E-Book, Deutsch, 318 Seiten
Ali Das Flüstern des Orangenbaums
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96148-898-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman - Ein historisches Epos über Orient und Okzident sowie die Vermessung der Welt
E-Book, Deutsch, 318 Seiten
ISBN: 978-3-96148-898-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tariq Ali wurde 1943 in Lahore/Pakistan geboren. Als 20-Jähriger emigrierte er nach London, wo er Politik und Philosophie studierte und Ende der 60er-Jahre zum Führer der englischen Studentenbewegung wurde. Heute arbeitet er als Schriftsteller, Filmemacher und Journalist. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zur Weltgeschichte und -politik, Bühnenstücke und Drehbücher, bevor ihm mit seinem ersten historischen Roman »Im Schatten des Granatapfelbaums« direkt der Sprung auf die Bestsellerlisten gelang. Bei dotbooks veröffentlichte Tariq Ali seine Orient-Romane »Das Flüstern des Orangenbaums«, »Im Schatten der Akazie«, »Die Gärten von Marmara« und »Die Nacht des goldenen Schmetterlings«.
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Kapitel 1
Siqilliya 1153 –1154
Idrisis Gedanken zu Anfängen und zufälligen Begegnungen. Sein erstes Zusammentreffen mit Rujari.
Der erste Satz ist entscheidend. Das sagte ihm sein Gefühl, und das hatte er bei der Beschäftigung mit alten Handschriften gelernt. Wie gut die Alten dies verstanden, wie sorgfältig sie ihre Anfänge wählten, wie leicht ihnen die Arbeit von der Hand gegangen sein musste, nachdem sie einmal diese Entscheidung getroffen hatten. Wo anfangen? Wie anfangen? Er beneidete sie um die Möglichkeiten, die ihnen ihre Welt geboten hatte, um die Fähigkeit, nach Wissen zu suchen, wo immer sie beginnen wollten.
Die Menschen des Buches beharrten darauf, dass alles Wissen vor der Zeit ihrer eigenen Propheten wertlos sei. Doch seine Mutter hatte ihn gelehrt, dass sie damit nur ihre eigene Ignoranz offenbarten. Sie hatte erzählt, wie bei der Einnahme Qurtubas ihr Großvater, ein in der Stadt hoch angesehener Mathematiker, öffentlich gedemütigt und zusammen mit achtzig anderen Gelehrten dem Schwert übergeben worden war. Eine ganz besondere Elite von Kriegern des Propheten – Männer, die das Wissen mehr fürchteten als den Tod – hatte die Gelehrten ausgewählt und geköpft. Die Eiferer, die im Namen der Religion töteten, nannten die Welt der Alten das »Zeitalter der Unwissenheit«, eine Welt, in der die Menschen noch nicht die heilige Pflicht erfüllen mussten, einen einzigen Gott anzubeten. Zweifellos hatten sie Gott nach Herzenslust gelästert. Eine Welt ohne Abtrünnige! Schnell huschte ein Lächeln über sein Gesicht, bevor der Schatten sein Antlitz wieder verdunkelte.
