E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Almeida / Kegler Der treue Verstorbene
Erstauflage 2020
ISBN: 978-3-88747-402-7
Verlag: Transit Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-88747-402-7
Verlag: Transit Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Germano Almeida erhielt 2018 den Prémio Camões, den wichtigsten Preis für Literatur in portugiesischer Sprache. Germano Almeida, geboren 1945 als Sohn eines Zimmermanns auf der Insel Boa Vista der damals portugiesischen Kolonie Kap Verde, Studium in Lissabon. Nachdem Kap Verde sich 1975 von Portugal im Zuge der Nelkenrevolution für unabhängig erklärt hatte, wurde Almeida 1976 Generalstaatsanwalt der Inselgruppe. 1979 Umzug nach Mindelo (Insel São Vicente), Arbeit als Anwalt. 1989 erscheint sein erster Roman, O testamento do Senhor Napomuceno da Silva Araújo (Deutsch: 'Das Testament des Herrn Napumoceno', Unionsverlag); Seither viele Veröffentlichungen. Michael Kegler übersetzt seit Ende der 90er Jahre Literatur aus dem Portugiesischen, darunter Werke von José Eduardo Agualusa (Angola), Paulina Chiziane (Mosambik), Gonçalo M. Tavares (Portugal). 2014 erhielt er für seine Arbeit den Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW und 2016 gemeinsam mit dem brasilianischen Schriftsteller Luiz Ruffato den Internationalen Hermann-Hesse-Preis.
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II
Die Szene war so real gewesen, dass er nach dem Aufschrecken noch eine ganze Weile die Haut um sein Herz herum betrachtete und betastete und sich wunderte, dass er ein weißes Hemd anhatte, an das er sich gar nicht erinnerte, und nach Einschusslöchern, Schmauchspuren oder Blut suchte. Verdammt, sagte er laut und versuchte aufzustehen, was nicht einfach war, weil ihm im Schneidersitz die Beine eingeschlafen waren und nun kribbelten wie ein Ameisenhaufen. Er stakste noch etwas durch den Raum, bis er wieder einigermaßen beweglich war: Ich gäbe was darum, sehen zu können, wie Ed mich ermordet, grinste er in sich hinein, nur zu gern wüsste ich, wie er das den Leuten und später dann vor Gericht erklären würde. Er ging noch etwas in der Wohnung auf und ab und stellte sich dann ans Fenster, um auf die Straße herunterzuschauen, die um diese Nachmittagsstunde vollkommen leer war, keine Menschenseele zu sehen, nicht einmal die Sonne brannte, es war eher mild, und ein lauer Wind strich sanft über seine Haut. Dann fiel sein Blick auf den Garten und er ließ ihn lang auf den Pflanzen verweilen, die ihm so viel Arbeit und zugleich so viel Freude bereiteten, erst in dem endlosen Kampf gegen Schädlinge, die all das zu vernichten, später dann, wenn er sie wie ein fröhliches Lächeln in Richtung des Lebens triumphierend erblühen sah. Nun aber war es schon fast Zeit für die Lesung, er hatte sich in Gedanken vertrödelt, also beeilte er sich und ging schnell ins Bad.
