Alge | Kathrinatag: Alpenkrimi | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Alge Kathrinatag: Alpenkrimi


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-903092-33-4
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-903092-33-4
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Einem alten Brauch zufolge wird in einigen Dörfern im Bregenzerwald Ende November der 'Kathrinatag' gefeiert. So findet auch in dem Ort Au nach einem Festgottesdienst buntes Markttreiben mit Musik und viel Glühmost statt. Die 17-jährige Schülerin Judith feiert mit Freunden. Am folgenden Morgen liegt sie lebensgefährlich verletzt am kalten Straßenrand. Der Kripo-Beamte Waldinger muss in seinem Heimatdorf ermitteln, und dort sind sich alle einig: Der Täter war keiner von uns, das muss ein Auswärtiger gewesen sein.



Daniela Alge, geboren 1975 im Bregenzerwald und aufgewachsen in Bizau, lebt heute mit ihrem Mann und drei gemeinsamen Kindern auf einem Hof bei Wangen im Allgäu. Im Lesen und Schreiben findet die gelernte Pädagogin ihre kleinen Auszeiten vom Alltag. Von Daniela Alge bisher erschienen sind: Kathrinatag Fehltritt mit Folgen Wolfsmörder Mehr Infos unter http://algedaniela.jimdo.com http://www.federfrei.at
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Samstag


Waldinger glaubte nicht, dass ihm hier morgens kurz vor fünf jemand entgegenkommen würde. Obwohl die Straße größtenteils einspurig war, stieg er ordentlich aufs Gas.

Nach etwa zehn Minuten passierte er den höchsten Punkt der Bergstraße und fuhr vorsichtig bergab. Die kalte dunkle Nacht und der Nebel waren nicht ungefährlich.

Am Ende einer steilen Geraden sah er einen alten Lieferwagen mitten auf der Straße stehen. Die Alarmblinkanlage leuchtete unregelmäßig. Eine Lampe funktionierte nicht.

Waldinger stellte den Motor ab und stieg aus dem warmen Auto. Er fröstelte. Finster war die Nacht heute.

Er hörte die Sirene des Rettungsautos.

»Gott sei Dank«, dachte er, »die sind in einer Minute da.«

Er zog den Bauch ein und zwängte sich zwischen dem Lieferwagen und der alten Steinmauer hindurch.

Aus dem Inneren tönte Udo Jürgens Stimme: »Es war schon dunkel«. Die Scheinwerfer beleuchteten die Szene am Straßenrand.

Eine schmale Person in einer dicken Daunenjacke kniete am Boden. Der aschblonde Zopf war ein gutes Stück länger als die grüne Mütze und klebte feucht an der Jacke. Ein Hauch von kaltem Rauch und ungeputzten Zähnen umwehte Waldingers Nase: der Fahrer des Lieferwagens.

Waldinger hüstelte, der Mann blickte auf und sagte mit rauer Stimme: »Sie lebt noch.«

Er stand auf, seine Gelenke knacksten, steif trat er einen Schritt zur Seite.

Waldinger ging vorsichtig näher, kniete sich auf den feuchten Asphalt.

Er wagte nicht, sich vorzustellen, was zum Vorschein kommen würde, wenn sie der jungen Frau die Mütze abnehmen mussten. Feuchte Strähnen umrahmten ihr schmutziges, blutverkrustetes Gesicht.

Ihre schwarze Jacke war verrutscht und gab die rechte Hüfte frei. Dort zeichnete sich ein riesiger blauer Fleck ab. Ein Bein schien gebrochen. Waldinger wandte seinen Blick kurz ab, atmete tief ein und berührte vorsichtig ihre Wange.

»Halt durch, Mädchen«, flüsterte er.

Der Rettungswagen quietschte um die Kurve. Der Dienstwagen der Polizeidienststelle Bezau raste mit Blaulicht hinterher.

