E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Alge Fehltritt mit Folgen: Alpenkrimi
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-902784-77-3
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-902784-77-3
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der bekannte Bizauer Künstler Sepp liegt tot unterhalb des Hirschberg Grates. Mordverdacht keimt auf und Kommissar Reinhold Waldinger übernimmt die Ermittlungen. Seine Nachforschungen entblößen einen Mann mit vielen Gesichtern und somit auch etliche Tatverdächtige, die von seinem Tod profitieren könnten: Da wäre zum einen Sepps Bruders, mit dem er aufgrund einer Erbschaftsangelegenheit zerstritten war. Aber auch seine Schwester hegt bereits Pläne, was sie aus Sepps Holzhaus inmitten des Schigebietes alles machen könnte. Dann war Sepp ein Einzelgänger, der auf viele Frauen eine seltsame Faszination ausübte. Gerüchten zufolge leben im Dorf mindestens zwei „Kuckuckskinder“, die ihren Ernährern untergeschoben worden waren. Ob einer der vermeintlichen Väter vielleicht mehr wusste, als er sollte? Die meisten Feinde hatte er sich allerdings dadurch gemacht, dass er als einziger Weidebesitzer seine Unterschrift zum Ausbau des Schigebietes verweigert hatte, und trotz mehrjähriger Verhandlungen das Projekt noch immer blockierte. Doch noch bevor Waldinger sich ein näheres Bild von den Umständen machen kann, kommt ein weiterer Mann in Bizau auf dubiose Art ums Leben.
Daniela Alge, geboren 1975 im Bregenzerwald und aufgewachsen in Bizau, lebt heute mit ihrem Mann und drei gemeinsamen Kindern auf einem Hof bei Wangen im Allgäu. Im Lesen und Schreiben findet die gelernte Pädagogin ihre kleinen Auszeiten vom Alltag. Von Daniela Alge bisher erschienen sind: Kathrinatag Fehltritt mit Folgen Wolfsmörder Mehr Infos unter http://algedaniela.jimdo.com http://www.federfrei.at
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Samstag, 16. August
Es war erst sieben, als Waldingers Handy klingelte. Er stellte seine Teetasse ab und meldete sich.
»Waldinger.«
Er räusperte sich.
»Guten Morgen, Herr Seidl.«
Helga blickte überrascht von ihrem Zeitungsteil auf.
»Natürlich nehme ich die Sache ernst.
Ach, der Bernhard, verstehe.
Ist klar. Auf jeden Fall.
Ich meld mich. Wiederhören.«
Waldinger trank einen Schluck Tee.
»Unser Staatsanwalt ist vor Kurzem in eine Wohnung am Pfänderhang umgezogen. Bernhard hat ihm die vermittelt, und jetzt sind sie Nachbarn. So geht manches schneller als auf dem üblichen Weg. Aber mir soll es recht sein.«
»Ist Sepps Bruder Immobilienmakler?«
»Unter anderem. Ist ja ein Traumtägle für eine Tour auf den Hirschberg und das auch noch bezahlt und mit äußerster Priorität versehen.«
Waldinger konnte sich das Grinsen nicht verkneifen.
»Am Körbersee wäre es heute auch traumhaft«, warf Helga ein. »Aber ich werde den Barfußweg mit Lorenz gehen. Ich geb Martin nachher Bescheid, aber jetzt schlafen sie wahrscheinlich noch. Die kommt doch am Morgen nie aus den Federn.«
»Was ist denn los? Was hast du auf einmal gegen Annika?«
»Ich habe nichts gegen sie, aber es stimmt, dass sie gerne lange ausschläft, das hat sie selber zugegeben.«
»Weil sie als Kind auf der Alpe immer schon um halb fünf aufstehen und die Kühe in den Stall treiben musste.«
»Ja, aber ob das stimmt?«
»Warum sollte sie uns anlügen? Ich glaub, sie war mit ihrer Mutter viele Jahre auf einer Alpe in Steibis, aber ist eh wurscht.«
Helga begann, den Tisch abzuräumen, und Waldinger stand auf, um seinen Teller in die Küche zu tragen.