Lange schon lebte er praktisch allein, seit Mariza, seine Lebensgefährtin in all den Jahren der Schriftstellerei, in Urlaub gefahren war in die Vereinigten Staaten, wo sie Verwandte hatte, und nie mehr wiedergekommen war. Sie hatten sich auf einem Fest kennengelernt, als sie einmal gleichzeitig die Ferien auf São Vicente verbracht hatten, hatten ein paarmal miteinander getanzt und sich lustig gemacht darüber, wie euphorisch die Leute die einfache Tatsache feierten, dass ein Jahr herum war, hatten über die Frauen in ihren viel zu engen Kleidern geschmunzelt und waren dann, als sie feststellten, dass man sich im geschlossenen Raum gar nicht richtig unterhalten konnte, hinausgegangen an die frische Luft, waren schon damals ohnehin beide der Meinung, längst nicht mehr in dem Alter zu sein, in dem man solche Albernheiten noch stundenlang aushalten konnte. Dann waren sie mir nichts dir nichts am Strand von Lajinha, hatten beim Spazierengehen weiter miteinander geplaudert. Es stellte sich heraus, dass sie nach einem Studium in Sprachen und Literatur nun an einer Oberschule bei Lissabon unterrichtete, aus Überzeugung oder zumindest eigenem Entschluss nicht verheiratet war, da sie sich bis dahin noch nie wirklich mit dem Gedanken hatte anfreunden können, mit einem Mann wirklich gemeinsam unter einem Dach zu leben. Sie stammte aus Mindelo, aus einem kleinbürgerlichen, sehr katholischen Elternhaus fast direkt neben der Kirche Nossa Senhora da Luz, die Familie war also eher zwangsläufig fromm, denn aus tiefer Seele. In die Kirche zu gehen war geradezu Pflicht (ihre Mutter ging beinahe täglich zur Kommunion, außer an Wochentagen, an denen sie sich erklärtermaßen zur Beichte verpflichtet fühlte), war dann zum Studieren nach Lissabon gegangen, wo sie sich unter anderem von der Kirche befreit und sie gegen Bücher, Kino, Parties, Freunde und Liebschaften eingetauscht hatte, ein ziemlich anderes Leben also, als sie es bis dahin von den Kapverden gekannt hatte. Ein einziges Mal war sie seitdem noch einmal dort gewesen, direkt nach dem ersten Jahr, und hatte sich ziemlich gewundert, wie streng ihre Eltern sie wieder unter ihre Fittiche hatten nehmen wollen, ihr vorschreiben, wann sie zu Hause sein musste, natürlich nie später als Mitternacht, wo sie sich aufhalten durfte und wo nicht… Ihr habt vergessen, dass ich fast ein Jahr ganz alleine im Ausland war und ihr habt nie wissen können, wann und mit wem ich unterwegs war oder nach Hause gekommen bin, was ich getan und gelassen habe, lasst mir doch bitte meinen eigenen Kopf und mich auf mich selbst acht geben, ich habe Anstand genug, um zu wissen, was ich will und was ich tue. Aber die Eltern hatten sich unbeeindruckt gezeigt, deswegen war sie dann nie mehr in den Ferien zurückgekehrt, war lieber anderswohin gefahren und hatte nach dem Studium angefangen als Lehrerin zu arbeiten. Es war nicht geplant gewesen, nie mehr zurückzukommen, aber es hatte sich so ergeben, sie hatte es immer wieder aufgeschoben, bis sie in der Lage wäre, nicht allzu lang mehr im Haus ihrer Eltern sein zu müssen. Dann war die Nelkenrevolution gekommen, die Kapverden waren unabhängig geworden, worüber ihr Vater sich nicht sehr gefreut hatte und schließlich nach ein paar Jahren, da er sich selbst als waschechter Portugiese empfand, ins frühere Mutterland gezogen war. Sie hatte noch etwas länger gezögert bezüglich der eigenen Staatsangehörigkeit, hatte sich dann aber pragmatisch und weil sie tatsächlich erst einmal in Portugal bleiben wollte, genauso dafür entschieden, Portugiesin zu bleiben. , die Kurzfassung meiner Biografie. Wir tauschen wohl gerade virtuelle Visitenkarten, hatte er gelacht, und um Ihnen nichts schuldig zu bleiben, kann ich von mir sagen, dass ich auch nicht verheiratet bin, allerdings eher aus Mangel an Gelegenheit und nicht aus bewusstem Entschluss. Auch er lebte damals in Lissabon, spielte aber schon längst mit dem Gedanken, auf