Waldinger schnaubte geräuschvoll durch die Nase. Das Geblinke kam ihm unnötig vor.

Er hörte die Kirchenglocken aus Schnepfau läuten. Fünf Uhr.

Die Männer vom Roten Kreuz stiegen aus und zogen Einweghandschuhe über.

»Wie sieht’s aus?«, fragte der Kleine mit dem dicken Bauch.

»Schlecht, wenn ich mir anschaue, wie blass ihr zwei seid«, gab er sich die Antwort gleich selbst und kniete vor der Verletzten nieder.

Der zweite Ersthelfer machte einen weniger fröhlichen Eindruck und hob entschuldigend die Schultern, bevor er seinen silbernen Koffer öffnete.

Waldinger war nicht zu Scherzen aufgelegt, zwängte sich am Lieferwagen vorbei und holte seine Kamera aus dem Auto.

Er fotografierte die Unfallstelle von allen Seiten.

Er versuchte, für ein weiteres Foto auf die Begrenzungsmauer zu klettern. Diese war kalt und glitschig. Er wischte sich die Finger im Gras ab. Keine Chance.

Er ließ die Männer ihre Arbeit tun und machte sich Notizen. Die Versorgung der Verletzten verwischte viele Unfallspuren. Willi von der Spurensicherung würde nicht erfreut sein. Die zwei Bezauer Gendarmen standen verloren in der Gegend herum.

»Sperrt ihr die Straße ab?«, fragte Waldinger.

Der Schnauzer nickte und öffnete den Kofferraum des Polizeiwagens.

Während die junge Frau Infusionen bekam, ohne das Bewusstsein zu erlangen, traf Waldingers Kollegin Koch ein. Sie wirkte mit ihrem unfrisierten Kurzhaarschnitt recht zerknittert.

»Morgen«, murmelte Waldinger.

»Wer ist sie?«, fragte Koch.

»Keine Ahnung.«

»Glaubst du, sie überlebt das?«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht sollten wir anfangen zu beten. Mehr können wir im Moment nicht für sie tun.«

»Während du betest, nehme ich die Aussage dieses jungen Mannes auf«, meinte Koch. Der Fahrer stand mit hängenden Schultern im Scheinwerferlicht. »Stell das Radio aus«, forderte sie. »Wir sind hier nicht auf der Straße nach Mendocino.«

Waldingers Gedanken drehten sich um das Unbegreifliche:

Wer lässt ein schwer verletztes Mädchen am Straßenrand liegen?

Kann es ein Einheimischer gewesen sein? Diese Straße wird nur selten benutzt. Schon seit Jahrzehnten gab es die Umfahrung im Tal, der Bregenzerache entlang. Ortsunkundige würden in der Nacht nicht diese vermeintliche Abkürzung nehmen.

Er versuchte, einen weiteren Blick auf das Mädchen zu werfen.

Wie alt mochte sie sein? Der Kleidung und der zarten Figur nach zu urteilen, war sie noch nicht älter als zwanzig. Eher jünger.

Die zwei Polizisten aus Bezau hatten die Unfallstelle von beiden Seiten gesichert und ließen Streichhölzer aufflammen. Sie lehnten sich an ihren Wagen.

Koch nahm die Personalien des Lieferwagenfahrers auf. Waldinger gesellte sich zu ihnen.

Der Mann versuchte, mit dem Fingernagel des rechten Zeigefingers die restlichen Nägel sauber zu kriegen. Es klappte nicht.

»Wo wolltest du hin?«, fragte Waldinger.

»Ich bringe die Zeitungen in den hinteren Bregenzerwald.«

»Sind auf dieser Straße öfters Fußgänger in der Dunkelheit unterwegs?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Was heißt, glauben?«, fragte Koch.

»Mir ist noch nie einer begegnet. Höchstens ein Hase oder ein Reh oder ein Fuchs.«

»Autos?«, unterbrach Waldinger ihn.