Anders als wir, dachte er. Wir sind dazu bestimmt, im Strudel der ewigen Wiederholung zu ertrinken. Im Namen Allahs des Barmherzigen und Muhammads, seines Propheten, seines treuesten Boten. Der einzige Trost lag darin, dass die Gott lästernden Nazaräer noch viel schlimmer waren. Wie konnte Allah der Vater nur von Isa allein sein? Wie konnte der Allmächtige nur einen einzigen Sohn hervorbringen? Und warum hatten sich die Nazaräer diese Lüge ausgedacht? Wohl weil sie der römischen Welt und ihren Göttern zeitlich näher waren. Um die Menschen zu bekehren, mussten sie ihrem Glauben ein Quäntchen Magie zusetzen. Er wünschte sich von ganzem Herzen, dass sie die alten Götter oder zumindest die besten von ihnen behalten hätten. Zeus hätte doch Isas Vater sein können, oder Apollo, Ares oder Poseidon ... nein, Poseidon nicht. Was für eine dumme Idee. Mariam lebte weit entfernt vom Meer, und Yusuf war kein Fischer. Vielleicht hatte der hinkende, lüsterne Hephaistos ... Idrisi trat hinaus auf das Deck des königlichen Schiffes und atmete ein paar Mal tief durch. Seine Lungen mit Seeluft zu reinigen, war zu einem Ritual für ihn geworden. Er lächelte. Bald würde die Sonne untergehen. Das Meer war noch ruhig, und mit Poseidons Wohlwollen würden sie Palermo ohne weiteren Sturm erreichen. Dies war seine letzte Reise vor der Vollendung des Buches. Das Schiff hatte die Insel zweimal umrundet, und er hatte jede Einzelheit seiner Karte von Siqilliya noch einmal anhand der tatsächlichen Küstenlinie überprüft. Von Zeit zu Zeit waren sie an Land gegangen, um die Fässer mit Trinkwasser zu füllen und die frischen Kräuter zu sammeln, die er brauchte, um seine Rezepturen auszuprobieren. Idrisi war Geograf wie auch Arzt. Obwohl die Reise noch nicht einmal einen Monat gedauert hatte, fühlte er sich erschöpft. Er schlief mehr als sonst, und in den meisten Träumen ging er in seine Kindheit zurück – er sah seine Mutter, wie sie zu den Sternen hinauf blickte, die gepflasterten Straßen von Noto, die Narben der Blitzschläge an den Baumstämmen, die Frauen beim Melken von Kühen und Ziegen, das pockennarbige Gesicht seines Vaters. Wenn er sich allerdings am Nachmittag hinlegte, träumte er stets von Mayya, meist den immer gleichen Traum ohne größere Variationen. Sie lagen eng umschlungen nackt nebeneinander, nachdem sie sich geliebt hatten. Schauplatz war immer ihr Schlafgemach im Palastharem, vor dem die Eunuchen Wache standen. Sonst geschah nichts. Die Wiederholung ärgerte ihn so sehr, dass er sogar kurz daran dachte, zum Traumdeuter zu gehen, aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Gestern Nacht hatte er zum ersten Mal einen anderen Traum gehabt. Er stand als Krieger in der Schlacht, doch beim Aufwachen erinnerte er sich nicht mehr an den Feind. Jetzt beobachtete er vom Deck aus das Farbenspiel des Meeres und fragte sich, ob er als Soldat etwas getaugt hätte. Er war mittelgroß mit sanften Zügen und einer weichen, hellen Haut, als ob sein Geschlecht erst in letzter Minute festgelegt worden wäre. Die Sonne hatte sein Gesicht gebräunt, wodurch das Weiß des Bartes noch deutlicher hervortrat. Der war im Stil eines Gelehrten aus Qurtuba sorgsam gestutzt. Mit seinen achtundfünfzig Jahren hatte er ein Alter erreicht, in dem die meisten Männer eher an die Vergangenheit als an die Zukunft denken. Das wäre bei ihm nicht anders gewesen, wenn ihn nicht ein gewaltiger Groll vorwärts getrieben hätte, von dem nur seine beiden engsten Freunde wussten – und selbst die konnten seine Gründe nicht verstehen. Für den Sultan und die Höflinge im Palast von Palermo war er ein Gelehrter von Bedeutung und ein ruhiger, gelassener Mensch. Sie ahnten nichts von dem, was hinter der Maske lag, wussten nicht, dass er sich insgeheim über die seltsamsten Dinge aufregte. Einmal hatte sein engster Freund Ibn Hamid, dessen Herz in großer Bedrängnis war, zum Himmel hinaufgeschaut und gemurmelt: »0 Poesie der Sterne«, und Idrisi war in Wut geraten und hatte ihm eine Lektion zur Astronomie und zur Bewegung der Erde erteilt. Hatte Ibn Hamid gemerkt, wie sich der Lauf jede Nacht wiederholte? Die Alten hatten versucht, die Geheimnisse der Himmel zu durchdringen, aber sie waren gescheitert. Wenn er Recht hatte, dann irrte al-Koran, doch wer war dann für den Irrtum verantwortlich? Allah oder sein Prophet? Ibn Hamid bekam Angst, dass man seinen Freund der Blasphemie beschuldigen könne, und riet ihm, solche Fragen der Zukunft zu überlassen.