die Kapverden zurückzugehen, sich dort niederzulassen, Schriftsteller zu werden, schließlich habe er inzwischen dutzende Bücher im Kopf, die er zu Papier bringen wolle, dazu aber bräuchte er Ruhe und Frieden, und das sei im turbulenten Alltag von Lissabon kaum möglich. Das konnte Mariza bestätigen, aber lachend sagte sie, Frieden, wie er ihn ersehnte, werde er wohl nie allein finden, denn hinter einem großen Mann stünde bekanntlich immer eine ebenso große Frau, die ihm alles organisiert und für Ruhe und Frieden im Haus sorgt, ohne den sich ein Mann seiner Bestimmung nicht widmen könne. Wären Sie denn bereit, in dem Fall sich auf diese Position zu bewerben, hatte er ernsthaft gefragt, und sie hatte geantwortet, Wer weiß, man weiß nie, wie das Leben so spielt, aber müsste ich auf die Frage mit einem klaren ja oder einem deutlichen nein antworten, wie es auf Santiago heißt, müsste ich, obwohl ich wohl frei wäre, deutlich nein sagen, denn im Augenblick sehe ich mich nicht wieder auf den Kapverden. Je kleiner die Insel, desto größer die Hölle, wie die Kubaner sagen, in Lissabon können wir uns wenigstens einbilden, etwas Anonymität und Freiräume zu haben. Was natürlich auch nur ein Gemeinplatz ist, sagte er, denn wie groß der Raum auch sein mag, in dem wir uns aufhalten, gestalten müssen wir unsere Welt sowieso selbst, sie von äußeren Einflüssen fern halten oder sie wenigstens auf ein notwendiges Minimum einschränken. Dann hatten sie wieder schweigend hinaus auf die ruhige Bucht geschaut, wo im Hintergrund schon Santo Antão zu erkennen war. Nur noch gelegentlich hörte man etwas Feierlärm aus der Stadtmitte. Als sie den Abend für beendet erklärten, wurde es schon langsam hell. Ich weiß gar nicht, wie lange ich nicht mehr gesehen habe, wie am Neujahrsmorgen die Musik durch die Stadt zieht, sagte sie, als ich Kind war, war unser größter Wunsch, hinter der Kapelle her durch die Stadt ziehen zu dürfen, also werde ich es heute einfach tun. So weit geht meine Verbundenheit mit dem Land nicht, lächelte er und begleitete sie noch nach Hause. Sie verabschiedeten sich mit der Versicherung, es sei ein ausgezeichneter Ausklang des Jahres gewesen und man wolle sich bei Gelegenheit wiedersehen. Was dann auch bald geschah, nicht nur ein, sondern zahlreiche Male, meist auf Einladung von gemeinsamen Freunden, die sich bei ihren Landsleuten für irgendwelche Gefälligkeiten im Ausland oder bei anderen Gelegenheiten erkenntlich zeigten. Die Welt hierzulande ist wirklich klein, rief Mariza, als sie ihn da zum ersten Mal traf. Nicht unbedingt, hatte er geantwortet, nur gibt es nicht allzu viele Leute, und ihr die Geschichte eines Herrn von der Insel Fogo erzählt, der auf die Frage, ob irgendwo denn viel los gewesen sei, auf Kreol geantwortet habe: Es war’n schon viel Leut’ da, nur fast keine Leute. Wie Sie sehen, gibt es einen Unterschied zwischen Leuten und Leuten. Der typische Klassendünkel von Fogo, hatte sie erwidert. Mag sein, hatte er gelächelt, doch es stimmt und wir müssen uns damit abfinden und möglichst Vorteile daraus ziehen. Dann hatten sie sich wieder lang unterhalten, ungerührt von den anderen Leuten, und als sie sich beim Abschied gleich für den nächsten Abend wieder zum Essen verabredet hatten, gab es noch immer reichlich Gesprächsstoff.
Sie hatten beide kein Auto, daher trafen sie sich auf der Praça Nova und nahmen ein Taxi. Sie entschieden sich für eine kleine, gemütliche Tapas-Bar, wo sie beim Plaudern die unterschiedlichsten Kleinigkeiten probierten, je nach Geschmack, und am Ende zu der Erkenntnis gelangten, dass die Kapverden sich insgesamt gut entwickelt hätten und nicht mehr das rückständige Ländchen von früher seien, wo man manchmal in einer Kneipe nicht einmal ein eiskaltes Bier bekam. Erst als es ans Bezahlen ging, waren sie sich kurz nicht einig gewesen. Sie hatte unbedingt ihre Hälfte selbst übernehmen wollen, eine Frau von heute könne...




