel geholt hatte, waren die Feiern vollkommen aus dem Ruder gelaufen. Im Siegestaumel hatten die Fans Straßen blockiert, Geschäfte geplündert und zahllose Unfälle verursacht. So war dieses Mal alles Erdenkliche vorgekehrt worden, um einer Wiederholung solcher Vorfälle vorzubeugen.
Auf Anordnung des Bürgermeisters hatte Polizeichef Chino Woo sechshundertdreißig Beamte auf den Straßen und an strategisch wichtigen Orten der Stadt postiert, weitere zweihundertfünfzig im und um das Stadion. Im Einsatz waren zudem neunzig Funkstreifenwagen der Stadtpolizei, zehn der Schutzpolizei und dreiundzwanzig der Verkehrspolizei sowie dreißig Beamte auf Motorrädern, zwanzig auf Fahrrädern und fünf Angehörige der Hundestaffel. Nach Ansicht des pensionierten Richters und Vaters der Zwillinge Bernardo Ayala führten die übertriebenen Vorsichtsmaßnahmen jedoch nur dazu, die Arbeit der Polizei zu erschweren: »Der Chino hat mal wieder das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Es hat schon seinen Grund, dass manche ihn Captain Neandertal nennen. Damit auch ja niemand gegen irgendwelche Gesetze verstößt, hat er selbst Gesetze gebrochen«, begründete Ayala seinen Vorwurf. »Drei Tage vor dem Spiel hat er seine Leute losgeschickt, sie sollten überall sämtliche Sprühdosen mit Kunstschnee oder grüner oder weißer Farbe einkassieren … Wo gibts denn so was? Dürfen die Leute jetzt nicht mal mehr in Ruhe ihren Geschäften nachgehen? Die verdienen damit schließlich ihren Lebensunterhalt! Feiern ist doch nicht verboten! Er hat den Händlern einfach ihre Ware abgenommen, als wären es Drogen oder Waffen.«
Nach übereinstimmender Aussage der Kneipengäste trafen der Mörder und sein Opfer nur wenige Minuten nacheinander ein. Ein Zeuge, der damals neunzehn Jahre alte Student Pablo García Pescador, gab zu Protokoll: »Als der weiß gekleidete Typ erschien, hatte gerade die Halbzeitpause angefangen. Er hat sich an den Tisch neben meinem gesetzt. Kurz danach ist der junge Mann reingekommen, der in Schwarz. Er hat sich zu ihm gesetzt. Streit schienen sie keinen zu haben, es sah eher aus, als wollten sie ein Geschäft besprechen, wahrscheinlich ging es um das Bild.« Dann wurde die zweite Halbzeit angepfiffen, und García Pescador wandte sich wieder dem Spiel zu. Als Sabag jedoch plötzlich das Ölgemälde vom Tisch fegte, das der andere mitgebracht hatte, blickte García Pescador erneut zu den beiden hinüber.
Was den Streit auslöste, konnte die Polizei bis zuletzt nicht klären. Im Untersuchungsbericht wird jedoch darauf hingewiesen, dass die Auseinandersetzung nicht allzu heftig war, fiel doch, abgesehen von dem in der Tat nicht gerade zimperlichen Umgang des weiß gekleideten Mannes mit dem Ölbild, keinem der Kneipengäste etwas Besonderes auf. Vielleicht hätte sich die Tragödie aufhalten lassen, doch das plötzliche Interesse an Sabags Verhalten wurde vom Jubelgeschrei über den Treffer durch Mariano Trujillo verdrängt, der die Santos-Anhänger erneut hoffen ließ, ihrem Verein könne der zweite Titelgewinn doch noch gelingen. Dieses Tor ist schon deshalb von Belang, weil dadurch mit Sicherheit gesagt werden kann, dass Farid Sabag um 17.13 Uhr zum letzten Mal lebend gesehen wurde.
Nach meinen Unterhaltungen mit allen Zeugen, die ich so lange nach den Geschehnissen noch auftreiben konnte, und gründlicher Durchsicht aller Vernehmungsprotokolle glaube ich, behaupten zu können, dass die Teile dieses Puzzles sehr wohl zusammenpassen, was allerdings, außer dem Mörder, niemandem aufgefallen zu sein scheint. So hat offenbar keiner der Anwesenden mitbekommen, dass der Mörder und sein Opfer irgendwann vom Tisch aufstanden. Auch dass der Täter die Kneipe völlig unbehelligt verlassen konnte, ist erstaunlich, ebenso die Tatsache, dass in einem Lokal voller trinkender Gäste mehr als zwanzig Minuten lang niemand sonst die Toilette aufsuchte. Nachvollziehbar wird all dies jedoch, wenn man bedenkt, dass die Aufmerksamkeit von 17.00 Uhr bis 17.47 Uhr durch das Fußballspiel in Beschlag genommen war, ein Spiel, über dessen Einzelheiten Fachleute wie Fans bis heute erbittert streiten.
Der Student García Pescador entdeckte schließlich die Leiche. Erzählte er zumindest am Telefon, als ich ihn in Barcelona anrief, wo er heute lebt: »Es war schon in der Nachspielzeit, und es stand insgesamt unentschieden, es sah also ganz danach aus, dass es in die Verlängerung gehen würde. Für uns war das gut, den Spielern vom Pachuca merkte man nämlich an, dass sie allmählich schlappmachten. Da bin ich aufgestanden und auf die Toilette gegangen – wie gesagt, ich war mir sicher, dass es eine Verlängerung geben würde. Komischerweise war die Tür abgeschlossen. Ich bin also zum Wirt und hab gesagt, er soll aufschließen.«
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