E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Campion
Allingham Campion. Im Schatten der Vergangenheit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12469-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten
Reihe: Campion
ISBN: 978-3-608-12469-9
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Margery Louise Allingham (1904-1966) war eine englische Schriftstellerin. Sie wird neben Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Ngaio Marsh zu den »Queens of Crime«, den wichtigsten vier Autorinnen von Detektivromanen des goldenen Zeitalters, gezählt.
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•1•
»Hier ruht ein Wohltäter«
Wenn einer einen anderen verfolgt, mag der Verfolger oder der Verfolgte es noch so diskret anstellen: dennoch wird es in den Straßen von London nur sehr selten unbemerkt bleiben.
Und so gab es denn mindestens vier Personen, denen auffiel, dass der erst kürzlich zu den Großen Fünf beförderte Inspector Stanislaus Oates, als er den High Holborn entlangging, von einem kleineren, untersetzten, schäbig gekleideten Mann verfolgt wurde, der trotz allem das schwer definierbare Gebaren ehemaliger Kultiviertheit an sich hatte.
Der Inspector hatte die Hände in die Taschen seines Regenmantels gesteckt und den Kragen hochgestellt, dass dieser fast die Krempe seines abgetragenen Filzhutes berührte. Er hatte die Schultern hochgezogen, seine Füße waren nass, und schon sein Gang drückte deutliche Niedergeschlagenheit aus.
Es gab nur sehr wenige Anhaltspunkte für die Passanten, dass der untersetzte Mann, der der Schlepper eines Buchmachers hätte sein können, dem Inspector folgte. Er selbst wäre sehr erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, dass irgendjemandem sein Interesse für den Polizeibeamten aufgefallen war, aber die alte Mrs. Carter, die vor der Provincial Bank Blumen verkaufte, erkannte Mr. Oates, beobachtete den Mann, der sich an ihn gehängt hatte, und fragte sich, was er wohl vorhatte, fragte sogar laut ihre Tochter, die auf den Lieferwagen des Evening Standard mit der Spätausgabe wartete und ihre hochhackigen Schuhe voll Wasser bekam von der Flut, die den Randstein entlang in die Gullys sprudelte.
Dem Portier, der auf der Treppe des großen Hotels Anglo-American stand, fielen die beiden Männer ebenfalls auf; er war stolz darauf, dass ihm in der Regel nicht viel entging. Und auch Old Todd, der Fahrer des letzten Taxis in der Reihe vor der Staple Inn, vermerkte das Schauspiel ebenfalls, als er lustlos über die metallgerahmten Gläser seiner Brille hinweg den Gehsteig beobachtete, auf das Abendgeschäft wartete und sich überlegte, ob die eine noch funktionierende Bremse seines Wagens bei dieser verdammten Nässe ausreichen würde.
Und schließlich war sich auch der Inspector selbst über die Sachlage im Klaren. Man ist nicht fünfundzwanzig Jahre lang Polizeibeamter, ohne in besonderer Weise empfänglich zu werden für den Umstand, dass man nicht allein vor sich hinschreitet, und der stumme Begleiter in diskretem Abstand wird dabei ebenso real, als wenn er neben einem herginge.
Heute war sich der Inspector dieses Umstandes bewusst, nahm aber keine Notiz davon. Es gab vermutlich viele, die genügend Groll gegen ihn hegten, dass sie sogar einen Überfall auf Mr. Oates ins Auge fassen mochten, aber seines Wissens keinen, der das Risiko eingehen würde, einen solchen Versuch bei hellem Tageslicht und mitten im Herzen der Stadt zu unternehmen. Daher ging er platschend weiter durch den Regen, versunken in seine eigene, rein persönliche Depression. Dieser eher magere, gutmütige Mann, der nur um den Bauch herum einen Ansatz von Fett zeigte, wurde in Wahrheit von nichts Ernsterem als leichten Verdauungsbeschwerden geplagt, gepaart mit der unangenehmen Vorahnung, dass seine Glückssträhne zu Ende sei und in Kürze etwas Unangenehmes geschehen würde. Er war kein sonderlich phantasiebegabter Mensch, aber Vorahnung ist Vorahnung, und er war eben erst den Großen Fünf beigetreten, so dass sich seine Verantwortung für den Fall größerer Schwierigkeiten jedenfalls nicht verringert hatte. Außerdem waren da noch der Regen, das Verdauungsproblem, das ihn zu diesem Spaziergang veranlasst hatte, und noch einmal der Regen.
Mitten in diesem wütenden Sturm, der durch den Viaduct fegte, blieb er stehen und machte sich Vorwürfe. Die vage Gegenwart hinter ihm bereitete ihm noch den geringsten Kummer. Aber verdammt! Dieser Regen durchnässte ihn bis auf die Haut. Er befand sich in einer Gegend, wo es keine Hotels gab, und dank der Umsicht und Fürsorge einer großmutterhaften Regierung würde es noch eineinhalb Stunden dauern, ehe die Pubs öffneten. Die Hosenbeine klatschten ihm klamm um die Knöchel, und als er sich aufgerichtet hatte, ergoss sich ihm ein kleiner Wasserfall von der Hutkrempe in den Nacken.
Es gab tausend Dinge, die er hätte tun können. Er hätte sich ein Taxi zurück zum Yard oder zu einem Restaurant oder Hotel nehmen und sich dort in Ruhe und Gelassenheit trocknen lassen können, aber er befand sich nun einmal in einer merkwürdigen Stimmung und schaute sich jetzt nach allen Seiten angriffslustig um. Selbst der dienstjüngste Constable in diesem Revier musste ein schützendes Dach kennen, eine Zuflucht in dieser Wüste aus Bürohäusern, wo sich ein Mensch trocknen und wärmen und vielleicht ein verbotenes Pfeifchen rauchen konnte, in angenehmer, und sei es auch staubiger, Zurückgezogenheit.
