E-Book, Deutsch, 230 Seiten
Almaas Essentielles Sein
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86781-153-8
Verlag: Arbor
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Bedeutung des Lebens
E-Book, Deutsch, 230 Seiten
ISBN: 978-3-86781-153-8
Verlag: Arbor
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mit diesem Buch liegt nun der dritte Band der besonders populären Diamond Heart Series auch in deutscher Sprache vor.
In dieser Reihe sind Vorträge von A.H. Almaas zu wesentlichen Fragen des menschlichen Lebens und der inneren Suche zusammengestellt. Auch geht er ausführlich auf typische Fragen zu verschiedenen Themen ein, die auf dem Weg zu innerer Verwirklichung von Bedeutung sind.
Die Bücher der „Diamond Heart Series“ sind revolutionär in ihrer Synthese westlicher und östlicher Ansätze – in ihrer Zusammenführung psychologischer und spiritueller Entwicklung. Almaas schreibt aus unmittelbarer persönlicher Erfahrung, und seine Sprache hat wie jeder Ausdruck unvergänglicher Weisheit die einfache Kraft und den tiefen Klang der Wahrheit.
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Die Flamme der Suche
Warum bin ich hier? Wohin gehe ich? Wir müssen schauen, wie ehrlich wir mit uns sein können, wenn wir versuchen, diese Fragen zu beantworten. Diese beiden Fragen hängen miteinander zusammen. Die meisten Menschen denken nämlich, sie wären hier, weil es ein Ziel gibt; sie wollen irgendwohin gehen. Wohin wollt ihr gehen? Ihr glaubt wahrscheinlich, ihr wißt es - oder? Glaubt ihr, daß ich weiß, wohin ihr gehen sollt? Wenn ihr glaubt, daß ich es weiß, kann ich es euch dann sagen? Und wenn ich es euch sage, werdet ihr dann folgen? Könnt ihr mir folgen?
Das sind Fragen, die ihr mit eurem Verstand (mind) nicht beantworten könnt. Das sind Fragen, die Fragen bleiben sollten. Versucht nicht, sie einfach mental zu beantworten. Diese Fragen sind wie eine Flamme. Wenn ihr sie mit eurem Verstand beantwortet, dann löscht ihr die Flamme, weil der Kopf die Antworten auf diese Fragen nicht weiß und nicht wissen kann. Wenn ihr sie mit eurem Kopf beantwortet und glaubt, ihr wißt, dann ist die Frage verschwunden. Wenn ihr glaubt, daß ihr solche Fragen beantwortet habt, dann ist die Flamme aus und ihr forscht nicht mehr.
Wenn ihr euch auf dieser Ebene mit Antworten einrichtet, dann lebt ihr wie die meisten Menschen, die davon ausgehen, daß sie wissen, warum sie hier sind und wohin sie gehen. Solch ein Leben fühlt sich typischerweise flach und bedeutungslos an. Ein Leben ohne fundamentales Infragestellen ist ein Leben, das nach Formeln gelebt wird, nach dem, was man von anderen gehört hat. Aber warum solltet ihr glauben, was andere euch über das Leben erzählen? Ihr wißt eigentlich nicht, was für euch wahr ist, was für euch wichtig ist, was für euch richtig ist.
Es ist besser unwissend zu bleiben, als Wissen vorzutäuschen. Wenn ihr wißt, daß ihr unwissend seid, und nicht etwas anders vorgebt, dann ist da eine Frage, die lebendig bleibt und weiter in euch brennt, ein tiefer Hunger nach Wahrheit.
Wenn ihr jeden Augenblick eures Lebens betrachtet, zum Beispiel diesen Moment, dann seht ihr, daß ihr die meiste Zeit über glaubt, ihr wüßtet, was in diesem Moment das Beste für euch ist. Ihr denkt, fühlt und verhaltet euch so, als wüßtet ihr, was geschehen soll, als wüßtet ihr, was ihr wollt und was zu wollen wichtig ist. Ihr lebt euer Leben von Moment zu Moment in dem Glauben, daß ihr wißt, wie ihr sein solltet. Woher kommt dieses Wissen?