»Komm, wir setzen uns kurz in den Garten, bis Willi mich abholt.«
»Du kannst mir im Garten schon mal gießen«, antwortete Helga. »Ich richte dir was zum Mitnehmen.«
Der Besucherparkplatz bei der Hirschbergbahn füllte sich zügig, als Waldinger und Willi nach einem schattigen Platz für Willis Pick-up Ausschau hielten.
Der Ferienjobber in seiner orangefarbenen Weste winkte sie zum hintersten Ende des großen Parkplatzes, doch Willi ließ sein Seitenfenster aufgleiten und brummte: »Kripo, wir sind dienstlich hier.«
Pflichtbewusst eilte der junge Mann zum Zufahrtsweg und klappte händisch die Schranke hoch, die ansonsten nur für Anrainer und Personal geöffnet wurde. Mehrere kinderreiche Familien, die diesen Weg zu Fuß unterwegs waren, machten nur ungern Platz. Der Personalparkplatz war gut drei Viertel voll, aber Willi stellte seinen Wagen ungeniert auf den mit einem Nummernschild markierten Stammplatz des Betriebsleiters in der ersten Reihe.
»Wir müssen noch weit genug laufen«, kommentierte er und stieg aus.
Sie schulterten ihre Rucksäcke und gingen hinten um den , das SB-Restaurant an der Talstation, herum. Willi verlangte von dem Liftler mit gezücktem Ausweis, sie ohne Ticket und sofort auf den Berg zu lassen. Die vorderen Gäste in der Reihe fingen an zu murren.
»Hinten anstellen«, zischte einer.
Die Kripobeamten ignorierten den Zwischenruf und setzten sich auf den nächsten freien Sessel. Während der rund fünfzehnminütigen Fahrt versuchte Waldinger, Willi zu erklären, wer Sepp gewesen war: ein Künstler, ein Eigenwilliger, ein Außenseiter, ein Herzensbrecher und Witwentröster, ein Unterhalter, ein Lebemensch, ein Spieler, ein Freund.
Willi schien beeindruckt: »Da kann der Anschlag von allen Seiten gekommen sein, das macht es uns nicht leichter.«
Der Sessellift ließ sich Zeit. Unter ihnen quietschten die ersten Gäste mit gelben und orangefarbenen Rodeln die halsbrecherischen Kurven der Sommerrodelbahn ins Tal. Auch an ihrem Sessel waren zwei Rodeln befestigt.
»Ins Tal geht’s schneller wie bergauf«, sagte Waldinger. »Das wird eine Gaude.«
»Das kannst du dir vorstellen, dass ich mit so einem Plastikteil unterm Hintern da runterfahre«, sagte Willi. »Lieber geh ich zu Fuß.«
»Da täusch dich mal nicht, wir haben eine ordentliche Wanderung vor uns.«
Die meisten Leute vor ihnen stiegen an der Mittelstation aus. Dort startete die fast zwei Kilometer lange Rodelbahn.
Willi und Waldinger ließen ihren Bügel geschlossen, und Waldinger grüßte den Liftler, der hier Dienst machte. »Servus, Seff. Einiges los heute?«
Der hagere braun gebrannte Mann nickte. »Und du, bischt hüt im Dionscht?«
Waldinger blickte über die Sessellehne zurück und nickte.
»Genau. Aber zum Glück nicht im Büro, bei dem Traumtägle.«
»I han allad an Platz a dor Sunno«, lachte der Liftler und zeigte eine Zahnlücke.
Nach weiteren fünf Minuten kamen sie an der Bergstation der Sesselbahn an. Ein Student mit kugelrunden Brillengläsern döste auf einer Bank neben der Ausstiegsstelle.
»Wann ist die letzte Talfahrt?«, fragte Willi.
»Um vier«, murmelte der Langhaarige.