Idrisis Antwort war ein verächtlicher Blick und tagelanges Schweigen gewesen. Jetzt war auch Ibn Hamid gegangen und hatte seinen Freund noch isolierter auf der Insel zurückgelassen. Es waren böse Worte gefallen, Idrisi musste sich vorwerfen lassen, dass er den Fremden in die Hände arbeitete, die die Insel besetzt hielten.
Vielleicht, dachte Idrisi, hätte auch er gehen und sich in Ifriqiya niederlassen sollen oder vielleicht in Bagdad, wo der Kalif ein Patron der Denker und Dichter war. Doch eine zufällige Begegnung hatte sein Leben verändert. Unverhofft wurde ihm mehr Freiheit geboten, als er sich je hatte träumen lassen. Seine Gedanken sprangen zurück zu jenem Spätnachmittag, an dem er mit einer Sondergenehmigung in der Bibliothek des Palastes von Sultan Rujari in Palermo gearbeitet hatte. Wie ein Kind hatte er sich über jede neue Entdeckung gefreut. Er erinnerte sich an die Erregung, die ihn überkam, damals vor fast siebenundzwanzig Jahren, als er den ersten Blick auf das alte griechische Al-Homa-Manuskript warf. Konnte dies das Werk sein, von dem sein Urgroßvater väterlicherseits vor vielen, vielen Jahren in Malaka gesprochen hatte? Sein Großvater hatte die Erinnerung daran seinem Vater anvertraut, und er hatte noch die laute, etwas aufgeregte Stimme seines alten Vaters im Ohr, der die Geschichte gliederte, indem er sich an den spannenden Stellen die weißen Haare aus seinem noch immer dunkelbraunen Bart zupfte. Er sprach davon, wie die qadis, aus Angst vor der Macht der Dichtung und ihrer Kraft, Gläubige in die Irre zu führen, bestimmt hatten: Es seien nur drei Abschriften der arabischen Übersetzung zugelassen, damit Theologen die heidnischen Religionen studieren könnten, die das Zeitalter der Unwissenheit in Arabien geprägt hätten in jener Zeit, als unser Prophet geboren wurde.
Zwölf Männer wurden mit der Aufgabe betraut – die besten Übersetzer aus dem Griechischen, die die Werke von Galen und Pythagoras, Hippokrates und Aristoteles, Sokrates und Platon ebenso übersetzt hatten wie die Komödien des Aristophanes. All diese Werke gab es in der Bibliothek in Bagdad. Die Übersetzer jedoch durften, obwohl sie sorgfältig ausgewählte, zuverlässige Bedienstete des Palastes waren, nicht das ganze Werk lesen. Die Kalligraphen, die die Abschriften fertigten, hatten Stillschweigen schwören müssen. Falls sie jemals auch nur ein Wort über ihre Arbeit irgendeinem Menschen – auch ihren Ehefrauen und Geliebten – gegenüber fallen lassen sollten, würde die Strafe auf dem Fuße folgen: Das Krummschwert des Henkers würde ihnen mit aufblitzender Klinge den Kopf vom Körper trennen.
Sein Vater hatte gelächelt: »Drohungen wirken nicht in unserer Welt. Ohne diese Drohung hätten die Kalligraphen das Werk vielleicht abgeschrieben und sich dann ihrer nächsten Aufgabe zugewandt. So aber weckte die Gefahr ihre Neugier. Während elf von ihnen die Verfügung des qadi akzeptierten, schaffte es der zwölfte, die Hälfte des ersten Gedichts und einen Großteil des zweiten zu kopieren und an seine Familie in Damaskus zu schicken. Sein Sohn, ebenfalls ein Übersetzer, arbeitete später in der Schule von Toledo. Er heiratete eine Frau aus Qurtuba. Ihr Enkel entdeckte das unvollständige Manuskript, das unter al-Koran in einer alten Truhe verborgen lag, und gestattete meinem Urgroßvater, es in seinem Haus zu lesen. So entdeckte unser Vorfahr, dass das griechische Buch in geheimen Fächern in der Bibliothek von Palermo aufbewahrt worden war. Nur mit einer Sondererlaubnis des Kalifen durfte man als Gelehrter die geheime Abteilung der Bibliothek betreten.«
Irgendwann im Laufe seines ersten Jahres in der Bibliothek des alten Palastes von Palermo, der...