Das meiste stammt aus eurer frühen Kindheit, sowohl aus dem, was euch unmittelbar beigebracht wurde, als auch aus dem, was ihr indirekt aus eurer Umgebung aufgenommen habt. Manches stammt aus dem, was ihr gehört oder gelesen habt. Es ist konditioniertes Wissen. Was auch immer seine Quelle ist, konditioniertes Wissen ist für die Beantwortung fundamentaler Fragen, wie der Frage danach, warum wir hier sind, nutzlos. Das konditionierte Wissen sagt, daß ich hier bin, damit ich glücklich werde, erfolgreich werde, es mir gut gehen lasse, das bekomme, wovon ich glaube, daß ich es möchte, damit ich meine Träume erfülle, jemanden bekomme, der mich liebt, oder viel Geld verdiene. Die Konditionierung ist einfach ein Überlebensmechanismus. Ihr habt überlebt, ihr seid hier - also hat das Wissen seine Funktion erfüllt und tut es immer noch. Wenn ihr weiter bloß überleben wollt, dann tut das von mir aus. Aber wie unterscheidet ihr euch dann von einem Tier, einem Insekt, das geboren wird, lebt und stirbt?
Woher wißt ihr, daß das Wissen, welches ihr von anderen bekommt, die Wahrheit ist? Woher wißt ihr, daß eure Lehrer, ja selbst die großen Philosophen, die Antwort haben, die für euch paßt? Jesus hat gesagt, daß ihr euren Nächsten lieben sollt. Wißt ihr wirklich, daß es das ist, was ihr tun müßt? Buddha hat gesagt, daß Erleuchtung das Beste ist. Woher wißt ihr, daß es das ist, was ihr braucht?
Manche Leute sagen, ihr müßt lernen, ihr selbst zu sein. Das klingt gut. Manche sagen, ihr sollt frei sein von eurer Persönlichkeit und eure Essenz entwickeln. Das klingt toll. Woher wißt ihr, daß das eure Probleme lösen wird? Ihr wißt nicht wirklich, ob irgendeine dieser Ideen für euch von Bedeutung oder wahr ist. Ihr könnt das nicht mit Sicherheit wissen, bevor ihr selbst experimentiert und aus eigener Erfahrung gelernt habt. Bis dahin beruht euer Handeln auf Überzeugung oder Glauben (faith or belief). Wenn ihr ohne es in Frage zu stellen davon ausgeht, daß das, was jemand sagt, die Wahrheit ist, dann wird eure innere Flamme erlöschen. Ihr werdet glauben, die Fragen beantwortet zu haben, wenn ihr sie noch längst nicht beantwortet habt; jemand anders hat das getan. Und er hat sie nicht für euch beantwortet, sondern für sich selbst. Wir beruhigen uns mit dem Glauben, daß andere wissen und wir ihr Wissen benutzen können. Das ist ein sehr beruhigender Gedanke; er bestärkt uns darin, faul zu sein. Wir beruhigen uns damit, daß wir uns sagen: „Jemand anders weiß, und irgendwann werde ich dazu kommen, es zu studieren. Das Wissen existiert schon und steht mir immer zur Verfügung.“
Aber wißt ihr, ihr selbst, wirklich in eurem Herzen, was geschehen soll? Erlaubt ihr euch selbst jemals, wirklich zu fragen, eine brennende Frage in euch zu tragen - und die Flamme nicht schnell mit der ersten Antwort auszulöschen, die ihr hört? Ihr löscht die Flamme, damit ihr zu eurem Gefühl von Bequemlichkeit und Sicherheit zurückkehren könnt.
Jemand sagt euch, es wäre gut, aufmerksam zu sein, gewahr zu sein. Versucht ihr das, dann hilft es tatsächlich ein wenig - aber ihr wißt immer noch nicht, ob es die Antwort ist. Ihr wißt nicht, ob es wirklich euer Problem löst. Und wenn ihr glaubt, daß ihr es wißt, dann belügt ihr euch selbst. Ihr müßt die Frage lebendig halten, während ihr euch selbst erforscht.
Unsere Fragen danach, warum wir hier sind und wohin wir gehen, sind unbequem, aber sie sind echte Fragen für jeden Menschen. Wenn ihr sie nicht stellt und ihnen erlaubt, chronisch offene Fragen zu bleiben, dann werdet ihr niemals selbst wissen, worum es eigentlich geht. Ihr werdet nie wissen, wer ihr seid, warum ihr hier seid und wohin ihr geht. Euer Kopf ist voller Ideen und Träume und Pläne darüber, was euch erfüllen könnte, was euch glücklich machen, was euch befreien wird. Aber diese Ideen bringen die Frage zum Schweigen, beruhigen euren Verstand (mind) und löschen die Flamme.