In London gibt es wie in allen großen Städten, an denen tausend und mehr Jahre gebaut und wieder gebaut worden ist, alle möglichen Ecken und Winkel, kleine, vergessene Fleckchen wertvollen Bodens, die immer noch der Allgemeinheit gehören, und seien sie auch noch so versteckt zwischen den gewaltigen Steinmassen privaten Besitzes. Während er am Viaduct stand, musste Stanislaus Oates an die Zeit vor zwanzig Jahren denken, als er selbst noch Constable in London gewesen und frisch aus der Provinz in die große Stadt gekommen war. Sicher war er oft genug nach der letzten Runde in seinem Revier in Holborn auf dem Nachhauseweg durch diese langweilige Straße gekommen; bestimmt hatte es damals irgendeine stille Ecke gegeben, wo er die Antworten für das bevorstehende mündliche Examen präpariert hatte, das ihm im Frühjahr gedroht hatte, oder wo er einen absurd verklärten Bericht über seine Tätigkeit an seine vertrauensvolle und bezaubernde Marion geschrieben hatte, die damals noch in Dorset lebte.
Sicher, die Häuser hatten sich seit damals verändert, aber ihre Lage war geblieben. Die Erinnerung kehrte zurück, erst stückweise wie eine Landschaft, die man durch die Blätter eines Baums betrachtet, doch dann erinnerte er sich auf einmal an den modrigen Geruch warmer Säcke und heißer Wasserrohre. Und plötzlich fiel es ihm wieder ein: der dunkle Durchgang mit dem dünnen Lichtstrahl am Ende, die rote Tür mit dem Eimer davor und der Steinfigur gegenüber.
Augenblicklich besserte sich seine Laune beträchtlich, und er ging weiter, drang tiefer in die Stadt ein, bis ihn eine plötzliche Wende zu einem schmalen Bogengang brachte, der sich zwischen den palastartigen Eingängen von zwei Großhandelsfirmen hindurchzwängte. Die Pflastersteine in diesem Durchgang waren abgetretene, schmale Steinplatten, schief und schräg zusammengesetzt, und an der weißgetünchten Mauer war eine kleine, abgeblätterte Schrift zu erkennen, geschwärzt vom Rauch und zusätzlich von der Dunkelheit in dem Durchgang überschattet, eine Schrift, die schlicht verkündete: ZUM GRAB.
Und diesen Durchgang betrat Inspector Stanislaus Oates, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern.
Nach etwa fünfzehn Metern kam er in einen kleinen Hof, der in all den Jahren, seit er ihn entdeckt hatte, und vermutlich auch die letzten hundert Jahre davor, unverändert geblieben war. Hier ragten braunschwarze Gebäude auf allen vier Seiten steil in die Höhe und ließen nur einen kleinen Ausschnitt eines grauen, unfreundlichen Himmels frei. Der Anlass für diesen merkwürdigen Luftschacht inmitten eines alten Gebäudeblocks nahm den größten Teil des Hofs in Beschlag und bestand aus einem Rechteck spärlichen, gelblichen Rasens, der von einem niedrigen Geländer umgeben war, und in seiner Mitte erhob sich das in Stein gehauene Abbild eines Mannes in Wams und Kniehose. Eine Tafel am Postament der Statue verkündete den Neugierigen:
SIR THOMAS LILLYPUT
ER KAUFTE DIESES LAND, DASS SEINE GEBEINE DORT RUHEN SOLLEN.
STÖRT IHM DIE RUHE NICHT, DASS NICHT DEREINST DIE EURE EBENSO GESTÖRT.
LORD MAYOR VON LONDON, 1537
und darunter, in einer moderneren Schrift:
Hier ruht ein Wohltäter.
Dass keiner seine Gebeine entferne.
Die frommen oder vielleicht auch abergläubischen Magnaten eines späteren Londons hatten bisher Sir Thomas und seine letzte Ruhstätte immerhin respektiert und ihre Geschäftsbauten um ihn herum und nicht direkt darüber oder darunter errichtet.
Die Erbauer des Blocks über dem Durchgang hatten jedoch den Hof als einen Zugang für Kohlentransporte genutzt, da die eigentliche Zufahrt zu schmal war, als dass man sie als Wareneinfahrt hätte benützen können, und die rote Tür rechts von dem Standbild, an die sich der Inspector erinnert hatte, führte denn auch in den etwas archaischen Heizungskeller der alten Firma, die sich in dem östlichen Gebäude befand.
Die Tür wurde durch einen Eimer offen gehalten, genau wie damals. Es schien sogar derselbe Eimer wie damals zu sein, stellte der Inspector mit sich belebendem Blick fest, und er fragte sich schon, ob auch der alte Foxie – der Name fiel ihm mit herzerwärmender Vertrautheit wieder ein – immer noch für den Betrieb der Heizung sorgte. Mit jedem Schritt schwand seine Depression; er kam geradezu beschwingt näher und widerstand mit Mühe der verrückten Versuchung, dem alten Eimer einen Tritt zu geben, als er an ihm vorbei in das Halbdunkel des Heizungsraums trat.
»Und da, mein lieber Watson, kommt, wenn ich mich nicht sehr irre, unser Klient«, sagte eine Stimme aus dem Halbdunkel. »Aber nein! Großer Gott! Die Polizei!«
Nach kurzer Überraschung fuhr der Inspector herum und stand einem jungen Mann gegenüber, der etwas unsicher auf einem Trümmerhaufen in der warmen, modrigen Zuflucht des Heizungskellers hockte. Ein Lichtstrahl aus der Feuerung fiel auf die Gestalt und zeigte sie in...