Der Langhaarige gab auf und steckte die Hände in die Jackentaschen.

»Autos, ja, ab und zu. Und sie fahren so schlecht rückwärts. Hier ist es ja zu schmal für zwei.«

»Du rechnest auf dieser Strecke morgens zwischen halb vier und vier mit Gegenverkehr?«, hakte Koch nach.

»Am Wochenende, wenn sie auf der Bundesstraße Alkoholkontrollen machen. Die Polizei, aber das wisst ihr ja.«

»Dann fahren die betrunkenen Idioten über diese enge Bergstraße?«, fragte Koch.

Der Fahrer nickte.

Waldinger kratzte sich am Kinn.

Seine Gedanken behielt er für sich.

»Früher haben wir das auch gemacht.«

Die Sanitäter hoben das Mädchen mit einer Trage in den Rettungswagen. Die pinkfarbene Mütze umrahmte weiter ihr blasses Gesicht.

Der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein und fuhr vorsichtig retour. Bei der Ausweichstelle wendete er mit viel Mühe, schaltete das Blaulicht ein und gab Gas.

Kurz darauf parkte ein weiteres Fahrzeug auf der kleinen Ausweichmöglichkeit etwa hundertfünfzig Meter unterhalb der Unfallstelle. Die Scheinwerfer erloschen, der Motor ging aus.

Zwei Türen wurden zugeschlagen.

»Ich denke, da kommen die Kollegen von der Spurensicherung.« Waldinger deutete in den Nebel.

Zwei stumme Gestalten nahmen Konturen an.

»Morgen.« Elke Düringer legte ihren Koffer auf den feuchten Asphalt.

»Scheiß Nebel«, knurrte Willi. »Hat jemand Fotos gemacht?«

Waldinger nickte zögerlich. »Ich weiß nicht, ob du sie brauchen kannst, aber ich habe Skizzen gezeichnet.« Er klopfte auf seine Lederjacke, das rote Notizheft sicher in der Innentasche verwahrt.

Um die Spurensicherung bei ihrer Arbeit nicht zu stören, zogen Waldinger und Koch sich zurück. Schweigend lehnten sie an der alten Steinmauer.

Einer der Polizisten aus Bezau zog eine Schachtel Ernte hervor und bot jedem eine an. Koch zögerte kurz.

»Danke«, sagte sie und ließ sich Feuer geben. Waldinger runzelte die Stirn. Der Rauch stieg in dünnen Fäden auf und verband sich mit dem Nebel.

Martin Willi stellte sich direkt vor einen Scheinwerfer des Lieferwagens und steckte seine Rechte in eine Handtasche mit der Aufschrift »Wälderin«. Er brachte einen abgenutzten Schülerausweis zutage. Diesen reichte er Waldinger kommentarlos und vertiefte sich sogleich wieder in seine Arbeit.

Waldinger trat vor den anderen Scheinwerfer und betrachtete das Foto. »Ein hübsches Mädchen«, dachte er, »sie kommt mir bekannt vor.«

»Ich müsste los«, der Lieferwagenfahrer trat von einem Bein aufs andere. »Die Leute warten nicht gerne auf die Zeitung, die beschweren sich immer, wenn’s mal ein paar Minuten später wird.«

»Hast du Namen und Telefon?«, fragte Waldinger Koch.

Sie nickte.

»Dann fahr zu, wir melden uns.«

Waldinger setzte sich in seinen Wagen und zündete das Oberlicht an. Er drehte den Ausweis um:

Judith Gasser, wohnhaft in Schnepfegg 68.

Das musste das Berghaus sein, das einzige ganzjährig bewohnte Haus in der Parzelle Schnepfegg, soweit Waldinger wusste.

Er sah ein anderes Bild vor sich: eine junge Kellnerin in einem modernen Dirndl mit zwei glänzenden Zöpfen, die ihm ein großes Bier an den Tisch brachte. »Zum Wohlsein.«

Das...



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