Fangt also in dem Bewußtsein (awareness) an, daß ihr die Antworten nicht wißt. Und seid euch der fieberhaften Versuche eures Kopfes bewußt, euch davon zu überzeugen, daß ihr sie kennt. Es ist nicht nur so, daß ihr die Antworten nicht kennt, ihr wißt nicht einmal, ob diese Fragen überhaupt beantwortet werden können. Könnt ihr den Fragen erlauben, offen zu bleiben, wenn ihr nicht wißt, ob es eine Antwort gibt? Könnt ihr so aufrichtig gegenüber euch selbst sein? Ihr glaubt, ihr wäret hier, weil ihr glaubt, hier etwas bekommen zu können, weil ihr glaubt, hier etwas erfahren zu können, weil ihr hofft, hier eine gewisse Freiheit finden zu können. Aber wißt ihr das wirklich? Seid ihr sicher, daß das, was wir hier tun, richtig für euch ist? Könnt ihr jemals sicher sein, wenn ihr diese Frage nicht für euch selbst beantwortet?
Vielleicht kennt ihr die Vorstellung, daß ihr andere lieben müßt, wenn ihr selbst geliebt werden wollt, daß ihr selbstlos sein sollt. Das klingt gut. Das ist das, was die großen Meister sagen. Aber für euch ist es Hörensagen, ein Gerücht, eine Möglichkeit, die es wert ist, untersucht zu werden. Es ist noch nicht Wissen. Ist es möglich, eure Vorstellungen, eure Gedanken, euer Wissen beiseite zu lassen und die Untersuchung zuzulassen? Könnt ihr die Frage so stehen lassen? Könnt ihr eine Weile all eure Formeln vergessen, alles was ihr gehört oder gelesen habt, alles was eure Eltern gesagt oder nicht gesagt haben, was all die großen Lehrer gesagt haben, und mit der Frage allein bleiben? Warum seid ihr hier? Wohin geht ihr? Worum geht es eigentlich? Könnt ihr diese Frage in aller Intensität zulassen - könnt ihr diese Flamme in euch brennen lassen, ohne sie mit einer Antwort löschen zu müssen?
Können wir dieses Forschen in uns, in unserem Herzen, in unserem Bauch, in unserem Sein tiefer werden lassen? Können wir unser Sein ein Fragezeichen, eine Sehnsucht sein lassen? Es ist eine Suche ohne Motiv, eine Suche, die nicht von der Idee eines irgendwohin Gehens abhängt. Es gibt kein Ziel in Sicht, deshalb wird die Frage eine Flamme, die weiter brennt und mit der Zeit intensiver wird. Deckt sie nicht zu, löscht sie nicht aus, und laßt sie nicht ausgehen; laßt sie einfach sein. Laßt sie euch verzehren. Laßt sie all eure Ideen und Überzeugungen davon wegbrennen, wie die Dinge sein sollten. Laßt sie all eure Konzepte von Gut und Böse wegbrennen. Laßt dieses Forschen sich vertiefen und ausdehnen, damit ihr vergessen könnt. Laßt alles los, was ihr gelernt habt ... wenigstens für eine gewisse Zeit.
Könnt ihr als eine Frage, als ein Forschen nach der Wahrheit existieren? Seid ihr bloß hier, um zu leben, zu arbeiten, zu essen, zu lieben, zu hassen, um Kinder zu haben und zu sterben? Könnt ihr loslassen, was ihr zu besitzen glaubt? Kann sich euer Geist (mind) all euren Besitzes, eurer Überzeugungen, Theorien, allen Wissens, allen Verstehens entledigen und einfach als eine Suche, als ein reines Forschen verweilen, das nicht von irgend jemandem oder irgendetwas beeinflußt ist, nicht einmal von eurer eigenen Vergangenheit? Auch wenn ihr in der Vergangenheit Liebe und Freiheit und Entspannung und so weiter empfunden habt – was läßt euch glauben, daß ihr diese Dinge in diesem Moment braucht? Die Einsichten, die ihr in der Vergangenheit hattet, waren vielleicht richtig – aber woher wißt ihr, daß sie das sind, was ihr...