»Und wie lange brauchen wir von hier bis zum Gipfel?«
Der Bursche musterte sie über seinen Brillenrand hinweg. »Drei Stunden, schätz ich.«
Entsetzt schaute Willi zu Waldinger: »Ist das wahr?«
Waldinger nickte. »Wenn wir schnell sind.«
»Und das sagst du mir erst jetzt? Dann hätt ich den Hubschrauber genommen. Du bist ja wahnsinnig. Und das bei der Hitze heute. Ich dreh gleich wieder um.«
»Ach komm, bei dem Wetter wird das ein Urlaubstag.«
»Als Urlaub werden wir ihn auch schreiben müssen, wenn wir nix finden. Nein! Das hättest du früher sagen können. Drei Stunden auf diesen lächerlichen Hügel.«
Der Student grinste, und Waldinger boxte Willi in die Seite.
»Glaub nicht jeden Blödsinn. In anderthalb sind wir am Gipfel, versprochen.«
Waldinger war guter Dinge, er genoss es, einen Arbeitstag in den Bergen statt am Schreibtisch zu verbringen.
Der grob geschotterte Güterweg führte nur langsam ansteigend in Richtung der unteren Hirschbergalpe. Sie waren allein auf dem Weg, und die Ruhe wurde einzig vom Gebimmel der Kuhglocken untermalt. Die Temperatur zum Wandern war angenehm, und Waldinger wunderte sich, warum Willis T-Shirt schon nach wenigen Gehminuten nasse Schwitzflecken zeigte.
Bei der Wildfütterung machten sie eine kurze Pause und tranken einen Schluck. Waldinger pflückte eine Blume und steckte sie in das Knopfloch von seinem Hemd.
»Was willst du denn mit dem verblühten Kraut?«
»Eine Berganemone. Helga liebt Struobobuobo.«
Willi schüttelte den Kopf.
»Wo ist das Gipfelkreuz?«
»Das sehen wir erst, wenn wir kurz davorstehen, und das dauert noch ein Weilchen.«
»Und du glaubst, jemand nimmt diesen Fußmarsch auf sich, um Sepp umzubringen? Gäbe es da nicht weniger anstrengende Alternativen?«
»Ich weiß nicht, ob er umgebracht wurde. Vielleicht war es ein Unfall, aber es schadet sicher nicht, der Sache auf den Grund oder, besser gesagt, auf den Gipfel zu gehen.«
»Ich wusste gar nicht, dass du so ein begeisterter Bergler bist.«
»Und ich nicht, dass du so schnell jammerst.«
Bei der oberen Hirschbergalpe füllten sie ihre Wasserflaschen am Brunnen. Auf dem grob gehauenen Holztisch an der Sonnseite lag eine kleine Schiefertafel. Darauf hatte jemand in kindlicher Schönschrift geschrieben:
»Sind im Dorf am Heuen. Getränke im Brunnen. Kasse hier. Danke.«
Willi wählte eine Flasche Spezi und legte eine Zwei-Euro-Münze in die Kasse. Den letzten Hang nahmen sie in der prallen Sonne auf einem Trampelpfad in Angriff. Vereinzelt fand Waldinger einige Heidelbeeren. Schweißperlen standen ihnen nicht nur auf der Stirn.
Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass sie es in eineinhalb Stunden geschafft hatten.
»Berg heil!« Waldinger blickte zufrieden um sich. Er zog sein Hemd aus und nahm ein frisches aus dem Rucksack. Mit dem verschwitzten wischte er sich über das Gesicht und sagte: »Sichtig heute, trotz der Hitze, das wundert mich.«
Er kramte in seinem Rucksack und nahm einen Beutel der Spurensicherung heraus. Dann stemmte er den schweren Deckel des geschmiedeten Kastens am Kreuz auf und wollte das Gipfelbuch entnehmen. Er fühlte mit seiner Rechten bis ganz auf den Grund, brachte aber nur einen billigen Kugelschreiber, ein Kaugummipapier und eine angebrochene Packung Taschentücher ans Licht. Wo war das Gipfelbuch?
Willi legte sich oben ohne der Länge nach ins Gras und versuchte, mit dem Gesicht in den Schatten des Gipfelkreuzes zu gelangen.
»Glaubst du, der Mörder verewigt sich erst im Gipfelbuch?«, brummte er und blinzelte in die Höhe.
»Vielleicht Zeugen.«
Scheppernd schloss er den Kasten wieder. War das Zufall, dass gerade heute kein Buch drinnen...




